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Inhalt Gujarat: "Three Ladies Going
Native" (2) 3.400
Stufen zu den 800 Tempeln Doreen: Gedankensplitter einer
Wüstenreise Christines Gujarat Impressionen Die wilde Schönheit der Heimat des sanften Gandhi Februar-März
2002 unterwegs in Gujarat Balasinor
– Riesen Fürst & Riesen Rath Royal Welcome at Jambughoda Palace Stolze
Nachfahren – angestaubte Pracht Viel zu
sehen rund um Jambughoda Jambughoda
Haat und Rathwa Eed Nord-Gujarat: Poshina am Fuß der
Aravalliberge Shemales,
Hijras – beim Becharji Poonam Godhra –
der Shabarmati brennt aktualisiert 12. Oktober 2010 Vorwort zur LetterboxDies sind unsere Dialoge nach den letzten Indien-Reisen. Was in den Traumheften „Letterbox“ hieß, nennt sich online „Forum“. Eure Briefe sind am kursivem Fettdruck zu erkennen - meine Kommentare sind so wie hier gedruckt. Ich greife aus Eurer Post ab und zu ein Thema auf und wende mich dann aber an alle - auch an die Gäste der kommenden Saison. Nimm's also nicht persönlich, wenn ich mal etwas weiter aushole.
Damit möglichst viele verschiedene Themen angesprochen werden, habe ich aus Platzgründen die Teile Eurer Briefe gekürzt oder ausgespart, die bereits mit den Briefen der anderen angesprochen worden waren. Gerade die Letterbox kann für neue Interessenten eine gute Entscheidungshilfe sein. Neben exzessiver Schwärmerei werden auch Mißstände aufgezeigt. Dazu kommt etwas Hintergrundinfo von mir für alle, die eine Kerala Discovery noch vor sich haben. Was verbessert werden kann, werden die Gastgeber verbessern. Was unabwendbar ist wird nochmals erklärt - damit neue Besucher vorbereitet sind. Besser lest Ihr's hier, als im Kleingedruckten. Zumal ich weiß, daß Interessenten solcher Reisen den Paragraphenkram der Reisebedingungen überhaupt nicht mögen. Auch in der letzten Saison habe ich bemerkt, daß viele sich "aus dem Bauch" für KD entschieden und das "Technische" überhaupt nicht gelesen haben. Für ein solches Vertrauen bin ich sehr dankbar - möchte aber trotzdem Mißverständnisse vermeiden. Gujarat: "Three Ladies Going Native" (2)
In der ersten Folge ihres Reports haben unsere drei Ladies alte und neue Freunde in Rajasthan besucht. Nun aber haben Hille, Gisela und Rebecca in Vijaynagar die Grenze zur Nachbarprovinz Gujarat überschritten. Das war das eigentliche Ziel der Kerala Discovery Wiederholungstäter: Nach Kerala und Rajasthan ist die Gujarat Discovery nunmehr die dritte KD-Reise. Gujarat ist immer noch fast noch fremdenfrei. Für uns war das natürlich wunderbar. Die Menschen dort kommen einem noch freundlich und zurückhaltend entgegen. In den Dörfern wurden wir immer wieder zum Tee eingeladen. Vijay Vilas in Vijaynagar ist unsere erste Station in dieser Nachbarprovinz Rajasthans. Es ist ein sehr schönes Anwesen, und mit dem liebenswürdigen Maharaj Vijay und seiner Frau Asha verbrachten wir sehr schöne Tage. Vijay fuhr und den ersten Tag an Feldern vorbei in den Dschungel. Dort fanden wir nach einem längeren Spaziergang die einsame Gebetsstätte, ein kleiner Hindutempel, wo sich im 16. Jahrhundert Pratap Singh, nach seinem Kampf gegen die Moguln, aufhielt. Des Abends saßen wir, wie auch in den vorherigen und auch folgenden Tagen, fast vier Wochen lang wegen der Kälte immer um ein großes Holzfeuer, um uns zu wärmen. Als „Happy Hour“ gab es immer einen heißen Grog, um auch die innere Wärme zu steigern. Verborgene Schätze
Die nächsten beiden Tage gehörten zu den Höhepunkten dieser Reise. Wir fuhren jeweils eine Strecke mit dem Jeep, bis es nur noch zu Fuß weiterging. Wir stiegen aus, und Vijay führte und in den Dschungel. Nach einem Fußmarsch standen wir plötzlich vor alten, halb verfallenen, wunderschönen Jaintempeln aus dem 10. Und 12. Jahrhundert. Vijay erzählte uns, dass selbst die Menschen aus den näheren Dörfern noch kaum darum wüssten. Die dicken Wurzeln der Banyanbäume hatten sich zwischen die Quader gezwängt und sie so umschlungen, dass die Quader sich teilweise ganz verschoben hatten. Die ringsum herrschende Stille und diese alten Tempel hatten etwas Verwunschenes. Hier saßen wir eine ganze Weile und ließen dieses einmalige Erlebnis auf uns wirken. Am Nachmittag fuhren wir zu einem Ayurvedischen
Baumgarten. Der Gärtner führte uns mit einer Begeisterung an Bäumen und
Sträuchern vorbei und erklärte -
natürlich in Hindi - was jede Pflanze, jeder Baum und jedes Blatt zur Heilung
und Vorbeugung zu geben hatte. So gut es ging, übersetzte Chauhan für uns.
Anschließend lernten wir auf einer Farm Adivasi Familien kennen, die dort
lebten und arbeiteten. Nach einigen Tagen brachte uns unser Fahrer Satu nach Balasinor zum Garden Palace des Nawab Mohammed Salabat. Das Essen war sehr gut, es wurde nach moslemischen Rezepten zubereitet. Die Tochter, Prinzessin Aalya, führte uns in den nächsten Tagen zu den Feldern der versteinerten Dinosaurierknochen, Eiern etc. und zu einem alten Shivatempel Galteshwar aus dem 12. Jahrhundert am Ufer des Flusses Mahi. Abends gab es wieder ein Riesenfeuer aus Holzstämmen. Nawab Mohammed saß mit uns zusammen; er ist ein sehr netter jovialer Mann und hat uns mit vielen Erlebnissen aus seinem Leben unterhalten. Seine Diener standen schweigend mit dabei und lauschten auch den Erzählungen - wie in alten Tagen ........... Geheimtipp Jambughoda
Wieder einmal wurde der Koffer gepackt und wir fuhren weiter nach Jambughoda. Der Aufenthalt in Jambughoda gehörte zu den interessantesten unserer Gujaratreise, obwohl der Ort auf kaum einer auf einer Karte verzeichnet und touristisch völlig jungfräulich ist. Hier lernten wir einige Familienmitglieder von Lady Ba aus Jodhpur kennen: Gastgeber sind Maharana Vikram Sinh und seine Frau Devi, Karamvir und seine Frau Bhavna, ferner ein jüngerer Bruder, Rana Harishchandra und eine Schwester von Lady Ba. Wir waren fünf Tage Gäste dieser wunderbaren Familie und wohnten in den ehemaligen, jetzt umgebauten Elefantenställen dieses sehr schönen alten Palastes. Im Park tummelten sich an die zehn Hunde verschiedener Rassen (Deutsche Doggen, Dobermänner, Jagdhunde, Dackel etc.). Sie waren alle zahm und zutraulich und voller Hundeflöhe. Einer hatte sich des Abends heimlich in Rebeccas Zimmer geschlichen, sich auf eines der Betten ein gemütliches Nest gebaut und schlief fest! Die Doppeltüren der Zimmer gingen auf eine Terrasse hin auf, die wir tagsüber unbesorgt offen ließen. Noch vor ein paar Jahren strich hier noch regelmäßig der Leopard ums Haus - das verhindern heute die Hunde.
In den folgenden Tagen unternahmen wir etliche Besichtigungsfahrten. Wir fuhren zum Rathwa Dorf Ghandara und bewunderten die einmalig schönen Pithora Malereien in den Bauernhäusern. Darin stellen die Adivasi Geschehnisse aus ihrem Leben und auch ihrer Gedankenwelt dar. In einem der Häuser lud uns der Bauer ein, einzutreten und seine Frau setzte sich vor ihren riesigen Chakki Mahlstein, um ihn für uns in Gang zu bringen. Jeden Abend bei unserer Rückkehr saßen wir mit unseren Gastgebern und auch zufällig vorbeikommenden Freunden dieser Familie um ein großes Feuer. Wir hatten Drinks und erzählten in fröhlicher Runde. Einen Tag ging es nach Vadodara, dem früheren Baroda. Und dort entdeckten wir etwas für indische Verhältnisse Unglaubliches: Die Stadt war total sauber, die Straßen gefegt aber auch nichts von dem üblichen Plastikmüll flog herum. Wir besichtigten einen größeren Teil des Laxmi Vilas Palastes. Dieser Palast ist von einmaliger Schönheit. Wunderbare Fresken, Marmorbrunnen, bunte Glasfenster und, und, und.......Wir konnten uns gar nicht satt sehen.
Völlig erschöpft von all den Eindrücken stärkten wir uns in einem indischen Restaurant mit „Gujarati Thali“, das uns ausgezeichnet mundete. Bunte Basare
Auf dem Rückweg besuchten wir noch einen Tribal Market. Verschiedene Volksstämme brachten dort ihre Handarbeiten, wie Schmuck, Schals, Kleider und Gewürze zum Verkauf. Das lokale Fernsehen erwischte uns als die einzigen Fremden auf dem Marktplatz, und wir wurden über unsere Eindrücke hier befragt. Auch mußte ich im Gästebuch unsere Eindrücke über die Angebote der einzelnen Volksstämme dokumentieren. Nächster Tag: Archäologischer Park Champaner-Pavagadh. Überreste der alten Hauptstadt des Staates Gujarat. Die Moschee Jama Masjid war schon sehenswert. Weiter ging es zum Suki See. Dort suchten wir uns ein lauschiges Plätzchen und packten unsere Cookies und den mitgebrachten Tee aus. Wir genossen die Stille und die herrliche Luft am See. Dabei dachten wir schmunzelnd an Marion und Bernd, die sich hier einmal jämmerlich verlaufen hatten. Weiterer Tag: nach Sankheda, eine schöne Altstadt mit herrlich verzierten Häuserfronten. In den Straßen beobachteten wir die Handwerker bei der Herstellung dieser bunt bemalten Möbel. Diese Möbel sind für Indien einzigartig und werden nur hier gebaut. Nächster Tag: Wir fuhren zum großen Tiermarkt, jede Menge Rinder und Ziegen wurden von den Nomaden aus allen Teilen der umliegenden Dörfer hierher gebracht und zum Verkauf angeboten. Viele Dorfbewohner trugen noch ihre alten farbenfreudigen Trachten. Tolle Bilder!
