© 1986-2009 Bernd Symons - zuletzt bearbeitet 12. Oktober 2010

Teil 1   -   Teil 2

 

Inhalt Teil 3 - K bis ...:

KAPPAD:  Hier landete Vasco da Gama vor 500 Jahren

KASTEN: Bunte Hackordnung

Das alte religiöse Kastensystem

KATHAKALI: Urform der Travestie

Kerala - Indiens Musterländle

Kerala's History

KLEIDUNG: Luftig, locker  aber nicht zu lässig

Was ziehe ich bloß an?

Mädelverpackung

Am besten in Indien kaufen

Krankenversicherung etc.

LÄRM: Gruppendynamik durch Pupsen & Sägen?

Das Wort „Lärm“ scheint's nicht zu geben

MORAL: Hier gibt’s noch so was

Narrenfreiheit?

"Paviangirl Anja"

Kein Freibrief

Religionen - auf vielfältigen Wegen zum gleichen Ziel

Hinduismus

Buddhismus

Islam

Sikhimus

Jainismus

Parsismus

Christentum

SCHWIMMEN: Was finden die Weißen bloß an der Planscherei?

Im Abendkleid ins Schwimmbad?

Über das Binnenschwimmen

VERKEHRSMITTEL

BUSSE

Autorikscha

TAXI

RIKSCHAS

JEEPS

EISENBAHN

STRASSENVERKEHR - Toleranz oder Chaos ?

 

           

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KAPPAD:
Hier landete Vasco da Gama vor 500 Jahren

Hier an diesem Keralastrand unweit unserer Farm nimmt man das historische Ereignis, dass die Europäer damals den direkten Seeweg nach Indien entdeckten, wohl nicht so wichtig - schon weit vor der Zeitenwende haben Keralas Gewürze schon durch die Phönizier, Römer und später durch die Araber ihren Weg nach Westen gefunden.

So zeugt hier lediglich ein vergammelter Obelisk mit der Gedenkschrift „VASCO DA GAMA WAS LANDED AT KAPPKADAVU IN THE YEAR 1498“ von dieser Entdeckung, die seinerzeit für die europäischen Fürstenhöfe von immenser wirtschaftlicher Bedeutung war und im 15. Jahrhundert zu einem Wettlauf der Seefahrer Spaniens und Portugals geführt hatte.


Diese Augen machen sie zu meiner "Lieblings-Bajanja"

Immerhin waren damals z.B. Pfeffer und Seide in Europa teurer wie Gold, und man legte alles daran, die Vormachtstellung der Araber in diesem Markt auszuschalten. Mit Hilfe eines bestochenen arabischen Lotsen hatte da Gama den kürzesten Weg über das Arabische Meer von Afrika her recht zügig gefunden und sein eigentliches Ziel Calicut nur um ein paar Kilometer verfehlt. Zunächst wurden vorsichtshalber einige portugiesische Strafgefangene an Land geschickt, weil Vasco nicht wußte, ob die Eingeborenen freundlich gesinnt waren. Die Inder waren es und geleiteten Vasco da Gama und seine Schiffe am folgenden Tage nach Calicut, wo der damals herrschende Zamorin ihn freundlich empfing.

Damit war der Grundstein für eine fast 400 Jahre florierende portugiesische Kultur an der Malabarküste gelegt, welche sich kurze Zeit später als Handelszentrum das 400 km nördlich gelegene Goa aussuchte. Wir haben hier zwar schon jede Menge Schulklassen und indische Ausflügler gesehen, ansonsten weist der Ort aber keinerlei Infrastruktur auf: Nur eine asphaltierte Straße, die hier bei 2 Getränkeständen endet. Wir warten auf den Sonnenuntergang und trinken Freshlime-Soda.

