
... das Land
der Kokospalmen. Sie nennen es „God’s own Country“
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1. Reiseziele |
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Das
ist die Zeit, wenn Marion ihre Kamera nimmt und vom Farmhof den Weg hinunter
in den Busch fotografiert. Ein Motiv, das für sie Symbolwert hat, weil sie es
bei jedem Keralabesuch wieder neu aufnimmt. Und immer ist es ein bißchen
anders. Vor noch gar nicht so langer Zeit war dies ein kaum meterbreiter
Fußpfad, bis die Vettikavumgal-Jungs Gilson, Raju, Johnson und Jaison ihm mit
Hacke und Schaufel zuleibe rückten. „Now it is a jeepable road!” sagen
sie nach wochenlanger Knochenarbeit stolz. „Jeepable“ soll heißen, daß
jetzt auch der Jeep auf den Hof fahren kann. Kleine Fortschritte, die
nun schon in der dritten Generation klein bei klein in Handarbeit die
Lebensqualität auf unserer Tropenplantage verbessern. |
"Up, Up, and Away!" Kerala 2008
Graue Giganten
über Vettikavumgal
Uma Devi - ich traf
die graue Göttin
Kerala – aus der
Sicht von Shashi Tharoor
DIE VETTIKAVUMGAL SAGA -
die Story unserer Tropenfarm
PLACES & PEOPLE – Gastgeber und Unterkünfte (mit Fotogalerien!)
Diese Seite ersetzt nicht
die Lektüre meiner Hefte – unverzichtbar für alle, die mit uns Kerala und den
indischen Süden erleben möchten. Wer mehr erfahren möchte, bestellt das Kerala-Traumheft (Kapitel „Publikationen“)
Diese Rubrik wurde am 13. Oktober 2009 aktualisiert
Eins muß ich vorweg sagen: Dies ist kein Reiseführer im üblichen Sinne. Wer Basisinformationen über Indiens Musterprovinz haben möchte, der findet überall im Web ausführliche Daten. Diese Kerala-Kapitel setzen voraus, daß Du Dich schon etwas mit diesem Bundesland beschäftigt hast. Aber auch das nächste Kapitel "Kerala ist anders" kann Dir mein Land des Lächelns schon etwas näher bringen.
Hier jedoch verlassen wir erst einmal die Hauptstraßen des Landes.
Tief versteckt im subtropischen Busch, im hügeligen Vorland der
Nilgiri-Berge, steht eine kleine Privatpension auf der Vettikavumgal-Plantage.
In sauberen Doppelzimmern mit Dusche & WC fühlen sich seit 1988 alljährlich
4-8 Besucher auf der Plantage wohl. Von liebevoller Gastfreundschaft umsorgt,
vermissen junge ebenso wie ältere Gäste aus Europa den heimischen Komfort schon
nach wenigen Stunden nicht mehr. Zwischen Ausflügen und Wanderungen relaxen sie
inmitten von Kokospalmen, Bananenstauden, Mangobäumen, Pfefferranken und
Reisfeldern. Man genießt die vegetarische Vielfalt der südindischen Küche und
die reiche Palette an Meeresfrüchten der Malabarküste des Arabischen Ozeans.
Für die Reisenden aus Europa bietet sich hier nicht nur Kulturanschluss,
sondern auch "Familienanschluss". Hier hat die Begegnung mit den
Menschen und ihrer Tradition Priorität. Wir möchten deshalb nichts verändern
und begnügen uns mit dem einfachen Komfort, den mittelständische
Malayalee-Farmer ihren Privatgästen bieten können.
Unter dem schattigen Dach der Kokospalmen winden sich unzählige Flüsschen
und kleine Kanäle, münden hier in eine kleine Lagune, führen dort wieder durch
das satte Grün der Reisfelder: Keralas Backwaters. Die lautlosen Bootsausflüge
mit der Farmerfamilie im trad. bambusgestakten Teakholzboot durch diese
romantische Wasserwelt bezeichnen auch erfahrene Globetrotter als eines ihrer
eindrucksvollsten Erlebnisse.
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Warum lassen wir da unsere
Omi und die Kinder daheim? Ich weiß – es gelten hier andere Zwänge, und die Kostenfrage ist auch zu stellen. Deshalb bin ich so froh über alle, die zumindest ihre Kinder einmal mitnehmen. Kai & Kim meeting Paul & Martin at Vettikavumgal |
Mit dem Jeep durch den Bergdschungel des Rajif-Gandhi-Reservats zu den
wilden Elefantenherden, den Gaurs (weltgrößter Bison), Sambars, Pfauen und den
Akrobaten der "Blauen Berge" - den Nilgiri-Languren. Und nur eine
Halbtagstour entfernt: die traumhaften Paläste der Maharajas und Sultane lassen
die Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht unmittelbar lebendig werden.
Ebenfalls in der Nähe die Kultstätten der Hoysala-Dynastie (12.Jahrh.), deren
filigrane Skulpturenfriese aus Speckstein zu den schönsten Kunstwerken sakraler
Baukunst in aller Welt zählen. Und - da Bademöglichkeiten in den Tropen nicht
fehlen dürfen - kristallklare Bergflüsse locken ebenso wie Traumstrände unter
Palmen!
Dort der Dschungel - hier die Wüste. Dort bei Farmern - hier bei Fürsten:
Gegensätzlich wie das Land Indien selbst, so sind auch die beiden
Reiseprogramme. Willst Du Dich von einfachen, mittelständischen Tropenfarmern
beherbergen und führen lassen? Dann besuche unsere Farm Vettikavumgal in
Kerala!
Für viele ist Indien zweifellos das geheimnisvollste Reiseland der Erde.
Ein Land voller Gegensätze: Einerseits die Paläste, die Tempel, die fürstliche
Pracht, andererseits aber auch Elendshütten, Schmutz und Krankheiten. Indien -
Faszination & Abschreckung zugleich.
Wenn Du Dich von der Idee "Asien mit Familienanschluß"
angesprochen fühlst, Dich aber mit Indien noch nicht näher befaßt hast, dann
dürfte meine euphorische Begeisterung Skepsis auslösen.
Indiens Bild in den Medien ist überwiegend negativ. Für die meist
politisch orientierten Auslandsmagazine (Auslandsreporter, Teleglobus,
Auslandsjournal, Weltspiegel u.a.) scheinen nur schlechte Nachrichten publizistischen
Wert zu haben. Demgegenüber stehen die Kultur- und Reisemagazine, die das
schöne Indien zeigen, arg im Ungleichgewicht.
Die Kerala-Karte
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Indiens südlichste Provinz Kerala ist anders. Es gibt keine Slums, die
Kriminalitätsrate ist niedrig, das Gesundheitswesen vorbildlich, und über 95%
der Bevölkerung können lesen und schreiben. (zum Vergleich: in den übrigen
Bundesstaaten Indiens sind nur 30% alphabetisiert)
Und so gilt Kerala als "Musterländle" Indiens. Für mich ist es
die "Provinz des Lächelns". Eine friedliche Oase im von Gegensätzen
zerrissenen Subkontinent.
An der Malabarküste, wie der Landstreifen am Arabischen Meer genannt
wird, blühte schon früh ein reger Handel. Hauptsächlich das Elfenbein, das
Sandelholz und die Gewürze zogen Kaufleute aus aller Welt dorthin. Schon König
Salomo kannte diesen Landstreifen unter dem Namen Ophir, und an europäischen
Fürstenhöfen wurde im Mittelalter der Pfeffer aus Kerala mit Gold aufgewogen.
Seit ich dieses andere Indien kennenlernte, wünsche ich nur noch meine
Freunde "dorthin, wo der Pfeffer wächst!"
Bislang gibt es hauptsächlich einfache Hotels. So kamen fast nur
anspruchslose Rucksackreisende. Erst in jüngster Zeit bessert sich im Süden
Keralas die touristische Infrastruktur.
So klein Kerala auch sein mag - es wird lange dauern, bis sich an den
Traumstränden und im subtropischen Regenwald die Pauschaltouristen ein
"High-life á la Teneriffa" gönnen können. Wer hier auf die Pauke
hauen will, ist am falschen Ort. Ein Unterhaltungsangebot im westlichen Stil
fehlt, internationale Küche gibt es nur in wenigen Hotels und Nachtleben fast
gar nicht. Auch Sportmöglichkeiten sind beschränkt, und Nacktbaden ist verpönt.
Lediglich die alternative Szene am Kovalam-Beach bildet hier eine
Ausnahme. Hier trifft sich in meist einfachen Hotels schon seit Jahren ein
abenteuerlicher Haufen von Globetrottern aus aller Welt.
Wer sich also in aller Ruhe auf eine fremde, faszinierende Kultur einlassen
will, Begegnung mit fröhlichen Menschen und archaischen Lebensformen sucht und
insgesamt Lust auf Exotik hat - dazu gehören zum Beispiel auch auserlesene
keralesische Gerichte - der hat sein Traumziel gefunden, und das mit einem
Preis-Leistungsverhältnis, das stimmt.
Unweit der Stelle, an der jetzt das Farmhaus der Vettikavumgal-Familie am
Hang steht, zwischen Mangobäumen, Kokospalmen und Kautschuk, baute der
Großvater Chakko Devasia Vettikavumgal in den 40er Jahren des vorigen
Jahrhunderts sein erstes Baumhaus. Er, der Anfang der Achtziger Jahre starb,
war mit seinem Ochsengespann aus dem Süden Keralas gekommen und wurde einer der
ersten Siedler im hügeligen Dschungelgebiet zu Füßen der Nilgiri-Berge.
Wenn Du heute das Umfeld der Farm durchstreifst, hast Du immer noch den
Eindruck, im tropischen Busch zu sein. Dennoch hat die Familie, die heute in
der dritten Generation die Farm bewirtschaftet, fast alles kultiviert. Da es
aber kaum Monokulturen gibt, wächst ums Haus eine dichte, tropische Flora
scheinbar unkontrolliert durcheinander.
Mehr darüber im Kapitel „Places & People“
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Mein Neffe Sascha und ich sind auf dem Weg
nach Indien - mit Emirates, einer unserer beiden bevorzugten
"Haus-Airlines". Weil auch unsere KD-Gäste meist die gleiche Route
fliegen, werde ich den Flug diesmal auch beschreiben. Damit Du weißt, was Dich
erwartet.
Über den Wolken ist die Freiheit wirklich grenzenlos - da
hat Reinhard nicht nur im May, sondern auch jetzt im Februar recht. Bis ich
erst mal da oben bin, bin ich immer nervös, trinke Unmengen Kakao und
zwischendurch auch mal einen Underberg.
Bei den heutigen Sicherheitskontrollen brauche ich das auch.
Denn schon in Düsseldorf brachte ein Schraubenzieher in der Notebooktasche mich
fast zur Verzweiflung. Der ist ja im Handgepäck so was von verboten, und ich
muss mit dem Ding wieder raus aus dem Sicherheitsbereich. Dort darf ich den
Schraubendreher dann in einer Spezialtonne für Scheren, Nagelfeilen und andere
grausame Massenvernichtungswaffen entsorgen, mich wieder einreihen, erneut den
Tascheninhalt aufs Band und wieder abtasten lassen. Warum der Securitymann den
Schraubenzieher nicht in den Eimer mit den Feuerzeugen aus meinem
Handköfferchen ("Nur ein Feuerzeug pro Person!") werfen konnte,
bleibt eine ungelöste Frage.
Hinter der Absperrung hat Sascha geduldig gewartet und mit
seinen Kollegen von der Bundespolizei gequasselt. Als ich genervt dazu komme,
sagt der nette Beamte, dass er das Werkzeug auch hätte nehmen können - Sascha
hätte es dann nach der Rückkehr wieder bekommen. Ja, toll! Als Entschädigung
führt er uns dann in einen geheimen Personalraum, wo wir einen heißen Kakao für
40 Cent bekommen und noch eine rauchen können.
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Aber jetzt, hier oben in 10 km Höhe, ist der Druck abgefallen
(Nein nicht der - die Sauerstoffmasken bleiben drin) und ich fühle mich so
richtig gelöst. Ich freue mich endlich richtig: auf Palmen, Strand und
Leckereien zu obszönen Preisen. Wenn man es mit dem Preis für ein echtes Thali
Meal der Einheimischen vergleicht.
Aber bis dahin ist in Dubai erst noch die Anschlusswartezeit
von 8 Stunden (!) durchzustehen. So was ist selten bei den
Emirates-Verbindungen - aber mich muss es ja treffen. Nach Südindien fliegen
wir ja meist mit Emirates' Schwester-Airline SriLankan, und dort sind die
Wartezeiten moderat. SriLankan macht allerdings erst in Colombo den
Zwischenstopp - da liegt der größte Teil der Strecke schon hinter uns. Die
Zwischenlandung in Dubai ist daher für all die günstiger, die
thrombosegefährdet sind und sich mittendrin die Beine vertreten wollen. Zwei
Stunden hätten mir aber gereicht.
Schon die Busfahrt vom Flugzeug zum Terminal war so lang, dass ich schon dachte, der fährt gleich durch nach Indien. Der Airbus war wohl im Nachbar-Sultanat gelandet, weil der Dubai-Airport eine einzige Großbaustelle ist. Im Moment ahnen wir es noch nicht, aber wir werden noch mehr Baustellen erleben: Beide Flughäfen in Mumbai und auch in Delhi wird zur Zeit kräftig gebaut.
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Wir wollen uns in der Wartezeit etwas in Dubai umsehen. Aber
angesichts der vier langen Schlangen an den Immigrationschaltern lassen wir die
Idee fallen. Jetzt müssen wir allerdings zu Fuß zum Abflugbereich zurück - wie
groß ist dieser Airport eigentlich? Nach diesem Marsch habe ich das Gefühl, ich
brauche eine neue Hüfte. Und die bauen immer noch an.
Im Grunde bin ich viel zu fett, um mich aufs Essen zu
freuen. Aber schon in Dubai verstoße ich sogar gegen mein Prinzip, außerhalb
Indiens möglichst keine indischen Gerichte zu essen - das Butter Chicken am
Dubai Airport sah einfach zu gut aus - und schmeckte sogar noch besser. Ich
sollte es eigentlich nicht zugeben - aber von weitem hatte uns das
McDonalds-Logo in diese Ecke gelockt. Ich sag's Euch trotzdem, denn vielleicht
findet Ihr sonst den Inder nicht: Bei McDonalds links ab - dann gleich neben
dem Libanesen.