Anschließend ging es zu einem sehr großen Tribal Market. Wiederum saßen viele Menschen in den Trachten ihrer Clans bei ihren Ständen. Sie verkauften Schmuck, Töpfe, Gewürze und Pfeil und Bogen, die noch von vielen der Männer getragen wurden. An den beiden letzten Abenden waren wir als persönliche Gäste des Maharana Vikram zum Abendessen in den Hauptpalast eingeladen worden. So konnten wir auch einen Blick in den alten Palast der Jambughoda-Könige werfen. Die Mahlzeiten waren immer hervorragend! Dann hieß es Abschied nehmen von Jambughoda und seinen liebenswürdigen Gastgebern. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt. In der Wüste des Little Rann
Der nächste Halt nach 290 km war Zainabad. Die Landstraßen waren sehr gut bis auf die letzten 90 km. Da holperten wir ziemlich heftig über groben Schotter und wurden durcheinander geschüttelt. Aber der Anblick des schön angelegten Desert Camp in Zainabad belebte unsere Geister schnell wieder. Für jede von uns gab es eine eigene „Desert Hut“ mit heißem Wasser und einer gemütlichen Schaukel vor der Türe,
Unser Gastgeber, Nawabzada Dhanraj Malik fuhr mit uns am späten Nachmittag zum See, um riesige Schwärme Zugvögel zu beobachten. Hier trafen wir in den nächsten Tagen interessante Durchreisende. Am nächsten Tag fuhr Dhanraj mit uns in seinem offenen Jeep zur Salzwüste, dem Rann of Kutchch. Nach längerem Suchen gelang es uns, eine Herde der einzigartigen Onager-Wildesel aufzuspüren und sie eine ganze Weile zu beobachten. Wir sahen auch in der Ferne einige dieser Salzarbeiter, die ihr ganzes Leben in größter Armut auf den Salzflächen verbringen. Später führte Dhanraj uns durch „sein“ Waisenhaus, das er, sich einen Traum erfüllend, wie er es ausdrückte, und eine von ihm gebaute Schule. Siebenundzwanzig Kinder hatten dort ein neues Zuhause gefunden. Er erzählte uns einige der Leidensgeschichten dieser Kinder, es war kaum fassbar. Wir wurden auch in einige Häuser der nun hier sesshaft gewordenen Bawaris eingeladen. Sie waren sehr schön eingerichtet und Frauen und Männer trugen fantastischen Schmuck. Die Männer trugen besonders schönen Ohrschmuck, über die ganze Ohrmuschel verteilt. Wir fuhren einen Tag nach Patan, um den berühmten Modhera Sun Tempel und den Rani ki Vav, den "Stufenbrunnen der Königin" zu besichtigen. Beides sind einzigartige Bauwerke. Wunderbare Götterstatuen schmücken die steilen Wände des Stufenbrunnens. Auf dem Nachhauseweg hielten wir bei einem der letzten Patola Weber. Diese Webart ist einzigartig und sehr kompliziert. Daher sind diese Stoffe sehr teuer. Dieser Weber war der letzte seiner Art, seine Kinder gehen alle zur Schule und wollen einen anderen Beruf ergreifen. So wird auch dieser Beruf bald ausgestorben sein.
Weiter ging es zum Tempel der Eunuchen - Becharji Mata Mandir . Abends dann wieder zurück zum Abendessen. Wir verbrachten im Dessert Camp sehr schöne Tage. 3.400 Stufen zu den 800 Tempeln
Unsere vorletzte Station war Palitana. Die Stadt selbst war hässlich, laut, schmutzig und voller Abgase. Das einzige Hotel Sumeru, na ja. Hatten keine andere Wahl, da wir am nächsten Morgen schon um sechs Uhr den Aufstieg des Berges starten mussten. Da gewinnt nur der frühe Vogel, denn wer später startet, scheitert unweigerlich in der Mittagshitze. Nach einem kleinen Frühstück um halb fünf Uhr luden wir also unsere gepackten Koffer ins Auto. Im Dunkeln gegen sechs Uhr erreichten wir den Tempel, um von dort aus die 3400 Stufen zu ersteigen. Jeder nahm eine große Flasche Wasser und eine Banane mit auf den Weg - sonst nichts. Gegen zehn Uhr hatten wir den Aufstieg endlich geschafft. Die Zahl der Stufen waren alle 100 m markiert, damit wir den Aufstieg auch richtig auskosten konnten!
Während wir uns jede Stufe „erkämpften“, flitzten kleine weißgekleidete indische Nonnen, nur mit einem langen Stab bewaffnet, die Treppen in einem Affentempo hoch. Sie machen so etwas wohl täglich.. Wir mussten Schuhe, Wasserflaschen und Bananen beim Eintritt zur Tempelanlage abgeben. Es sollen sich ungefähr 800 Jain Tempel dort oben befinden. Der Anblick war überwältigend. Mehrere Stunden verbrachten wir mit Besichtigungen. Natürlich bei jedem Tempel „Stufen rauf, Stufen runter“. Kurz nach Mittag ging es durstig und hungrig - das Wasser hatten wir kurz nach Verlassen der Tempelanlagen gierig fast ausgetrunken - wieder die selben 3400 Stufen bergab. Inzwischen schien die Mittagsonne heiß auf uns hernieder und Schatten gab es nicht. Völlig erschöpft kamen wir am Nachmittag gegen 15 Uhr wieder unten an. Wir mussten sofort ins Auto einsteigen, um weiter viereinhalb Stunden bis Diu zu fahren. Beach & Portugiesen-Flair
Das war der anstrengendste Tag! Abends kamen wir total erschöpft in Diu im Resort Hoka an. Nach dem Abendessen, wo kaum einer von uns zugriff vor Müdigkeit - außer Chouhan, der nicht mit hochgestiegen war und sich reichlich Zeit ließ, um seine zwei Whiskeys, einen dicken Teller mit Krabben Masala und Fladenbroten zu verzehren - verabschiedeten wir uns von Chouhan und Satu, unserem sehr netten Fahrer und konnten endlich in unsere Zimmer zum Schlafen. Satu und Chouhan fuhren sofort wieder zurück nach Rajasthan, um ohne Schlaf in zwei Tages- und Nachtfahrten wieder zu Hause zu sein. Wir hatten also fünf Tage Zeit, unsere ramponierten Muskeln und Knochen wieder zu reanimieren! Wir wohnten in einem hübschen kleinen Hotel fast am Meer gelegen. Unsere Zimmer waren geräumig mit einer Terrasse, durchgehend in einen kleinen Garten. Den ersten Tag verblieb jeder bis zum Abend in seinem Zimmer, wir haben nur geschlafen und gelesen. Abends trafen wir uns erst zum Essen wieder. Das Essen war sehr gut und schmackhaft.
Die nächsten Tage verbrachten wir mit Strandspaziergängen, einer Fahrt von 12 km nach Diu Stadt hinein, um uns das Städtchen anzusehen.. Der kleine Marktplatz und die portugiesischen Häuserfronten waren ganz interessant. Große portugiesische Kathedralen standen auf erhöhten Plätzen. Am Abend aßen wir in einem Restaurant am Meer „Tandoori King Fish“.Wir hatten den Fisch am Tag vorher extra beim Fischer bestellt und er trug ihn brav hinter uns her. Der King Fisch ist selten geworden. Auch das kleine, mit viel Liebe von einem ehemaligen Kapitän geführten „Muschelmuseum“ suchten wir auf. Nur in Diu gab es nichts mehr einzukaufen. Das sollte man vorher in größeren Städten erledigen. Am 19.2. flogen wir dann mit einer kleinen Jet Air Maschine nach Mumbai ins Airport Hotel. Wir kamen abends an und mussten um vier Uhr früh wieder aufstehen. Das Hotel war fürchterlich laut, man hatte das Gefühl man säße mitten im Basar, Männer brüllten, Kinder schrieen die ganze Nacht und als Höhepunkt gab es jede Menge Moskitos im Zimmer. Wir waren froh, als es endlich Zeit war, zum Flughafen zu fahren. Ja, lieber Bernd, eine lange Reise ist nicht so schnell zu erzählen. Mit Ausnahme von einigen kleinen Negativpünktchen war es eine sehr schöne Reise mit etlichen Highlights!! Dank dir nochmals für die gute Hilfe beim Zusammenstellen unserer Reiseroute.
Lieben Gruß Hille Whow - was für ein Report! Ein großer Bericht über eine ebensolche Reise! Obwohl die Rückreise nicht so prickelnd war (wer will schon gern zurück?), hast Du mit diesem Reisebericht und Deinen Fotos bei KD promoviert! Wer übrigens von Hilles Reisebeschreibung infiziert ist und ebenfalls eine kombinierte Rajasthan-Gujarat Reise plant, sollte sich bald mit mir in Verbindung setzen. Eine solche Reise für den kommenden Winter sollte man noch vor dem Sommer planen. (Viele schöne Fotos, die hier keinen Platz fanden,
findest Du bei der Erstveröffentlichung in den InderNettNews
450) Doreen: Gedankensplitter einer Wüstenreise(INN 200 - 17.7.03) Doreen, die diesen heißen Sommer mit ihren Eltern Beate & Dietmar und Freund Thomas in den Wüsten Rajasthans und Gujarats erlebt hat, war bereits mit ersten Berichten in den INN 197 vertreten (s.u.). Hier reicht sie im Telegrammstil noch etwas Nettes nach (Fotos von Thomas).
Hallo Bernd, wie geht's
Dir? Uns geht es allen sehr gut. Ein bißchen Durchfall hatten wir nur kurz
nach der Indienreise, wahrscheinlich hat unser Bäuchlein das leckere indische
Essen vermißt.
Meine Schreiblust war in
letzter Zeit nicht so ausgeprägt, da ich im Eiltempo (bedingt durch unsere
Indienreise) noch eine Hausarbeit in Personalwesen schreiben mußte. Aber die
ist jetzt abgegeben, und ich kann mich wieder den angenehmen Dingen widmen.
