Die Story unserer Gastgeberfamilie und ihrer Tropenfarm

(aus Kerala-Traumheft KT952)

 

Inhalt:

EINST, IM JAHRE 1.111 ...

AUFBRUCH

FÜNF HÜGEL FÜR SEINE ANNA

DAS GEGENTEIL VON WILDWEST

ELEFANTEN, RAUBTIERE UND DÄMONEN

CHAKKO VETTIKAVUMGAL DEVASIA WIRD PFLANZER

"ANZIEHENDE" AREKAPALME:  "KUMBHALA KHONAN" UND "PALATOPPI"

EIN DORF ENTSTEHT:  KODANCHERRY PANCHAYAT

DER GEIST IM BAUM DER KETTEN

DER STROM DER ZEIT  - DIE ZEIT DES STROMS

WINZIGES STRASSENDORF - ÜBER 30.000 EINWOHNER?

 

*

 

 

EINST, IM JAHRE 1.111 ...

Malabar, im Land, wo Milch und Honig fließt - vor langer Zeit im Südwesten des indischen Subkontinents.

Man schrieb bei den Malayalees das Jahr 1111. Seit fast 150 Jahren gab es keine größeren Kriege. Es war Frieden im fruchtbaren Küstenstreifen vor der langgezogenen Bergkette der Westghats.

Wogende Palmenwälder, undurchdringliche Bambusdschungel und tropischer Regenwald - eine dichte Vegetation, die sich bis in unsere Tage erhalten hat.

Drei Fürsten teilten sich dieses Land, Fürsten, die sich "Raja" (König), "Maharaja" (großer König) oder "Zamorin" nannten.

Im äußersten Süden hatte die Dynastie der Rajas von Travancore das Reich derer von Padmanabhapuram übernommen. Sie residierten in der "Heiligen Stadt auf den sieben Hügeln". Nicht Rom war es - es war Thiruvananthapuram.

Die nördlichen Nachbarn des Fürstentums Travancore waren der Raja von Kochi und der Zamorin von Malabar. Beide teilten sich den kleineren Rest der wasserreichen Niederungen an der indischen Westküste. Und doch waren sie mächtiger und reicher als die Fürsten von Travancore.

Beide blickten auf 2000 Jahre des Handels mit den Kulturen des Abendlandes zurück: Schon die Segler der Phönizier liefen die Häfen der Gewürzküste an. Dann kamen die Römer, die Händler vom Hofe de Kublai Khan und später die arabischen Völker. Sie alle kamen mit Gold und Edelsteinen und traten mit Pfeffer, Kardamom, Zimt und Seide den Rückweg an.

So waren die südindischen Fürsten schon sehr reich, als nach Vasco da Gamas Ankunft zunächst die Portugiesen und später auch Holländer, Franzosen und Briten das Land kolonisierten. Sie alle mochten ihre militärische Überlegenheit beweisen - letztlich taten sie gut daran, sich die Kooperationsbereitschaft der Maharajas zu sichern: Die indischen Fürsten hatten die wirkliche Macht über das Volk. Wie Götter wurden sie verehrt.

Das änderte sich selbst dann kaum, als die Briten Indien kurz nach Ende des 2. Weltkrieges die Unabhängigkeit gaben. Erst die Demokratisierung und teilweise Enteignung der Rajas in der Mitte der 50er Jahre dieses Jahrhunderts nahmen ihnen einen Großteil ihrer Macht. Viele Fürstenfamilien haben sich jedoch bis heute großen Einfluß bewahrt.

AUFBRUCH

Doch zurück ins Jahr 1111. Im Fürstentum des Rajas von Kochi finden wir südlich des Vembanad Lake einen Ort namens Changanacherry. Es gibt ihn noch heute in der Provinz Kottayam. In diesem von Flüssen, Bächen und Kanälen durchzogenen Landstrich war die tropische Vegetation besonders üppig.

In dem kleinen Bereich, den wir uns hier näher anschauen, war der Dschungel besonders dicht und dunkel. Solch dunkler Urwald wurde "Kavu" genannt: Ein Ort der Götter, Dämonen und Geister. Bei manchen Hindus war es Ehrfurcht, bei anderen eher Furcht - man überließ solches "Kudiathaprdeasham" (Siedlungsland) jedenfalls lieber den christlichen Malayalees.

So siedelte hier seit Generationen eine katholische Sippe namens Devasia.

Chakko , das damalige Familienoberhaupt, genoß hohes Ansehen. Die besondere Dichte der Vegetation auf seinem Land wurde zum großen Teil von üppig wuchernden "Vettis" bestimmt. Schnellwachsende Bäume, auf denen die Tropenfrucht "Vettika" in dicken Trauben reifte. Nach der Überlieferung sind die Vettikas erbsengroße, wohlschmeckende Beeren von grünbrauner Farbe und mit leuchtendgelbem Fruchtfleisch. Ich selbst habe noch nie eine gesehen, denn Vettika-Bäume sind rar geworden. Doch durch diese Frucht erhielt Chakko Devasia's Besitz den klangvollen Beinamen "Dunkler Blätterwald der Vettika".

Du vermutest richtig: In der Landessprache Malayalam heißt dies "Vettikavumgal".

Man könnte nun meinen, Clanoberhaupt Chakko hätte in diesem Schlaraffenland keine Sorgen. Aktuelle Probleme gab es auch sicherlich noch nicht. Aber Chakkos Vorväter hatten Vettikavumgal schon mehrfach unter ihren Söhnen aufgeteilt. Auch Chakko selbst hatte inzwischen 9 Kinder und mußte an die Zukunft seiner Familie denken. Seine 5 Töchter würden heiraten, und für die Mitgift würde auch er bald einen Teil seines Landes verkaufen müssen. Im damals recht dicht besiedelten Umfeld des Vembanad-Lake war das Land teuer.

Chakkos Besitz würde bald nicht mehr groß genug sein, um später unter den 4 Söhnen aufgeteilt zu werden und deren Auskommen zu sichern.

So beschloß er eines Tages nach reiflicher Überlegung, seinen gesamten Besitz zu verkaufen. Chakko V.D. hatte gehört, daß im wilden, hügeligen und unwegsamen Dschungel der Nilgiri-Vorberge Land weit billiger zu kaufen war. Mit seinem ältesten Sohn spannte er seine Zebus vor den Ochsenkarren und machte sich auf die beschwerliche Reise in die Wildnis des Nordens. Er gedachte den Erlös für seinen Landbesitz günstig anzulegen.

Er würde ein Vielfaches seiner jetzigen Fläche bekommen und war bereit, hart zu arbeiten, das neue Land nach und nach urbar zu machen und den Gefahren des Dschungels zu trotzen. Sobald eine Hütte gebaut und man sich halbwegs eingerichtet hatte, sollte der Rest der Familie folgen.

Die lange Reise ging in das Reich des Zamorins von Kozhikode in das damalige Nachbar-Fürstentum Malabar.

Das Hinterland der reichen Hafenstadt war im frühen 18. Jahrhundert bereits gut besiedelt gewesen und der dortige Gewürzanbau hatte in mehr als 200 Jahren des Handels das Reich der Zamorins wohlhabend gemacht. Der rauflustige Sohn Hyder Alis, Tippu Sultan aus dem Hochland von Mysore überfiel jedoch 1789 den damaligen Zamorin und machte die Stadt Kozhikode dem Erdboden gleich. Der muselmanische Sultan baute etwas weiter südlich ein Kastell in Feroke an der Mündung des Beypore, kassierte Zölle und Steuern vom Gewürzhandel an der Küste und kümmerte sich nicht weiter um das Hinterland.