Der Ruf der Natur war stundenlang unterdrückt worden. Die
Schlangen vor den Toiletten waren einfach zu lang. Doch nun am späten Vormittag
probiere ich es. Eine gepflegte Entsorgungsstation finde ich vor. Gleich vier
Reinigungsmänner sorgen hier dafür, dass es auch sauber riecht. Ich gehe in
eine frei werdende Kabine - und gleich wieder raus: Das Wasser stand im
Klobecken bis fast zum Rand. Ich gebe einem der Wischmopschieber
Verstopfungsalarm. Der Man kommt hilfsbereit herbei, und wir checken das Klo:
Das Wasser ist abgelaufen. Alles normal. Irritiert betätige ich die Spülung,
und wieder steigt der Wasserstand bis dicht unter den Rand. Und geht kurze Zeit
später wieder zurück. Keine Verstopfung also - das Verhalten ist serienmäßig,
aber Indien lässt bereits grüßen: Da kann ich noch so oft gewesen sein - es
gibt immer wieder Situationen, die ich erst einmal völlig falsch einschätze.
Ich nehme Platz und das "verstopfte" Klo als Mahnung, ab sofort keine
vorschnellen Urteile mehr zu fällen.
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Der halb volle Flieger, der uns nach Kerala bringen soll,
startet pünktlich. Es sind außer uns nur wenige Kalknasen an Bord. Die meisten
Passagiere sind heimfliegende Malayalees. Deshalb kommt auch gleich die
Durchsage "The Malayalam film on channel eight.", und die Stewardess
spricht es englisch aus: "Mälayäläm". Klingt lustig. Während die
meisten indischen Städtenamen - soweit in lateinischen Buchstaben dargestellt -
durchaus englisch ausgesprochen werden, gilt das für keralitische Namen nicht.
Mit einer halben Stunde Verspätung landen wir in Thiruvananthapuram. Wo der Pilot die 30 Minuten verplempert hat, bleibt unklar. Wahrscheinlich hatte der Mälayäläm-Film Überlänge.
(Dieser 1. Teil des Reports erschien zuerst in den InderNettNews Nr. 443 - mit vielen weiteren Fotos meiner Reise, die Du hier in der Galerie findest)
… ist ein alter Song
aus der frühen Hippiezeit der 60er Jahre. Ich habe diesen Titel für meine
Reisenotizen gewählt, weil mir das Gleichnis gefällt, mit einem bunten Ballon
nach Indien zu fliegen. Die jüngeren unter Euch können sich das hier ja
mal anhören. Es wäre kein Song der Hippie-Ära, wenn sein Text nicht auch eine
Anspielung auf LSD wäre. Nun, um high zu sein, brauche ich keine Drogen - nur
Indien. Über den Suchtfaktor dieses Reiselandes sind sich etliche von uns schon
lange im klaren. Und für die schreibe ich. Indienneulinge kann ich mit meinen
Erinnerungen kaum erreichen - lest dies noch einmal, wenn Ihr mal dort wart.
Ein Ambassador bringt uns vom Flughafen Thiruvananthapuram zum AyurBay. So muss es sein zur Begrüßung: Das blattgefederte alte Auto mit den Polstern, in die Du 30 Zentimeter einsinkst. Nur wer schon oft in Indien gereist ist, wird dieses authentische Gefühl kennen - unsere Airline hat das immerhin erkannt und ein Ambassador-Taxi in den Frankfurter Airport gestellt.
Natürlich ist es unfair, wenn ich angesichts des aktuellen Straßenbilds schon gleich zu Beginn gemeckert habe: Das ist doch nicht mehr das Indien, das ich kenne! Wo noch vor 5 Jahren Ambassador, Premier und Mahindra-Jeep das Straßenbild bestimmten, sind heute nur noch moderne westliche Autos unterwegs.
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Er stört mein Indiengefühl, dieser allgegenwärtige Fortschritt. Dass das unfair ist, werde ich auf dieser Reise noch mehrfach am eigenen Leibe erfahren: Wir finden immer noch, was wir seit 25 Jahren (be)suchen - erreichen es aber mit modernen Fahrzeugen schneller, bequemer und klimatisiert. Indien bleibt dabei immer noch Incredible India, unglaubliches Indien, Erlebnisland Indien - so preist auch das Fremdenverkehrsamt den indischen Subkontinent.
Trotzdem - es hat nach der Landung was Zünftiges für mich, diese erste Autofahrt im Ambassador. Leider ist es schon dunkel, aber ich kurbele die Scheibe herunter und lasse Kerala herein. All die Düfte, die für mich einen so hohen Wiedererkennungswert haben. Dazu gehören Gerüche aus den Garküchen am Wegesrand, dieser typische Geruch der Holzfeuer in den Küchen, immer wieder zerrissen von üblen Gerüchen fauliger Abwässer - ein schneller Wechsel angenehmer und unangenehmer Witterung. Das Leben pulsiert auch spätabends noch in Indien.
Man "lebt" auf der Straße, alles findet dort statt, Kochen, Essen, Schlafen, die tägliche Körperpflege. Entsprechend mischen sich Gerüche und Düfte in der benzingeschwängerten feuchtheißen Luft. Vom Eselskarren über die Vespa und den Eiskarren bis zum Mercedes wuselt sich in für uns Europäer unüberschaubarer Hektik und mit stetem Gehupe der Verkehr durch die Straßen. Dazwischen wienern Kinder im Spielalter das Schuhzeug derjenigen, die nicht die Einheitslatschen für zehn Rupien tragen müssen.
Wer mit wachen Augen in Indien unterwegs ist, dem wird schnell klar: die Mehrheit der indischen Bevölkerung muss sich ihren Lebensunterhalt sauer verdienen. Wer als Kuli die mit vier Personen beladene Rikscha ziehen oder sich mit einer Fahrradrikscha abstrampeln muss, der darf sich glücklich schätzen, wenn er sich einmal ausstrecken kann - auf der Erde, auf einer unter freiem Himmel aufgestellten Lagerstatt oder in seinem Gefährt, das oft auch sein Zuhause ist.
Das ist es, das Land der Kontraste. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Jetzt nur noch ein echter Chai, dann bin ich richtig angekommen.
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Der erste Masala-Chai bei Lalitha ging allerdings in die Hose: Kardamom drin! Ja, ja - ich weiß: Ich stehe unter allen Indienfreunden mit meiner Abneigung gegen Kardamom so ziemlich allein. Die meisten finden den Tee mit diesem Gewürz göttlich. Und mögen dafür meinen geliebten Ingwer-Chai weniger. Ich sag's ja auch nur, weil gerade der allererste Chai nach der Ankunft für mich seit Jahren Symbolcharakter hat: Ich bin der Teebeutelmafia entronnen und im richtigen Indien angekommen.
Lalithas Resort am Nellikunnu-Strand südlich von Kovalam ist voller Ayurvedagäste, als wir eintreffen. Das bedeutet, dass wir uns für unsere "sündigen" Geflügel- und Fischdelikatessen lieber auf die untere Terrasse setzen. Von den echten Vegetariern unter den Kurgästen mal abgesehen, will ich die Ayurvedagäste wirklich nicht neidisch machen. Denen fällt nach eigener Aussage die notwendige Disziplin und der Verzicht auf Fleisch, Fisch und Eier für die Dauer der Kur sowieso nicht immer leicht. Da will ich nicht unter 20 triefenden Lefzen den Duft meines Chicken Fry Masala verbreiten und womöglich anschließend noch ein Bierchen trinken und eine Zigarette rauchen. Auch unseren KD-Gästen rate ich zu ein wenig Rücksichtnahme: Das Ayurbay ist eine so großzügigen Anlage, dass man sich jederzeit von den Kurgästen etwas absetzen kann. Dabei fühlt man sich auch keineswegs im Exil.
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Wie gesagt - es ist eine gute Ayurvedasaison für Lalitha geworden, obwohl es anfangs nicht so aussah. Normalerweise sind wir "Normaltouristen" und Gelegenheits-ayurvediker hier im Strandresort nicht so in der Minderheit, und besondere Separationsmühen sind unnötig.
Cola, Limo und vor allem Bier sind für uns Neuankömmlinge sowieso tabu. Der Nellikunnu Beach hat uns bei der Ankunft am späten Abend immerhin noch mit fast 30 Grad begrüßt. Da tut man gut daran, in der Akklimatisierungsphase der ersten 3 Tage auf Cool Drinks zu Gunsten köstlicher Heißgetränke zu verzichten. Um so leichter verträgt man das Klima für den Rest der Reise. Für mich ist das jedenfalls ehernes Prinzip. Für die meisten Kerala Discovery Gäste ist das aber unnötig, da sie in den meisten Fällen ja schon 2-3 Wochen Farmurlaub hinter sich haben, wenn sie hier unten am Strand ankommen. Aber auch für die ersten Tage auf der Farm ist die Akklimatisierungsregel wichtig.
Ich jedenfalls halte den hilfsbereiten (aber ab und an etwas langsamen) Krishna mit Teebestellungen auf Trab. Krishna war schon damals unser Hausboy, als wir noch im Neptune Guesthouse untergebracht waren.
Sascha und ich wandern nordwärts. Wir wollen entgegen Lalithas Rat zu Fuß zum Touristenstrand von Kovalam. Rikschas und Taxis fahren heute sowieso nicht, weil Kerala den Generalstreik ausgerufen hat. Zwei Streiktage waren angesetzt gegen die Spritpreisanhebung der Zentralregierung. Für einen Liter Diesel muss man jetzt schon 34 RS berappen, 47 Rupien kostet das Benzin. da sollten jetzt noch jeweils 2 RS drauf kommen? Das trifft sogar die Rikschafahrer hart, obwohl diese Zweitakt-Dreiräder immerhin bis zu 25 Kilometer mit einem Liter schaffen.
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Die Natur ist wunderschön auf unserem Wanderweg, aber am interessantesten ist wie immer die Begegnung mit den Menschen. Wir haben Spaß mit den Kindern, die uns eskortieren, tauschen ein paar Brocken Malayalam mit verblüfften Dörflern. Mich motiviert das Erstaunen, Malayalam aus dem Mund des weißen Wanderers zu hören. Schon in den ersten Stunden tauchen unzählige längst vergessene Vokabeln aus meinem Unterbewusstsein auf, und ich bin stolz, wenn sie sogar verstanden werden. Denn das meiste habe ich ja im Norden Keralas gelernt, wo ein ganz anderer Dialekt gesprochen wird.
Der Versuch, am Strand entlang zu wandern, scheitert allerdings an den ersten Felsklippen. Die sind zwar von der Höhe her nicht unüberwindbar - wohl aber der Gestank. Ich bin ja schon viel gewohnt und weiß, dass die Menschen abseits der Touristenbuchten den Strand als Klo benutzen - aber das kann ich nur ertragen, wenn die "Tretminendistanz" mindestens 10 Meter beträgt. Aber hier auf den Klippen ist der Abstand zwischen den Haufen kleiner als 1 Meter. Wir schnappen verzweifelt nach Luft und klettern hoch in das Dorf, wo mit Sicherheit kein einziges Haus ein Klo besitzt. Jetzt weiß ich, warum Lalitha gesagt hatte, der Weg über die Klippen "sei schwierig". Da dachte ich noch, sie traut mir das Klettern nicht zu...
Von den Gerüchen abgesehen, dauert der Fußweg zum Lighthouse Beach mit dem Tuktuk fast genauso lang, da es keine Küstenstraße gibt. Mit einem Fahrzeug muss man immer wieder weit ins Hinterland zur Hauptstraße zurück, von der dann die vielen Straßen zu den einzelnen Küstendörfern ans Meer zurück führen.
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Sascha ist auf unserem Fußmarsch berührt von den "kleinen Existenzen" in den Fischerdörfern entlang der Küste. Die Menschen scheinen mit so wenig ihr Auskommen zu haben. Da ist zum Beispiel der Mann ohne Unterkiefer, der mit einer rostigen Balkenwaage am Straßenrand "Kappa" (Tapioka) verkauft. Sein Warenbestand an Maniokwurzeln hat einen Gesamtwert von nicht einmal 2 Euro. Wie existiert er damit? Und wieso ist er so fröhlich? Obwohl man dies so genau nicht sieht, sondern mehr spürt, weil der alte Mann ja keinen Unterkiefer mehr hat. Was ihm passiert ist, erfahren wir nicht. Wir sehen nur, wie unkompliziert er und seine Nachbarn mit dieser furchtbaren Verstümmelung umgehen. In Deutschland wäre er ein Freak, angestarrt und verspottet. Hier scheint es kein Problem zu sein, so auszusehen. Bereitwillig setzt er sich sogar für ein Foto in Positur. Die Menschen geben sich heiter, gelassen, ja, sie strahlen Freude aus, als seien sie auserwählt, wenn wir sie fotografieren (dürfen).
Das "Neptune" habe ich mir auf meinem Nostalgiestreifzug zum Lighthouse Beach angesehen: Heruntergekommen und inzwischen geschlossen. Nostalgie soll heißen, dass ich mal sehen wollte, was und wen ich überhaupt noch wiedererkenne. Viel ist es nicht. Die Strandzeile sieht heute aus wie jeder andere Touristenort auf der Welt. Man hat unbegrenzte Möglichkeiten, sein Geld möglichst schnell los zu werden.
Das erste bekannte Gesicht gehört zu einer Fistelstimme, deren heiseres "Suuuunglaaasses" schon seit über 20 Jahren am Beach erklingt. Über und über behängt mit minderwertigen Kopien von Ray Ban, Porsche und Co. haut er immer noch die Touris mit gefälschten Sonnenbrillen übers Ohr. Zum Beispiel Sascha, der ihm sogleich eine schicke Ray Ban für 150 Rupien abkaufen muss. Fortan sieht er auf den Fotos aus wie ein Mafioso. Man kann diese Sonnenbrillen unbedenklich kaufen. Sie gehen so schnell kaputt, dass kaum Gefahr besteht, bei der Wiedereinreise vom deutschen Zoll wegen Markenrechtsverletzung verhaftet zu werden. Saschas Exemplar hat immerhin bis Rajasthan durchgehalten - fast 10 Tage.