Prüfungstechnisch ist dieses Semester die Ruhe vor dem Sturm ... nächstes
Semester geht's wieder richtig los. Da bleibt mir jetzt also ein bißchen
Zeit, meinen nächste Reise nach Indien zu planen. Ich möchte auf jeden Fall
im Sommer noch mal zurück. Entweder wie Thomas ein Praktikum machen (obwohl
sich da trotz intensiver Suche noch nix gefunden hat) oder für mindestens 3
Wochen Urlaub bei Thomas. Ich überlege gerade, was
ein besonderes interessantes Erlebnis war, und mir fällt bei der Fülle an
Erlebten nichts ein, was ich da herausheben möchte. Alles war auf irgendeine
Weise faszinierend. Wahrscheinlich hat mir deshalb die Hitze nicht so viel
ausgemacht, weil ich sie vor lauter Begeisterung gar nicht so wahr genommen
habe. Obwohl es ja wirklich
richtig dolle warm war, der heißeste Sommer seit mehreren Jahren, hat uns
Bhavna erzählt. Auch das in der Zeitung die Temperaturen immer ein bißchen
nach unten korrigiert sind, um Panik zu vermeiden. Die ganzen Geschichtchen,
vor allen Dingen auch von Chandraveer, haben mir wunderbar gefallen und haben
den Urlaub mit zu etwas ganz Besonderen gemacht. Ach, von was ich alles
begeistert war: von den Mangos, den Saris...(ach ich hätte mich 'nen ganzen
Tag an die Straße setzen können und die Saris anschauen.
Hast Du meinen schicken
Sari gesehen, den ich mir in Jodhpur bei "Lucky Silk" gekauft habe?
Dieses Foto hätte mir auch gut in Deinen INN gefallen, ich finde das der Sari
einfach wunderschön aussieht.)..., dem Treiben auf der Straße und auf dem Markt
(besonders in Jodhpur), unserer kleine Hindi-Stunde. (Als wir nämlich den
Tempelberg hinunter gestiegen sind, war es schon dunkel und weil wir nichts
mehr gesehen haben, haben wir uns immer die Treppenstufen laut
vorgezählt...in Hindi, in Deutsch ("Dollar", unser Fahrer, wollte
deutsch lernen, und in English (für meinen Papa). ..., von den Tempeln und
den in Marmor geschlagenen Ornamenten, der Freundlichkeit der Menschen, dem
Einkaufen (Also einkaufen in Indien ist ja echtes Entertainment. Das man da
erst mal was zu Trinken angeboten bekommt und dann Hunderte Dinge gezeigt
bekommt ...Wahnsinn.), auch die kleinen "Kaufmannsläden", wo es
Lebensmittel gibt, fand ich total süß. So, ich könnte wahrscheinlich noch
mehrere Seiten füllen, aber muß jetzt erst mal Mittagessen kochen. Ich hoffe
es ist nicht allzu durcheinander... Ich wünsche Dir noch
einen schönen Sonntag...bis zur nächsten mail. Liebe Grüße von Doreen
und dem Rest Traurig: Doreen aus Thierbach
(INN 197 26.6.03) ...hatte die
Stationen ihrer ersten Indienreise schon gut abgesteckt, als sie sich Anfang
April ratsuchend im Forum bei KD-online meldete. Sie hatte schon die
Eltern für ihre Idee begeistert, Ihren Thomas in Gujarat zu besuchen, der
dort ein Praktikum absolvierte. Unseren Dialog aus dem Forum habt Ihr bereits
in den INN 185 v. 3.04.03 gelesen Von da an gingen eine Menge Emails hin und her, und das Ergebnis war,
daß Chandra die Vier unter seine Fittiche nahm. Er organisierte für die Tour
die Unterkünfte bei unseren Gastgeberfamilien in Vadodara, Jambughoda, Mt.
Abu, Udaipur, Jodhpur, Jaipur, Agra und Delhi. Statt Bus und Bahn gab es für
die ganze Tour einen klimatisierten Toyota Qualis mit Fahrer. Das war nicht
die billigste Variante und kostete all inclusive ca. 860,00 Euro pro Person.
Aber so gerüstet, konnte man entspannt an das Indienabenteuer herangehen,
obwohl das Quecksilber zu dieser Zeit die 40-Gradmarke oft überschritten hat.
(INN 194/5.6.) Doreen, Beate, Thomas und Dietmar sind losgezogen und auf 45 Grad vorbereitet gewesen - und fanden die Gegend östlich von Vadodara (Baroda) mit 40° erfrischend angenehm. Du stöhnst jetzt natürlich brünftig auf - erleiden wir in Deutschland doch dieser Tage schon bei 28° fast einen Hitzschlag. In den Wüstenregionen Gujarats und Rajasthans aber kommt die Hitze mit kaum meßbarer Luftfeuchtigkeit. deutlich erträglicher und ist mit unserer Gewitterschwüle überhaupt nicht zu vergleichen. Chandra meldet am Dienstag aus Jodhpur: DEAR BERND, I HAVE JUST RETURNED FROM JAMBUGHODA AND TOUCH WOOD, THE GUESTS ARE IN A FANTASTIC MOOD, ENJOYING THE MANGO SEASON. THEY ARE ADVENTUROUS - THEY WALKED UP THE PAVAGADH HILL IN THIS HEAT! - Du siehst, selbst die Inder sind beeindruckt von unseren Gästen. Den Tempelberg in Pavagadh haben Marion und ich bisher ausgelassen, obwohl wir im milden Winterklima da waren… Tja, und nun sind sie zurück in Thierbach, und Doreen schreibt: Hallo Bernd, wir sind wieder gut in
Deutschland angekommen und alle ganz traurig, daß das Abenteuer schon vorbei
ist. Es war unbeschreiblich, was wir alles erlebt haben. Das eine war
wahnsinnig aufregend, das andere interessant, vieles wunderschön. Wir möchten uns noch mal
ganz, ganz riesendolle bei Dir für dieses unvergeßliche Erlebnis bedanken.
Diese Art Indien kennen zu lernen ist sicher die Schönste, Beste und
Intensivste. Uns hat es bei den Familien auch viel tausendmal besser gefallen
als in den paar Hotels, weil wir da so viele Geschichtchen und so viel
Interessantes über Indien und die Menschen usw. erfahren haben. Ohne Deine Hilfe hätten
wir nicht soviel gesehen und gehört. Damit Du Dir auch ein bißchen ein Bild
von unseren Erlebnissen machen kannst, hat Thomas alle seine Fotos auf ne
Website gepackt. Viele liebe Grüße von
meinen Eltern und Thomas Bis bald Christines Gujarat ImpressionenMit Margret aus München, Gertrud aus Pliezhausen, Marion und mir war Christine aus Sömmerda im Februar/März 2002 in Gujarat auf Discovery. Diese Woche sandte sie ihren Bericht. Es ist der erste Reisereport unserer Gäste, der fast ausnahmslos aus Fotos und ihren Bildunterschriften besteht. Was liegt näher, als Christine eine eigene Gujarat-Fotogalerie bei KD-online zu widmen? Immerhin hatte ich das ja versprochen. Lieber Bernd, nun ist es endlich so
weit. Ich habe meine Fotos geordnet und eingeklebt, und ich will Dir einige
davon zukommen lassen. Die Motive ähneln sich ja sicher mit denen, die Du und
die anderen gemacht haben. Leider habe ich es nicht geschafft, alle Bilder
mit einem „Reim“ zu versehen. Da springe ich gern ein und schreibe selbst etwas drunter – damit die Indienfreunde, die noch nie selbst dort waren, sich auf der virtuellen Reise besser zurechtfinden. Im Folgenden schreibt Christine über die Unruhen in Gujarat. Es zeigt auch den Verunsicherten, daß in Indien nicht so heiß gereist wird, wie es die Medien hier in Deutschland kochen: Gestern habe ich meine
Schwester besucht, und sie übergab mir einen ganzen Packen
Zeitungsausschnitte über die Unruhen im Feb./März in Gujarat. Jetzt kann ich
erst verstehen, wie beängstigend unser Aufenthalt für die Daheimgebliebenen
war – während wir uns ziemlich unbekümmert dort bewegten. Und bewegen konnten, liebe Christine. Ich bin nicht so wahnsinnig, aus dieser Tatsache Leichtsinn im Hinblick auf die neuerlichen Kriegsgefahren an der indisch-pakistanischen Grenze zu filtern. Eines ist jedoch sicher: Wenn alle fest mit einem Atomkrieg (egal wo) rechnen würden, wären Lebensversicherungen längst pleite. Will sagen: Ich lasse mich selbstverständlich nicht beirren und bereit fleißig weitere Reisen nach Indien vor – in all 4 Lieblingsregionen. Wenn das konservative Auswärtige Amt in Berlin dann doch irgendwann rät, nicht dorthin zu reisen, dann gebe ich alle Eure Buchungsverpflichtungen ohne Stornoquote wieder frei. Hier sind also die Fotos aus
Christines kleiner Galerie, und es sind ein paar sehr schöne Schnappschüsse
dabei. Ein Klick auf die Miniaturen führt wie üblich zu den Originalen und
ihren Geschichten: Die wilde Schönheit
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Es war schlagartig heiß geworden vor 2 Tagen. Das sagte man uns schon
bei der Ankunft in Mumbai, wo es nach Mitternacht noch mollige 28 Grad im
flächendeckenden Schatten gab.
Apropos „Schatten“ – daß genau 12 Tage später genau an der
Bahnstation, an der wir morgen aussteigen werden, die Volksseele kochen wird,
und die Unruhen in der Folge auf das ganze Geburtsland des berühmtesten
Verfechters der Ahimsa (Gewaltlosigkeit) übergreifen werden, das hat niemand
ahnen können. Es wirft natürlich einen Schatten auf das Reiseziel Gujarat als
solches – wir selbst und unsere Reise waren jedoch an keinem Tag gefährdet.
Doch von Anfang an: Heute freuen wir Fünf uns erst einmal auf ein
neues Stück vom indischen Kuchen. In erster Linie unsere Stammgäste Gertrud
(3. KD-Reise), Christine (4. KD-Reise) und Margret (2. KD-Reise) – aber auch
für Marion und mich soll Gujarat auch beim zweiten Besuch unzählige neue
Eindrücke bringen.
Wir steigen in Frankfurt in den Flieger und lassen den naßkalten
Winter ebenso gern für einen Monat zurück, wie auch die gewohnte Art des
Lebens in Deutschland.
Wir waren bereits eine Viertelstunde vor der Zeit gelandet – brauchten
aber 40 Minuten zum “Anlegen”. Drei packvolle Jumbos waren kurz
hintereinander gelandet und spucken nun ihre bunten Völker in die
Immigration-Halle. Dort werden überwiegend heimkehrende Inder, aber auch ein
Trupp Ärzte ohne Grenzen und eine Minderheit Reisende aus allen Ländern der
Welt sittsam in Schlangen vor der Paßkontrolle geordnet – das babylonische
Sprachengewirr blieb. Hundert Handys piepten ihre Vergewaltigung
internationalen Liedguts durch die Menge, und die üblichen
„Seid-Ihr-da–wir-warten-schon“-Gespräche werden geschnattert: Jeder, der
mobil kommuniziert, ist wichtiger als die anderen – das ist im modernen
Indien wohl ebenso wie bei uns vor ein paar Jahren. Die Immobilen bleiben im
Unklaren, ob und wer draußen mit großem Gefolge wartet.