Als mehr als 150 Jahre danach Chakko Devasia Vettikavumgal sich dorthin aufmachte, hatte der tropische Dschungel alle Spuren früherer Siedler verwischt.

Spätestens jetzt, nach den Jahreszahlen des vorangegangenen Abschnitts, wird der vermeintliche Zickzackkurs meiner Zeitwanderung durch Kerala verwirren. Sprach ich nicht eben noch davon, daß die Malayalees das Jahr 1111 schrieben, als Chakkos Treck begann?

Das ist wie vieles in Indien ebenso richtig wie falsch: Das Jahr 1111 im Kalender der Malayalees entspricht dem Jahr 1942 AD unseres Kalenders. Und letzterem entnahm ich eben alle weiteren Jahreszahlen. Unser 1995 entspricht also dem keralitischen Jahr 1164.

Und wirst Du nicht in diesem Jahr auf  Deinen Streifzügen durch Kerala das Gefühl haben, wirklich im Jahre 1164 unterwegs zu sein? Was Dir dann der rätselhafte Kalender in der Teestube auch gern bestätigt. Auch heute knüpfst Du mit Indien Beziehungen, in denen weder Zeit, noch Raum eine Bedeutung traben.

Nach unseren Wertvorstellungen muß man den fast 55jährigen Farmer für seinen Mut bewundern. Mehr als 20 Tagesmärsche trieben er und sein Ältester das Gespann über sumpfige Wege nordwärts. Weite Strecken der abenteuerlichen, gefährlichen Reise mußten sie auf Bäumen übernachten und der Vater durfte auch tagsüber seine alte Flinte nicht aus der Hand legen.

Hier hatten Tiger, wilde Bisons und Elefanten das Sagen und waren oft wenig erbaut über die Eindringlinge. Unzählige Flüsse und Kanäle waren zu überqueren. Das war besonders bei den größeren Flüssen wie dem Muvattupula und dem Periyar mit großen Umwegen verbunden. Brücken waren selten und die Abenteurer mußten eine geeignete Furt für ihr Zebu-Gespann finden.

Ich will es beileibe nicht abwerten - aber: Für die Inder ist ein solches Unternehmen selbst heute noch fast alltäglich. Unvorstellbare Strecken werden zu Fuß zurückgelegt - man kennt es nicht anders. Kinder unter 10 Jahren laufen 10-15 km zur Schule, und für den kürzlich verstorbenen Vater der Vettikavumgal-Familie war in jungen Jahren der 50-Kilometer-Marsch zur Küstenstadt Kozhikode überhaupt kein Akt.

Wir staunen heute über solche "Gewaltmärsche" nicht nur, weil wir vielleicht bewegungsverarmt und faul geworden sind. Ich denke, ich könnte es durchaus schaffen, im ungewohnten Klima Keralas innerhalb von 10-11 Stunden von der Farm nach (lacht nicht!) Kozhikode zu laufen. Nein, eher ist es wohl unser Zeitverständnis. Ein Malayalee kann durchaus bereit sein, 5 Stunden länger unterwegs zu sein und dabei umgerechnet 0,25 Cent einzusparen - für uns ist die Zeit einfach zu wertvoll geworden.

FÜNF HÜGEL FÜR SEINE ANNA

Doch dann war das Ziel erreicht: Chakko kaufte mitten im Dschungel für sich und seine Familie fünf dichtbewaldete Hügel zu Füßen der Blauen Berge für ganze 75 Anna.

Weder die Gesamtfläche des erstandenen Areals, noch der Wert des Kaufpreises ist heute ohne weiteres zu begreifen. Seinen Enkeln erzählte Chakko später immer wieder, die 75 Anna seien sehr, sehr viel Geld gewesen - ich weiß heute, daß die alte indische Münze nur einen Bruchteil einer Rupie ausmachte: 1 Rupie waren 16 Annas.

Aber nur die Reichen rechneten in Rupien. Und die Rupie kostete fast 2 Reichsmark zu der Zeit, als bei uns in Europa der 2. Weltkrieg in seine Endphase ging. Kaufte Großvater Chakko demnach diese Riesenmenge Land für umgerechnet 2.34 Reichsmark?

Wenn ich heute in der Nachbarschaft der Vettikavumgal-Farm auf einen der Hügel steige und versuche, fünf Hügel zu einer Gesamtfläche zusammenzufassen - es muß ein riesiger Besitz gewesen sein! Selbst jetzt noch macht eine so dichte tropische Vegetation Hügel und Täler schier unüberschaubar.

Kein Wunder, daß man vor 50 Jahren beim Landverkauf mit Chakko einfach auf einen Berg kletterte und für 75 Anna 5 Hügel für ihn abzählte. Wie hätte man auch den Dschungel vermessen sollen? Das Land war unbesiedelt. Die nächsten Ansiedlungen waren ein paar Adivasi-Dörfer der Bergstämme, die weiter oben in den Ghats lagen. So waren die Grenzen seines Landes zunächst fließend, und Chakko markierte sie nach und nach durch die Kultivierung und die erforderlichen Pfade.

DAS GEGENTEIL VON WILDWEST

Oben auf dem Felsrücken des Hügels hinter der Schweinefarm der benachbarten Hindufamilie blicke ich über das wogende Grün der Kokos und Arekapalmen und denke, daß es zu Großvaters Zeiten hier wohl noch jede Menge undurchdringlicher, stacheliger Bambusdschungel war. Hier und dort sieht man den Riesenbambus noch, der sogar die Palmen noch überragt.

Schmunzelnd denke ich, wie es wohl gewesen wäre, wenn ein deutscher Siedler sich damals hier eingekauft hätte. Die bohrende Unruhe der fehlenden Präzision hatte ihn wohl nicht eher losgelassen, bis das gesamte Eigentum mit Stacheldraht für Recht und Ordnung eingezäunt gewesen wäre. Und Schilder mit der Aufschrift "Privat", "Betreten verboten" stünden hier.

Auch ein "Vorsicht, Selbstschüsse!" in warnendem Rot würde ihm komplementär zum üppigen Grün gut gefallen haben.

Im asiatischen Kollektiv sind Grenzen zwar heute genau abgesteckt, moralisch jedoch fließend. Mancher von euch denkt sicher noch an sein unbehagliches Gefühl, wenn ich euch manchmal quer durch den Busch zur Farm führte. Der Weg führte über frisch geharkte Höfe dicht an den Häusern der Nachbarn vorbei. "Dürfen wir denn hier langgehen?", wurde gefragt.

Verletzte man nicht respektlos die Privatsphäre der Einheimischen?

Erwartete man nicht jeden Moment den grimmigen Eigentümer, der uns stockschwingend deutlich macht, daß wir auf seinem Grund und Boden nichts zu suchen haben? Keine Sorge - dem ist nicht so. Quer durchs "Privatleben" der Menschen führen offizielle Pfade. Trotzdem vergessen wir das immer wieder. Haben ein schlechtes Gewissen und bleiben respektvoll hinter unserem indischen Führer, wenn der einfach über einen kleinen Zaun steigt. Das Gatter wurde eher gegen das Eindringen der Schweine als gegen Menschen errichtet.