Dann treffen wir die Aufsichtsratsvorsitzende der Firma "Massek & Snockles". Die dicke Ehefrau von James Fisherman mimt große Wiedersehensfreude, obwohl sie mich gar nicht kennen kann - ich will ihrem James ja nur schöne Grüße von Marion ausrichten. Aber der schokobraune Sonnenschirmverleiher mit der Schreib-/Leseschwäche ist nicht aufzufinden. Wen ich aber finde, ist Surya, der aus "Surya's Restaurant" inzwischen ein 2-stöckiges Guesthouse gemacht hat. Nebenan gibt es sogar immer noch das "White House". Dort hatte die erste Kerala Discovery in den frühen 80ern ihre Zuflucht. Surya kann man schon als Fossil des Lighthouse Beach bezeichnen, denn die meisten Wirte und Pächter halten den Druck dort nicht lange aus. Aber Surya's Restaurant gibt es nicht mehr. Dabei hatte ich mich auf seine genialen Tiger-Prawns so gefreut.
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Surya macht seinem Namen Ehre und strahlt, als er mich sieht ('Surya' ist der Name der Sonne). Er bewirbt seine neuen "sauberen Simmer" mit Sat-TV und Dusche für nur 600 Rupien. Das deutsche "Z" kann er immer noch nicht aussprechen. Ich habe jedoch wenig Lust, unsere Gäste wieder mitten in diesen Rummelplatz zu stecken. Wenigstens gibt Surya uns einen Tipp, wo wir ordentlich essen können. Der Marsch durch die Hitze hat doch nicht nur durstig gemacht.
Im Labyrinth kaum meterbreiter Gassen hinter der inzwischen mindestens 2-stöckigen Strandzeile habe ich mich schon früher oft verlaufen. Aber inzwischen herrscht dort ein unglaubliches Gewimmel. Jeder Meter wird als Verkaufsfläche, Kneipe oder für billige Gästezimmer genutzt. Holzschnitzereien, Kunstgewerbe, Textilien, Schuster, Internet-Cafés, Travel-Agents, Geldwechsler - alle handeln in unglaublicher Enge auf manchmal nur anderthalb Metern.
Sascha und ich haben uns zweimal ziemlich verfranzt in diesem Labyrinth. Aber immerhin treffe ich die Frau Ashoka in ihrem Kiosk, und vom kleinen, rundlichen Schneider Raja soll ich alle grüßen, die sich noch an ihn erinnern. Dann finden wir das empfohlene Restaurant doch noch - ein paar Meter vom Neptune entfernt. Hier essen wir richtig indisch - inmitten hunderter Restaurants, in denen zeitraubend, aber erfolgreich die westliche Speisekarte vergewaltigt wird.
Wartezeiten sind in Kovalam lang. Das erfahren wir bei einem weiteren Besuch am Lighthouse Beach. Da setzen wir uns nämlich zwischen Israelis, Russen, Franzosen und Briten in eines der Restaurants an der vorderen Strandpromenade. Wer je nach Tageszeit auf sein Essen weniger als 1 Stunde warten muss, der hat es gut. Es können auch mal 2 Stunden werden. Da zeigt sich, ob der gestresste Europäer sich vom ständigen Zeitdruck zu lösen weiß. Indienneuling Sascha fällt das jedenfalls noch nicht so leicht. Er vergleicht mit Thailand, wo er beruflich bereits 10x gewesen ist: "Da passe ich mich den Thais an, die 20x am Tag an den vielen Garküchen eine Kleinigkeit essen. Das geht hier nicht, weil der Tag keine 60 Stunden hat..."
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Im AyurBay warten wir übrigens auch ziemlich lang auf unser Dinner. Vielleicht liegt es daran, dass wir unreinen Non-Vegetarians zur Zeit eine Minderheit darstellen? Aber wir haben ja Zeit, auch wenn der Tag nur 24 Stunden hat. Für eine Elakizhi-Behandlung täglich brauche ich zwei Stunden. Eine Stunde, in der Ayurvedamasseur Girish den Schmelzpunkt menschlichen Fleisches täglich neu festsetzt - eine halbe Stunde sitze ich in Öl und kühle wieder ab, und mindestens eine halbe Stunde braucht die Entfettung unter der warmen Dusche.
Dazwischen vertreiben wir uns die Zeit mit Spaziergängen. Für meine Einkäufe indischer Kunst & Kunstgewerbe genügen mir 2 Ausflüge in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram. Sonst haben wir viel Zeit. Einige der Kurzspaziergänge führen Sascha treppauf, treppab durch das gesamte Resort - mein Notebook hält er überall hoch und will die besten Empfangspunkte für Manoj's WiFi finden. Lalitha's Sohn stellt auf dem Gelände zwar drahtloses Internet zur Verfügung - mein Laptop verweigert aber bis zum Schluss standhaft den Empfang.
Schade, denn für mich war es eine traumhafte Vorstellung: Im Schatten der Kokospalmen mit Blick aufs Meer am Strand zu sitzen und die Daheimgebliebenen mit Emails neidisch machen. Hat nicht sollen sein. Die Sicherheitseinstellungen meines Systems lassen zwar den Empfang zu, nicht aber das Internet.
Es waren vier ruhige Tage bei Lalitha. Wie ruhig, das fällt mir erst an einem Abend auf, als ein Kleinbus neue Gäste aus Kochi bringt. Der Fahrer tut bei der Fahrt aus der Resort-Einfahrt zurück auf die Straße genau das, was alle indischen Fahrer tun: Er hupt lang und anhaltend beim Zurücksetzen.
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Als Lalitha und Manoj wütend in heller Aufregung aus dem Haus stürmten, um die Huperei zu stoppen, fiel mir auf, das es tatsächlich hier einen für indische Verhältnisse ungewöhnlich niedrigen Geräuschpegel gibt. Wäre ich auf einer Indienreise hierher gekommen, wäre mir die ungewöhnliche Ruhe eher aufgefallen - aber wir waren aus dem lärmempfindlichen Deutschland ja gerade erst eingetroffen. Lalitha erzählt später, dass es gar nicht einfach ist, das AyurBay zur lärmberuhigten Zone zu machen. Sie hat zusammen mit dem Nachbarresort zum Beispiel eine "Donation" von 60.000 Rupien an den örtlichen Shivatempel gegeben, damit zum Tempelfest im Umkreis von 100 Metern um die Kurstätte keine Lautsprecher aufgestellt werden.
Was das in der Praxis bedeutet, merken wir, als das Fest beginnt. Auf unserer Wanderung nach Kovalam kommen wir an den Lautsprechern vorbei: Die religiösen Gesänge sind laut genug, dass Shiva sie auf dem Kailash im Himalaya bestens hören kann.
Zwei Tage vor unserer Weiterreise ist gleich am frühen Morgen die Ruhe dahin. Alle sind in heller Aufregung: Ganz in der Nähe hatte es im bekannten Ayurvedaresort Somatheeram nachts gebrannt, und einer der indischen Feuerwehrleute war umgekommen. Dass erzählt mir Krishna gleich brühwarm zusammen mit einem ebensolchen Thermos Masala-Chai, mit dem ich morgens um sieben geweckt werde.
Ansonsten sind die Tage und Abende im AyurBay die totale Entspannung. Abends dimmt der Spannungsabfall der Stromversorgung die Terrassenbeleuchtung, und man sieht im romantischen Licht die unzähligen Lichter der Fischerboote auf dem dunklen Meer.
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Tagsüber beobachten wir Reiher, Milane, Brahmini Kites (die ind. Weißkopfadler) - aber nur wenige bunte Schmetterlinge, dafür aber auch keine Kakerlaken und Moskitos - sogar die allgegenwärtigen Geckos sieht man nur selten im AyurBay. Eine schöne Zeit haben wir hier im tiefen Süden. Dennoch freue ich mich, als Raju, Lovely und Diana mit den Farmgästen eintreffen: Nun geht es in den Norden Keralas, und wir sind gespannt auf die Farm, die Familie, das Dorf - aber dazu später mehr...
(Dieser 2. Teil des Reports erschien zuerst in den InderNettNews Nr. 444 - mit vielen weiteren Fotos meiner Reise, die Du hier in der Galerie findest)
Von Lalitha, Manoj, Girish und Krishna müssen
wir uns nun verabschieden. Wir verlassen das AyurBay und seinen schönen Strand,
um zu unserer Farm in den Norden Keralas zu fahren. Und der Abschied wird
feuchter als befürchtet. Im 3. Teil meines Reports erzähle ich Euch heute von
unseren Erlebnissen im Kozhikode-District - ein eher intimer Bericht, wie auch
die Bilderstrecke dazu intim ausfällt. Sie verzichtet auf Katalogfotos von
Sehenswürdigkeiten, sondern zeigt die Begegnung mit den Menschen.
"Pfui Deibel, wat hamse denn in die Milch jetan
- die schmeckt ja nach Kuh!" - Dieser Traveller - overheard in Kovalam -
ist unzweifelhaft aus Berlin. Und hier am Chai Stall genau so weit entfernt von
seiner gewohnten Milch. Die hat sich zugegebenermaßen nach Pasteurisierung in
Tateinheit mit Homogenisierung und Entrahmung ein Stückweit vom
Originalgeschmack entfernt - nicht nur in Berlin. Das Beste für solche Leute:
Milchpulver mitbringen.
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Ich will ihn ablenken und ihm mit der geografischen Sonderstellung
seiner Heimatstadt schmeicheln: Immerhin sei Berlin 40 Jahre lang der Westpol
gewesen (in allen Richtungen war Osten). Der winkt nur ab: "Westpol - dat
war ma. Jetz isset Westpolen." Man trifft durchaus auch interessante
Traveller in Kovalam - mir genügen jedoch homöopathische Dosen. Nach nur 4
Tagen machen Sascha und ich uns daher auf in die touristenfreien Zonen Keralas.
Schon mal erlebt, dass sich Menschen wenige Minuten nach der
ersten Begegnung zum Abschied in die Arme nehmen? Und das im Rudel? Mit Tränen
in den Augen? Abschiedstränen sind epidemisch, fürwahr!
Mittwochabend im AyurBay: Aus dem Kleinbus klettern Monika,
Anne, Maria und Barbara - Raju und Lovely haben die vier nach Kovalam
eskortiert, und meine kleine Prinzessin Diana war auch dabei. Jetzt heißt es
für die vier Gäste Abschied nehmen. Drei Wochen war die Farmerfamilie
Vettikavumgal ganz in weiblicher Hand gewesen. Nun werden die vier Damen noch
eine Woche bei Lalitha am Strand abhängen, während Sascha und ich unsere Koffer
in Rajus Bus hieven (lassen), um uns zur 600 km entfernten Farm nach
Kodancherry kutschieren zu lassen.
Man hat sich auf der Vettikavumgal-Farm lieb gewonnen, und
Monika, Anne, Maria und Barbara fällt der Abschied genau so schwer wie der
indischen Familie. In den Strudel der Umarmungen werden sogar Sascha und ich
eingesogen. Plötzlich liegen wir uns alle reihum in den Armen, obwohl z.B.
unsere Gäste und ich uns erst Minuten vorher zum ersten Mal gesehen haben.
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Zuerst denke ich, es läge an meinen Sehstörungen. Ein
Abschiedstränen-Schleier macht nach Sonnenuntergang die Identifizierung schwierig,
denke ich. Aber jede Umarmung ist echt, denn wenn Trennungsschmerz in der Luft
liegt, hilft nur körperliche Nähe. Wer die erste Abschiedträne erzeugt hat,
kann ich nicht überliefern. Aber die waren wirklich ansteckend, und über 18
tränenden Augen schwebte ein "You must come back!" auf der
zimtfarbenen und ein überzeugtes "I'll come again!" auf der rosa
Seite.
Weil Männer mit feuchten Augen nicht so gut umgehen können,
nutze ich die Gelegenheit und knutsche auch meine Schwägerin Lovely:
"Aduthe varsham kannam!" (Wir sehen uns dann nächstes Jahr) und ihr
girrendes Lachen entspannt mich. Auch Diana (8) keckert - die befremdliche
Phase hatte mal knapp eine Stunde gedauert. Dann hatte sie sich von den
scheidenden Gästen gelöst, und fortan war mein Schoß wieder ihr Stammplatz. Wie
vor 5 Jahren, und das tat gut.
Die Nachtfahrt über den Küsten-Highway NH 47 nach Norden ist
hart. Der Fahrer ist müde von der mörderischen Tour von Kochi nach Kovalam. Ab
und zu wache ich auf, weil er eine kleine Pause macht. Meist schrecke ich aber
bei den unzähligen Schlaglöchern hoch. Wenn auf dieser Reise die meisten
Straßen deutlich besser sind als früher - dieser Highway gehört jedenfalls
nicht dazu. Aber am frühen Morgen sind auch die knapp 600 Kilometer zur Farm
überlebt.
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Die Anstrengung verfliegt aber schnell im Vettikavumgal-Palace.
Ach, es ist schön mit der Familie auf der Farm. Wir spielten mit Rajus
verschmusten Kindern Diana und Jaimon, lassen uns von seinem Ältesten durch den
Busch kutschieren und machen kleine Wanderungen - soweit die Temperaturen es
zulassen. Es ist zwar erst Ende Februar - aber das Quecksilber klettert bereits
über 30 Grad.
In Rajus Omni fahren wir an einer Schule vorbei. Ein
kleines Mädchen mit Riesenaugen finde ich niedlich, und ich winke ihr
unauffällig zu. Prompt stürzen 20 und mehr Kinder an den Straßenrand und winken
kreischend zurück. Natürlich winkt nun unser ganzes Team aus dem Jeep fröhlich
zurück. Wie Popstars fühlen wir uns. Sekunden später sind wir außer Sicht, und
die Kinder zerstreuen sich plappernd in kleinen Grüppchen. Sunita fragt Bindu:
"Wem hast Du gewunken? Kanntest Du die?", und Bindu zuckt die
Schultern: "Nöö, bloß Touristen - die winken gern."
Tourismus entwickelt sich in Wyanad, berichtet Raju beim
Abendessen. Im bergigen Nachbardistrikt lockt man Touristen mit Kaffee-, Tee-
und Gewürzplantagen, wie es bisher weiter südlich in Munnar geschah. Zwar
besteht der Großteil der Touristen auch hier aus Einheimischen, doch es kommen
auch ausländische Reisende. Bisher habe ich immer für unseren Farmurlaub
geworben, weil in einem Kreis von 100 km um die Farm keine Weißen zu finden
sind. Diese touristenfreie Zone wird wohl in naher Zukunft angeknabbert.