Allerdings stehen hinter uns die Neubauten eines ind. Hotelkomplexes, der schon 1992 fertiggestellt sein sollte. Hier investierte das indische Tourism Dept. ‘Rs 50 Lakh’ (5.000.000 Rs), um den romantischen Strand touristisch zu erschließen. So steht’s zumindest auf einem Schild. Immer wieder stagnierte der Baufortschritt - im Frühjahr 1994 war der Komplex immer noch nicht eröffnet. Allerdings steht das privat mit Geldern von Auslandsindern finanzierte CHERAMAN kurz vor der Eröffnung. Das gefiel mir sogar: nette Häuschen, sog. Cottages, mit je zwei Wohneinheiten integrieren sich hübsch in die Landschaft. Ein Pool wurde aus den Felsen herausgehauen, am Ufer sollen Restaurant und Coffee-Shop entstehen. Was mir weniger gefiel, ist die enorme Bettenkapazität, die hier westlichen Reiseorganisationen angeboten wird: Nicht der einzelne Tourist verändert diese Welt - die Horden sind es.

Auch einheimische Bürgerinitiativen, die mit der touristischen Erschließung Kappad’s nicht einverstanden waren, nagelten schon Flugblätter an die Kokospalmen: Neben der Karikatur weißer Touristen in ‘schamverletzender’ Badekleidung stand der Spruch „Don’t make Kappad another Kovalam!“. Wir dagegen glauben weniger, daß diese abgelegene Ecke sich kurzfristig den Weißen erschließt: Dazu ist das Meer hier zum Baden nicht attraktiv genug. Plankton- und schwebstoffhaltig wirkt das Wasser grau, seifig und unappetitlich - kein Vergleich zum kristallklaren Meeresgrün Kovalam’s! Das ändert auch ein Swimmingpool nicht.

So ist hoffentlich Kappad noch lange das, was wir so gern sehen: Kilometerlange Strände, verträumte Fischerdörfchen unter wiegenden Kokospalmen, kreisende Weißkopfadler (ind. Brahmini-Kites) und weit und breit kein Sonnenschirm, kein Eisverkäufer, keine brüllenden Getränkehändler. Dafür aber herrliche Sonnenuntergänge über der seichten Dünung des Arabischen Meeres, davor die Silhouetten gläubiger Inder, die kniend am Strand allabendlich dem Sonnengott Surya für seine Vereinigung mit dem Meeresgott Samudra ein Nachtgebet sprechen.

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KASTEN: Bunte Hackordnung

Im modernen Indien besteht das Kastenwesen offiziell nicht mehr. Das Wort Kaste stammt vom portugiesischen »casta« Bevor die Portugiesen nach Indien kamen, gebrauchte man das Wort »Varna« was soviel hieß wie Farbe, Abstammung oder Rasse. Die Indogermanen (Arier) haben das Kastensystem eingeführt.

Ursprünglich gab es vier: Brahmins, Gelehrte und Priester, Kshatriyas, Herrscher und Soldaten, Vaisyas, Händler und Kaufleute und Sudras, ungebildete Arbeiter. Alle, die sich in dieses Kastensystem nicht einordnen ließen, waren Parias oder auch Unberührbare. Später teilte sich diese strenge Gesellschaftsordnung, und es entstanden mehr als zweitausend Kasten und Unterkasten, die untereinander verfeindet waren und den Fortschritt der Nation hemmten.

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Das alte religiöse Kastensystem

(Aus der Sicht der Alexandra David-Néel, gekürzte Wiedergabe aus ihrem Buch „Mein Indien“.)

Alexandra: Bei meinen ersten Aufenthalten in Indien hätte ich nicht im entferntesten daran gedacht, daß ich noch einmal eine wahrhaft tief greifende Veränderung der Gesellschaftsordnung miterleben würde.

Eine der ersten Amtshandlungen der indischen Regie­rung nach der Unabhängigkeit dekretierte die Aufhebung der „Unberührbarkeit“ und führte damit einen gezielten Schlag gegen das Kastensystem. Nach dem neuen Gesetz galt jede Tat, die sich auf den Grundsatz berief, einer be­stimmten Bevölkerungsgruppe sei Unreinheit angeboren und niemand könne diese berühren, ohne sich selbst zu be­schmutzen, als strafbare Handlung und wurde entsprechend geahndet.

Bei uns fand diese Initiative selbstverständlich einhellig­en Beifall, doch die meisten Ausländer sind mit der gesamten Problematik nicht so vertraut, um deren tatsächli­che Auswirkungen beurteilen zu können. Sicher scheint allerdings zu sein, daß es sich hierbei um einen langwierigen Prozess handelt.