Und wenn Johnson für seine neugierigen Gäste einfach eine prächtige Kakaoschote vom Baum bricht, ohne lange zu fragen, wundern wir uns über das freundliche Lächeln der Eigentümer. Die stehen auf eigenem Grund in respektvoller Distanz und schmunzeln über unser aufgeregtes Interesse an ihren harmlosen Alltäglichkeiten.

Ein sanfter Osten aus der Sicht des "wilden Westens"...

ELEFANTEN, RAUBTIERE UND DÄMONEN

Sonderbar: Menschen mit guter Schulbildung als Jäger und Sammler, die wie in grauer Vorzeit auf den Bäumen leben? Großvater Chakko Devasia Vettikavumgal baute in seinem neuen Reich seine erste Hütte tatsächlich zum Schutz gegen wilde Tiere auf einem Baum.

Besonders die wilden Aana (Elefanten) waren gefürchtet bei den ersten Siedlern. Die Chronik berichtet von den Nachbarn Manakade Ullahannan, einer 12köpfigen Familie, die mitsamt Ihrem Haus niedergetrampelt wurden. Nur ein Junge und ein Mädel überlebten die Tragödie.

Überall stellten die verängstigten Karsharggar (Bauern, Farmer) einfache Kreuze auf. Mit Lianen schnürten sie sie aus Bambus zusammen und rammten sie rund um ihre Häuser in die rote Erde. So sollte Gott sie vor den teuflischen Aana schützen.

Eine Garantie gab's dafür aber nicht. Wenn man einen Elefanten hörte oder gar sah, war es geraten, den nächstbesten Baum zu erklettern.

Wie es ein guter Freund des Großvaters damals tat. In wilder Panik war er so hoch geklettert wie irgend möglich - erst als er oben war, wurde ihm klar, daß er auf einen Riesenbambus saß. Da hing er nun - übersät mit hunderten von blutenden Wunden. Beim Klettern hatte er sich den ganzen Körper an den widerlichen Stacheln dieser Bambusart zerstochen. Aber das bemerkte er erst jetzt.

Wilde Elefanten haben in solchen Fällen viel Geduld. Es dauerte lange, bis der graue Riese das Warten aufgab und im Dickicht untertauchte. Noch viel länger brauchte der arme Mann, um wieder herunterzukommen.

Er ist tagelang vom Fieber geschüttelt worden und nach einer Woche an Blutvergiftung gestorben.

Wie sein Freund Chakko war er dem Traum von einem besseren Leben gefolgt und mit Kind Kegel hierher in die Wildnis gezogen. Seine Familie kehrte nach diesem Unfall wieder in ihre Heimat zurück.

Auch viele andere, die in den 40er Jahren herkamen, mußten aufgeben. Chakko Devasia und seine Sippe aber hielt durch.

Die Wildnis bot zunächst mannigfaltige Möglichkeiten, seinen Unterhalt zu sichern. Man mußte nicht gleich den Dschungel für die Landwirtschaft umkrempeln. Warum etwas anbauen, wenn der Wald täglich Nahrung bot? Der Pfeffer wuchs überall wild, die Kokospalme beherrschte weite Teile der Landschaft, und darüber hinaus gab es jede Menge Wild.

So verlegte sich Chakko auf das Jagen und Sammeln - und war mit seinen Söhnen manchmal tagelang im Busch unterwegs. Selbst die Herrscher dieses Dschungels wurden nicht verschont: Elefantengruben wurden ausgehoben, die gefangenen Dickhäuter gezähmt und weiterverkauft.

Hiermit setzte er wohl eine Tradition fort, die auch die früheren Bewohner dieser Gegend am Anfang des 18. Jahrhundert gepflegt hatten. In der Nähe der Vettikavumgal-Plantage siedelte sich ein paar Jahre nach Chakkos Ankunft eine weitere Familie an. Weil man auf ihrem Land acht uralte Elefantengruben fand, heißt diese Familie noch heute "Etteanakuzhi" (mal: Acht-Elefanten-Gruben).

Derlei war nicht das einzige, was die neuen Siedler in dieser Gegend fanden. Ein Onkel der Familie fand bei der Feldarbeit einen großen Goldschatz auf seinem Land - Bauchgurte und Fußringe aus 22 karätigem Gold. Typischer Muslimschmuck aus der Zeit der Tippu Kriege, vergraben aus Furcht vor plündernden Kriegern aus Mysore. So mag der ehemalige Besitzer wohl sein Leben gelassen und sein Wissen mit ins Grab genommen haben.

Solches Glück hatte Chakko nicht - ihm blieb zeitlebens nur harte Arbeit.

Das Riesenhörnchen war eine begehrte Trophäe, die es zu fangen und auszustopfen galt: Die Reichen in der Stadt kauften solche Präparate gern. Auch Raubkatzen und Schlangen, wie beispielsweise Tiger und Panther, Königskobra und Felsenpython waren tot wie lebendig ein gutes Geschäft.

Nur in den seltensten Fällen bekamen Chakko und seine Söhne übrigens Geld für ihre Jagdbeute - meist kam es zum Tauschhandel gegen andere Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs. So bediente sich die Familie in ihrer Aufbauphase fast 15 Jahre lang aus dem Füllhorn der Natur, während gleichzeitig in anderen Regionen Indiens schon die ersten Naturschutzparks eingerichtet wurden.

Nicht allein gegen gefährliche Tiere hatte Chakko zu kämpfen. Auch jede Menge Teufel, Geister und Dämonen galt es abzuwehren. Immer wieder wollte das Böse sein Jagdglück trüben oder gar ihm selbst und seiner Familie Schaden an Leib und Seele zufügen.

Auch als tiefgläubige und überzeugte Katholiken durfte man seine Augen nicht vor den jahrtausendealten Mythen verschließen. Man mußte tagtäglich mit komplizierten Ritualen das Böse bannen oder zumindest beschwichtigen, sonst konnte es einem schlecht ergehen. So opferte er auch hin und wieder ein Huhn, wobei er sich durch ein christliches Gebet gleichzeitig entschuldigte. Daß er damit richtig lag, bewies die Geschichte von Chakko jun., dem ältesten Sohn des Großvaters.

"Den wollte der Teufel sich holen, als er 11 Jahre war!", erzählte Chakko später seinen Enkeln. Mit seinem Stock wies er auf eine Ecke des Hofes:

''Genau an dieser Stelle ist der Dämon in ihn gefahren! Ahjeh, dort warf er sich zu Boden, schlug wild um sich und Schleim trat aus seinem Mund. Glaubt es nur - ich sah es mit eigenen Augen! Als er zu brüllen begann und mit fremder Stimme sprach, da wußten wir es: Er war besessen vom Dämon und er wollte Blut! Wild geifernd stürzte der Kleine sich auf unsere Rinder, verlangte immer wieder mit dunkler, grollender Männerstimme nach frischem, warmem Blut. Du bekommst die Zebus nicht, habe ich ihn angeschrieen und wollte ihn festhalten - doch er hatte die Kraft des Teufels. Ich konnte ihn nicht halten. Ich brüllte nach Mutter, sie sollte schnell ein Huhn bringen.