Der lokale Ausflugstourismus nimmt auch am Nellipoyil Arripara (Eruvanhippuzha River) zu, sagt Raju. Deshalb schauen wir uns das mal am Wochenende an. Und tatsächlich: Mittags waren so viele Inder da, wie ich sonst an 10 Badetagen nicht zusammen bekommen habe! Nicht, dass es so übervölkert wäre wie unsre Freibäder im Hochsommer, aber dass es kulturbedingt (verzeih!) nur junge Männer sind, ist ja nicht so mein Geschmack. Doch das gute Angebot knackiger Popos macht dafür unseren Damen mehr Spaß. Nur gucken - nicht anfassen!
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Auf den Überlandfahrten fällt mir auf: Aus dem Autoradio kommt plötzlich Rundfunk mit guter UKW-Qualität. Als ich in den 80ern das erste Stereo-Autoradio mitbrachte, konnte man damit nur Kassetten abspielen. Während sich alles andere in Indien schneller entwickelt hat, gibt es UKW-Sendungen erst seit Januar.
Einen weiteren technologischen Fortschritt mit Umwelt-Plus hat Raju in seiner Dschungelvilla: Solartechnik für Warmwasserversorgung. Wir habe das schon im AyurBay bei Lalitha genossen. Wenn ich sonst immer argumentiert habe, dass man in diesem herrlichen Klima auf Durchlauferhitzer verzichten kann, so ist es besonders am frühen Morgen doch sehr angenehm. Die Dusche war früher immer dann warm, wenn man es mittags zur Erfrischung gern kühl hätte. Dafür war es nach einer kühlen Nacht ziemlich frisch, wenn man es gern warm hätte.
Solarwärme fürs Bad macht zur Zeit einen Siegeszug durch ganz Indien. Auch in Rajasthan fanden wir die Solartechnik auf vielen Dächern. Der Umgang mit dem Warmwasser hat aber seine Tücken. Bis es bei den schlecht isolierten langen Leitungen endlich warm wird, hat man schon fertig geduscht. Weil man zu schnell glaubt, dass es im Moment kein warmes Wasser gibt. Da muss man tatsächlich mehr Geduld mitbringen als man glaubt. Ich habe es getestet: Erst einmal gibt es mehr als 2 Plastikeimer (Hallo Suse!) kaltes Wasser - dann erst kommt's warm. Tückisch ist dabei, dass die Hähne nicht gekennzeichnet sind. Und Normen, ob linker oder rechter Hahn, gibt es natürlich auch nicht. Glück hast Du nur, wenn in der Zimmernachbarschaft schon jemand warm geduscht hat.
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Aber wir lösen die Rätsel nach leichten Anfangsschwierigkeiten souverän. Einfach 10 Minuten vor dem Duschen den Hahn aufdrehen. Wenn ich dann meinen Bed-Chai getrunken habe, kommt's warm.
Und noch etwas fällt dem alten Hasen auf: Das wilde Gehupe ist zwar immer noch laut - hat aber in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Früher musste man sich bei den vorausfahrenden Fahrzeugen noch akustisch bemerkbar machen. Dann kamen die ersten Rückspiegel, und nach einer Gewöhnungsphase von ca. 10 Jahren werden sie nun auch benutzt. Man braucht die Hupe jetzt nur noch, um Fußgänger, Handkarren, Hunde, Ziegen und Kühe aus dem Weg zu tuten.
Insgesamt überrascht uns der Fortschritt in vielen
Bereichen, und oft kommt er für uns mit mehr Bequemlichkeit daher. Da will ich
mal von den Modernisierungen schweigen, die uns nicht so sehr gefallen...
Gute Fortschritte macht hingegen das Regierungsprogramm
"Arbeit für alle". Es garantiert den Armen Jobs für 125 Rupien pro
Tag. Dafür machen sie einfache Arbeiten wie Straßen fegen oder Grünanlagen
wässern. Das Programm greift inzwischen so gut, dass Raju keine Tagelöhner mehr
findet, wenn der Reis geschnitten oder Arekanüsse gepflückt werden müssen.
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Wenn es um kollektiven Protest geht, da kennt Indien allerdings keinen Fortschritt. Obwohl sie fast nie etwas bewirken, wird immer und bei jeder Gelegenheit gestreikt. Wir haben es schon in Kovalam erlebt, und jetzt am zweiten Tag auf der Farm kommt der nächste Streik. Giesmal sind es Keralas Geschäfte, die geschlossen haben - aus Protest gegen die ausländischen Konzerne, die mit ihren Supermärkten und Shopping Malls den kleinen Firmen das Wasser abgraben. Hatten wir das nicht auch mal? Supermärkte killten unsere Tante Emma Läden - in den 60ern war das doch, oder?
Trotzdem machen Sascha und ich eine Buschwanderung ins Dorf,
besuchen unterwegs einen Kindergarten und versuchen in Kodancherry, bei den
wenigen Streikbrechern unsere Colabestände aufzustocken und Tee zu trinken. Das
klappt, obwohl tatsächlich fast alle Shops die Rolladen unten haben. Apropos
Cola - da war doch der Skandal im Vorjahr, als der Coca Cola Company Pestizide
in den Getränken unterstellt worden waren, und die Regierung in
Thiruvananthapuram sogar den Vertrieb kurzzeitig verboten hat. Das hat sich
dann zwar als unbegründet herausgestellt, aber Coke, Fanta und Sprite sind ihre
Führungsposition bis heute los. Pepsi gibt's überall - Coca Cola ist kaum zu
bekommen.
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Am vorletzten Tag sollte es noch einmal Chicken geben. -
Sascha war mit Martin auf dem Sozius von Rajus Motorrad ins Dorf gefahren, zwei
Hühner zu kaufen. Die wurden von Martin sachkundig unter den lebenden Hühnern
ausgesucht, vom Händler kurzerhand am Hals aus der Menge gegriffen und
flatternd auf die Waage geschwungen. Als Martin das Gewicht akzeptiert hatte,
war den Tieren synchron mit Saschas Magen der Hals umgedreht worden.
Beim Dinner stellt nun Lovely das unvergleichliche Chicken
Curry auf den Tisch, und auf Saschas Schultern zankten sich Engelchen und
Teufelchen. Einerseits kann ein Stadtmensch unmöglich jemanden verspeisen, den
er persönlich gekannt hat - andererseits war da dieser köstliche Duft. Und der
siegte letztlich.
Trotzdem ist Sascha nun überzeugt, dass unser Fleischkonsum
in Deutschland auf ein Zehntel zurück gehen würde, wenn jeder das jeweilige
Tier kennen lernen würde und beim Schlachten für seinen Braten dabei sein
müsste.
(Dieser
3. Teil des Reports erschien zuerst in den InderNettNews Nr. 445 - mit vielen weiteren Fotos
meiner Reise, die Du hier
in der Galerie findest. An dieser Stelle verlassen Sascha & ich
unsere Freunde in Kerala und fliegen weiter nach Jodhpur, Rajasthan - Fortsetzung siehe dort)
Wer von "Grauen
Giganten" im Zusammenhang mit Indien hört, denkt zuerst an Elefanten. Die
aber sind hier nicht gemeint, denn es gibt noch größere dort. Riesige
schwarzgraue Giganten mit starken Lungen, die unsere Farm als Toilette benutzen
;-) Das Besondere in Kerala ist, dass sie uns ganzjährig besuchen - auch in den
trockenen Wintermonaten kommen sie ein bis zwei Mal im Monat
(KD-Reisebericht März 2003) Groß, grau und mit gigantischen Muskeln sind sie viele Tausend Kilometer gewandert, ohne daß es ihnen das geringste ausgemacht hat. Jetzt sind sie hier, und eine gewaltige Mauer stellt sich ihnen in den Weg. So sehr sie sich aufbäumen, sich gegenseitig laut rumpelnd anrempeln – ohne eine entsprechende Diät werden sie die 2.000 Meter hohen Berge der Nilgiris nicht erklettern können. Wiederwillig blasen sie ihren Unmut über das grüne Meer der Kokos- und Arekapalmen, und dieser Wind verlangt von den elastischen Stämmen demütige Verbeugungen.
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So drückend ist die Luft, daß die Moskitos zu Fuß gehen.
Schwere Palmwedel brechen und fallen auf die Stromleitungen, die kreuz und quer durch den dichten Busch führen. Der Strom fällt aus, und es wird einige Zeit dauern, bis alle Freileitungen abgeschritten und die Schäden gefunden sind.
Doch letztlich hilft kein Aufblasen, Grollen und Blitzen - es bleibt den grauen Riesen nichts anderes übrig: Das Wasser, das sie auf ihrem wochenlangen Weg über das Arabische Meer gesammelt haben, können die Wolken nicht mit hinaufnehmen ins Hochplateau des Dekkan. Die grauen Giganten werden inkontinent.
Lange wollen sie sich aber mit ihrer Abmagerungskur nicht aufhalten lassen. Und so sind es keine Tropfen, sondern Wasserstrahlen wie aus Millionen voll aufgedrehten Wasserhähnen, die von einer Sekunde zur andren auf die durstige Erde Keralas hinunterschießen.
Die dichte Vegetation nimmt es gern an, das Geschenk des Himmels. Die Palmen, Jackfrucht- und Mangobäume sind die ersten, die das Nass mit staubigen, dampfenden Blättern auffangen und die tausendgrüne Tropenwelt in milchigen Dunst hüllen. Es dauert nur Sekunden, bis die größten Bäume ihren ärgsten Durst gestillt haben und gnädig das Wasser an ihre Untergebenen weitergeben. Bananenstauden, Zimtbäume, Kaffeesträucher haben geduldig in zweiter Reihe gewartet, und nun trinken auch sie.
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Nach einer Minute tosenden Geprassels schließen sich auch die letzten trockenen Stellen auf der roten Erde unter dem dichten Blattwerk. Blitzschnell steigt nun das Wasser auf dem Hof der Vettikavumgal-Farm. Kaum 5 Minuten hat es nach den ersten Blitzen gedauert, bis das Tropengewitter den Farmhof gut 10 Zentimeter hoch geflutet hat. Völlig durchnässt stochert der kleine Martin mit einer Bambusstange in den Abflüssen, die von Blättern verstopft sind. Jetzt ergießen sich armdicke Wasserstrahlen in die nächsttiefere Terrasse und füllen die Mulden um das Wurzelwerk der Kokospalmen. Für die Kokosnuss Frühstück im Bett.
Als die Sonne wieder auf den glänzenden Blättern funkelt, schaue ich auf die Uhr: Zwanzig Minuten haben die Wolken gebraucht, um sich für den Aufstieg an den Westghats zu erleichtern. Jetzt sind sie bereits auf dem Weg nach Karnataka und Tamil Nadu. Doch ihre wertvolle Fracht hat wieder wie üblich Kerala bekommen. Deswegen ist das Land, das sich "God's Own Country" nennt, auch in der Trockenperiode zwischen Oktober und Mai immer saftig grün. In den Nachbarprovinzen sind gewöhnlich schon im Dezember die Flussbetten trocken, und die Bauern sind auf künstliche Bewässerung angewiesen.
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Für mich war es schön, wieder einmal ein solches Tropengewitter erlebt zu haben. Unter dem Schutz der Vettikavumgal-Veranda zuzusehen, wie die Welt ihre Farben verändert, erst unnatürlich orange und dann braun wird, wie dann die Sintflut kommt, um nach wenigen Minuten im diamantenen Funkeln von Millionen Tropfen auf Blütenblättern und Palmwedeln wieder zu verschwinden. Schmunzelnd erinnere ich mich, wie uns vor ein paar Jahren solch ein Gewittersturm an unserem Badefluss Nellipoyil erwischte. Im Bewusstsein, daß es letztlich doch nichts nützt, hatten wir uns unter dichtes Gesträuch geflüchtet, um dann wenig später doch völlig durchnässt durchs Dorf zu wandern. Die Inder schauten uns nach und lachten: Über und über waren wir leuchtend gelb vom Blütenstaub der Sträucher, unter denen wir Schutz gesucht hatten.
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Als nach 2 Stunden der Strom wieder fließt und die Deckenventilatoren sich träge zu drehen beginnen, sind auch die letzten Pfützen längst verdampft.
Aus
Bernd Symons' Kerala-Reisetagebuch 2003 - als Fotostrecke in den
KD-Galerien mit 27 Bildern und dieser Story
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Mit unserem Fahrer Ramesh allein unterwegs von Kozhikode (Calicut)
zurück zur Farm. Ich hatte gerade ein paar Bilder von den großen handgemalten
Kunstwerken der indischen Plakatmaler gemacht, als sie gemächlichen Schrittes
um die Kurve kommt: Die Elefantin mit Futterbündel und Gefolge...
Was ist das für ein Mann, der da im Nacken des Elefanten
sitzt? Ein Sadhu? Einer dieser heiligen Männer, die auf der Suche nach der
letzten Erkenntnis alles aufgegeben haben? Auf den ersten Blick wirkt er so -
aber dann denke ich, der Bart, die Haare - die ganze Erscheinung ist für einen
Sadhu viel zu getrimmt.
Zwei Futterknechte braucht so ein Tempelelefant auf Reisen
mindestens, und die gehen zu Fuß oft 40 Kilometer am Tag, wenn der Elefant zu
einem entfernten Tempelfest eingeladen wird. "Will der Sahib ihn einmal
anfassen?", rufen sie zu uns herüber. Aber ich winke ab. Dabei wollen sie
nur mein Bestes. Die Hindus glauben, daß es Glück und Segen bringt, wenn man
einem Tempelelefanten den Rüssel streichelt. Dafür bezahlen sie den Priester
gut. Wie gesagt - sie wollen nur mein Bestes. Auch mein Geld.
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Ich begnüge mich damit, ein paar Bilder von der
vorbeiziehenden Elefantendame im starken Verkehr des National Highway 212 zu
machen. Sicher wäre auch ein Elefantenritt drin gewesen - aber den hatte ich
auch schon. Viel mehr hätte mich interessiert, wohin der Elefant mit der
interessanten, hoheitsvoll wirkenden Persönlichkeit im Nacken wohl unterwegs
war. Aber ich hatte noch etwas vor. Es war schon nach 16:00 h und bis Koduvalli
waren es von hier noch 4-5 Kilometer.
So oft war ich auf dem Weg von der Farm zur Küste durch das
Muslimdorf Koduvalli gefahren und den dortigen Fluß immer nur im Vorbeifahren
gesehen. Heute wollte ich dort mal zum Ufer hinunter. Vielleicht den
Wäscherinnen zuschauen - oder was sonst noch so geboten wird.