Wer in der westlichen Welt diese Aufhebung der Unbe­rührbarkeit als simplen politischen Akt wertete, hat die Natur der Sache völlig missverstanden. In Wirklichkeit handelt es sich hier um einen gewagten Angriff der Staatsmacht auf die traditionelle nationale Religion der Hindus, die von den Ausländern immer fälschlich als Hinduismus oder Brahmanismus bezeichnet wird, beides von den Hin­dus nie benutzte Begriffe.

Diese sprechen vielmehr von Sa­natana-Dharma, das heißt „die ewige Religion“ oder „die Wahrheit des Hinduismus“. Diese Religion ohne genau fi­xiertes Dogma fordert von ihren Anhängern lediglich, die folgenden vier Prinzipien anzuerkennen:

·       ·       Die Heiligkeit der Veden und die Heiligkeit der Kühe.

·       ·       Die Unterscheidung der Kasten sowie die Unterschei­dung der außerhalb stehenden Kaste der Unreinen und Unberührbaren.

·       ·       Die Vormachtstellung der Brahmanen.

·       ·       Das Gesetz des Karma (Tun), das heißt die Kette von Ur­sache und Wirkung, wonach das individuelle Selbst (Jiva) entsprechend seinen Handlungen in den Kreislauf der Wiedergeburten eintritt.

Von diesen vier Prinzipien abgesehen steht es dem Hindu frei, zu glauben, was er will, akzeptiert er jedoch eines davon nicht, so hat das seinen automatischen Ausschluss aus dem Sanatana-Dharma zur Folge. Seine Situation wäre in etwa mit der eines Katholiken vergleichbar, der die Unfehlbar­keit des Papstes oder eines der anderen Dogmen leugnet.

Ich verkenne durchaus nicht, daß gebildete, fortschrittli­che Inder seit vielen Jahren bemüht sind, ihren Landsleu­ten nachzuweisen, daß die Kasten im alten Indien einfach verschiedenen Berufen oder Rassen entsprachen, aber das Altertum, auf das sie sich beziehen, liegt in so grauer Vor­zeit, daß nur die großen Gelehrten davon wissen. Die bis heute gängige Definition des Kastensystems kann ebenfalls auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken.

Mit ein paar kurzen Stichworten aus alten indischen Schriften läßt sich die Entwicklung des Kastensystems verdeutlichen:

Bei den fünf Stämmen der Arier unterschied man einst den Veden zufolge:

Edelleute, Anführer und Könige, Ratgeber, Priester, Seher, Richter und Handarbeiter, die Straßen bauten, Felder bestellten und Vieh züchteten. Insgesamt bestand die Bevölkerung aus Einzelpersonen, die in verschiedenen Bereichen tätig waren - aber keineswegs Kasten bildeten.

Im Purusha-Sukta (Rigveda X.90) findet sich erstmals die Aussage, die seither bei den Hindus als sakrosankt gilt:

„Die Brahmanen sind dem Mund des Purusha (Urmenschen) entsprossen, die Kshatriyas seinen beiden Armen, die Vaisyas seinen Schenkeln und die Sudras seinen Füßen.“

Die reformistischen Hindus missbilligten die Art und Weise, wie ihre Glaubensgenossen von diesem Text Gebrauch machten. Es handele sich dabei - so begründeten sie ihren Protest - um eine symbolische und keine materielle Darstellung der Weltschöpfung durch das Urprinzip. Sie fügen noch hinzu:

Ursprünglich handelte es sich um fünf Aryas-Stämme, aber wie die Kasteneinteilung in der Folgezeit beschaffen war, ist unbekannt.

Bezeichnenderweise wird der Begriff varna (Farbe) in den hinduistischen religiösen Schriften häufiger verwen­det als jati (Geburt). Die Aryas des Altertums beschrieben sich als „weiße Freunde der Götter“ und nannten die un­terworfenen Ureinwohner, die Dravidas, geringschätzig „schwarzhäutige Sklaven“.

Seit Manu hat das Kastensystem in Indien endgültig Fuß gefasst, mit einer unerbittlichen Härte, von der es spä­ter notgedrungen abrücken mußte. Ganz zu schweigen von den außerhalb dieser Gesellschaftsordnung stehenden Pa­rias, den Unberührbaren, wurden auch die Sudras nicht nur für unwürdig erachtet, die heiligen Schriften zu lesen, sondern es wurde ihnen auch laut Gesetz geschmolzenes Blei in die Ohren gegossen, wenn sie zufällig die Stimme eines Brahmanen die Veden hatten rezitieren hören.