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Auf uns wartet hoffentlich der Abholer vom Hotel Sahar Garden, und ich
rufe nicht da an – lassen wir uns überraschen. Trotzdem muß ich natürlich in
die Gruppe der „Wichtigen“ wechseln und mein Mobiltelefon ausprobieren: Ich
sage meiner Schwester Ute, daß wir wohlbehalten angekommen sind und verkneife
mir die Gemeinheit, den Hinterbliebenen in der eisigen Heimat die hiesigen
Temperaturen zu nennen.
Euch will ich sie nicht verheimlichen: Auch jetzt nach Mitternacht
herrschen in Mumbai noch 28 Grad. Vor zwei Tagen seien die Temperaturen
plötzlich unerwartet angestiegen, erfahren wir.
Die Beamten der Paßkontrolle arbeiten recht zügig für indische
Verhältnisse. Trotzdem dauert es 40 Minuten, bis wir an der Reihe sind.
Wichtig weist der Beamte auf die Zeile, wo auf der Immigration Form nach der
„Profession“ gefragt wird – Marion hatte sie nicht ausgefüllt. Sie
dokumentiert sogleich ihren Formalitätenfrust und schreibt brav „Bai de
Baaank“ hinein – der Beamte ist es zufrieden, und wir sind nun amtlich
eingereist.
Als nächstes Geldwechsel – ohne Rupien ist man ja in Indien nackig. Der Euro-Kurs beim Schalter von Phramboze Feroze 41.60 für Cash / 41,80 für TC – deutlich 1 Rupie besser als der LKP-Kurs vom Freitag (s. „Termine & Preise“ bei KD-online). Das ist doch angenehm.
Bis hier waren wir übrigens noch zu viert. Draußen vor dem Hotel Reservation Counter erwartet uns Margret aus München, die mit Delta-Airlines eine halbe Stunde früher gelandet war. Damit ist unser Fünferteam komplett, und wir lassen uns von dem brav seit 2 Stunden wartenden Suresh (von Chandra aus Jodhpur zum Empfang abgestellt) zum Hotel begleiten. Das bleibt der einzige Wermutstropfen der Gujarat Discovery: Chandra kann uns nicht begleiten, wie ursprünglich vorgesehen. Er ist der Hauptorganisator der großen Jodhpur-Hochzeit und unabkömmlich (s. INN 134).
Ein paar Stunden Schlaf im Sahar Garden, ein gutes Frühstück im Gopi-Restaurant, und dann geht es bereits zum Bahnhof.
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Unser Expreßzug geht vom schmutzigen Bahnhof „Bandra Terminus“. Die üblen Attacken auf die Nasenschleimhaut während der Wartezeit auf dem Bahnsteig machen uns auf drastische Weise klar, daß wir unseren Kulturkreis nun endgültig verlassen haben.
Glücklicherweise fährt der Zug pünktlich um 11:35 h ab. Im klimatisierten Schlafwagenabteil der 1st Class rattern wir in Richtung Gujarat.
In Vadodara (sprich: „Wadohdra) steigt unser Familienescort Commander Anand Singh Chouhan zu. Der Commander ist der Schwager von Chandra aus Jodhpur und hat bis vor kurzem noch in der indischen Navy einen „Chopper“ (Hubschrauber) geflogen. Dieses Jahr wird er 50 und der Vorruhestand ermöglicht es ihm, uns auf der gesamten Gujarat-Runde bis Diu zu begleiten. Das wird ihm eine Menge Spaß machen, wie wir noch sehen werden – und wir haben Spaß an seiner sonoren Kommandostimme. Die wird er wohl nie ablegen können. Mit seinem langen Namen haben wir auch keine Schwierigkeiten: Seine Freunde nennen ihn Chou – und wir werden sofort in diesen privilegierten Kreis aufgenommen.
Was die Begegnung mit den komischen Europäern angeht, ist Chou völlig jungfräulich. Er war noch nie für längere Zeit mit Touristen unterwegs. Wenn ihn jedoch irgendwelche Wünsche oder Verhaltensweisen unseres Teams irgendwann verwundert haben sollten, so haben wir davon nichts bemerkt.
Chou’s Tochter Preeti hat den Commander zum Bahnhof begleitet. Wir kennen sie aus Jodhpur. Eine nette Überraschung auch, daß Vikrams Sohn Karmaveer ebenfalls auf dm Bahnsteig ist: Er gehört zu unserer Gastgeberfamilie aus Jambughoda, und wir kennen uns vom letzten Jahr.
So gibt es bereits in Vadodara (vorm. Baroda) einen warmen, familiären Empfang im klimatisierten Abteil des Deluxe Western Express nach Godhra.
Ankunft Godhra 19:00 h. Ein kaum beleuchteter Kleinstadtbahnsteig, auf dem wir innerhalb kürzester Zeit von dunklen Gestalten umringt sind, die an allem was wir reden oder machen großes Interesse zeigen. Glücklicherweise ist auch ein Chaiwalla darunter, der mir mit dem dampfenden Gebräu aus Milch, Ingwer, Teestaub, Zucker und ein bißchen Wasser die Wartezeit auf den Jeep des Nawab verkürzt. Es ist der erste richtige Straßen-Chai dieser Reise, und ich beschließe mit einem wohligen Grunzer, das dies nun der eigentlich Ausstieg aus der westlichen Hemisphäre dokumentiert. Den Gestank am Bandra Terminus als Einstiegsschock fürs echte Indien storniere ich hiermit.
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Von Godhra brauchen wir eine knappe Stunde für die 45 km nach Balasinor per Jeep (Zweitjeep fürs Gepäck).
Der hiesige Regent ist der erste islamische Herrscher, der uns auf dieser Reise beherbergt. Was bei den Hindus der Maharaja oder Maharana ist, heißt bei den Moslems Nawab (wir haben daraus das Wort „Nabob“ gemacht).
Im März 2001 waren wir auf unserer Erkundungstour sozusagen Gäste der ersten Stunde: Nawab Mohammed Salabat Khan Babi hatte sich soeben entschlossen, einen Teil seines Palasts in ein sog. Heritage Hotel umzuwandeln. Das erste Zimmer mit schönem alten Mobiliar war für uns bereits fertig.
Der Nawab hat den Garden Palace inzwischen gestrichen und 7 geräumige Zimmer als Gästezimmer hergerichtet. Im Lauf des letzten Jahres seit unserem Erstbesuch waren bereits 4 „versprengte“ Europäer hier zu Gast – ansonsten gab es einheimische Touristen, vornehmlich aus Gujarat.
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Die erste Nacht in Indien. In harten aber antiken Betten des Garden Palace schrecken wir gegen Mitternacht von Kanonenschüssen hoch. Während ich sekundenlang an eine Eskalation des Indo-Pak-Konflikts denke, murmelt Marion nur schlaftrunken: „Ballern Sie nur!“ und dreht sich auf die andere Seite. Vermutlich will sie andeuten, daß so der Name „Balasinor“ entstanden sei.
Es gab auch keinen Grund zur Beunruhigung: In Indien ist Hochzeitssaison, und ständig gibt es irgendwo in der Nachbarschaft Böller und Feuerwerk. Fünf Tage lang dauert so eine indische Landhochzeit schon mal, und Musik und Gesänge erklingen die ganzen Nächte hindurch.
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Das Frühstück an der Familientafel ist üppig – aber wir genießen es allein.
Der übergewichtige Nawab ist krank. Sein geschwollenes Bein macht ihm zu schaffen. Er und die Rani sind nicht aus den Privatgemächern heruntergekommen – begrüßt und bewirtet werden wir von der Prinzessin.
Die Ausgrabungsstätten der Saurier stoßen heute auf weniger Interesse. So beschließen wir nach dem Frühstück, einen Ausflug zu den heiligen heißen Quellen vor der Stadt zu machen und einen Spaziergang durch das alte Städtchen Balasinor anzuhängen.
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An den Quellen angekommen, sehen wir eine Lastwagenladung Pilgerinnen in einheitlich blauen Saris. Ein leuchtendes Indigo, das wir als besonders schöne Abwechslung empfinden, weil hier sonst die Farben Gelb und Rot vorherrschen. Die rituellen Waschungen in dem schmucklosen Bassin gehen bereits ihrem Ende zu. Im Betonbassin befinden sich etwa 20 Tröge in verschiedenen Formen und Größen, in denen sich das Wasser aus den heißen Quellen sammelt. Es herrscht der Glaube, daß jedes dieser kleinen Becken jeweils ganz bestimmte Krankheiten lindern oder gar heilen kann.
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Da wir den Betrieb der Waschungen nicht stören wollen, klettern wir zu dem nahen Bach hinunter, wo ebenfalls kochendheißes Wasser zutage tritt. Vor einem Jahr – kurz nach dem schweren Erdbebeben – waren diese Quellen weitestgehend versiegt. Auch heute fließen sie noch nicht wieder so wie früher.
Wir spüren, daß dies hier für viele Menschen ein Ort der Hoffnung darstellt. Nachdem sich die Menschen unter vielen Gebeten mit den heilenden Wassern benetzt haben, errichten sie zu Füßen des unscheinbaren Shivtempels kleine Türme aus Kieseln und Felsbrocken. Das sieht man in Indien oft in der Nähe heiliger Stätten, und die kleinen Bauwerke symbolisieren den Wunsch nach Wohlstand und vor allem nach einem Stück Land und einem eigenen Haus. Jeder sucht sich in der Umgebung seine Steine selbst, und niemand käme auf die Idee, für sein eigenes Türmchen das eines anderen Pilgers einzureißen. So stehen hier inzwischen Hunderte dieser kleinen Digli, einige bescheiden und winzig – andere wiederum protzig und hoch.
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All das, was wir hier beobachten können, wird dem normalen Touristen wohl verborgen bleiben. Der kleine Tempel ist zwar alt – aber keineswegs ein architektonisches Highlight. Alles wirkt recht primitiv hier, und vorbeikommende Reisende dürften kaum Anlaß sehen, sich hier genauer umzusehen.
Umsehen wollen wir uns nun in Balasinor. In der Altstadt sehen wir einige sehr schön beschnitzte alte Häuser. Aber viel Sehenswertes gibt es hier nicht – das bunte Treiben in den Gassen ist interessanter.
Unsere Kinder-Eskorte vergrößert sich wie bei jedem Spaziergang von Minute zu Minute. Am Verhalten der indischen Kinder können wir immer sehr leicht den Grad der touristischen Entwicklung eines Dorfes abschätzen. „Hello“, „What is your name?”, “Chocolate? Rupees?” – das sind die Zurufe, die wir auf Pfaden zu hören bekommen, auf denen vor uns schon viele Touristen gewandelt sind. Hier aber haben wir wohl wieder einmal Premiere. Kein Gebettel – einfach nur kindliche Neugier.
