Kerala Discovery "Das Foto des Monats 2003-11"

 

2003-11
"SUCHBILD"

Ein Suchbild der besonderen Art. Hier wird nämlich eine ganze Menge gesucht. Da suche beispielsweise ich noch nach der Antwort auf die Frage, was dieser Adivasimann da sucht. Du siehst meinen nachdenklichen Schatten im Vordergrund des Fotos, das Marion gerade knipst.

Wären wir zum Beispiel in Kanada am Klondike und schrieben das Jahr 1897 - die Sache wäre klar: Dieser Mann erlag auch der Sucht, und er sucht Gold. Aber wir sind eben nicht in Kanada.

Wir stehen hier nämlich in der alten Maharajastadt Mysore in Karnataka. Das klingt nur entfernt nach Kanada, aber zumindest die Sprache dieses Mannes nennt man "Kannada". Ein Sackgassengedanke, und wenig hilfreich für den, der Antworten sucht.

Diese schmuddelige Ecke befindet sich an der Einmündung einer kleinen Gasse unmittelbar an einer der Hauptgeschäftsstraßen Mysores, und hinter uns laufen Hunderte von indischen Passanten vorbei, ohne den alten Mann auch nur eines Blickes zu würdigen. Auch er kümmert sich nicht um das geschäftige Treiben um ihn herum. Sorgfältig schöpft er mit seiner Blechschale etwas Sand aus dem offenen Abwassergraben und schwenkt ihn hin und her.

Man mag uns vorwerfen, daß wir zuviel der guten Tropensonne aufs Hirn bekommen haben - aber dieser Mann verhält sich nicht nur wie ein Goldsucher - er ist auch einer. Weil der Alte uns nicht versteht, suchen wir weitere Anhaltspunkte, die unsere Theorie untermauern: Das Bündel Kokosfasern da links neben ihm? Hilft nicht weiter - wir wissen nur, daß die Inder so etwas als Reinigungsbürste verwenden. Vermutlich scheuert er damit seine Schale nach getaner Tat. Das kleine Stück alten Kartons? Die Plastiktüte? Nichts scheint hier zu belegen, daß der Mann mitten in einer indischen Großstadt nach Gold schürft. Eines ist allerdings sonderbar: Wir haben in Indien schon viele dieser Abwassergräben an den Straßenrändern gesehen - es waren immer schmutzige, übelriechende Kloaken. Aber hier ist das Wasser frisch und klar - wie das?

Wir beschließen, sozusagen stromaufwärts in die Gasse hineinzugehen. Vielleicht sehen wir, wo das Wasser herkommt. Ein undichter Hahn, ein Rohrbruch gar? Dann wär's klar, warum's so klar.

Und wer suchet, der findet. Wir finden des Rätsels Lösung. Wir sind hier nämlich in der Gasse der Goldschmiede. Eine Werkstatt ist hier neben der anderen, und drinnen wird mit einfachen Lötlampen und hoher Geschicklichkeit der typische, filigrane Goldschmuck hergestellt. Jede Goldschmiedewerkstatt hat auch einen kleinen Spülstein. Dort werden die wertvollen Stücke unter klarem Wasser von den Holzkohleresten gereinigt. Trotz der primitiven Umgebung werden hier täglich etliche Kilo Gold verarbeitet - alles ausnahmslos 22 Karat.

Und so führt aus jeder Werkstatt - es mögen wohl 30-40 in dieser Gasse sein - ein kleines Rinnsal in eben diesen Abwassergraben. Und unten am Ende hockt der Adivasi und wäscht geduldig den Sand. Natürlich weiß er, daß die Goldschmiede mit dem wertvollsten Metall der Welt sehr sorgfältig umgehen. Aber so ein, zweimal in der Woche findet der Goldsucher dennoch ein winziges Kettenglied, ein Stückchen Golddraht oder eine Öse. Ein paar Cents pro Woche.

Das reicht ihm. Und wie so oft in Indien steht der Europäer ratlos da - soviel Aufwand, soviel Zeit für einen so winzigen Ertrag? Das begreifen wir nicht. Aber wir haben jetzt ein Beweisfoto.

In Deutschland aber nützt uns das überhaupt nichts. Keiner hat uns diese haarsträubende Geschichte bisher geglaubt. Ein Goldsucher mitten in der Stadt? Ich habe es schon ein paarmal irgendwo geschrieben, und der Kommentar ist immer gleich:

Unglaublich!