Das den Sudras auferlegte Verbot, irgendeine der mit den Veden zusammenhängenden Schriften zu lesen (etwa die Upanischaden), findet sich auch in manchen modernen Werken, aber da es nicht mehr strafbar ist, lässt sich nie­mand dadurch von der gewünschten Lektüre abhalten. Das Verbot erstreckte sich ebenfalls auf Frauen und selbst­verständlich auf Nichthindus sowie auf Ausländer.

Ein Pandit, den ich kommen ließ, um bestimmte Teile aus den Upanischaden mit mir zu lesen und sie mir zu er­klären, konnte sich nur schwer an diese Aufgabe gewöh­nen. Bei unserer ersten Sitzung wurde er plötzlich ganz blass und schien einer Ohnmacht nahe. Ich dachte, ihm setze die Hitze zu, bis er verschämt gestand - „Ich habe die Veden noch nie vor einem Ausländer gelesen.“

Er war nicht mehr der jüngste und wirklich krank. Da ich ihn we­gen der für seine Kaste geltenden Vorschriften zu keinem Getränk überreden konnte, schickte ich meinen muslimi­schen Boy nach nebenan zu dem hinduistischen Koch, der eine dem armen Pandit erlaubte Erfrischung brachte. Im­merhin hatte sich dieser Pandit schon von etlichen Kasten­vorurteilen freigemacht; andere hätten es durchaus für un­statthaft halten können, in meiner Gegenwart zu trinken oder sogar überhaupt ein Getränk zu sich zu nehmen, auf das mein Boy und ich auch nur einen Blick geworfen hatten.

Die meisten ausländischen Touristen oder in Indien An­sässigen wahrten in der Kolonialzeit strikten Abstand zu den Einheimischen. Sie bezeugten überdies den Indern die gleiche Verachtung wie umgekehrt. Selbst hochrangige Inder hatten an zahlreichen von den Weißen frequentierten Orten kei­nen Zutritt.

Mir ist es immerhin gelungen, die Gesellschaft von indi­schen Gelehrten oder Philosophen zu genießen und Sitten und Gebräuche zu beobachten, wobei ich es vermied, mit den Kastenvorurteilen in Konflikt zu geraten, und deshalb hielt ich mich strikt an die Gebote der Hygiene. Das tat kei­nem weh und trug mir ganz im Gegenteil Respekt ein.

Mein Feldbett, das ich auf Reisen mitnahm, durfte ledig­lich mein erster Boy, der niemals ein Hindu war, aufklap­pen und am nächsten Morgen in einem Futteral verstauen, bevor es die Kulis abtransportierten.

Unter dem Vorwand, mich nicht beschmutzen zu wol­len, zwang ich mich zu manchen lästigen Prozeduren; so trank ich grundsätzlich nur Wasser, wenn es zuvor in einem mir gehörenden Geschirr abgekocht worden war.

„Es ist nicht nötig, zusammen zu essen, um freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten“, entgegnete mir eines Tages ein Inder auf meine kritischen Bemerkungen über die absonderlichen Ideen seiner Landsleute hinsicht­lich „Verunreinigungen“ durch Nahrung, die man in Ge­sellschaft von Leuten aus einer niedrigeren Kaste oder von Nichthindus zu sich nimmt.

Natürlich kann man herzliche Gefühle für jemanden empfinden, mit dem gemeinsam zu speisen man keine Ge­legenheit hat, aber nirgendwo außer in Indien könnte man eine derart groteske Szene erleben wie die, zu deren Au­genzeugin ich in Benares in der dortigen Ramakrishna-­Mission wurde.

anlässlich eines Festes wurde rund vierzig Gästen im Garten ein Mahl serviert. Ich unterhielt mich etwas ab­seits mit einem der zur Mission gehörenden Sannyasin, als plötzlich eine lautstarke Auseinandersetzung ent­brannte. Einer der Gäste war vom Tisch aufgesprungen und herrschte seinen Nachbarn wild gestikulierend an, der gelassen reagierte. Daraufhin steigerte sich der Kra­keeler immer mehr in seine Wut hinein und stieß den Geschmähten heftig beiseite. Trotz aller Bemühungen, die beiden zu trennen, gingen das Gebrüll und die wüsten Drohungen weiter. Schließlich folgte die Erklärung für den Vorfall:

Die beiden hatten friedlich nebeneinander gegessen, als der eine erfuhr, daß sein Nachbar zu einer niedrigeren Kaste gehörte, mit deren Mitgliedern er keinesfalls spei­sen durfte. Nun war er beschmutzt und darüber in Rage geraten.