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Balasinor ist nicht sehr groß. Bald sind wir mit unserem Gefolge am Stadtrand angelangt, wo auf dem Feld neben einer kleinen bunten Moschee ein Rummelplatz für irgendein Fest aufgebaut wird. Ein klappriges Karussell steht da schon, und gleich daneben ein für indische Verhältnisse recht imposantes Riesenrad.
Mein Blick überschätzt die Zahl der Kinder, die uns inzwischen begleiten: 30-40 könnten es schon sein. Und wenn meine spontane Idee funktioniert, dann werden es schnell doppelt so viele sein. „Kannst Du mal den Besitzer fragen, ob das Riesenrad schon fertig aufgebaut ist?“, wende ich mich an Chou. „Wenn es schon startklar ist, dann würde ich es gern mieten.“
Chou strahlt. Diese Idee gefällt ihm. Nachdem der Schausteller bestätigt, daß das Riesenrad in wenigen Minuten startklar sei, sind die Verhandlungen schnell abgeschlossen: 500 Rupien will er haben – also biete ich ihm 200 RS, und der Owner schlägt ein.
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Was dann passiert, können nur die erfahrenen Schausteller unter Kontrolle halten. Wie vermutet, spricht sich mein Angebot herum wie ein Lauffeuer, und in Nullkommanix sind es über 100 Kinder, die sich unter wildem Geheul vor den Gondeln drängeln. Doch die Männer vom Riesenrad lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Immer wenn eine Gondel gefüllt ist, wird der Einzylinder-Dieselmotor angeworfen und die Gondel hochgefahren, damit die gegenüberliegende Gondel bestiegen werden kann. So dauert es fast eine halbe Stunde, bis alle Gondeln gefüllt sind. Aber dann geben sie Gummi, die Schausteller, und für einige Runden fegen die Gondeln mit ihrer kreischenden Last so schnell im Kreis, daß die Fliehkraft sie auf halber Höhe fast waagerecht stellt.
Bei einem solchen Tempo würden die Pratergäste in Wien vermutlich vor Entsetzen kreischen – für die Inder ist das scheinbar ein Muß, und alles jubelt und kreischt, und es kann gar nicht schnell genug gehen. Der kleine Dieselmotor hüpft und bockt in seiner Verankerung, und der 10 Meter lange Keilriemen flattert – aber alles geht gut.
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Trotzdem hatte ich ganz kurz das Gefühl gehabt, die Kiste sei außer Kontrolle, und ich bin nun für den Tod von über Hundert Kindern verantwortlich – aber das legte sich schnell wieder, und wir hatten eine richtig gute Show.
Als das Rad wieder still stand und alle ausgestiegen waren, dankten uns die Kinder mit einer stilgerechten Karnevalsrakete: Ein paar Jungs begannen im höchsten Diskant zu kreischen, und in Sekunden stimmten sämtliche Kinder ein. Ein infernalisch schöner Sound, bei dem die Tonkontrolle meiner Videokamera völlig versagte.
Zurück im Palast erzähle ich der Prinzessin von unserem Abenteuer. Sie hört lächelnd zu und sagt dann: „Ich weiß es schon – die Kinder haben es mir schon vor einer halben Stunde erzählt...!“ Wie so oft in Indien waren uns die Nachrichten vorausgeeilt.
Am Abend freuen wir uns: Der kranke Fürst hat für seine europäischen Ehrengäste seine 250 Kilo aus den Gemächern des ersten Stocks heruntergewuchtet, um mit uns zu speisen: Nawab Mohammed Salabat Khan Babi und seine Begum geben uns zum Dinner die Ehre. Bei angeregten Gesprächen hat der abwechslungsreiche Tag so noch einen netten Ausklang.
Unser nächstes Ziel wird morgen Jambughoda sein. Von den Muslimherrschern wechseln wir zu den hinduistischen, und der Maharana wird für 5 Tage unser Gastgeber sein.
Noch immer in Balasinor. Eigentlich sollte er um 9:30 da sein, aber unser Kleinbus läßt auf sich warten. Chou telefoniert mit Vadodara, wo Chandra uns den Bus angemietet hatte. Wir erfahren, daß der Fahrer irgendwo auf dem Highway im Stau steckt. Ein Verkehrsunfall blockiert die Strecke, und man wolle uns anrufen, wenn die Ankunft absehbar sei. Um 14:30 ist es dann soweit. Driver Gopal, dem wir für die nächsten 20 Tage unser Leben anvertrauen sollen, hat unser Gepäck im geräumigen Tempo Traveller verstaut und wir machen uns auf den Weg nach Jambughoda.
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Natürlich kommen noch
Bilder in das Jambughoda-Kapitel – was sind denn schon Reiseberichte ohne
Fotos? Bis dahin aber klick Dich
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Mit Teepausen und Lunchpaket benötigen wir 3 Stunden für die knapp 100 Kilometer. Am Jambughoda Palace stehen Maharana Vikram Sinh und seine Maharani Gyaneshwari nebst Tochter Chandramohini bereit für ein Royal Welcome mit Blumengirlanden, Räucherwerk, Prasad und Farbtupfer auf die Stirn.
Jambughoda, obwohl auf den meisten Karten nicht zu finden, war bis in die Kolonialzeit eines der einflußreichsten Fürstentümer im heutigen Gujarat. Die königliche Familie des heutigen Maharana besaß hier nicht weniger als 130 Quadratkilometer Land, das ihnen aber zum größten Teil genommen wurde, als die Maharanas, Maharajas und Nawabs der sogenannten Princely States nach der Unabhängigkeit enteignet wurden. Immerhin hat der verstorbene Maharana es mit Hilfe des ehemaligen Premiers Rajiv Gandhi geschafft, aus seinen ehemaligen Wäldern ein Wildschutzgebiet zu machen – das Jambughoda Wildlife Sanctuary. Hier gibt es Leoparden, Vierhorn-Antilopen und viele andere Tiere.
Nicht selten streift der Leopard im Morgengrauen um den Palast, erzählt uns Vikram beim abendlichen Aperitif. Ein paar seiner wertvollen Hunde habe er in den letzten Jahren an die Panther verloren. Wir blicken unruhig in die Finsternis – aber Gyaneshwari und Vikram versichern, daß wir uns keine Sorgen machen müßten.
Wir beziehen geräumige Zimmer im für Gäste renovierten Seitentrakt des Palastes. Neuerung im riesigen weiß gefliesten Bad: Das heiße Wasser wird nicht mehr in Eimern durch die Boys herangeschleppt, sondern kommt aus der Wand. Vikram hat hinter dem Haus einen großen Warmwasserboiler aufgestellt, der morgens und abends mit Holz befeuert wird.
Ein reichhaltiges Dinner wird unter freiem Himmel am lodernden Lagerfeuer serviert. Über uns Millionen Sterne und Hunderte von Flughunden, die in den frühen Abendstunden ihre Schlafbäume verlassen und auf Früchtesuche gehen. Bei ihrer Spannweite von fast 80 cm beruhigend zu wissen, daß diese Flying Foxes reine Vegetarier sind. Beim Essen erzählt Vikram stolz, daß er kürzlich für sein Engagement für die benachbarten Schutzgebiete den Forest Conservation Award 2001 bekommen hat.
Dann zeigt er uns sein Heim, und in der Empfangshalle hüllt uns der leicht modrige Geruch längst vergangener Tage ein. Hier hängen sie alle: Gemälde und frühe, vergilbte Fotografien der letzten Generationen. Der Prinz hat keine Mühe, 600 Jahre Familiengeschichte an uns vorbeiziehen zu lassen. Wichtige Tradition der Fürsten bei aller Anpassung an die veränderten Zeiten: Das Erbe der Ahnen wird hochgehalten, und er kennt sie alle mit Namen, weiß um ihre Schlachten und Verdienste – bis hin zum Urahn der Familie, der vor 600 Jahren aus Dhar (Madhya Pradesh) hierher kam.
Doch wie gesagt: Es ist der modrige Charme der Vergangenheit, der uns hier anrührt. Der Palast hat seine goldene Zeit längst hinter sich. Der bewohnte Hauptteil zeigt sich verwittert, der zweite Stock baufällig und unbewohnt wie auch die Zenana, das ehemalige Frauenhaus, im hinteren Teil des Palastes. Ganz hinten gar ein ganzer Flügel schon vor Jahrzehnten eingestürzt – es stehen nur noch ein paar Mauern.
Es wird immer schwerer, das Anwesen zu unterhalten. Die Erträge aus Land- und Forstwirtschaft stagnierten fast 5 Jahre (Ich habe von der grausamen Dürre berichtet: 4 Jahre gab es keinen Monsunregen). Erst im vergangenen Sommer fiel wieder Regen, und es war ein gutes Jahr – aber so schnell sind die Einbußen der letzten Jahre nicht aufzufangen. Einer der Gründe, warum Vikram zur Erhaltung des Anwesens beschlossen hat, einen Teil des Palastes als sogenanntes Heritage Property für Gäste einzurichten. Und wir sind sozusagen die ersten internationalen Besucher.
Du der Besuch lohnt. Vikram hat eine Menge zu zeigen, und die 5 Tage unseres Plans reichen eigentlich nicht aus. Wir werden Prioritäten setzen und die Haats der Rathwa und Nayak besuchen, nicht ohne die „Altbauten“ am Wege zu übersehen und Vikrams fürstliche Verwandten in ihren Schlössern zu besuchen.
In den nächsten Tagen unternehmen wir viel. Als erstes steht ein Besuch in Sankheda an. Erneut erfreuen wir uns an der „vierarmigen“ Geschicklichkeit, mit der hier die berühmten Sankheda-Möbel hergestellt werden. Zum Drechseln, Lackieren und Bemalen werden nicht nur die Hände, sondern auch beide Füße eingesetzt. Gertrud kauft gleich zwei schön bemalte Hocker, und ich mache mir unbegründete Sorgen um ihr Gepäckvolumen beim Rückflug. Den Inhalt aus dem großen Paket hat Gertrud später geschickt in ihren Koffer eingepaßt.
Besonders schöne alte Häuser entdecken wir, mit herrlichen Schnitzereien und bunt bemalten Balkonen. Das allein macht den Besuch im 40 km entfernten Sankheda lohnenswert.
