
"SUCHBILD"
Ein Suchbild der besonderen Art.
Hier wird nämlich eine ganze Menge gesucht. Da suche beispielsweise ich noch
nach der Antwort auf die Frage, was dieser Adivasimann da sucht. Du siehst
meinen nachdenklichen Schatten im Vordergrund des Fotos, das Marion gerade
knipst.
Wären wir zum Beispiel in Kanada
am Klondike und schrieben das Jahr 1897 - die Sache wäre klar: Dieser Mann
erlag auch der Sucht, und er sucht Gold. Aber wir sind eben nicht in Kanada.
Wir stehen hier nämlich in der
alten Maharajastadt Mysore in Karnataka. Das klingt nur entfernt nach Kanada,
aber zumindest die Sprache dieses Mannes nennt man "Kannada". Ein
Sackgassengedanke, und wenig hilfreich für den, der Antworten sucht.
Diese schmuddelige Ecke befindet
sich an der Einmündung einer kleinen Gasse unmittelbar an einer der
Hauptgeschäftsstraßen Mysores, und hinter uns laufen Hunderte von indischen
Passanten vorbei, ohne den alten Mann auch nur eines Blickes zu würdigen. Auch
er kümmert sich nicht um das geschäftige Treiben um ihn herum. Sorgfältig
schöpft er mit seiner Blechschale etwas Sand aus dem offenen Abwassergraben und
schwenkt ihn hin und her.
Man mag uns vorwerfen, daß wir
zuviel der guten Tropensonne aufs Hirn bekommen haben - aber dieser Mann
verhält sich nicht nur wie ein Goldsucher - er ist auch einer. Weil der Alte
uns nicht versteht, suchen wir weitere Anhaltspunkte, die unsere Theorie
untermauern: Das Bündel Kokosfasern da links neben ihm? Hilft nicht weiter -
wir wissen nur, daß die Inder so etwas als Reinigungsbürste verwenden. Vermutlich
scheuert er damit seine Schale nach getaner Tat. Das kleine Stück alten
Kartons? Die Plastiktüte? Nichts scheint hier zu belegen, daß der Mann mitten
in einer indischen Großstadt nach Gold schürft. Eines ist allerdings sonderbar:
Wir haben in Indien schon viele dieser Abwassergräben an den Straßenrändern
gesehen - es waren immer schmutzige, übelriechende Kloaken. Aber hier ist das
Wasser frisch und klar - wie das?
Wir beschließen, sozusagen
stromaufwärts in die Gasse hineinzugehen. Vielleicht sehen wir, wo das Wasser
herkommt. Ein undichter Hahn, ein Rohrbruch gar? Dann wär's klar, warum's so
klar.
Und wer suchet, der findet. Wir
finden des Rätsels Lösung. Wir sind hier nämlich in der Gasse der Goldschmiede.
Eine Werkstatt ist hier neben der anderen, und drinnen wird mit einfachen
Lötlampen und hoher Geschicklichkeit der typische, filigrane Goldschmuck
hergestellt. Jede Goldschmiedewerkstatt hat auch einen kleinen Spülstein. Dort
werden die wertvollen Stücke unter klarem Wasser von den Holzkohleresten
gereinigt. Trotz der primitiven Umgebung werden hier täglich etliche Kilo Gold
verarbeitet - alles ausnahmslos 22 Karat.
Und so führt aus jeder Werkstatt
- es mögen wohl 30-40 in dieser Gasse sein - ein kleines Rinnsal in eben diesen
Abwassergraben. Und unten am Ende hockt der Adivasi und wäscht geduldig den
Sand. Natürlich weiß er, daß die Goldschmiede mit dem wertvollsten Metall der
Welt sehr sorgfältig umgehen. Aber so ein, zweimal in der Woche findet der
Goldsucher dennoch ein winziges Kettenglied, ein Stückchen Golddraht oder eine
Öse. Ein paar Cents pro Woche.
Das reicht ihm. Und wie so oft
in Indien steht der Europäer ratlos da - soviel Aufwand, soviel Zeit für einen
so winzigen Ertrag? Das begreifen wir nicht. Aber wir haben jetzt ein
Beweisfoto.
In Deutschland aber nützt uns
das überhaupt nichts. Keiner hat uns diese haarsträubende Geschichte bisher
geglaubt. Ein Goldsucher mitten in der Stadt? Ich habe es schon ein paarmal
irgendwo geschrieben, und der Kommentar ist immer gleich:
Unglaublich!