Mein Freund, der keinerlei Kastenvorschriften duldete und als Sannyasin darüberstand, zuckte die Achseln. Ich fand die Szene komisch. Der Mann hatte seine Mahlzeit intus, da half nichts. Doch mir fiel ein Mittel ein. Zu der Mission gehörte ein Hospital, und ich schlug vor, den auf­gebrachten Mann zum Arzt zu bringen, der ihm ein Brechmittel verabfolgen. sollte. Damit wäre er den Schmutz los.

Mein Freund fand diese Lösung zwar logisch, aber auch unseriös und hielt mich lachend davon ab, sie dem Betroffenen zu erläutern.

Also wandte ich mich auf philosophischer und spirituel­ler Ebene an die Anwesenden, die sich, wie ich wußte, mehr oder weniger zum Denksystem des Advaita-Vedanta bekannten. Dieses lehrt, daß die gesamte Erscheinungswelt, die Seele und Gott identisch sind. Sein wichtigster Vertreter, Shankara, sagt in einem Sanskrit-Vers:

„Nur Brahman ist wirklich, die Welt ist Schein,
das Selbst ist nichts als Brahman allein.»

„Was ist also Schlimmes passiert?“ fragte ich. „Hat hier nicht Brahman mit Brahman gespeist?“

Ein unwiderlegbares Argument, könnte man meinen. Weit gefehlt! Die Inder widersprechen immer, wenn man ihnen dergleichen vorhält. Es gibt nämlich zwei Arten von Wahrheit: die absolute Wahrheit (Paramartha-Satya) im Gegensatz zur relativen, zur konventionellen Wahrheit (Samvriti-Satya), die für die Welt der Phänomene gilt.

Auf Grund dieser zweiten, der relativen Wahrheit sagen wir: „Die Sonne geht unter, sie geht auf, sie dreht sich um das Haus.“ Tatsächlich entsprechen diese Aussagen in kei­ner Weise der Realität, denn es ist ja das Haus, das sich um die Sonne dreht; es handelt sich hier nicht nur um die Nichterkenntnis von Vorhandenem, sondern dazu noch um die Überlagerung mit einer Vorstellung, die mit dem Vorhandenen nichts zu tun hat, aber beides ist den Erfor­dernissen unseres täglichen Lebens angepasst.

Die absolute Wahrheit gehört in den Bereich der Philo­sophie, der Metaphysik; nur große Weise, die ein ganz an­deres Bewusstsein erlangt haben als die Durchschnittsmenschen, vermögen sie zu erfassen. Wenn andere immer wiederholen: „Alles ist Brahman“, so sind das für sie nichtssagende Worte. Real auf der Ebene der Wahrheit, so­weit sie die Welt betrifft, in der wir uns bewegen, sind Dinge wie das Kastensystem, dem zufolge die beiden Gäste in der Ramakrishna-Mission nicht nebeneinander sitzen dürfen, um einen Schale Reis zu essen.

Während die Reformisten anhand von Texten mühsam zu beweisen versuchten, daß das Kastensystem kein we­sentlicher Bestandteil des orthodoxen Hinduismus sei, mangelte es ihren Kontrahenten nicht an schriftlichen Ge­genbeweisen, deren rigorose Thesen manchmal geradezu grotesk anmuten.

Buddha hat bekanntlich die auf der Herkunft basieren­den Klassenunterschiede niemals anerkannt, sondern aus­drücklich erklärt:

„Brahmane nenne ich nicht den, der auf eine bestimmte Herkunft oder eine bestimmte Mutter verweist.