Nachmittags zum Markt im kleinen Dorf Jambughoda. Vom Palace kann man bequem zu Fuß dorthin gehen. Von den Märkten um Jambughoda (Haat heißen diese Tribal Fairs) gibt es nicht viel zu erzählen – es ist einfach ein Augenschmaus, durch den Trubel zu spazieren. Dabei finde ich das Warenangebot weniger interessant – da bunte Treiben, die Stammesfrauen aus den umliegenden Dörfern, die hier kaufen oder verkaufen, die Rinder, Ziegen und Schweine, die frisches Gemüse klauen. Das Sortiment auf solchen Märkten ist vielfach ähnlich – die Stammesgemeinschaften jedoch verschieden. Eine kleine Sammlung von Schnappschüssen kannst Du Dir in den Bildergalerien anschauen.
Zum Rathwa-Thanksgiving führt uns Vikram nach dem Dinner, denn es wird von den hiesigen Ureinwohnern nachts gefeiert. Sie nennen es Eend-Fest, und wir erleben es im nahegelegenen Dorf im Gathia. Die neuen Pithora Paintings und die gute Ernte werden gefeiert mit Musik und Tanz. Als Gäste der Royals betrachtet uns der Obermedizinmann der Rathwa als Ehrengäste. Unter mehreren Hundert Rathwas bekommen wir Charpoys in vorderster Linie, direkt vor der frisch mit geweihten Erdfarben bemalten Wand. Dargestellt werden Mythen, Legenden und Szenen aus dem Alltag der Rathwa. Die Farben sind nach überlieferten Rezepten mit Büffelmilch angerührt, und das riesige Wandgemälde mißt bestimmt 30 Quadratmeter. Jedes Jahr wird es zum Eend erneuert, und wir erleben nun, wie die noch feuchten Malereien mit Räucherwerk in irdenen Töpfen geweiht werden. Anschließend werden unsere Charpoys (hölzerne Bettgestelle mit einen Geflecht aus Hanfschnüren) auf den Festplatz vor dem Rathwa-Haus getragen, und wir erleben die Musikanten, Trommler, Tänzer und Tänzerinnen der Rathwa. Wobei wir allerdings kaum etwas sehen können, weil alles in fast völliger Finsternis stattfindet – dafür ist aber die Attacke auf unserer Trommelfell um so eindrucksvoller.
Die Jumma Masjid in Champaner besuchen wir. (Mal liest man „Jamu“, mal „Jami“ Masjid - wie ist es eigentlich richtig?) Auch die Festungsanlagen aus dem Mittelalter sehen wir uns an – aber die Freitagsmoschee ist zweifellos ein Höhepunkt. Nicht von ungefähr wurde diese fast 500 Jahre alte Moschee kürzlich in den Katalog der 100 erhaltenswerten Bauwerke des Weltkulturerbes aufgenommen. Den heiligen Berg Pavagadh nebenan schaffen wir nicht – wir müssen also noch mal her.
Dann die Fahrt zum Wochenbasar im unaussprechlichen Gadhbhikhabura. Mittags überrascht uns Vikram mit einem Lunch in einem netten kleinen Palast, den wir noch nicht kannten. Es ist der Kadwal Palace seiner Verwandten Bhavnakumari und Jitendra Sinh, die eigens für unseren Besuch aus dem 100 km entfernten Vadodara (Baroda) hergekommen sind – der verwitterte Familienpalast ist heute nur noch gelegentlich bewohnt. Schade, denn er liegt in einer sehr schönen Landschaft, und wir reden Jitendra zu, ein paar Gästezimmer einzurichten.
Auf der Heimfahrt besuchen wir eine von mehreren Don Bosco Schulen für Rathwa Adivasi, wo der leitende Pater Pedro - soeben vom allabendlichen Waldlauf zurück – noch in seiner verschwitzten Joggingkluft ein wahres Popkonzert für uns organisiert. In wenigen Minuten hat er die Boys der Schule im Aufenthaltsraum zusammengetrommelt, die Hammondorgel angeworfen, das Schlagzeug zurechtgerückt und sein Saxophon ausgepackt: Unter dem begeisterten Klatschen der übrigen Jungs bekommen wir einen Filmsong aus der aktuellen Indpop-Hitparade zu Gehör! Professionelle Popmusik - das ging richtig ab!
Die Mädels dieser Internats-Schule wohnen einen Kilometer weiter in einer separaten Don Bosco Anlage. Als wir dort ankommen, ist es bereits dunkel – höchst bedauerlich, denn auch hier werden wir mit schönen Gesängen geehrt. Die Videokamera kann aber nur schemenhafte Silhouetten aufnehmen - wenigstens aber den Gesang dokumentieren.
Einen Tipp für die nächste Reise bekommen wir später von Dandraj in Zainabad: Jeden Donnerstagabend tanzen die Siddhis hier in der Nähe den Dhamal Dance zu Ehren ihres Heiligen Baba Goar. Ort des Geschehens ist die Baba Goar Mosc bei Rathanpur (ca 20 km von Jambughoda)
Am Freitag dann die Fahrt ins 2 Stunden entfernte Vadodara (ehem. Baroda - sprich “Wadoohdra”). Auf der Fahrt dorthin gibt es sogar eine regelrechte Autobahn, wo wir für eine Maut von 45 Rs mit atemberaubenden 90 Stundenkilometern in Richtung Distriktshauptstadt donnern.
Hier ist heute ein riesiger Wochenbasar mit Flohmarkt. Das ist wieder ein völlig anderes Erlebnis als die dörflichen Wochenbasare. Vadodara ist eine pulsierende Großstadt und der Markt ist gewaltig. Als wir den Bereich des Flohmarktes erreichen, tun uns schon fast die Füße weh. Phantastisch, was hier angeboten wird! Bei vielen Dingen scheint es unvorstellbar, daß irgendwer dafür auch nur eine Rupie hinlegt. Einiges hätte ich allerdings schon brauchen können – aber wie nach Deutschland schaffen? Dazu braucht es einen zuverlässigen Partner mit Exportlizenz, und den habe ich hier noch nicht. Ich habe mal Vikram auf diese Sache angesetzt.
In der Stadtwohnung des Fürsten gibt es einen vorzüglichen Lunch mit mehreren Gängen, und Marion stellt begeistert fest, daß Gyaneshwari noch wußte, was uns vor einem Jahr so gut geschmeckt hatte:
Die Damen haben Gelegenheit, in einem Handicrafts-Shop einzukaufen, und die berühmten Block Print Stoffe bekommen wir bei Baroda Prints. Anschließend bleibt noch Zeit für das berühmte Baroda-Museum, bevor wir uns auf den Weg nach Haus machen.
Um 9:30 Uhr nach einem guten Frühstück Start von Jambughoda – über Champaner – Halol – Kalol – Sevalia – Balsinor (12:00) – Kapadwanj – Bayad - Modasa.. Die Handy-Netzabdeckung ist erstaunlich (Orte mit Empfang unterstrichen): Mein D-1-Handy funktioniert mit deutscher Karte in the Middle of Nowhere, und ich telefoniere klar und deutlich mit Deutschland – zwischen Kamel- und Ochsenkarren, Fenchelfeldern und Eukalyptushainen. Ein seltsames Gefühl, sich durch eine vortechnologische Welt zu bewegen und gleichzeitig die Errungenschaften neuester Kommunikationssysteme nutzen zu können.
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Lustig ist allerdings, daß wir auf der gesamten Gujarat-Route mit wenigen Ausnahmen selbst in der abgelegensten Wildnis ein D1-kompatibles Netz haben – nur in den Orten nicht, wo wir übernachten. Einzige Ausnahme zum guten Schluß bildet die Insel Diu, wo eine gute Netzabdeckung herrscht. Über die anderen Netze kann ich nichts sagen, außer daß Marions E-plus-Handy nur gelegentlich auf ein kompatibles Netz stieß.
Auf dem Weg nach Poshina aber verfahren sich Chou, der kein Gujarati lesen kann und Driver Gopal um mehr als 100 km. So wird es 19:45 h, als er uns endlich in den Burghof des Poshina Darbargadh einhupt.
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Noch 2 Stunden vorher hatten wir uns im hügeligen Dschungel im Nordosten Gujarats verfranzt, und als wir dann auch noch eine ausgedehnte Melonenpause im einsamen Wald machten, war Chou schon ein wenig unruhig: „Besser, wir sehen zu, daß wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder in bewohnte Gebiete kommen. Hier lauern nachts viele Adivasistämme, die mit Pfeil und Bogen Fahrzeuge ausrauben.“
Dabei bliebe nicht selten der eine oder andere Insasse auf der Strecke.
Na, wir haben es überlebt. Und nun sind wir zu Gast im Darbargadh Palace Poshina bei Kanvar Harendrapal Sinh und Frau Kailash (genannt “Hanu” & “Honey”).
Die Adivasi-Stämme der Umgebung besuchen wir mit Hanu. Wir sehen die erstaunlichen Bewässerungsprojekte der Stämme, deren kleine Kanäle sich kilometerweit durch das hügelige Land schlängeln, um kleine Berge herum und manchmal sogar über richtige kleine Aquädukte plätschern. Wir werden in die Hütte einer Adivasi-Großfamilie eingeladen und dürfen Pfeil und Bogen ausprobieren. Diese Waffen dienen hier nicht wie anderorts als traditionelle Manneszierde, sondern werden wirklich benutzt. Die messerscharfen Stahlspitzen der Pfeile können noch über 50 Meter hinweg einen Mann töten.
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Und das taten sie erst kürzlich. Hanu erzählt, daß er vor einigen Wochen mit einer amerikanischen Fotografin hier gewesen sei und alle Männer des Clans mit Pfeil & Bogen bewaffnet vor den Hütten angetroffen hat. In der Nacht sei der Großvater einer benachbarten Adivasi-Familie durch einen Pfeil getötet worden, und man erwartete den Angriff des betroffenen Clans. Die Männer versicherten ihre Unschuld – befürchteten aber, der Nachbarclan würde sie verdächtigen.
Blutrache und Stammesfehden sind hier wohl noch an der Tagesordnung. Man klärt solche Dinge unter sich, und die Behörden halten sich zurück. „Auch bei Mordfällen wie dieser hier?“, frage ich Hanu, und der zuckt die Schultern: „Gerade bei solchen Fällen!“
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1) Koteswar Shiv Temple – nicht spektakulär, ebensowenig wie die vielen Marmorschnitzarbeiten, die links und rechts des Tempelaufstiegs angeboten werden. Hier erleben wir die ersten bettelnden Kinder.