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Unten am Flußufer angekommen, finde ich im üppigen
Tropenbusch einen Pana-Baum. Es ist der, der in der Bildmitte aus dem Dschungel
herausragt. Mein Kerala-Lieblingsbaum. Das ist nämlich beileibe nicht die
Kokospalme, von der das Land Kerala seinen Namen hat. Über den Pana könnte ich
Euch viel erzählen - auch ohne Botaniker zu sein. Aber das ist jetzt nicht das
Thema. Nur so viel: Es sind sehr hohe Bäume, die meist etliche Meter aus den
Kokoswäldern herausragen. Und sie sind selten geworden. Vielleicht, weil sie
nicht nur meine Lieblingsbäume sind, sondern auch die der indischen Elefanten.
Jedenfalls war dies hier der erste, den ich auf dieser Keralareise entdecke.
Und noch etwas fällt mir auf: Genau dort, wo jetzt gerade Ramesh steht, liegen
etliche abgerissene Zweige des Pana am Wegesrand. Ein untrügliches Zeichen, daß
hier ein Elefant gewesen ist! Denn die indischen Arbeits- und Tempelelfanten
essen fast hauptsächlich die Zweige und das Laub genau dieses Panna-Baumes. Und
weil die nicht überall wachsen, haben sie davon immer ein dickes Proviantpaket
dabei. Das haben wir ja eben bei der vorüberziehenden Elefantendame gesehen.
Das Laub am Boden war noch recht frisch, und meine Erfahrung sagt mir: Der
Elefant kommt gegen Abend wieder her. Hier auf dem Platz am Fluß ist ein
idealer Lagerplatz für einen Arbeitselefanten auf Wanderschaft.
Doch erst einmal habe ich hier am Ufer eine Begegnung mit einem besonders hübschen Kalb, das hier frei herumspaziert und bei meiner Ankunft herbeieilt, um mich zu beschnuppern. Aber dann kommt Action in die Szene ...
Plötzlich bestätigt sich nämlich meine Vermutung: Ich bin
auf einem Elefantenlagerplatz. Zu meinem Erstaunen ist es die gleiche Elefantenkuh, die wir vor gar nicht langer
Zeit auf der Nationalstraße überholt haben. Hier kommt sie mit ihrem Bündel
Pana-Äste den Weg zum Ufer herunter und versetzt unser Kalb in helle Aufregung.
Man sieht, daß das Jungtier sich nach
der Mutter sehnt und die Elefantendame schon ganz gern als Ersatz akzeptieren
würde - gleichzeitig hat das Kälbchen aber auch eine Heidenangst vor der
Elefantin. Amüsiert schaue ich zu, wie es die graue Riesin in aufgeregtem Schweinsgalopp umkreist, immer wieder näher
kommt - aber bei einem Schlenker des Rüssels wieder Reißaus nimmt. Auf dem Bild
unten rechts siehst Du, wie das Kalb sich von hinten heranpirscht. Sekunden
später hört man ein Klatschen, ein erschrecktes "Muh" und sieht das
Kalb davonstieben. Genau in dem Moment, als ich die Kamera in die andere Richtung
hielt, war das Kalb auf der Suche nach dem Euter zwischen die Hinterbeine der
Elefantendame geschlichen. Schlimm genug, daß da kein Euter war (Elefantinnen
haben ihre zwei Zitzen ja zwischen den Vorderbeinen) - der kleine Eindringling
bekam auch noch einen wohlgezielten Hieb mit dem Elefantenschwanz übergezogen!
Ein geniales Bild, das ich beinahe gefilmt hätte. Dumm gelaufen - ich habe
schon eine große Kiste voll Aufnahmen, die ich beinahe gemacht hätte. Na ja -
es gibt noch andere interessante Sachen zu beobachten....
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Zuerst einmal machen wir uns bekannt. Damit ich nahe an den
Elefanten heran darf, ist erst einmal Händeschütteln - bzw. Rüsselschütteln
Vorschrift. Leider sprechen die Mahouts kein Wort Englisch, und mit meinem
Malayalam ist es bei dieser Thematik auch nicht weit her. Ich weiß nur, daß
Elefant Aana heißt. Natürlich nur in Keralas Landessprache - im übrigen
Indien heißt der Elefant Hathi (Hindi). Aber das weißt Du ja aus dem
"Dschungelbuch"...
Immerhin finde ich trotz Sprachschwierigkeiten heraus, daß
die Elefantin Uma Devi heißt. Und daß sie mit ihren drei Begleitern zu
Fuß aus dem fast 85 km entfernten Tempelstädtchen Guruvayoor bis ins Hochland
der Nilgiriberge wandert. Dort wird das Team schon übermorgen in Vytiri zu Filmaufnahmen
erwartet. Hier in Koduvalli hat Uma Devi zwei Tage Pause gemacht, bevor sie
sich morgen früh auf den anstrengenden
Weg hinauf in die Berge macht. Dafür braucht es noch eine Menge
Elefantenproviant. Shivarajan, der Mahout klettert dafür wieder und wieder auf
den hohen Pana-Tree und schneidet ihn fast völlig kahl.
Die frisch geschnittenen Pana-Äste wirft Shivarajan auf
einen großen Haufen. Es werden so viele Äste, daß mir Zweifel kommen, ob Uma
Devi die alle tragen kann. Doch darin sollte ich mich getäuscht haben...
Ein kurzer, gutturaler Befehl genügt, und Uma Devis Rüssel
gleitet in den Haufen Gestrüpp. Blind ertastet sie Ast für Ast im dichten
Blattwerk und drückt das Bündel mehr und mehr zusammen - schließlich muß sie dazu sogar vorn auf die Knie, um mit
dem Rüssel das ganze Bündel zu umschlingen.
Doch dann richtet sie sich auf und hebt den halben Dschungel
einfach so hoch, und nicht ein Ast bleibt am Boden zurück - sie hat sie alle
erwischt ...
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... und dreht sich um und trägt das "Frühstücksbündel"
hinüber zu ihrem Lagerplatz. Da wird dann erst einmal ein kleiner Imbiß
genommen. Und ich sage Dir, ich habe schon eine Menge Elefanten beobachtet,
aber eine solche Geschicklichkeit habe ich noch nie gesehen ... blättere mal
weiter! Daß Elefanten beileibe nicht so
plump sind, wie sie auf den ersten Blick wirken, ist hinlänglich bekannt. Aber
wenn Du siehst, wie sich Uma Devi im geschickten Zusammenspiel von Rüssel und
Vorderfüßen die Äste entlaubt, in handliche Stücke zerbricht und diese dann
noch längs in mehrere Teile aufspleißt - dann kannst Du nur noch mit offenem
Mund staunen!
Allzulange darf Uma Devi allerdings jetzt nicht knabbern -
mit vollem Magen baden, ist bekanntlich ungesund. Ich habe aber nicht den
Eindruck, daß die Göttin* Uma ihrem Laubstapel ungern den Rücken kehrt. Als
Shivarajan vom Ufer her ruft, kommt sie bereitwillig sofort zum Wasser. Sie
freut sich auf das tägliche Bad. Und
das hat sie meiner Meinung auch nötig.
(* Devi bedeutet Göttin)
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Ich war der grauen Dame ja eben schon recht nahe gekommen.
Dabei durfte ich wieder einmal feststellen, daß die Entwicklung eines
24-Stunden-Deodorants für indische Elefanten durchaus ein lohnenswertes Projekt
sein könnte. Denn nicht nur Uma Devis Geschicklichkeit war atemberaubend...
Gerade als Mahout Shivarajan mich fröhlich aufforderte, ins Wasser zu kommen,
produziert Uma mit vollem Rüssel eine Fontäne - ich bleibe mit der
empfindlichen Kamera wohl doch besser
an Land. Uma Devi hat den Grund an dieser seichten Stelle mit den Füßen
sorgfältig nach spitzen Gegenständen abgetastet, bevor sie sich ganz langsam
hinsetzt. Während der afrikanische Elefant sogar im Stehen schläft, ist der asiatische in der Lage,
sich hinzusetzen und sogar hinzulegen. Diese Mahouts haben übrigens ein sehr
zärtliches Verhältnis zu ihrem Tier. Die Gerte benutzen sie nicht zum Schlagen,
wie ich das in Nordindien öfter gesehen habe. Hier lenkt der Mahout das Tier
mit sanften Berührungen des Stocks. Erst einmal vorweichen: Von allen Seiten
wird der Elefant im Vorwaschgang gleichmäßig naßgespritzt. Doch das reicht Uma Devi nicht. Aus der
sitzenden Position heraus geht sie ganz langsam und vorsichtig auch vorn in die Knie und beginnt sich hinzulegen.
Dieser Vorgang mutet wirklich an wie eine Zeitlupenaufnahme. Es dauert
mindestens eine Minute, bis der
Dickhäuter auf der Seite im Flußbett liegt. Daß der Begriff
"Dickhäuter" irreführend ist, ist hier genau der Punkt: Die
Elefantenhaut ist in Wirklichkeit höchst empfindsam, und Uma Devi will auf
keinen Fall von irgendwelchen spitzen Ästen oder Steinen im trüben Wasser
verletzt werden. Trickreich: Damit die liegende Elefantin den Kopf nicht aus
dem Wasser hebt, legt Shivarajan ihr
seine Gerte und den traditionellen Ankus lose auf den Rüsselansatz. Uma Devi
weiß, daß diese Werkzeuge nicht
herunterfallen dürfen - und so verharrt sie brav in dieser Stellung. Schade,
daß der messingbeschlagene Ankus hier verkehrt herum auf dem Rüssel liegt. Gern hätte ich Dir die beiden verzierten
Spitzen am anderen Ende gezeigt. Wieder ein Bild, das ich beinahe gemacht hätte
;-)
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Die Jungs aus der nahegelegenen Schule stehen neugierig
Spalier. Aber es ist nicht das alltägliche Bild des badenden Elefanten, sondern
meine Anwesenheit, die immer mehr neugierige Boys herbeilockt. Die meisten
tragen die weiße Baumwollkappe der Muslime (habe den Namen dieser Mütze schon
wieder vergessen...) oder zumindest ein
weißes Kopftuch. Koduvalli ist eine überwiegend muslimische Gemeinde.
Shivarajan ist mit seinem Elefanten sicherlich auch wegen
seiner tollen Ausstrahlung von diesem Regisseur aus Mumbai erwählt worden. Die
Film-Crew, die oben in den Bergen auf ihn und Uma Devi wartet, hatte immerhin
in Guruvayoor die Auswahl unter über 40 Tempelelefanten. Guruvayoor (oder Guruvayur) liegt
südlich von Calicut in der Küstenregion Thrissur. Der dortige Tempel ist der
berühmteste Wallfahrtstempel Keralas - architektonisch allerdings für Touristen
weniger attraktiv. Reiche Inder betrachten es als glückbringend, einem Tempel
einen Elefanten zu kaufen - aber das ist nicht so einfach. Die meisten Tempel
können sich die Unterhaltskosten für einen Elefanten nicht leisten und lehnen
die Gabe ab. So hat der Guruvayoor-Tempel in den vergangenen Jahrzehnten als
einziger gestiftete Elefanten angenommen. Es ist ein reicher Tempel, der ja das
notwendige Personal und die Unterbringungsmöglichkeiten bereits hatte.
Allerdings haben nun auch die Brahmanen von Guruvayoor die Bremse angezogen.
Wer heutzutage einen Elefanten stiften möchte, muß auch gleich für die
Unterhaltskosten in Vorlage treten. Das wurde notwendig, weil mehr und mehr
Elefanten kamen, die zur Waldarbeit zu alt geworden waren oder wegen falscher
Behandlung Verhaltensstörungen zeigten. Das "Elefanten-Altersheim" in
Guruvayouur darf man nur in Ausnahmefällen und strikt ohne Kamera besichtigen.
Bedauernswerte Kreaturen fristen dort in schweren Ketten ihr Dasein. Als ich
vor Jahren dort war und heimlich gefilmt habe, waren die Elefanten in der prallen
Sonne angekettet, und man sah an den Ringen und Ösen, daß sie auch nie
losgemacht wurden. Bis zu 80 Jahre alt war der älteste Bulle. Bei vielen
anderen Tieren, die in schwerem Hospitalismus hin und her schaukelten, verboten
die Aufseher die Annäherung. Trotz der Ketten waren die Tiere für Fremde
anscheinend trotzdem gefährlich.
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Das Alter eines indischen Elefanten kann man mit einiger
Erfahrung an den rosa Pigmentflecken an Rüssel und Ohren abschätzen. Uma Devi habe
ich auf ca. 35 Jahre geschätzt - aber Shivarajan sagt, sie sei 32 Jahre. Er sei
von Kind an mit ihr zusammen. Wer war das Kind damals, überlege ich. Die
Elefantin oder er? Aber ich bekomme trotz der Sprachschwierigkeiten heraus, daß
der Mahout erst 41 Jahre alt ist. Der Bart macht ihn älter, findest Du nicht?
Diese Männer schrubben ihren Elefanten nicht ordentlich,
denke ich im stillen. Ich habe schon oft beim Elefantenbad zugeschaut, und
immer werden die fasrigen Schalen der Kokosnuß als Bürste benutzt. Uma Devi
hingegen wird nur naßgespritzt und mit der flachen Hand abgerieben. Das aber
dauert immerhin eine halbe Stunde.
Während der ganzen Zeit achtet Uma Devi darauf, daß der lose auf dem Rüssel
liegende Ankus nicht ins Wasser rutscht. Sie bleibt mit dem Kopf unter Wasser
und hebt nur ab und zu zum Atmen die Rüsselspitze heraus.
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Aber kaum nimmt der Futtermeister Ankus und Gerte vom
Rüssel, merkt man, daß Uma jetzt auch
genug hat - sofort kommt sie hoch und setzt sich hin.
Kannst Du 20 Liter Wasser in Deine Nase saugen und
anschließend über Deinen Rücken blasen? Zumindest könntest Du beim Versuch
ebensowenig riechen wie Uma - die hat nämlich noch nicht gemerkt, daß Ramesh
gerade pünktlich zum Ende der Badezeremonie aus dem Dorf zurück kommt. Ich habe
ihn losgeschickt, um für Uma Devi eine Leckerei zu kaufen, die sie noch lieber
mag als das Laub des Pana-Baumes ...