Ich nenne Brahmane den, der, unbezwingbar durch Furcht, von jeder Knechtschaft frei und unerschütterlich ist; den, dessen Erkenntnis tief ist, der Weisheit besitzt, der den rechten Weg vom falschen unterscheidet; den, der duldsam, sanftmütig, ohne Habgier ist, in dem weder Neid noch Hass, weder Hochmut noch Heuchelei sind; den, der nichts mehr be­gehrt, weder in dieser Welt noch in einer anderen, der die Tiefe erreicht hat, wo der Tod nicht mehr ist.“ (Dhamma­pada).

Das verlangte dem Brahmanen viel ab, überforderte ihn vielleicht. Die Gegner des Buddhismus haben später eben diese Einstellung für den Niedergang und das fast gänzli­che Erlöschen des Buddhismus in Indien verantwortlich gemacht.

Ich habe freilich auch eine andere, eher unübliche Ansicht über die Brahmanen äußern hören, die ich als auffal­lend rational empfand.

„Wozu muß man denn darüber diskutieren, welche Qualifikationen erforderlich sind, um ein echter Brahmane zu sein?“ fragte mein Gesprächspartner. “Hat Sri Krishna nicht in der Bhagavadgita verkündet: ‘Die Gunas bestehen aus drei Elementen: Sattva ist das edelste und bedeutet Ausgegli­chenheit, Rechtschaffenheit, Friedfertigkeit und Gelassen­heit; Rajas, das mittlere, zeigt sich als Aktivität, Streben, Gier, Ruhelosigkeit und Wagemut, es ist die Kraft, die Trägheit überwinden kann; und schließlich Tamas, die dumpfen, inaktiven Kräfte in der Natur, die sich als Nichterkenntnis, Trägheit, Unfähigkeit, Unklarheit und Dun­kelheit manifestieren.’

Diese drei werden abwechselnd im Menschen wirksam, und auch wenn eine davon gewöhnlich in ihm dominiert, ist er gegen plötzliche Manifestationen der beiden anderen niemals gefeit. So kann jeder abwechselnd Brahmane, Kshatriya, Vaishya oder Shudra sein gemäß den aktiven oder passiven Phasen, die sein Wesen durchläuft.“

Doch alle Bemühungen um eine andere Definition, wo­nach die Bezeichnung Brahmane nicht als erblicher Ehrentitel verstanden werden, sondern den Angehörigen einer intellektuellen und spirituellen Elite vorbehalten bleiben sollte, schlugen fehl.

Damit wurden die Kasten auf Tierarten reduziert, und die Brahmanen, denen ich zuerst im südlichen Indien be­gegnete, erschienen mir denn auch als ganz besondere Spezies. In all den Jahren, die ich in Indien verbrachte, bin ich dann täglich mit ihnen zusammengetroffen, denn die Angehörigen der oberen Kaste sind auf allen sozialen Ebe­nen vertreten. Ich habe Gelehrte, Mystiker, Politiker ken­nengelernt, aber auch Geschäftsleute und einfache Köche. Ich hatte Brahmanen als Lehrer, als Diener und zu meiner Freude sogar als Freunde, und keiner von ihnen unter­schied sich auch nur im geringsten von anderen, nichthin­duistischen Indern in entsprechenden Stellungen.

In Südindien sah das anders aus. Die Brahmanen, die in den riesigen Tempeln umherwanderten, die rituelle Schnur um den nackten Oberkörper geschlungen, ein bo­denlanges weißes Tuch um die Hüften, die tiefschwarze Mähne zusammengebunden - sie waren ausschließlich Brahmanen, nichts sonst. Es war ihre einzige Existenzbe­rechtigung. Alles, was sie im Privatleben sein oder tun konnten, blieb ohne Bedeutung, eine Randerscheinung ihrer eigentlichen Berufung.

Es waren meist schöne Menschen, hochgewachsen, häu­fig zur Korpulenz neigend und im allgemeinen hellhäutig, wodurch sie sich von den dunklen Gesichtern der Bevölke­rungsmehrheit abhoben. Sie schnitten gemessen einher, von ihrer Überlegenheit durchdrungen, glichen in ihrem Verhalten den heiligen Kühen, die ebenfalls bedächtig in den Tempeln umherwanderten und eine gleichgültige, hochmütige Miene zur Schau trugen.