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2) Auch der Amba-Tempelkomplex von Ambaji ist von Tausenden von Händlern umgeben, die in der Hauptsache Opfergaben verkaufen: Prasad-Sortimente mit Zuckerwerk, Räucherstäbchen und Flittertuch. Die Menge der Läden läßt erahnen, welch ein Rummel hier zur Zeit des Bhadra Purnima herrscht. Auch die Zugänge zum Tempel sind auf den großen Ansturm der Pilger vorbereitet, die mit Fahnenträgern, Musikanten und Trommlern im September zum Bhadra Purnima kommen – zu Fuß aus allen Teilen des Landes. In schmalen Gittergängen aus Stahlrohren und Maschendraht werden die Gläubigen in ordentliche Zweierreihen zusammengepfercht, die sich in Schlangenlinien zum Heiligtum vorarbeiten.
Im Tempel selbst herrscht aber auch heute hektisches Treiben. Im Seitentrakt scharen sich die Leute um eine dicke Frau im roten Sari, mit wirrem Haar und vom Farbpulver rotverschmiertem Gesicht und offensichtlich in religiöser Extase. Mit wild zuckendem Oberkörper und erhobenen Händen wiegt sie sich hin und her. Nacheinander nähern sich Frauen und Männer, die von der Frau derart harte Schläge auf den Rücken erhalten, daß eine junge Frau darunter zusammenbricht – es wirkt wie eine brutale Teufelsaustreibung, doch die Menschen lassen es über sich ergehen. Vielleicht erwarten sie Heilung von irgendwelchen Gebrechen? Ich fand niemanden, der mir Auskunft geben konnte.
Im Zentrum des Tempels stehen die Pilger vor dem Heiligtum mit ihrem Prasad Schlange. Die Brahmanen haben alle Hände voll zu tun, die Hälfte des Zuckerwerks auf einen Haufen zu kippen und den gesegneten Rest zurückzureichen. Den kann der Gläubige anschließend an seinen Verwandten und Freunde verteilen und sie so am göttlichen Segen teilhaben lassen. (Fotos sind im Tempel nicht erlaubt).
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3) Als nächstes geht es mit einer steilen Seilbahn zum Tempel auf dem Gabbhar Hill, und die sieht nicht einmal so schlecht aus, wie man es in einem Land fernab von TÜV und Ordnungsamt vermuten könnte. Der Rope Way nennt sich hochtrabend „Udan Kathola“ - „Fliegender Teppich“ soll das bedeuten. Auf der Webseite www.udankhatola.com kann man sich über die verschiedenen Tempel informieren, bei denen schon ein solcher „Ropeway to the Gods“ installiert ist. Der Udan Kathola wird hier nicht nur mit großer Plakatwand wie eine Rummelplatzattraktion angepriesen, sondern auch von einem gehbehinderten Ausrufer in einer abgehängten Mustergondel. Sein monotones „Chalo, chalo – Udan Khatola“ erschallt in Zeitlupe über Lautsprecher und erinnert an einen Kirmesschreier unter schweren Beruhigungsmitteln. Sein Sermon wird mich noch lange verfolgen.
Welche alberne Urlaubslaune Marion und mich allerdings dazu bewegt, uns am Fuße der Seilbahn für 10 Rupien in nostalgische Gewänder stecken zu lassen, bleibt unerforscht...
4) Wirklich schön sind erst die 5 Jaintempel von Kumbhariyaji aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Die Marmorschnitzereien sind so fein, daß sie sich mit den Kunstschätzen Dilwaras (im nahen Mount Abu) messen können. Hier lohnt sich eine Fotogenehmigung, die man gegen Gebühr im Office bekommt.
Am späten Nachmittag fahren wir zum Picknick an einen nahen Bergsee am Rande der Aravallis. Christine und Margret gehen sogar schwimmen – die wenigen Einheimischen sehen gefaßt dabei zu.
Und morgen geht es erneut auf große Fahrt. Das milde Gebirgsklima (nachts 20 Grad, tags 32 Grad) mit geringem Moskitoaufkommen lassen wir dann hinter uns. Wir sind gespannt, was uns in der Wüste am Rande des Little Rann of Kutchchh erwartet.
Früher Aufbruch, denn wir haben viel vor auf der Fahrt nach Zainabad. Um 8:20 h geht es los. Von Poshina soll es zunächst nach Patan gehen, von dort nach Modhera und Becharji.
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Alle hier gezeigten
Minibilder findest Du in den Fotogalerien natürlich vergrößert. |
Zeichen und Wunder: Wir haben es zwar schon im November in den INN gelesen – jedoch mit Mißtrauen betrachtet. Bisher haben die indischen Tourismusbehörden noch nie ihre drastischen Gebührenerhöhungen für Ausländer zurückgenommen. Trotz des jeweils massiven Protests der Tourismusbranche.
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Aber heute sehen wir es: Die Eintrittsgelder für den Rani ki va in Patan und den Surya Mandir, den berühmten Sonnentempel in Modhera, wurden tatsächlich von 5 US$ auf 2 Dollar gesenkt!
Wie im vorigen Jahr waren wir in Patan wiederum erstaunt, wie wenig bekannt einer der prächtigsten Brunnen der Welt in seiner eigenen Stadt ist. Gopal, unser Driver, mußte zigmal fragen, und wir kurvten durch die ganze Stadt, bis wir den Rani ki va endlich gefunden hatten. Ein Zaun, ein gepflegter Garten, ein winziges Tickethäuschen – mehr ist von der Straße her nicht zu sehen, und so mancher wird wohl achtlos vorbeifahren: Die ganze Pracht findet sich ja unterirdisch.
Was die Bilder angeht, so habe ich bereits eine schöne Galerie vom Modhera Sun Temple online. Eine „Brunnengalerie“ fehlt noch, und die neuen Bilder aus Patan und Becharji werden in Kürze folgen – schaut einfach in die Übersicht unter „Fotogalerien“ bei KD-online.
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Im kleinen Tempelstädtchen Becharaji erleben wir großen Rummel: Gestern nacht begann das monatliche Poonam (Vollmondfest), und der Bezirk um den Matatempel ist voller Menschen. In einer Ecke quatscht man durch ein Meer von Kokosmilch, und immer noch werden neue Kokosnüsse für die Muttergöttin auf den Steinen zerschmettert.
In der gegenüberliegenden Ecke dann die Hijras. Travestie, Transvestiten und echte Eunuchen – keiner kann das unterscheiden, und manche dieser männlichen Frauen sind verblüffend hübsch. Stolz lassen sie sich fotografieren, klatschen unnachahmlich laut in die Hände (d.h. „Gib Geld!“). Eine, einer oder eines kommt zu mir herüber und baut sich so dicht vor mir auf, daß sich fast unsere Nasenspitzen berühren. Ein schmelzend-fordernder und übelst-frivoler Blick saugt sich an meinen tränenden Augen fest, so daß ich lieber nicht wissen möchte, was mir aus den grellrot geschminkten Lippen da gleichzeitig angeboten wird. Jedenfalls löst es bei den umstehenden Hijras ein unanständiges Gekicher aus. Ich fühle mich nicht unbedingt wohl in meiner Heterohaut, aber Marion grinst und sagt auch noch: „Jetzt küßt es Dich gleich!“
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Tat es nicht, zum Glück Aber es wollte meinen Hut, und das galt es mit allen Mitteln zu verhindern: Die ranzigen Kokoshaare meines Gegenübers hätten ihn für immer entweiht. Also trat ich den Seitenzug an – Rückzug ging nicht, denn ich stand vor einer Wand...
In Zainabad kommen wir bereits am frühen Nachmittag an. Zum einen haben wir uns in Modhera und Patan nicht so lange aufgehalten, und zum anderen hat sich Gopal diesmal nämlich nicht verfahren (wohl aber wir auf unserer Vorjahrestour).
Meine persönliche Juckbilanz am 12. Reisetag: Autanstift abends 2x benutzt, sporadisch Verdampferplättchen (Geo) in der Steckdose des Zimmers – und insgesamt 2 Moskitostiche. Das ist eine sehr gute Bilanz, wenn man bedenkt, daß indische Moskitos mein Blut besonders schmackhaft finden. Die anderen im Team haben übrigens ähnlich gute Werte.
Bis heute. Die Moskitos Indiens lieben Saurashtra (so heißt die Halbinsel Kathiawar heute wieder), und besonders Zainabad am Rand des Little Rann of Kutchch scheint ihnen zu gefallen. Ab heute müssen wir also aufrüsten.
Das gelang mit indischen Mosquito-Coils, einer gründlichen Entwesung der Hütten mit der Insektizidspritze und gründlicherem Einsatz von Repellents. So hat sich die bisher so günstige Statistik nur um wenige Stiche verschlechtert.
Warum ich das erwähne? Weil die Frage nach den Moskitos immer zu den ersten Fragen der Reiseinteressenten gehört. Und weil jeder was anderes sagt. Und vor allem, weil unsere Duldsamkeit durch die paar negativen Begleiterscheinungen einer solchen Reise wie Hitze, Staub und Mücken bei richtigem Verhalten überhaupt nicht so arg auf die Probe gestellt wird, wie manche uns glauben machen wollen. Im Gegenteil – bei so viel spannenden und schönen Eindrücken wird derlei schnell vergessen.
Das Land ist flacher als am Niederrhein, wo man Mittwochs schon sehen kann, wer Samstags zu Besuch kommt. Und es ist auf weite Strecken langweilig und heiß. Man sieht nur das stachelige Buschwerk, dessen Samen vor Jahrzehnten in guter Absicht vom Maharaja of Sirohi per Hubschrauber abgeworfen wurde. Es waren mexikanische Samen, die schnell wachsendes Feuerholz für die Wüstenvölker liefern sollten. Wie immer aber kehrte sich der Segen zur Plage, wenn der Mensch in die Natur eingreift. Heute ist fast niemand mehr glücklich über die Büsche, die überall in den Trockengebieten Rajasthans und Gujarats wuchern, kein Futter für Ziegen und Kamele liefern und die Bauern behindern.
Dann aber wieder Abwechslung. Plötzlich wird die Landschaft schöner. Zwischen Babul- und Khejribäumen haben die Dörfler Cumin- und Baumwollfelder angelegt. In den Feldern steht hier und da der heilige Wunderbaum Neem, der bei der Plantagenwirtschaft ebensowenig gefällt werden darf wie die prächtigen, üppiggrünen Salvadoras. Die ducken sich scheinbar stammlos wie riesige Bubiköpfe in die Felder und bieten den Kamelherden der Nomaden gutes Futter.
Gut, daß wir hier in der Wildnis sind. Heute morgen soll es üble Ausschreitungen drüben auf dem Festland in Godhra gegeben haben. „War das nicht der Bahnhof, an dem wir in Gujarat angekommen sind?“, fragt eine von uns. War er, und das scheint so lange zurückzuliegen. Dabei sind es erst 11 Tage.