Gleichzeitig ergriff ich die Ochsenkette, denn gegen Teufel und Dämonen könnt ihr nur mit metallenen Waffen kämpfen!"

Jedesmal, wenn Großvater Chakko diese Geschichte erzählte, packte ihn wieder die Erregung, Der Schweiß brach ihm aus, und ein über das andere Mal schlug er das Kreuz, wie wenn der teuflische Dämon hier noch immer irgendwo lauerte.

Die Enkel hingen fasziniert an seinen Lippen und konnten solch spannende Geschichten nicht oft genug hören. Sie wußten, was kam, doch immer wenn Opa innehielt, um den Schweiß abzuwischen und das Kreuz zu schlagen, riefen sie im Chor:

"Ahjeh! Weiter, weiter - was dann??"

"Amma brachte das Huhn und ich warf es dem tobenden Jungen zu. Der stürzte sich wie ausgehungert darauf, es lenkte ihn von den Rindern ab, denen er sicher kaum eine Sekunde später die Kehle durchgebissen hätte. Denn genau das passierte dem Huhn: Mit blutunterlaufenen Augen hat er dem Tier den Hals durchgebissen, den Kopf abgerissen und das Blut aus dem flatternden Vogel gesaugt!

Diesen Moment habe ich genutzt, und sprang auf ihn los: In der Linken hielt ich das goldene Kreuz." Großvater deutete auf das Kreuz aus 22 Karat Gold, das er immer um den Hals trug. "Und mit der Rechten schlug ich auf ihn ein. Viele Glieder hatte die schwere Kette des Ochsengeschirrs, und jedes Kettenglied ließ die Haut des Knaben aufplatzen. Und jeder Schlag schmerzte mich so, als hätte er mich selbst getroffen. Es war doch mein eigen Fleisch und Blut, daß sich da am Boden wälzte !"

Großvater Chakko war ein guter Vertreter jener alten Zunft der Erzähler geworden. Erzähler, die im alten Indien seit jeher in der Dämmerung die Dörfler um sich scharten, Wahrheit und Mythen, Märchen und Weisheit zu spannenden Geschichten in blumiger Sprache verwoben. Viele Legenden sind so überliefert worden, denn zu Chakkos Zeit gab es noch kein Radio, Fernsehen, kein Kino in der Gegend.

Die Geschichten der alten Erzähler waren abends im Schein flackernder Öllampen die einzige Unterhaltung. Oft kamen nach und nach auch die Nachbarn hinzu, hockten sich im Kreis um den Alten und sahen, wie die Geister und Dämonen aus seinen Geschichten in den tanzenden Schatten an der kuhdungverputzten Wand der Vettikavumgal-Hütte lebendig wurden.

Nach einer kunstvollen Pause erhob Appan Chakko den Kopf und blickte traurig in die Runde. Er atmete tief und fuhr fort:

"Doch ich zwang mich zum Schlag, mußte es tun - letztlich war es nicht der Leib des Sohnes, den ich verletzte. Es ist der Teufel, brüllte ich bei jedem Schlag. Und siebenmal schlug ich ihn. Sein Blut vermischte sich mit dem verspritzten Blut des Huhnes. Jeder einzelne Schlag schien eine Ewigkeit zu dauern. Meine ganze Kraft legte ich in den Kampf gegen den Teufel - und jeder Hieb war ausreichend, diesen zarten Jungen, meinen erstgeborenen Sohn zu töten. Doch dann war es vollbracht. Der Teufel hatte genug, er war besiegt und entwich aus dem Körper des Kindes."

"Stimmt es, daß er dann völlig frei war? Daß er unverletzt aufstand?", fragte Lieblingsenkelin Mercy. Nun wieder ruhiger, nickte der Großvater bedächtig:

"Ja, das ist wahr. Erst lag er noch eine Weile und Amma und ich sahen, wie die Wildheit aus seinem Blick langsam verschwand. Und tatsächlich: Als er langsam aufstand und verständnislos auf das Chaos von Hühnerblut und Federn blickte, da schloß ich ihn in die Arme und streichelte seine Haut. Und glaubt mir: sie war rein und unverletzt und keine Spuren der Ochsenkette waren zu sehen. Ich hatte den Teufel geschlagen - nicht meinen Sohn!"

Und Chakkos Ältester bekam nie wieder einen ähnlichen Anfall von Besessenheit.

CHAKKO VETTIKAVUMGAL DEVASIA WIRD PFLANZER

Erst gegen Ende der 50er Jahre zog man sich langsam aus dem Jagdgeschäft zurück. Großvater wurde 60 Jahre und wollte nun etwas mehr Zeit zu Hause verbringen. Glaubt nicht, daß er alt und schwach wurde - Chakko war später noch mit 80 die blühende Gesundheit und kräftiger als mancher 40jährige.

Doch die neue Zeit setzte ihre Zeichen, Mehr und mehr wuchs im Distrikt die landwirtschaftliche Infrastruktur. Neue tropische Gewächse kamen ins Land und versprachen gute Erträge. Großvater Chakko und seine Söhne lernten schnell, wie man Tapioka, Kautschuk und Kakao kultivierte. Der Anbau von schnellwachsenden Arekapalmen versprach guten Ertrag. Die Arekanüsse werden seit Urzeiten als leichtes Rauschmittel in ganz Asien mit Betelblättern und Kautabak gekaut. Deshalb spricht man auch häufig von der "Betelnuß".

Ich finde es heute schön, daß die Malayalee-Bauern seit jeher konsequente "Interplantation" gewohnt waren. So pflanzt man dort auch heute noch alles möglichst durcheinander: zwischen Kokos und Areka wächst Ingwer und Chili, Pfeffer und Tapioka (Maniok) u.v.a.m. - nur die Reisfelder in den Tälern sowie hier und da ein Bananenhain sind die fast einzigen Monokulturen.

Ich liebe dieses üppige Durcheinander dieser tropischen Vegetation. Es ist Chaos und Balance in einem. Zu Beginn glaubt der Besucher aus dem Abendland, er sei im naturgewachsenen tropischen Dschungel. Er bewundert 1000 verschiedene Grüntöne und lernt erst nach und nach verschiedene Nutzpflanzen zu bestimmen und eine gewisse Methode zu erkennen.

Auch ich lerne noch jedes Jahr neue Pflanzen kennen, deren Produkte ich in Europa nur endverarbeitet kenne: Anfang 1993 sah ich zum ersten Mal Zimt und Muskatbäume und bezweifle, ob ich sie im kommenden Winter schon ohne Hilfe wiedererkenne.

All das pflanzte auf Vettikavumgal auch Großvater mit seinen 4 Söhnen und 5 Töchtern und beschäftigte je nach Jahreszeit auch bis zu 50 Tagelöhner und Arbeiterinnen.

"ANZIEHENDE" AREKAPALME:
"KUMBHALA KHONAN" UND "PALATOPPI"

Alles, was lebensnotwendig war, lieferte der Busch. Vielleicht war dies einer der Gründe, warum Großvater die Summe von 75 Annas seinerzeit so astronomisch vorkam. Niemand brauchte damals Geld, und kaum einer hatte welches.