Außer den Brahmanen, die als Privatpersonen die Tem­pel aufsuchten, um ihre Andacht zu verrichten, waren an­dere ständig dort im Dienst der Götter tätig. Manche hiel­ten als Sakristane die Räumlichkeiten in Ordnung, andere waren als Kammerdiener mit dem Ankleiden, Baden, Zu­bettbringen der Götter beschäftigt. Wieder andere zele­brierten die Kulthandlungen und brachten die Opferga­ben dar.

Ein Außenstehender mußte daraus unweigerlich schlie­ßen, daß diese Priesterämter ihren Inhabern eine beson­dere Würde verliehen. Dem war nicht so. Die Hindus ach­ten den Brahmanen, der als Priester amtiert, überaus gering; jeder Brahmane ist qualifiziert, Kulthandlungen auszuführen, was zahlreiche Gläubige auch täglich bei sich zu Hause in einem privaten Andachtsraum tun. Doch das ist dann die persönliche Sache des Hausherrn, der im bür­gerlichen Leben Professor, Beamter. Gutsbesitzer, Richter oder wer weiß was sein kann.

Die Geringschätzung der Hindus gilt dem berufsmäßi­gen Pujari, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, daß er für fremde Rechnung Kulthandlungen zelebriert, vor allem aber, wenn er, wie manche armen Brahmanen, gezwungen ist, dies in der Wohnung von Angehörigen einer niedrigen Kaste, den Sudras, zu tun.

Bei einer Gelegenheit kam dieses Gefühl auf recht deut­liche Weise zum Ausdruck. Ich war zur Teilnahme am Durga-Puja, dem jährlichen Anbetungsfest für die Göttin, eingeladen. Meine Gastgeber waren einflussreiche Ge­schäftsleute, schwerreich, mit einem schlossartigen Wohnsitz; trotzdem gehörten sie zur untersten Kaste, den Shu­dras. Ob ihre religiösen Überzeugungen besonders tief gingen, weiß ich nicht genau, bezweifele es aber. Vor dem Eintritt in die Firma absolvierten die Söhne der Familie ein Studium im Ausland, die jungen Mädchen erhielten eine westliche Ausbildung. Nun ist die Durga-Puja zwar ein religiöses Fest, doch ebenso sehr, wenn nicht mehr, ein willkommener Vorwand für alle, die es sich leisten können, ihren Reichtum zur Schau zu stellen, und die großen Kauf­leute unter den Shudras hatten, wie gesagt, enorm viel Geld.

Den Altar für die Göttin hatte man in einer weiten Säu­lenhalle errichtet - ein wahres Blumenbeet, in dessen Mitte sich das über drei Meter hohe Standbild der Durga erhob, in ein golddurchwirktes Gewand gekleidet und übersät mit funkelndem Geschmeide.

Nach getaner Arbeit entfernte sich der lohnabhängige Brahmane, während die Damen des Hauses mich auffor­derten, sie in ihre Wohnräume zu begleiten, wo feines Ge­bäck gereicht werden sollte. Als Europäerin und Buddhi­stin, worauf ich Hindus gegenüber stets ausdrücklich hinwies, unterlag ich keiner Kastenvorschrift und konnte essen, mit wem es mir beliebte. Ein befreundeter Hindu, der mich begleitet hatte, genoss diese Freiheit nicht. Er ge­hörte zur Kaste der Ärzte (obwohl er Rechtsanwalt war), die nach der in Bengalen üblichen Rangordnung gleich hinter den Brahmanen kommt. Dass wir uns stundenlang in sehr warmen Räumen aufgehalten hatten, nützte mei­nem bedauernswerten Freund gar nichts; sein religiöses Gesetz verbot ihm strikt, sich bei den Shudras mit einem erfrischenden Getränk zu stärken.

Der Pujari durfte selbstverständlich noch weniger bei Shudras essen oder trinken. Ich wandte mich also mit einer entsprechenden Geste an meine Gastgeberinnen und fragte rundheraus:

„Offenbar dürfen Sie ihn nicht auffordern, mit uns etwas Gebäck zu essen?“

„Nein, natürlich nicht!“, erwiderte eine der Damen. Dann fügte sie voll verächtlicher Herablassung hinzu: „Er ist außerdem ein armer, ungebildeter Mensch. Er haust in einer Bruchbude, die ihm der Bankier X in seinem Garten zur Verfügung gestellt hat. In unseren Kreisen hat der nun wirklich nichts verloren!“

Und damit war auf den kürzesten Nenner gebracht, wie diese reichen und gebildeten Shudras den armen und bäu­rischen Brahmanen einschätzten, der zum Umgang mit den Göttern befugt war, während für sie das Verbot galt, sich diesen zu nähern.