Freiwillige Hindu-Arbeiter (Kar Sevaks oder Ram Sevaks genannt) waren mit der Eisenbahn auf dem Weg von Ayodhya, wo sie den Bau des umstrittenen Tempels unterstützt hatten. Irgendwo bei Godhra in Gujarat gab es im Zug Auseinandersetzungen mit muslimischen Passagieren, und die Notbremse brachte den Zug zweimal zum Stehen. Was genau geschah, wird wohl nicht so einfach aufzuklären sein. Tatsache ist, daß sich in kurzer Zeit ein Mob aus Muslims zusammenrottete, der mit Knüppeln und Steinen gegen die Hindufamilien im Zug vorrückte. Die Bahnpolizei ist überfordert. Vier Salven feuert sie über die Köpfe der wütenden Menge – ohne Erfolg. Zu allem Unglück war der Zug an einem übel beleumundeten Muslimviertel Godhras zum Stehen gekommen. Ein verslumter Bezirk voller Illegaler mit Schrottplätzen und Kfz-Werkstätten. Aus diesem Bezirk bekommt der wütende Mob sofort Verstärkung, Kerosin- und Dieselkanister greifen sie sich und zünden zwei Waggons mit Kar Sevak Familien an. Die hatten die Fenster geschlossen, um sich vor den Steinwürfen zu schützen, und das wurde 58 Menschen zum Verhängnis. Sie verbrannten bei lebendigem Leibe, überwiegend Frauen und Kinder.
Eine Welle der Gewalt gegen Muslime löst das Pogrom aus. An mehreren Orten Gujarats kommt es zu Racheakten gegen muslimische Minderheiten. Das Militär muß in der Hauptstadt Ahmedabad und in Vadodara eingreifen, setzt Tausende fest, verhängt Ausgangssperren.
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Wir sind Gäste eines Nawabs. Er ist ein gemäßigter Muslim ohne Bart oder sonstige Insignien, an denen man die praktizierenden Muslime sofort erkennt. Er gehört sogar zu den wenigen Indern, die nicht einmal einen Schnurrbart tragen. Ein liberaler, fröhlicher Mann ist dieser Shabbir Malik of Zainabad. Aber er ist Muslim, und man spürt im Gespräch mit ihm und seinem Sohn Dandraj die bedrückende kollektive Schuld. Beide verurteilen die Ausschreitungen von Godhra aufs schärfste, bezeichnen die Täter als verwilderte Fanatiker, die von subversiven Pakistansympathisanten bei jeder Gelegenheit aufgestachelt werden.
Aber Details über die Vorgänge in Gujarat erfahren wir nicht von den Fürsten. Sie halten sich bedeckt, und ich spüre, daß es ihnen sichtlich peinlich ist, darüber überhaupt zu sprechen. So gehen einige von uns ins Dorf, um in Deutschland anzurufen. Aber das geht nicht. Ein Bulldozer hatte versehentlich eine der Telefonhauptleitungen gekappt, und Telefonate waren seit ein paar Tagen nur innerhalb der umliegenden Dörfer möglich. Desinformation schafft Unsicherheit, und das Team ist beim Frühstück still und bedrückt.
Aber dann kommt Dandraj und berichtet, daß Jat-Nomaden aus den Tiefen des großen Rann in der Nähe mit ihren Kamelherden gesehen worden seien. Er lädt uns zur Safari im umgebauten Armeetransporter ein als wäre nichts geschehen. The Show must go on, denke ich kurz: Er muß seinen Gästen was bieten. Aber dann unterdrücken wir alle den Anflug von Sorge. Der Prinz ist traditionell für die Sicherheit seiner Gäste verantwortlich. Er würde uns nicht hinausführen, wenn draußen die Wüste in Flammen stände. Darauf können wir vertrauen.
Als wir in den Geländewagen steigen, sind die wilden Ausschreitungen in weiter Ferne – wir freuen uns auf das wilde Nomadenvolk, wilde Tiere und eine wilde Landschaft im Little Rann.
Die Fakirani-Jats gehören zu den Hirtenvölkern, die mit ihren Herden seit Jahrtausenden die kargen Wüsten Afghanistans, Pakistans und Indiens durchwandern. Sie sind bis heute nicht seßhaft und haben ihre traditionelle Lebensweise seit Jahrhunderten nicht geändert. Die politischen Grenzen der Staaten, die sie durchwandern, interessieren sie nicht. Die Afghanen, Pakistani und Inder respektieren die Lebensweise der Fakirani und behindern den kleinen Grenzverkehr nicht, obwohl bekannt ist, daß die Nomaden seit jeher ihren kargen Ertrag aus der Kamelzucht mit Rauschgifthandel aufbessern.
Das mag einer der Gründe sein, warum diese Hirtensippen sehr zurückgezogen leben. Sie lagern versteckt in der Wildnis und gehen nur selten in die Dörfer. Dandraj weiß das, und er leistet gute Detektivarbeit. Jeder vorbeiziehende Dörfler wird gefragt, aber das Lager der Fakirani kennt niemand. Schließlich kann uns zumindest jemand sagen, wo die Kamelherden der Jats zuletzt gesehen worden sind.
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Und Dandraj findet sie. Sein alter Army-Mannschaftswagen holpert über unwegsames Gelände, quer durch ausgedörrte Baumwollfelder, bis wir die ersten Kamele sichten, die sich wegen des kargen Futterangebots weit verstreut haben. Und dann sehen wir auch den Hirten.
Es ist Siddhik, der unter der Salvadora eingenickt war und jetzt mißtrauisch aufsteht. Ein Army-Laster mit sonderbarer Ladung hier in der Mitte von Nirgendwo? Dandraj erkennt den Fakirani an der Art, wie er den Turban aus buntem Tuch gewickelt hat. Ein kurzes Gespräch mit Dandraj, und Siddhiks Haltung entspannt sich. Als wir fragen, wie groß denn seine Herde sei, erklärt Dandraj, das es wohl weit über 150 Kamele sein dürften. „Ich sehe aber nur ein paar hier.“, entgegne ich ungläubig, „Wo sind die denn alle?“
Über Dandraj als Dolmetscher erfahren wir, daß sich die Tiere im Laufe des Tages sehr weit verstreuen. „Du siehst, das Land ist karg. Die Kamele müssen weit laufen, um satt zu werden.“, erklärt Siddhik, und Dandraj ergänzt: „Wenn es Beschwerden von den Farmern gibt, weil die Kamele in die Felder eindringen, kann Siddhik sie alle in kürzester Zeit zusammenrufen.“ – „Unglaublich – die meisten sind doch bestimmt außer Hörweite. Können wir das mal sehen?“
Der Fakirani ist stolz. Er freut sich über unser Interesse und ist gern bereit, uns das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier vorzuführen. Er schultert seinen Hirtenstab und geht auf die vereinzelten Kamele zu. Von Zeit zu Zeit gibt er schnalzende Laute ab und beginnt zwischen den Tieren hin und her zu wandern.
Zunächst tut sich da gar nichts. Doch ganz allmählich kommt dann etwas Bewegung in die Tiere. Wenn ich geglaubt habe, daß der Hirte pfeift, und die Kamele kommen schnurstracks angetrabt wie ein Hund, dann habe ich mich getäuscht. Apropos Hund – Siddhik hat nicht einmal einen. Er lockt die Tiere ganz allein mit liebevollen Grunz- und Schnalzlauten. Die sind eigentlich ganz leise, aber trotz des Abendwindes sehr weit zu hören. Kreuz und quer laufen die Kamele, eine feste Richtung scheint nicht vorgegeben. Auch auf Siddhik laufen sie nicht zu – aber sie versammeln sich. Es werden immer mehr, eben wollte ich sie noch zählen, jetzt sind es zu viele.
Und dann ist Siddhik wieder bei uns. Er weist in die Runde und sagt stolz „178 Tiere!“. Dann steigt er zu uns ins Fahrzeug. Danraj wirft den Motor an und läßt sich den Weg zum versteckten Camp der Fakirani zeigen. Als der Geländewagen stoppt, ist nicht viel zu sehen. Zwei Haufen Gerümpel scheinen da im Wüstenstaub zu liegen, abgedeckt mit hellen Laken.
Doch hinter dem stacheligen Buschwerk lagern sie. Frauen mit herrlich bestickten Kleidern und verwegenem Nasenschmuck, Kinder, Zicklein, eine Feuerstelle: Das versteckte Lager der Jat-Nomaden.
Siddhik erzählt seiner Sippe, wer die Gäste sind: Der Sohn des Nawab, dem hier das Land gehört und seine Gäste aus einem fernen Land jenseits des Meeres. Und dann mustern wir uns gegenseitig, und man scheint uns ebenso exotisch zu finden wie umgekehrt.
So zurückgezogen die Fakirani leben – sie empfangen uns nach anfänglichem Zögern gastfreundlich. Die Männer breiten eine Decke aus, auf der wir uns niederlassen können. Die Frauen entfachen das Feuer, reinigen Tiegel und Töpfe und Siddhiks Frau Satthobai beginnt, Chai für uns zu bereiten. Es war Danrajs Idee, Satthobai unser mitgeführtes Mineralwasser zu geben – sozusagen als „Unbedenklichkeitsgeste“, damit wir das Getränk aus Ziegenmilch, Teepulver und schmuddeligem Zucker unbesorgt trinken können. Ehrlich gesagt – wir hätten ihn auch mit dem Wasser der Nomaden unbesorgt getrunken. Der Chai hat uns in Indien noch nie den Magen verdorben, und wir haben ihn schon unter primitivsten Verhältnissen getrunken.
Und er schmeckt ausgezeichnet. Während unseres geselligen Beisammenseins wurden die Jatfrauen zusehends lockerer. Ein paar Geschenke hatten wir für die Männer, einige Luftballons waren für die Kinder auch noch da. Alle hatten Spaß mit uns und auch an uns: Wie wir den Tee trinken, wie wir uns bewegen, wie wir mit den Zicklein spielen. Als wir uns beeindruckt die Stickereien der Frauen ansehen, zeigt man uns bereitwillig und stolz, wie sie hergestellt werden. Komplizierte Handarbeiten, die die Frauen an den langen Tagen im Lager machen, während ihre Männer mit den Herden unterwegs sind.
Irgendwie kam dann noch zur Sprache, daß Margret aus München gern einmal ein Kamel melken würde. Also steigen wir wieder in den Geländewagen und fahren hinaus zu den Kamelen. Margrets Melkversuch unter den Augen eines hungrigen Kamelbabys ist zwar nicht gar so erfolgreich, aber wir haben eine Menge Spaß mit den kleinen Kamelen.
Wir verlassen die Fakirani Jats erst, als die Sonne glühendrot über dem Rann untergeht. Und wissen schon jetzt: Noch schönere Erlebnisse können kaum noch kommen.
(Forts. folgt)
(Text & Fotos © Bernd Symons 2002)
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