Zur Bekleidung bediente man sich der Areka-Palme, deren meterlange Blütenknospe "Kumbhala" das einzige Kleidungsstück der Männer war. Wie ein Suspensorium zwischen den Beinen durchgezogen und mit einem Streifen des Kokosblattes als Schnur um die Hüften befestigt, war es ein hervorragender Schutz für die empfindlichen Zubehörteile, die zur Familienplanung unentbehrlich waren: fertig war das "Kumbhala-Khonan".

Daß dieses Kleidungsstück keine Taschen hatte, war auch nicht. störend. Was brauchte man schon unterwegs? Vielleicht eine Tagesration Betel, oder ein paar Beedis (winzige Glimmstengel aus einem dünngerollten Tabakblatt).

All dies verschwand im "Pala-Toppi", der trad. Kopfbedeckung. Für sie mußte man sich ebenfalls auf "die Palme bringen lassen": Der Blattschaft der Areka-Palme (Pala) wurde im frischfeuchten Zustand zu einer paßgenauen, dreieckigen Spitzmütze geformt und härtete beim Trocknen auf dem Kopf. In der Spitze des Pala-Toppi verblieb genug Platz für die kleinen wichtigen Dinge des Malayalee-Alltags. Heute sehe ich allerdings diese Kleidungsstücke nur noch bei wenigen sehr alten Männern der Umgebung.

Die Fertigkeit im Umgang mit der vielseitigen Kumbhala ist jedoch nicht verlorengegangen: Fasziniert beobachte ich auch heute noch, daß man scheinbar im keralitischen Busch als einziges Werkzeug lediglich die sichelähnliche "Aruvha" (Krummdolch) braucht - mit dieser lassen sich viele Gebrauchsgegenstände in Minutenschnelle anfertigen. Als Gilson einmal einen Eimer benötigte, schnitt er eben diese Kumbhala zurecht, nahm ein Teil der Kokospalme als Aale und nähte das Eimerchen innerhalb einer Minute zusammen. Als Zwirn diente wieder ein Streifen des Kokosblattes. Dann wieder sieht man die Kumbhala als Einkaufstasche, und die Flußfischer schieben sie als Schiffchen im Wasser vor sich her und sammeln darin ihre Beute.

Doch noch ein Wort zur Malayalee-Alltagskleidung der frühen Jahre. Auch die Frauen waren damals zunächst ähnlich gekleidet. Der Sari, der bei Hofe und in den Großstädten getragen wurde, war auf dem Lande unüblich. Den christlichen Missionaren war aber schon weit vor Großvaters Zeit die Kumbhala-Verpackung der Frauen nicht ausreichend. (Der Zölibat war sowieso schon schwer genug durchzuhalten...)

So verordneten die Priester den hübschen Inderinnen, zusätzlich auch die beiden hervorragenden Argumente ihres Oberkörpers züchtig einzupacken. Hier kamen die ersten Tücher ins Spiel. Auch um die Hüften wurde später ein buntes Stück Kaliko geschlungen: Der "Mund" (Lunghi) war geboren. Der dünne Baumwolldruckstoff bekam übrigens weltweit den Namen "Kaliko" nach unserer Distriktshauptstadt Calicut (Kozhikode).

EIN DORF ENTSTEHT:  KODANCHERRY PANCHAYAT

Keralas Bevölkerung hingegen, die heute die höchste Dichte von ganz Indien hat, stieg zur damaligen Zeit trotzdem sprunghaft. 812 Kinder waren damals durchaus normal.

Als Großvater Chakko den Rest seiner Familie nach und nach auf die neue Farm holte, lockte die Kunde vom fruchtbaren, preiswerten Land auch andere Siedler aus den Küstenregionen an. Father S. aus Kozhikode kam und kaufte 180 ct Land. Großvater baute mit dem Pfarrer der Thomaschristen ein kleines Gotteshaus genau an der Stelle, an der heute die bunte "St. Mary's Forane Church" von Kodancherry steht.

Kirche konnte man es kaum nennen. Die hl. Messe wurde hier 14täglich im Freien abgehalten. Dagegen ist unsere heutige Kirche ein Dom. Zumal die St. Mary's Forane Church auch die Stellung eines solchen hat: Sie hat heute das Patronat über 12 kleinere Kirchengemeinden.

So ging die Erschließung und Besiedelung voran und das Panchayat  erhielt den Namen "Kodancherry".

Noch einige Jahre war das Leben im Dschungel für die Siedler nicht ungefährlich. Zum Schutz gegen wilde Tiere baute Chakko das erste Haus für seine Familie tatsächlich hoch in den Bäumen. Großvater ging niemals ohne sein großes Hackmesser und seine Vorderladerbüchse aus. Er war ein besonders hochgewachsener Inder mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Bärenkräften. Er wachte mit scharfem Auge über seine Familie und seine Landarbeiter, und nicht nur in seiner Zeit als Jäger hatte er mit dem eigentlichen Herrn der Wälder zu kämpfen: dem Tiger.

Viele Geschichten erzählte er seinen Enkeln von dieser wilden Zeit, von Dämonen und Geistern des Dschungels, von wilden Elefanten und Gaurs (Bisons). Stolz, aber auch warnend zeigte er die tiefen Narben seiner rechten Seite, wo ihn ein Tiger übel zugerichtet hatte.

"Der Wald ist voller Dämonen und Teufel!", warnte er gern, wenn er seine Enkelin Mercy auf dem Schoß hatte, "Sie alle wollen deine Seele und rufen deinen Namen. Drehe dich niemals um - warte, bis man ein zweites Mal ruft: Der Teufel ruft dich immer nur einmal!"

Großmutter, die im Panchayat "Dinge ans Licht holte, die zum Himmel schreien", war die "Waithati", die Hebamme. Und sie wurde bei der hohen Geburtenrate natürlich sehr oft gerufen. Bis zu ihrem Tode reagierte sie jedoch niemals auf den ersten Zuruf.

Von der politischen Entwicklung des Südens merkten die Buschbauern zunächst wenig. Bis zur indischen Unabhängigkeit 1947 bekam Großvater als einziger Besitzer eines Ochsengespannes des öfteren Transportaufträge von den Engländern, die sich und ihr Gepäck von der Hafenstadt ins klimatisch erträglichere Hochland hinter den Nilgiribergen bringen ließen. Er kannte die einzige Paßstraße gut und kam bei diesen Gelegenheiten viel herum.

Jedesmal brachte er schöne Geschenke und spannende Geschichten mit, wenn er nach tagelangen Reisen wieder heimkehrte.


So wie ich immer das Gefühl habe, seit der Farmgründung seien Hundert Jahre
vergangen – so auch dieses alte Foto. Sieht es nicht ebenfalls über 100 Jahre alt
aus? Der Zahn der Zeit nagt an manchen Dingen eben schneller – hier war es die
Tropenfeuchtigkeit. Ein Vettikavumgal-Familienbild aus den 1960er Jahren ist es!

Von links: Mercy, Raju, Großvater Chakko, Vater George, Johnson, Mutter Amachi, Jessy, Jaison und Gilson

 

DER GEIST IM BAUM DER KETTEN

"Die Sahibe  bauten die Paßstraße vor vielen Jahren." erzählte Chakko daheim. "6000 Kulis haben daran gearbeitet. Und von den Adivasi der Nilgiri holten sie sich die Scouts, die den englischen Straßenbauern den besten und günstigsten Verlauf für die Hairpins zeigen mußten."