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Bananenopfer für die Göttin - ausgerechnet die leckersten
Bananen der Welt hat Ramesh gekauft. Statt der köstlichen kleinen Apfelbananen
hätte ich mir für den Elefanten lieber die großen gewünscht. Eine ganze Staude
hat der Fahrer gekauft - für Uma Devi sicherlich nur ein winziger Snack. Mit
dem rasiermesserscharfen Katthi* aus
seinem Bauchgurt hilft Shivarajan mir, die Bananenstaude in handliche - äh -
rüsslige 5er-Büschel zu zerschneiden. Die nimmt Uma mir eines nach dem anderen
aus der Hand und verschlingt sie mit Schale und Stiel. (* Katthi ist der kleine trad. Keraladolch
der Nairs)
Zum Abschied habe ich Shivarajan noch einen Hunderter für die "Futterkasse" geben wollen - und er hat das Geld stolz zurückgewiesen. Das wiederum machte auch mich stolz - zeigte es doch, daß er mich nach dieser Begegnung mit der zugegebenermaßen rudimentären Verständigung als Freund ansah. Vergessen war der Tourist, dem er bei der ersten Begegnung oben auf der NH 212 gegen Bakschisch angeboten hatte, den Elefanten zu berühren. Ich glaube, das ist meine berührendste Erinnerung an dieses Elefantentreffen.
Diese und weitere Bilder als Vergrößerung mit den
Tagebuchtexten
findest Du in der neuen Fotogalerie "UMA DEVI - die graue Göttin"
Auszug aus dem Buch “Indien – zwischen Mythos und Moderne”
(Fortsetzung des Artikels „Ganesh – Indiens populärste Gottesfigur“
im Kapitel Ganesh & Konsorten)
Zu meinem eigenen Säkularismus gelangte ich durch meine Herkunft aus Kerala. Meine Eltern waren beide in Kerala von Malayali‑Eltern geboren, die Malayalam sprachen ‑ die einzige Sprache auf der Welt, die im Englischen (und im Deutschen) mit einem Palindrom benannt wird, die Sprache jenes bemerkenswerten kleinen Staates in Südwestindien. Nicht‑Malayalis, die Kerala kennen, denken zuerst an seine märchenhafte Küstenlandschaft, die mit makellosen Stränden und baumreichen Lagunen gesäumt ist (und wo man heute die etwas anspruchsvolleren von den beklagenswert wenigen ausländischen Touristen antrifft). Meine Eltern stammten jedoch aus dem Landesinneren, dem Reisanbaugebiet Palghat, eingelassen in die. große Lücke nahe der als Western Ghats bekannten Bergkette, die wie ein Hilfsrückgrat der westlichen Seite der Halbinsel entlang verläuft. Palghat ‑ oder Palakkad, wie es gemäß der Aussprache des Malayalam heißt ‑ war im Unterschied zum Großteil des übrigen Kerala (das von außergewöhnlich aufgeklärten Maharajas regiert wurde), von den Briten kolonisiert worden, was zur Folge hatte, daß mein Vater seinen Nationalismus an einem Ort namens Victoria College entdeckte. Die Stadt Palghat selbst ist unauffällig, ja sogar unattraktiv; sie liegt jedoch überaus schön, und meine Eltern lebten beide in Dörfern, die eine Stunde von der Distrikthauptstadt entfernt waren, und in Familien, deren Haupteinnahmequelle die Landwirtschaft war.
Es kommt zwar nicht oft vor, daß ein vergleichender Hinweis auf die USA auch nur entfernt einem indischen Beispiel angemessen erscheint, aber eine neuere Untersuchung hat einige erstaunliche Parallelen zwischen den USA und dem Bundesstaat Kerala ergeben. Die Lebenserwartung eines amerikanischen Mannes beträgt zweiundsiebzig Jahre, die eines Keralaners siebzig Jahre. Der Alphabetisierungsgrad ist in den USA 95 Prozent, in Kerala 99 Prozent. Die Geburtenrate in den USA ist 16 auf tausend, in Kerala 18, doch sie fällt rascher. Der Hauptunterschied liegt darin, daß das jährliche Pro‑Kopf‑Einkommen in Kerala zwischen 300 und 5oo Dollar liegt, in den USA bei 225oo, d.h. etwa das siebzigfache ausmacht. Kurz gesagt, Kerala besitzt alle demographischen Indikatoren, die man gewöhnlich mit „entwickelten“ Ländern in Verbindung bringt ‑ zu einem winzigen Bruchteil der Kosten.
Die demographischen Eigenschaften Keralas sind einmalig. Es hat die höchste Bevölkerungsdichte aller indischen Bundesstaaten. Die Frauen sind gegenüber den Männern in der Überzahl (auf 1ooo Männer kommen 1o4o Frauen) und der Alphabetisierungsgrad ist höher als in den USA, einschließlich zweier Distrikte, wo jeder über sechsjährige Einwohner alphabetisiert ist. Die arbeitenden Männer und Frauen verfügen über mehr Rechte und haben ein höheres Minimaleinkommen als überall sonst in Indien. Kerala war der erste Ort auf der Welt. wo auf demokratischem Weg eine kommunistische Regierung gewählt, ihres Amtes enthoben und wiedergewählt wurde. Als das politische System Italiens die Entstehung einer kommunistischen Partei erlebte, die bereit war, die Spielregeln der liberalen Demokratie zu befolgen, sprach die Welt von Euro‑Kommunismus, doch Kerala hatte‑ schon sehr viel früher einen Indien-Kommunismus erreicht und die Partei der proletarischen Revolution dem Ethos des politischen Pluralismus untergeordnet. Die Malayali haben ein sehr ausgeprägtes politisches Bewußtsein. Malayalis erreichen in Indien auf jedem Gebiet hohe Ränge: in ihren Reihen gibt es viele hohe Staatsbeamte, bedeutende Verleger, innovative Schriftsteller und mit Preisen ausgezeichnete Filmregisseure.
Noch bedeutsamer ist, daß Kerala ein Mikrokosmos jeder im Lande bekannten Religion ist. Seine Bevölkerung ist beinahe zu gleichen Teilen in Christen, Muslime, Kasten‑Hindus und registrierte Kasten (die früheren Unberührbaren) eingeteilt, wobei jede Gruppe wirtschaftliche und politische Macht besitzt. Die Christen von Kerala gehören der ältesten christlichen Gemeinschaft der Welt außerhalb Palästinas an. Bekehrt wurden sie vom Heiligen Thomas. Der Islam kam nicht durch das Schwert nach Kerala, wie anderswo in Indien, sondern durch Händler, Reisende und Missionare. Die den babylonischen Angriffen und der römischen Verfolgung entflohenen Juden fanden in Kerala Zuflucht und Aufnahme. Keralas Ausgestoßene [outcasts; Entrechtete] ‑ eine Gruppe unter ihnen, die Parias, lieferten der englischen Sprache einen Terminus für ihre kollektive Lage ‑ litten zwar unter einer Diskriminierung, die in jeder Hinsicht ebenso bösartig und ungerecht war wie überall sonst in Indien, bewältigten ihr Elend jedoch weit erfolgreicher als ihre Landsleute anderswo. Eine Verbindung von Aufklärung durch vorausdenkende Maharajas. fortschrittlichen Reformbewegungen innerhalb der Hindu‑Tradition (besonders des vortrefflichen Ezhava‑Angehörigen Sree Narayana Guru) und von Veränderungen durch eine ganze Reihe von der Linken dominierter Legislaturperioden seit der Unabhängigkeit, haben den registrierten Kasten in Kerala einen Platz in der Gesellschaft verschafft, der anderen Dalit (den früheren Unberührbaren) in ganz Indien sonst immer noch verwehrt wird.
Keralas Geheimnis liegt zum Teil in seiner Offenheit für äußere Einflüsse ‑ arabische, römische, chinesische und britische; islamische, christliche und marxistische ‑, die in die Entstehung des Malayali‑Völkes eingegangen sind. Vor über zweitausend Jahren hatten die Keralaner Beziehungen nicht nur zu anderen Teilen Indiens, sondern auch zur arabischen Welt, zu den Phöniziern und zum Römischen Kaiserreich. Seit diesen Tagen haben die Malayali eine offene und gastfreundliche Einstellung zur übrigen Welt. Als der Heilige lhomas das Christentum nach Kerala brachte (lange bevor es Europa erreichte), bekehrte er Angehörige der adligen Elite.5 Nach den ersten jüdischen Flüchtlingen aus Babylon sechshundert Jahre vor Christus fanden auch die der römischen Verfolgung entflohenen Juden im Jahre 68 v. Chr. Zuflucht in Cranganore und bildeten dort eine blühende Gemeinde, bis i5oo Jahre später Europäer (die Portugiesen) nach Kerala kamen und sie erneut verfolgten, worauf sie in einer anderen Stadt Keralas, nämlich in Cochin, eine neue Zuflucht fanden. Was den Islam angeht, so wurde er nicht nur friedlich aufgenommen, sondern auf eine Weise gefördert, für die es in der nicht‑islamischen Weit keine Parallelen gibt: beispielsweise bittet der allmächtige Samorin von Kalicut jede Fischerfamilie in seinem Herrschaftsbereich, einen Sohn als Muslim großzuziehen, damit er in seiner von Muslimen geführten Kriegsflotte dienen könne. Vermutlich war es ein Malayali‑Seefahrer ‑ einer von vielen, die regelmäßig das Arabische Meer zwischen Kerala und Ostafrika überquerten ‑, der den portugiesischen Forscher und Händler Vasco da Gama 1496 nach Calicut lotste. (Wie üblich wurde er vom Samorin willkommen geheißen, aber als er Flitterwerk als Wertsachen ausgeben wollte, wurde er eine Zeitlang ins Gefängnis geworfen. Die Malayali sind offen und verzeihen auch einen Fehler, lassen sich aber nicht so leicht übers Ohr hauen.)
Die Malayali wiederum schenkten der Welt ihren fragenden Geist. Der große Advaita‑Philosoph Shankaracharya war ein Malayali, der Indien im g. Jahrhundert von Ost nach West und von Nord nach Süd zu Fuß durchwanderte und das Fundament für einen reformierten und erneuerten Hinduismus legte. Noch heute gibt es im Himalaya einen Tempel, dessen Priester Nambodiris aus Kerala sind. Im 5. Jh. n. Chr. folgerte der Malayali-Astronom Aryabhatta ‑ tausend Jahre vor seinen europäischen Nachfolgern, daß die Erde rund sei und sich um ihre eigene Achse drehe; außerdem berechnete er als erster die Zahl Pi. Allerdings würde eine bloße Aufzählung von Namen ‑ man könnte in der gesamten Geschichte hindurch große Künstler, Musiker und Dichter, aufgeklärte Könige und gebildete Weise anführen ‑ die Sache verfehlen. Kerala übernahm von anderen alles, von römischen Häfen bis zu chinesischen Fischernetzen und schenkte dem übrigen Indien alles, von der Kriegskunst und dem System des klassischen Tanzes bis zu den Fertigkeiten seiner hart arbeitenden Handwerker.
Die Keralaner hatten keine Hemmungen zu reisen: Einem alten Witz zufolge schwärmten so viele Stenotypisten nach Bombay, Kalkutta und Delhi zur Arbeit aus, daß „Remington“ zur Bezeichnung einer neuen Malayali‑Unterkaste wurde. Spaßvögel in der Hauptstadt behaupteten, man könne keinen Stein in das staatliche Zentralsekretariat werfen, ohne einen Bürokraten aus Kerala zu verletzen. In der keralanischen Tradition gab es auch kein Verbot, ins Ausland aufzubrechen; es gab nicht wie in einigen Teilen des nördlichen Indien den rituellen moralischen Vorwurf, „das finstere Gewässer überquert zu haben“. Kein Zufall also, daß die Keralaner die ersten und zahlreichsten waren, die im Anschluß an die Ölkrise der achtziger Jahre den Beschäftigungsboom in den Ländern am Arabischen Golf ausnützten. Die größte ethnische Gruppe im Scheichtum von Bahrain, hieß es, seien nicht die Einwohner von Bahrain, sondern die Einwanderer aus Kerala. Die Bereitschaft der Keralaner, überall hinzugehen und jede Arbeit zu übernehmen, ist nach wie vor sprichwörtlich. Als 1969 Neil Armstrong auf dem Mond landete, kursierte der Witz, daß er auf dem Mond einen Malayali entdeckte, der schon vorher eingetroffen war und ihm dort Tee anbot.
Dies alles spricht für ein seltenes und kostbares Erbe, das die Erbschaft aller Malayali ist ‑ eine Erbschaft der Offenheit und Vielfalt, des Pluralismus und der Toleranz, von großen Ambitionen und sehr verschiedenartigen, aber beträchtlichen Leistungen Malayali zu sein bedeutet auch, auf die reiche Tradition der Literatur, des Tanzes, der Musik, der religiösen Vielfalt, des politischen Mutes und der intellektuellen Aufklärung zurückgreifen zu können. Aus diesem Hintergrund beziehen die Keralaner ihren Stolz auf ihre kollektive Identität als Malayali.
Kerala verkörpert somit das „Malayali‑Wunder“: ein Staat, der seit unvordenklichen Zeiten Offenheit und Toleranz verkörpert, der die religiöse und ethnische Vielfalt zu einem Bestandteil des Alltagslebens gemacht hat und nicht zu einer Ursache der Spaltung; ein Staat, der die Kastendiskriminierung und Klassenunterdrückung durch Ausbildung, Landreformen und politische Demokratie überwunden hat; der seine Frauen ehrt und ihnen ermöglicht, ein produktives, erfülltes und auf eigenen Rechten beruhendes Leben zu führen. Freilich haben nicht alle gleiches Lob für das „Kerala‑Modell“ übrig: Ökonomen weisen darauf hin, daß es eher zu viel Gewicht auf die Rechte der Arbeiter und auf die Einkommensverteilung lege und zu wenig auf die Produktion, die Leistungsfähigkeit und den Produktionsertrag. Die Resultate sind jedoch wahrhaft bemerkenswert: als Keralaner und Inder sehe ich den Tag kommen, an dem Kerala in den Geschichten über die Entwicklung Indiens nicht mehr die Ausnahme sein wird, sondern der Bahnbrecher.