Großvater hob die Hände ins Licht der Öllampe, spreizte die knochigen Finger und knickte den linken Daumen ein:

"Neun dieser Haarnadelkurven sollten es werden, dann wäre der Weg ins Hochland von Wyanad geschafft. Doch es gab ein großes Unglück! Ein Bergrutsch riß ein großes Teilstück der neuen Straße, Fahrzeuge und Arbeiter mit in die Tiefe. Unter mehr als 30 Kulis fanden auch 2 Engländer damals den Tod. Die Sahibe beschuldigten den Adivasi-Scout. Der habe den Straßenbauern den falschen Weg gewiesen. Sie haben ihn zum Tode verurteilt und erschossen!"

Chakko blickte mißbilligend in die Runde. "Das war ein großer Fehler. Den Adivasi konnte kaum die Schuld treffen! So fanden die Engländer nach der Hinrichtung auch niemanden mehr, der sie führen wollte. Und der Geist des zu Unrecht gemordeten Scouts nahm bald schlimme Rache. Fast jeden Tag stockten die Bauarbeiten wegen mysteriöser Unfälle. Viele Männer sind gestorben und bald wollte niemand mehr an der Straße arbeiten. Vielleicht wäre das letzte Teilstück niemals fertig geworden, wenn die Hindus nicht einen Weg gefunden hätten, den rachsüchtigen Geist zu bannen."

Wie um die Spannung seiner Zuhörer zu schüren holte Großvater Chakko bedächtig ein Beedi hervor und seine Tochter beeilte sich, ein glimmendes Holz aus dem Herd zu holen. Mit einem kräftigen Zug aus dem dünnen Tabakröllchen hüllte der Alte sich in eine würzig duftende Wolke. Dann wies er nach Osten:

"Dort oben, nicht weit von der Stelle, wo nach der neunten Haarnadelkurve der Paß erreicht wurde, weihten die Brahmanenpriester einen mächtigen, uralten Baum. Dann wurde der ruhelose Geist mit Opfergaben gelockt, besänftigt und sogleich mit schweren Eisenketten an diesen Baum gefesselt!

Ich habe sie noch gestern dort oben mit eigenen Augen gesehen - es gibt sie immer noch, die Ketten! Und immer noch werden Früchte, Blüten, Reis und Betel am Kettenbaum geopfert. Und seit diese Ketten den bösen Geist halten, kam es beim weiteren Verlauf des Straßenbaus zu keinen rätselhaften Todesfällen mehr!"

So eine weitere Geschichte aus Großvater Chakkos Legendenschatz. Sein Enkel Jaison erzählte sie mir, als ich vor vielen Jahren selbst zum ersten Mal vor dem heiligen Baum stand. Die alten Ketten waren wohl kürzlich erst weiß gestrichen worden und welke Mullhablüten  und Reis im schlichten Schrein zwischen den Wurzeln zeigten mir, daß hier auch in diesen Tagen immer noch Opferzeremonien abgehalten werden.

Ich legte vorsichtshalber eine Banane aus meiner Wegzehrung dazu. Eben noch hatten wir im Jeep eine Baustelle passiert, wo in der letzten Monsunzeit mal wieder 20 Meter der Bergstraße in den Abgrund gerissen worden waren. Man kann ja nie wissen vielleicht wird doch nicht regelmäßig genug geopfert.

Ich bin lediglich vorsichtig - keinesfalls abergläubisch. Toi, toi, toi!

Wenn Du die Vettikavumgal-Familie heute besuchst, wirst Du übrigens sehr bald merken, daß unsere motorischen Höflichkeitsfloskeln hier unüblich sind. Wir, die wir andauernd für jede Kleinigkeit "Danke" sagen, machen damit nach Ansicht der Malayalees eine völlig selbstverständliche Geste der Gastfreundschaft zu etwas besonderem, und auch unterwegs denkt mancher nach einer kostenpflichtigen Dienstleistung, daß Du nicht zahlen willst.

"Nanni veeanda, Paisse veeanam!" hörst Du dann: Dank will ich nicht, ich will Geld!

Auch dieser Spruch geht zurück auf die frühen Jahre, denn die Briten, die ein wenig von der Mentalität der Südinder verstanden, hatten nach der Fahrt in die Berge oft den Großvater schmunzelnd gefragt: "Nanni veeano? Pannam veeano?" (Willst Du Dank, oder willst Du Geld?) - Chakkos lachende Antwort war schon damals die gleiche: "Nanni veeanda, Pannam veeanam!"

Heute wird für "Geld" nicht mehr das alte Wort "Pannam" benutzt, sondern landesweit "Paisse" sagt. (Was nach Einführung des Dezimalsystems auch die kleinste Einheit der indischen Währung ist: 1 Rupie = 100 Paisse).

Auch als bei der Gebietsneuordnung der Indischen Union die Rajas und Maharajas des Landes teilenteignet wurden und Ende 1956 die Fürstentümer Travancore, Kochi und Malabar zum neuen Bundesstaat Kerala zusammengefaßt wurden - es kamen weiterhin die gleichen Steuereintreiber, denen man sich als möglichst mittellos zu verkaufen hatte.

Zn. dieser Zeit war der Großvater auch schon weit über 70 Jahre alt und hatte nach und nach sein Reich unter seinen Söhnen Matthew, Thomas und George aufgeteilt. Das Stammhaus Vettikavumgal übernahm der jüngste Sohn George, der mit seiner Familie den Großvater Chakko versorgte, bis dieser 1982 im hohen Alter von ca. 93 Jahren starb. Die Brüder Thomas und Matthew bauten in der Nachbarschaft neue Häuser und gründeten eigene Familien. Nur der älteste Bruder tat es dem Großvater nach, verkaufte seinen Anteil und zog in unwegsames Bergland im Nachbardistrikt Wyanad.

Interessant, daß die Geburtenrate schon in Chakkos Folgegeneration deutlich geringer wurde: Sohn Matthew hat 4, Thomas 5 und George 6 Nachkommen. Die letzteren kennt ihr ja bereits. Es sind unsere Gastgeber auf Vettikavumgal.

Die gesamte 3. Generation sind heute bereits ebenfalls Mütter & Väter. Auch hier ist die indische Kampagne für Birth-Control meinungsbildend: Raju wollte sich mit 2 Kindern begnügen. Mir geht das fast zu schnell: Einerseits bemühen sich Inder, die etwas auf sich halten, das Lebensmodell des "Goldenen Westens" zu übernehmen andererseits fehlt hier immer noch das soziale Netz, um die 2-Kind-Familie zu tragen. Inzwischen sind es bei Raju dann auch 4 Kinder...

Wer sind wir, daß wir den Entwicklungsländern seit Jahren sagen dürfen, 2 Kinder seien genug? Vergessen wir, daß dies nur ein Teilaspekt eines Prozesses ist, der bei uns fast 100 Jahre des Strukturwandels gebraucht hatte? In dem Maße, in dem sich unsere Ansprüche änderten und unsere Familien kleiner wurden - im gleichen Maße übertrugen wir nach und nach die naturgegebenen Verantwortlichkeiten einer intakten Sippe auf ein staatliches Sozialsystem.

Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe und Rentenversicherung kosten viel Geld, und wir glaubten, daß wir uns das leisten können. Der Schrumpfungsprozeß der ehemals autarken Großfamilie kostet uns aber schon heute mehr, als uns lieb ist. Zu wenig Junge arbeiten für zu viele Alte. Wie sollten dann die armen Länder sich den Luxus der Kleinfamilie finanzieren?

In Kerala geht es den Menschen weit besser als in den übrigen Bundesstaaten - doch immer noch braucht ein Vater 34 Söhne, um im Alter versorgt zu sein. Oder siehst Du das anders?

Vielleicht sei noch eines nachzutragen: Für die Vettikavumgal-Kinder in Kodancherry's Drittgeneration wurde der christliche Name aus der Landessprache Malayalam ins Englische bzw. Lateinische umgewandelt. Vater George Vettikavumgal Devasia machte aus "Devasia" die Entsprechung "Sebastian". Unsere heutigen Gastgeber Raju, Gilson, Jaison, Johnson, Mercy und Jessy haben also zusätzlich zum Vornamen den Familiennamen "Sebastian", dem der Haus oder Sippenname "Vettikavumgal" beigefügt wird. Zur Identifikation reicht in Kerala eine Abkürzung wie "Raju V.S.".

DER STROM DER ZEIT  - DIE ZEIT DES STROMS

Seit Beginn der 80er Jahre floriert die (land)wirtschaftliche Entwicklung des Kodancherry-Panchayats. Ungefähr zu dieser Zeit wurde auch der erste Hochspannungs-Transformer im Dorfzentrum installiert.

Alte Heizkörperrippen dienten zur Kühlung und ein laienhaft gepinseltes Blechschild warnte mit Totenkopf und der Aufschrift "Caution - 11.000 Volts!!" Vorsichtshalber in englischer Schrift. Scheinbar, um die Alten des Dorfes nicht noch mehr zu beunruhigen. Denn die Elektrizität kämpfte anfangs gegen viele Gegenstimmen von Farmern, die vor der neuen Energie Angst hatten. Doch schon 2 Jahre danach hatte man sich an Stromleitungen gewöhnt, es war "der hohe Zaun, der Feuer spuckt".

Dann aber kam wieder ein Alter vorbei und war äußerst beunruhigt: Ich.

Angesichts des brutzelnden Umformers, der mit einem wirren Drahtverhau den Strom im Dorf verteilen sollte, wäre jeder deutsche Elektriker kollabiert!

Blanke Kabel schienen mehr als provisorisch verknotet und ihre Enden ragten nach allen Richtungen über den Platz. Die Überlandbusse waren hoch genug, ihre Dachreling streifte die Drahtenden fast. Ob die Passagiere je etwas vom "Faradayschen Käfig" gehört hatten?

Trotzdem: der Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten. Dr. Augusty im Holy-Cross-Hospital wie auch der Pfarrer holten sogar die ersten Fernsehgeräte ins Dorf. Für mich war es 1984 ein exotisches Erlebnis, die Vorführung des "Gandhi"-Spielfilmes hinter der Kirche mitzuerleben.

Vor einem kleinen Fernsehapparat saßen mindestens 400 Inder aus der Umgebung mit Kind & Kegel auf dem Boden. Die hinteren Reihen fast 50m vom Bildschirm entfernt - und niemand benötigte einen Feldstecher!

Dass in Indien oft Profanes und Spirituelles Hand in Hand gehen, war aber am Folgetage dem Bischof aus Thiruvananthapuram hier doch zu viel: Der praktisch veranlagte Pfarrer Kuriakosi hatte die Fernsehantenne mit Kokosstricken am höchsten erreichbaren Punkt befestigen lassen: Oben am Kreuz des Kirchturms seiner St. Marys Church.

Als der Bischof uns verließ, war auch die Antenne wieder fort. Noch bis heute ist der Fernsehempfang im Dorf nur bedingt möglich: Selbst mit Hochantenne und starkem "Booster" erzielt man nur ein verschneites Bild. Deshalb haben die Farmer in den 1990ern auch nach und nach Satellitenschüsseln angeschafft. Aber was für Apparate! Bei uns sind die 60cm-Sat-Schüsseln an den Häusern ja schon hässlich. Hier in Kerala aber schien man die TV-Sender aus fernen Galaxien empfangen zu wollen - die Parabolantennen hatten einen Durchmesser von bis zu 6 Metern! Und nach dem Motto "Was modern ist, ist auch schön" wurden die Riesenschüsseln mitten auf dem Hof aufgebaut.

Doch nicht so schnell. Bis zu den Riesenschüsseln war 1984 noch zehn Jahre Zeit. Für uns auf Vettikavumgal spielte das Fernsehen zu dieser Zeit noch keine Rolle. Es gab keinen Strom. Der nächste Stromanschluss befand sich bei einem Nachbarfarmer nahe der Straße, 400 Meter Luftlinie von Vettikavumgal entfernt. Und dieser war das Schlusslicht in der Kette der Verbraucher, die an dem sowieso nur spärlich belieferten Umspanner des Dorfes angeschlossen waren.

So brachte meine damalige illegale Nacht+Nebel-Aktion denn auch lediglich einen Teilerfolg. Mit den Jungs hatten wir über 400 Meter Kabel von Palme zu Palme geknüpft, am anderen Ende mit einem fossilen Stecker versehen und in der Küche des Nachbarn eingestöpselt.

Bei der "Vettikavumgal-Glühbirnen-Premiere" ließ sich das Lämpchen dann aber nur zu einem romantischen Glimmen überreden. Nur stundenweise wurde es etwas heller, um dann wieder für geraume Zeit ganz zu erlöschen. Wir wussten dann nie beim fröhlichen Ruf "Currente poji!'' (Der Strom ist gegangen!), ob nun einer der üblichen Totalausfälle vorlag, oder ob der Nachbar seine Steckdose gebraucht und unseren Stecker nicht wieder eingestöpselt hatte.

Mir war es egal. Ich brauchte für mich persönlich nur ein wenig Ladestrom für Rasierer und Videoakkus. Da genügte schon ein bisschen Schwachstrom von 40 Volt für ein paar Stunden. Und ich war so optimistisch gewesen, einen Elektriker kommen zu lassen und das ganze Haus mit modernster Elektroinstallation zu versorgen.

Modern im indischen Sinne: Aufputzleitungen für Lampenfassung und Ventilator an der Decke. Die führten zu einem rohen Holzbrett, das der Elektriker fachmännisch an die Wand gedübelt hatte, damit in der Regenzeit wenigstens etwas zwischen der Schaltzentrale und der nassen Wand war: Auf dem Brett waren Lichtschalter, Steckdose und ein mächtiger Kasten, mit dem man den Ventilator 5-stufig schalten konnte. Bei Stufe 1 wurde das Ding zur Elektroheizung. Doch all das war erst einmal Theorie, denn wir hatten ja außer dem Klingeldraht Zum Nachbarn keine offizielle Leitung, die genug Kapazität für die zukunftsorientierte Installation des Farmhauses hatte.

Eigentlich hatten wir den Anschluss nur für die Familie gebastelt, die sich über diese Statusverbesserung riesig gefreut hatte. Eine Freude, die aber zunächst nicht von Dauer schien. Es war wohl der Tag, an dem Ganesha Urlaub hatte. Der Rüsselgott der sonst alle Hindernisse beseitigt, hatte nicht mit den indischen Behörden gerechnet.