Da ich meine Herkunft aus Kerala nun einmal offengelegt habe, muß ich mich einer kleinen Abschweifung hingeben. Obwohl ich Malayali und Schriftsteller bin, erhebe ich keinen Anspruch darauf, als Malayali‑Schriftsteller zu gelten. Obwohl ich einige Erzählsequenzen in Kerala angesiedelt habe und in meinen Erzählungen verschiedene Menons auftauchen lasse, hätte ich mein Buch nicht in Malayalam schreiben können, weil ich meine eigene Muttersprache nicht schreiben kann.
Dennoch neige ich nicht dazu, wegen meinem keralanischen Erbe in die Defensive gehen, auch wenn es etwas Unangemessenes hat, wenn ein Ausgewanderter Kerala aus der Ferne preist und das Malayali‑Erbe auf Englisch lobt. In meinem Malayali‑Sein fühle ich mich herausgefordert, seit ich dafür eine ungewöhnliche Unterstützung fand; ungewöhnlich deshalb, weil sie unbeabsichtigt war. Sie fiel mir zu, als ich in Singapur lebte und arbeitete. Ein führendes Mitglied der dort ansässigen Gemeinschaft von Malayali‑Auswanderern, ein bekannter Arzt, begegnete mir zufällig eines Abends und erwähnte, daß er vor kurzem eine meiner Kurzgeschichten in der Illustrated Weekly of India gelesen habe. Da ich noch jung war und sehr stolz auf die Geschichte, die den Titel trug: „Der Tod eines Schullehrers“, tat ich etwas, das kein Autor jemals tun sollte. Ich fragte ihn, wie sie ihm gefallen habe. Er war nicht gerade überschwänglich in seiner Reaktion: „0h, sie war ganz in Ordnung“, sagte er widerwillig, „aber offenbar haben Sie einfach die Geschichte ihrer eigenen Erziehung in Kerala aufgeschrieben ‑ da war nicht viel Fiktion drin.“
An dieser Stelle wurden wir unterbrochen. Ich konnte jedoch sehen, daß er völlig verblüfft war über meine Freude, als ich diese alles andere als schmeichelhaften Worte vernahm. Da ich k urz darauf abgeholt wurde, fand. ich nie die Gelegenheit zu erklären, warum seine milde Kritik mich so gefreut hatte, als ob es das großzügigste Lob gewesen wäre. Der Grund war einfach: Ich war gar nicht in Kerala erzogen worden. Geboren in London, aufgewachsen in Bombay, ging ich zur Highschool in Kalkutta, besuchte ein College in Delhi und erhielt meinen Doktortitel in den USA. Meine Kurzgeschichte war reine Fiktion. Die Reaktion des Arztes deutete jedoch an, daß es mir gelungen war, das dörfliche Kerala für ihn auf eine hinreichend überzeugende Weise heraufzubeschwören, daß er es für authentisch hielt ‑ ein Kerala, das er weitaus besser kannte als ich.
Ich war ein Stadtkind und meine einzige Erfahrung mit dem dörflichen Kerala hatte ich als ein anfänglich widerstrebender Ferientourist während der alljährlichen Besuchsreise meiner Eltern nach Hause gemacht. Für viele Malayali‑Kinder, die nicht in Kerala leben und eine solche Reise machen, gab es an der erzwungenen Wiederentdeckung ihrer Herkunft oft wenig Erfreuliches, und viele hielten dies auch eher für einen Zwang als für ein Vergnügen. Kerala war für viele eine Welt der persönlichen Unannehmlichkeiten und der Moskitostiche. Mit zehn Jahren erklärte ich meinem Vater, diese alljährliche Wanderung in den Süden sei doch eigentlich nur etwas für Vögel. Als ich älter wurde, begann ich jedoch den Zauber Keralas zu schätzen: die außergewöhnliche natürliche Schönheit des Landes, seine Lagunen, seine Wälder, seine Strände und das abgestufte Grün der Reisfelder, mit den wiegenden Palmen in der sanften Brise, die überall in Kerala weht. Als einem Malayali ist mir diese Schönheit in die Seele eingepflanzt; doch die Kerala-Erfahrung umfaßt noch weit mehr. Zu meinen Lebzeiten habe ich in der Gesellschaft Keralas erstaunliche Wandlungen gesehen: Landreform, kostenlose allgemeine Schulbildung und dramatische Veränderungen in den Kastenbeziehungen. Allerdings hatte ich dies alles als Außenseiter gesehen.
Wenn ich in Singapur, London, Genf und in den USA ausgewanderte Inder trat lernte ich einiges von der unglücklichen Situation des Malayali kennen. Indische Malayali außerhalb Keralas haben alle dasselbe Problem: in einer Gesellschaft zu leben, die nicht ganz ihre eigene ist. Die modernen Kommunikationsmittel und die Reisen mit dem Düsenflugzeug haben unsere Situation im Vergleich zu früher sowohl erleichtert als auch erschwert. Es ist leichter geworden, weil wir unsere Kontakte mit der Heimat, mit dem Dorf und mit der Familie einfacher erneuern können. Schwieriger ist es geworden, weil gerade dieser verlockende Zugang den quälenden Konflikt zwischen der Anpassung an die Umwelt (wo wir auch immer hingeraten sind) und der Treue zu unserem kulturellen Erbe noch erschwert ‑eine Treue, die mit jeder weiteren, im Exil geborenen Generation schwindet.
Wir sind uns zum größten Teil unseres kulturellen Malayali-Erbes bewußt ‑ manche würden sagen, wir sind außergewöhnlich stolz darauf Da wir jedoch von seiner Primärquelle abgeschnitten sind, der Quelle der alltäglichen kulturellen Selbstregenerierung, müssen wir unsere eigenen Identitäten entwickeln, indem wir von unserem Erbe bewahren, was wir bewahren können, und mit den anderen verschmelzen, die um uns herum leben, seien es die Amerikaner in Queens oder ein all‑indisches Potpourri in Delhi. Da wir außerhalb Keralas aufwachsen, wissen wir, daß wir nicht die Malayali sind, die wir hätten sein können, wenn unsere Eltern Kerala nie verlassen hätten. Das Erntefest Onam wird nur insoweit ein Teil unserer Kultur, wie es jeder andere Feiertag wird, und es wird uns dementsprechend leicht fallen, einem jüngeren Verwandten ein Weihnachtsgeschenk als Vishukkaineettam [Neujahrsgeschenk] zu überreichen. Mit jeder nachfolgenden Generation wird es schlimmer. Der eigene Vater mag sich zwar als indischer Malayali außerhalb Keralas selbst für einen Malayali halten, aber solange er nicht in seinem Heimatstaat lebt, bleibt er draußen und schaut hinein. Wir, seine Nachkommen ‑ Malayali ohne unsere Zeitungen Mathrubhumi oder Manorama, die wir den OttamthulIal‑Volkstanz nicht verstehen und noch nie von dem großen Dichter Kumaran Asan gehört haben, sind, wenn wir nach Kerala kommen, Ausländer im eigenen Land.
Ich bin ein solcher Malayali ‑ und in den Städten ganz Indiens und auf der ganzen Welt wachsen noch Tausende mehr so auf wie wir. Schon unsere Namen sind für Kerala widersinnig. In meinem Fall ist der veetu‑peru meines Vaters (Hausname, der Name der Familie, der von seiner Mutter und ihren weiblichen Vorfahren gemäß der matrilinearen Tradition der Nair weitergegeben wird) in einen Zunamen umgewandelt worden. Wir sprechen zu Hause ein Pidgin‑Malayalam, von dem bis auf das elementare Haushaltsvokabular alles abgelegt wurde, wir können die Sprache weder vernünftig sprechen noch schreiben. Während der Schulferien in Kerala versuchte ich mir selbst die Schrift beizubringen, gab jedoch bei den Koottaksharams (den verbundenen Buchstaben) auf und kann deshalb nur 80 Prozent der Buchstaben und noch viel weniger von den Wörtern erkennen. (Als ein indischer Botschafter in Singapur mich diskret über seine bevorstehende Ersetzung durch einen Politiker aus Kerala informieren wollte, überreichte er mir einen Zeitungsausschnitt aus einer in Malayalam gedruckten Zeitung und war verblüfft über meine Verlegenheit, weil ich die Nachricht nicht verstehen konnte.) Unsere Eltern halten es für wichtiger, daß wir das Englische beherrschen und mit einer der wichtigen Zweitsprachen gut zurechtkommen, sei es Hindi oder eine der „regionalen“ Sprachen (Bengali in Kalkutta, vielleicht Spanisch in New York). Deshalb wird auch kein Versuch unternommen, uns die eigene Muttersprache nahe zu bringen. Zwar gibt es zu Hause Bücher und Zeitschriften in Malayalam, doch für uns sind sie wie verlorene Überreste einer unzulänglich vorangekommenen Vergangenheit, und sie werden von der jüngeren Generation ignoriert, die mit neugierigem Eifer auf die Taschenbücher,* Comic‑Heftchen und Lehrbücher der ungeduldigen, verwestlichten Zukunft blicken.
Selbst die für Kerala sprichwörtliche Liberalität und Anpassungsfähigkeit ‑ so große Vorzüge, wenn es darum geht, die Auswanderung der Malayali und die Einbürgerung überall auf der Welt zu erleichtern ‑ können dazu beitragen, die Bande, die die Nicht‑Keralaner mit ihrer kulturellen Herkunft verknüpfen, zu lockern, wenn nicht gar zu durchschneiden. Ich erinnere mich an ein triviales Ereignis während meiner Schultheaterzeit an der Campion School in Bombay, die mir diesen Punkt deutlich machte. Ich war damals zehn und vertrat die sechste Klasse in einem alle Klassen einbeziehenden Theaterereignis, wo im Sketch der achten Klasse Chintu (Rishi) Kapoor auftrat, der jüngere Sohn des Idols der Nachmittagsaufführungen und Produzenten Raj Kapoor, der später selbst ein erfolgreicher Herzensbrecher auf der Leinwand werden sollte. Ich hatte gespielt, ein humorvolles Gedicht aufgesagt und für die Anstrengungen meiner Klasse einen großzügigen Applaus herausgeholt. Der jüngere Kapoor war entweder bestrickt oder verwirrt, denn am nächsten Tag kam er in der Schule auf mich zu.
„Tharoor“, fragte er mich auf dem Treppenabsatz neben der Toilette, „zu welcher Kaste gehörst du?“
Ich blinzelte nervös. „Ich ‑ ich weiß nicht“, stammelte ich. Mein Vater, der seinen Kastennamen aus nationalistischen Gründen während seiner Schulzeit am Victoria College abgelegt hatte und bei anderen nie die Religion erwähnte, geschweige denn die Kaste, hatte sich einfach nicht darum gekümmert, mich über diese Dinge aufzuklären.
„Du weißt es nicht?“, fragte der Sohn des Schauspielers erstaunt. „Was meinst du damit, du weißt es nicht? Jeder kennt doch seine Kaste.“
Beschämt gestand ich ein, daß ich es nicht wußte.
„Du meinst, du bist kein Brahmane oder so was?“
Ich, konnte nicht mal bekennen, ob ich überhaupt etwas war. Chintu Kapoor sprach mich nie mehr an. An jenem Tag kam ich jedoch nach Hause und forderte von meinen Eltern, deren eklektische Liberalität mich in einer solchen Unwissenheit gelassen hatte, eine Erklärung. Sie sprachen in einer vereinfachten Form über die Nairs. So verdanke ich Chintu Kapoor, dem künftigen Filmhelden, die erste Lektion über meine genealogische Vergangenheit.
Das war nicht einmal untypisch, weil die Keralaner gerne die Chamäleons Indiens spielen und sich den Umständen anpassen, unter denen sie leben. Selbst als wir in Indien aufwuchsen, war unsere Musik vielmehr das eklektische Gemisch aller kosmopolitischen Wohnräume ‑ von Madonna bis Mozart ‑ als die fünfzehn Minuten „Vividh Barathi“ im All‑India Radio, die sich meine Mutter eifrig anhörte. Auch wenn wir uns dem „indischen Pop“ zuwenden, so hat unser filmisches Kleinbürgertum die Bollywood‑Stimme von Lata Mangeshkar, nicht die Kerala‑Stimme von P. Susheela, und der nationale Superstar Amitabh Bachchan bedeutet uns mehr als die Filmlegende Mammooty aus Kerala. Wir essen zu Hause vielleicht idlis, wenn wir Glück haben, doch die meisten unserer Speisen wären in Kerala unbekannt und unserer Kleidung fehlt zum größten Teil das weiße Hüfttuch, der mundus, der zur üblichen Kleidung des männlichen Keralaners gehört. Unterdessen wird Kerala zu einem fernen Ort, zu dem seit langem verlassenen Heimatland der Vorfahren, das wir zwar mit der Familie in Verbindung bringen, nicht aber mit unseren Freunden und Bekannten; zu einem Museum der Erinnerungen anderer. Unsere Besuchsreisen an den Ort, den unsere Eltern nach wie vor als „Heimat“ bezeichnen, werden immer mehr zu den Touristenausflügen, mit dem Zweck, Abstand zu sich selbst zu gewinnen. „Heimat“ ist schließlich der Ort, wo unsere Eltern sind, und nicht dort, wo ihre Eltern waren.
Es fällt nur zu leicht, dieser Auffassung zu verfallen. Meine Eltern sind beide in Kleinstädten geboren worden, die kaum über den Status eines Dorfes hinausgelangt waren, doch da ich dieganze Zeit in Betonmetropolen gelebt hatte, konnte ich die Erfahrung ihres Aufwachsens nur aus zweiter Hand nachvollziehen. Als ich bei unseren alljährlichen Besuchen nach Kerala die anfängliche kindische Verachtung des Stadtbewohners für das Dorfleben überwand und wirklich zu verstehen und dazuzugehören versuchte, stieß ich gerade bei meinen Verwandten in Kerala auf höchst unerwarteten Widerstand. Nicht nur, daß die Vettern meine Welt als der ihren weit entfernt ansahen; noch schlimmer war, daß sie sich in einer merkwürdigen Form von umgekehrter Eitelkeit an meiner Andersartigkeit zu ihnen ergötzten. „Er spricht kein Malayalam, nur Englisch“, pflegten sie sich vor ihren Nachbarn zu brüsten, noch bevor ich einen verlegenen (und grammatikalisch sicher nicht korrekten) Einwand in Bombay‑Malayalam äußern konnte.