Der "Electric-Overseer" aus dem Nachbardistrikt kam schon am Tage nach der Installation unserer unerlaubten Freileitung mit wichtiger Miene auf die Farm. Erst nach langem Palaver räumte er ein, daß ein Sahib aus Deutschland wohl ohne Strom dem sicheren Tode geweiht ist. Er fragte listig nach einem Souvenir aus Deutschland und ließ sich mit einer gelben Plastikflasche AUTAN (Mückenverscheucher von Bayer) eines seiner wachsamen Augen zudrücken. Mit dem anderen schielte er aber noch lange bedeutsam auf die Whisky-Flasche aus dem Duty-Free-Shop.

Nach ausgiebigen Gesprächen über Deutschland und einer ordentlichen Portion "Black & White" packte er sein Autan ehrfürchtig in Zeitungspapier und zog von dannen. Er sah zwar jetzt zwei verbotene Stromleitungen im Busch statt einer - aber "Prishenemilla" (Keine Probleme) mehr.

Dass es in der Folge noch zwei Jahre und meines persönlichen Vorsprechens beim Energieminister in Trivandrum bedurfte, bis die längst voll elektroinstallierte Farm ihren offiziellen Stromanschluss bekam, ist hier unerheblich. Als die 90er beginnen,  ist Vettikavumgal stolz auf einen abschließbaren Kühlschrank, einen kleinen Farbfernseher mit geschmuggeltem Videoabspielgerät und eine Elektropumpe zur Versorgung unserer Gästeduschen.

Und jetzt, im ersten Jahrzehnt eines neuen Jahrtausends? An der Stelle des alten Farmhauses hat Raju Vettikavumgal seine neue Villa gebaut, Elektroinstallation unter Putz, wie es sich gehört, Solarstrom vom Dach und die Sat-Schüssel ist auch inzwischen kleiner geworden und fällt nicht mehr auf.

Im Strom der Zeit hat sich auch die Zeit des Stroms verändert. Wenn es am Anfang die Frage war, wann wir denn mal ein bisschen Strom bekommen, stellt sich heute die Frage, wann er wohl mal wieder ausfällt. Denn unterbrechungsfrei kann Indien seine Bürger bislang nur in wenigen Großstädten versorgen. Zumindest fast.

WINZIGES STRASSENDORF - ÜBER 30.000 EINWOHNER?

Weit wichtiger ist vielmehr, daß uns die endlose Weite der tropischen Vegetation erhalten blieb. Daß man als Besucher aus Europa dem winzigen Dorf die stattliche Einwohnerzahl des Panchayats nicht anmerkt. "We have no village system!", erklärt der Bürgermeister. Er meint damit, daß es das klassische Dorf (so wie wir es z.B. mit dem Rundling kennen) hier nicht gibt. Beim Rundling gruppieren die Bauernhäuser sich kreisförmig um einen Platz - oft mit Kirche und Rathaus - während die landwirtschaftlichen Nutzflächen sich um das Dorf herum erstrecken. Kodancherry hingegen ist heute noch ein Straßendorf von knapp 2 km Länge - hat aber weit mehr als 30.000 Einwohner. Wie das??

Nun, das Dorf ist nicht mehr als eine Versorgungsader für die Einwohner des Panchayats. Hier finden die Bürger bei Krämern und Händlern ein kleines Sortiment von Dingen, die die Grundbedürfnisse eines einfachen Landlebens decken. Hier ein paar Schneider, dort einige Stoff- und Textilienhändler. Wir empfehlen unter den Schneidern den "Marbazil-Modezar" Jaison von Kodancherry. Für den notwendigen Stoff gehen wir natürlich zu Poulson, der sich in den letzten beiden Jahren zu einem regelrechten "Germany-Fan" entwickelt hat. Das beweist sein Werbetransparent, das mit "Willkommen in Kodancherry – Arakkal-Stores - Beste Baumwollqualität" sogar in deutscher Sprache wirbt.

Weiterhin hat es Metzger, Fischhändler, Barbier und Silberschmied. Eine kleine Bank, ein paar Aufkäufer, die Rohgummi und Arekanüsse sammeln.

Dazwischen ein paar Hotels  mit klangvollen Namen. Dann Post, Hospital. und Kirche - und damit ist Kodancherry City schon fast zuende.

Für viele Dinge muss man zumeist in die ca. 45 km entfernte Distriktshauptstadt Kozhikode fahren. Vor allem für die Dinge, die wir Europäer für unverzichtbar halten.

Halt - das Kulturzentrum Kodancherry's hätte ich beinahe vergessen: Das Kino darf natürlich nicht unerwähnt bleiben. Noch vor einem Jahr konnte man auf Vettikavumgal in Amachi's Küche "mit Spannung" sehen, wenn 5 km entfernt das Kinoprogramm begann. Natürlich nicht den Film - die Stromspannung ging in die Knie und die Glühlampe auf halbe Kraft.

Heute ist die Versorgung etwas besser. Und öfter.

Wo also sind die vielen Menschen des inzwischen größten Panchayats im Distrikt? Sie leben alle weit verstreut inmitten ihrer Ländereien.

Beim Buschspaziergang entdeckst Du ihre typischen Bungalows unter Kokospalmen meist erst, wenn ihre Bewohner Dich schon lange erspäht haben, die Kinder glockenhell "Vellha kharin, vellha kharin vannu!" (Weiße Leute, weiße Leute sind gekommen!) rufen und in Windeseile zum Wegesrand herauslaufen, um Dich anzuschauen.

Sicher wusstest Du, daß "Bungalow" ein indisches Wort ist? Von den Briten aus der Hindi-Sprache entlehnt, fand es so den Weg auch in unseren Sprachgebrauch.

Hier wollen wir sie zunächst beschließen, die Kodancherry-Chronik. Die Geschichte ist sicher unvollständig, Altersangaben und Jahreszahlen manchmal ungenau. Doch das mag unwesentlich sein, zumal die meisten Inder keinen Pass haben und kaum genau wissen, wie alt sie sind.

Verwirrend ist immerhin zu lesen, was sich in knapp 50 Jahren hier so alles getan hat - und dann mittendrin zu sein und das Gefühl haben, die Zeit habe in Kerala 1000 Jahre stillgestanden. Das ist sicherlich auf unser Wertungsmuster zurückzuführen. Unberührter Tropenbusch, fehlende Zeichen unserer Hochtechnologie, halbnackte Menschen mit Hüfttuch - schon sind wir geneigt, die Szene in die graue Vorzeit unserer Entwicklungsgeschichte zu transportieren.

Passen dann nicht Worte wie "Lendenschurz" statt Lunghi (Hüfttuch), "Eingeborene" statt Einheimische nicht besser ins Bild? Werturteile, die automatisch zu diesem sozialen Gefälle führen, das die "Neckermänner" dieser Welt bei den Freunden des Sanften Tourismus so unbeliebt machen. Zu denen zählen wir uns doch, oder?

 

(Bitte bedenke bei den Zeitangaben, daß diese Geschichte 1995 geschrieben wurde. Einzelne Kapitel wurden nach und nach aktualisiert)

 

 

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