Was bedeutet es also für einen außerhalb Keralas lebenden Malayali wie mich, Anspruch auf mein Malayali‑Erbe zu erheben? In mancher Hinsicht hängt mein Gefühl, Malayali zu sein, mit meinem Gefühl zusammen, Inder zu sein. Ich kann vielleicht nicht aus dem Vallathol zitieren oder den wirbelnden Tanz des dörflichen vellichapad verstehen, doch was meine Kerala‑Herkunft mir mitgegeben hat, ist ein Gefühl für die endlose Vielfalt der Menschen und die entscheidende Notwendigkeit, sich offen für sie einzusetzen. Die indische Identität, die ich wiederum an meine Halb‑Malayali‑Söhne weitergeben will, legt mir deshalb keinen Anpassungszwang auf. Sie preist die Vielfalt: wenn Amerika ein Schmelztiegel ist, dann ist Indien, ähnlich wie Kerala, ein thali ‑ eine Auswahl von üppigen Gerichten in verschiedenen Schüsseln. Jedes schmeckt anders und verträgt sich nicht unbedingt mit dem danebenstehenden, doch sie gehören zusammen auf einen Teller und sie ergänzen einander, um das Essen zu einer befriedigenden Mahlzeit zu machen. Wichtig dabei ist, daß Mathai und Mohammedkutty und Mohanan nach wie vor dieselben Lieder zusammen singen und miteinander dieselben Träume träumen, vorzugsweise in Malayalam.
Es mag paradox erscheinen, daß ich die Vision eines pluralistischen Indien befürworte, zugleich aber ein Loblied auf einen einzelnen indischen Staat singe. Der Widerspruch ist jedoch nur scheinbar. Wissenschaftliche Betrachter des Nationalismus, in jüngster Zeit besonders Michael Ignatieff, neigen zu der Vermutung, daß Gruppenidentitäten Konflikte fördern und daß das einzige Lösemittel für die Intoleranz und den Haß konkurrierender Chauvinismen darin liegt, die Identifizierung mit der Gruppe durch einen rücksichtslosen Individualismus zu ersetzen. Als Keralaner und Inder habe ich mit dieser Ansicht die größten Schwierigkeiten, auch wenn in meiner Achtung vor individuellen Rechten und in der Behauptung meiner eigenen Individualität gegenüber niemandem nachgebe. Die Kerala‑Erfahrung gibt mir den Hinweis, daß das beste Gegenmittel zum ungesunden Gruppendenken das gesunde Gruppendenken ist. Wenn man die Inder davon abhalten will, daß sie sich selbst in erster Linie als miteinander verfeindete Hindus oder Muslime mobilisieren, dann kann man Schlimmeres tun, als bei ihnen den Stolz auf Identitäten anzuregen, die über die Differenz zwischen Hindu und Muslim hinausreichen, einschließlich regionaler und kultureller Identitäten, die auf demselben Pluralismus beruhen, den man in ganz Indien fördern will. Ein Malayali‑Hindu fühlt sich einem Malayali‑Muslim instinktiv näher als einem Panjab‑Hindu und daran ist auch nichts Schädliches ‑ es sei denn natürlich, daß die regionale Identität zum Anlaß einer besonderen Sorte von Chauvinismus wird, die bei einigen indischen Bevölkerungsgruppen zum Separatismus führt.
Diese Gefahr droht aus Kerala nicht, einmal wegen der pluralistischen Traditionen der keralanischen Kultur und zum andern, weil die Malayali seit jeher begriffen haben, daß wir viel zu viele wären, die mit viel zu wenig Raum zu kämpfen hätten, wenn Kerala seinen eigenen Weg einschlagen würde. Die Keralaner sehen die beste Garantie für ihre eigene Sicherheit und ihren Wohlstand im Überleben eines pluralistischen Indien.
Diesen Glauben gibt es, wenn auch in einer etwas eingeschränkten Masse, auch im ganzen übrigen Indien ‑ und es ist ein Glaube, der immer weiter ausgedehnt und vertieft werden muß, wenn er sich erfüllen soll.
Das Ethos der Malayali kommt dem besten indischen Ethos gleich: es ist inklusivistisch, flexibel, eklektisch und absorbierend. Die wichtigste Herausforderung an Indien beim Übergang ins einundzwanzigste Jahrhundert besteht darin, allen Hoffnungen der verschiedenen Gruppen im nationalen Traum einen Platz einzuräumen. Das Ethos, das ich als Kerala‑Ethos und als Indien‑Ethos bezeichnet habe, half der Nation bisher, dieser Herausforderung standzuhalten. Es ist ein Ethos, das in unserer einheimischen Tradition wurzelt, mithin in dem, was wir mangels eines besseren Ausdrucks als Hinduismus bezeichnen ‑ zumindest als eine Art von Hinduismus. Die Schlacht um Indiens Seele wird somit zwischen zwei Hinduismen ablaufen, dem säkularen Hinduismus der nationalistischen Bewegung und dem partikularistischen Fanatismus des Ayodhya‑Mobs. Die Gefahr des Neo‑Hinduismus, &r Unterscheidung zwischen „wir“ und „sie“, liegt darin, daß der Krebs sich ausbreiten wird; es wir neue „wir“ und neue „sie“ geben. Es war kein Zufall, daß Anfang 1992 die Shiv Sainik‑Aufständischen in Bombay sich die südindischen Muslime als Zielscheibe aussuchten: Shiv Sainik hatte die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und war bekannt geworden durch den Angriff auf südindische Migranten in Bombay, ohne Rücksicht auf deren Glauben. Heute sind es „Hindus“ und „Muslime“, morgen könnten es Sprecher des Hindi gegen die Tamilen sein, die oberen Kasten gegen die „benachteiligten“, Nord gegen Süd.
Im unabhängigen Indien sind wir alle Minderheiten. Keine Gruppe kann für sich ihre Dominanz beanspruchen, ohne die Mehrheit der Inder in Minderheiten zu verwandeln. Wenn die Hindus der oberen Kasten für Hindutva [hinduistischen Fundamentalismus] agitieren, dann gehört die Mehrheit der Hindus nicht zu den oberen Kasten; wenn die Nordinder im „Kuhgürtel“ lautstark fordern, Hindi müsse zur „Nationalsprache“ werden, dann ist es so, daß die Mehrheit der Inder Hindi gar nicht als Muttersprache spricht, und so fort. Indiens Stärke liegt darin, daß es ein Konglomerat von Minderheiten ist, das unter Anwendung demokratischer Mittel Mehrheitsmeinungen zu den entscheidenden Tagesfragen herstellt.
Deshalb ist der Wandel im öffentlichen Diskurs über „das Indische“ so gefährlich, und eben deshalb muß das alte Ethos wiederhergestellt werden. Ein Indien, das sich einigen von uns verwehrt, könnte damit enden, daß es sich uns allen verwehrt.
Dies wäre dann eine zweite Teilung ‑ und eine Teilung der indischen Seele wäre genau so schlecht wie eine Teilung des indischen Bodens. Für meine Söhne ist die einzig mögliche Vorstellung von Indien die einer Nation, die größer ist als die Summe ihrer Teile. Das ist das einzige Indien, das es ihnen ermöglichen wird, sich weiterhin Inder zu nennen.
Reisegedanken
von Adelheid aus Magdeburg (Kerala Discovery 9.1.-6.2.05)
Adelheid hat sich vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über Religions- oder "Werte"-Unterricht in Deutschland Gedanken über die "Toleranz der Religionen" gemacht. Sie erinnert sich an das gespannte Verhältnis von Kirche und Staat in den Zeiten der ehemaligen DDR und war überaus gespannt auf dieses Kerala. Daß es dort im tropischen Süden Indiens eine Provinz gibt, die von einem besonders hohen Christenanteil geprägt schon vor Jahrzehnten zum ersten und einzigen Staat mit demokratisch gewählter kommunistischer Regierung in der ganzen Welt wurde, das hat sie erst nach der Wende erfahren. In Kerala leben Christen, Hindus und Muslime zu fast gleichen Teilen in großer Eintracht miteinander. Bei allen steht die Religion an oberster Stelle in der Werteskala und bestimmt den Alltag, und die Kommunisten haben keine Probleme damit.
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Anders in unserem Amtskirchenstaat Deutschland, der
weiterhin Zwangskirchensteuer eintreibt und den Religionsunterricht an den
Schulen abschaffen will. Ethik und "Werte" will er von Staats wegen
vermitteln? Ein ganz dünnes Brett, auf das er sich da begibt. Ein Staat kann
moralische Werte letztlich nur über den Gesetzgeber vermitteln. Ein guter
Mensch aber braucht keine Gesetze - ein schlechter wird durch sie nicht besser.
Das wußte bereits der griechische Philosoph Demonax im 2. Jahrhundert. Als sie
vor Jahren erstmals in Deutschland war, hat Rajus Mutter von der Vettikavumgal-Farm es auf den Punkt gebracht:
"Die Deutschen tun und unterlassen nur aus Angst vor Strafe. In Kerala
haben wir moralische Werte." Adelheid schreibt:
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Vor meiner Reise nach Kerala hat mich besonders ein Thema interessiert: Wie gehen die verschiedenen Religionen miteinander um, und wie verhält sich der Staat dazu. Gehen die Menschen wirklich friedfertig miteinander um oder wird hier etwas verschleiert ?
Da ich 1943 geboren wurde und auf einem Bauernhof aufwuchs, habe ich die Repressalien der marxistischen Partei und deren Haltung zur Religion selbst miterlebt. Uns in der DDR wurde nicht erzählt, daß es einen Bundesstaat in Indien gibt, der von Marxisten, die auf demokratischem Wege an die Regierung kamen, über viele Jahre regiert wurde. Über Cuba, Nordkorea usw. wurde viel "Brimborium" gemacht, aber diese Tatsache wurde einfach tot geschwiegen, obwohl M. Gandhi auch von unseren Politikern verehrt wurde.
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Erst nach der Wende erfuhr ich in einer Fernsehsendung etwas darüber. Auch all meine politisch interessierten Freunde waren erstaunt darüber. Die Informationen von Bernd Symons und weitere Literatur haben mich darüber theoretisch aufgeklärt, aber wie sieht es nun in der Praxis in Kerala aus? In der DDR wurde die Religionsausübung stark eingeschränkt, sogar von Lehrerstudenten forderte man den Austritt aus der Kirche. So hat eine meiner Freundinnen das Lehrerstudium aufgegeben.
Es war in Kerala einfach schön, mit welcher Würde die Menschen miteinander umgehen, aber die Rahmenbedingungen dazu schafft der Staat. Schon die Maharadschas in alter Zeit haben alle Emigranten unterschiedlicher Religionen aufgenommen. Sie lebten, arbeiteten und handelten miteinander, und das Land brachte es zum Wohlstand. Diese geschichtliche Tradition wurde hier nicht aufgegeben. Sie haben den Sozialismus nicht nach sowjetischem Vorbild aufgebaut, obwohl Lenin und Stalin auf ihren Plakaten noch heute erscheinen.
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Hier werden eher Gandhis Ideen verwirklicht: Die hinduistischen Tempel sind für alle zugänglich. Man steht mit unserer europäischen Kleidung neben einem gereinigtem Inder, ohne daß man schief angesehen wird. Man erhält auch als Nichthindu einen gesegneten Punkt auf die Stirn. Ja, ich glaube sogar, daß sie stolz darauf sind, wenn wir ihrer Religion Respekt entgegen bringen. Wir durften an der Segnung einer Kureinrichtung teilhaben, die von 4 jungen hinduistischen Priestern vollzogen wurde. Die Segnung möge dem Hause Glück und Frieden bringen.
Wir erlebten eine katholische Prozession. Die Menschen sind mit ihrem Glauben sehr verbunden. Obwohl die Feierlichkeiten bis in die späten Abendstunden gingen, waren viele Kleinstkinder dabei, die geduldig herumgetragen wurden oder zufrieden auf dem Arm schlummerten.
Wir besichtigten eine jüdische Synagoge. Leider hatten die Engländer die Juden verfolgt, so daß deren Anzahl nicht mehr so groß ist. Jedoch können sie sich hier sicher fühlen.
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Die Gebetsräume der Moslems darf man nicht betreten. Doch wer das Kopftuch trägt, hat keine Häme zu befürchten.
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Der Buddhismus hat zwar in Indien sehr wenige Anhänger gefunden, doch auch ihre Tempel sind offen und können betreten werden. Sie können Schüler aufnehmen und sie in ihrem Sinne bilden und erziehen. Auf einem Foto sind der Farmer als Katholik, der Fahrer als Hindi und die buddhistischen Schüler in friedlicher Eintracht zu sehen. Und die Fotografin gehört keiner Religion an.
Auch die Adivasi haben wir kennen gelernt. Es sind die Menschen, die in Stammesverbänden in den Wäldern leben. Die Kinder haben zwar auch alle Schulpflicht, aber die Menschen leben noch mit und von der Natur. So stieg ein Adivasi mit in unseren Kleinbus und leitete uns durch das Naturreservat. Genau hier kann er geeignete Aufgaben erfüllen. Wir sahen auch, wie Adivasi mit ihren Elefanten im Wald arbeiteten.
Sicher gibt es noch eine Gruppe Menschen, die keiner Religion (evtl. überzeugte Marxisten) angehören.
Es gibt eine gute staatliche Regelung zu den Feiertagen. Moslems, Christen und Hindus haben im Jahr je 3 spezielle Feiertage, an denen sie frei haben. So erlebten wir auch einen moslemischen Feiertag Es ist nun selbstverständlich, daß Leute anderer Religionen deren Arbeit übernehmen. So wurde unser hinduistischer Fahrer zum Fahren einer Buslinie eingesetzt. Hier sieht man, daß mit klugen Regelungen ein friedliches Neben- und Miteinander möglich ist.
Der Situation entsprechend angepasst und nicht irgendein System überstülpen, so wie ich es in der DDR erlebt habe, ist doch eher eine Lösung. M. Gandhi sagte: Sein Schlachtfeld war die Politik, seine Waffe die Gewaltlosigkeit .... wer behauptet, Religion habe nichts mit Politik zu tun, nicht weiß, was Religion bedeutet.
Das Gandhi Memorial steht in Kanniyakumari. Diesen Ort besuchte Gandhi 1925 und 1937. Dort wurde dann auch seine Asche in den Ozean gestreut. Das Gebäude vereinigt alte und neue Bau- und Farbstile. Es wirkt sehr gut mit dem Hintergrund des schäumenden blauen Wassers.
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