Ich weiß nicht, ob die Einstellung der Inder gegenüber den berufsmäßigen Brahmanen gerechtfertigt ist, neige aber eher dazu, sie für zu streng zu halten. Es lässt sich in­des nicht bestreiten, daß das Personal in den Tempeln oft eine allzu deutliche Habgier an den Tag legt. Gläubige Hindus können dafür unzählige Beispiele anfahren. Als Ausländerin hatte ich keine Gelegenheit, die Geldschnei­dereien, über die sich die Pilger an den heiligen Stätten beklagen, durch eigene Erfahrung kennenzulernen; einige amüsante Vorfälle, die in die gleiche Richtung gehen, sind mir jedoch in Erinnerung geblieben.

Es war in Trichinopoly, dem heutigen Tiruchirapalli, wo ich die steile Steintreppe erklomm, die auf den Gipfel des „Felsens“ führt. Dabei kommt man links am Eingang zu einem Shiva geweihten Tempel vorbei. Ich wußte, daß ich ihn unter keinen Umständen betreten durfte, näherte mich ihm also nur einen Schritt und streckte den Kopf vor, um hineinzuschauen. Ein Brahmane, der als Wächter vor einem mit abgerissenen Blütenköpfen bedeckten Tisch stand, bedeutete mir mit erhobenen Armen, keinen Schritt näher zu kommen. Seine Geste überraschte mich nicht, ich hatte dergleichen erwartet, doch er ließ es nicht dabei be­wenden. Als ich mich anschickte, zu gehen und den Aufstieg fortzusetzen, kam er blitzschnell angewetzt und pflanzte sich mit ausgestreckter Hand vor mir auf

„Bakschisch!“ verlangte er unmissverständlich.

„Wieso?“ konterte ich. „Du hinderst mich, einzutreten und willst, daß ich dafür noch Geld gebe??“

„Die Ausländer dürfen nicht rein - aber ein Bakschisch können sie geben“, erklärte er treuherzig.

Der Gedanke, der hinter dieser Antwort steckte, war ge­radezu entwaffnend simpel, so daß ich nachbohrte.

„Hier - nimm das!“ Ich holte ein paar Schokoladenbonbons aus meiner Handtasche und bot sie ihm an. Ich wusste ge­nau, daß er sie ablehnen würde, wollte nur meinen Spaß ha­ben.

„Nein - das darf ich nicht essen“, sagte er und wich zurück.

 „Warum denn nicht?“

„Das ist unrein.“

„Ach so.“ Ich steckte ein Bonbon in den Mund, die anderen wieder ein und zog zwei Rupien aus der Tasche.

Bei deren Anblick strahlte der Wächter über das ganze Gesicht und kam abermals mit ausgestreckter Hand näher.

„Die würdest Du nehmen?“ fragte ich. „Aber wenn meine Schokolade unrein ist, und ich wegen meiner Unreinheit den Tempel nicht betreten darf, dann ist doch das Geld, das ich berührt habe, ebenfalls unrein und Du darfst es nicht nehmen.“

 „Geld ist niemals unrein“, erklärte mein Brahmane im Brustton der Überzeugung.

Das erinnert an den berühmten Ausspruch von Kaiser Vespasian: „Pecunia non olet!“

Ich erstarrte vor Bewunde­rung über diese zynische Naivität, die schon ans Erhabene grenzte.

Die Ansichten der reformistischen Hindus zur Kastenfrage wurden von Ausländern meistens verkannt. Nur wenige befürworteten die völlige Abschaffung. Die Mehrheit wünschte einfach eine Veränderung des bestehenden Zu­stands und erhob ihre Forderungen in einem gemäßigten Ton, wie zum Beispiel dieser Richter:

„Wissen, Stellung und Reichtum fallen heute stärker ins Gewicht als die Herkunft. Die Inder lassen angesichts der starren, durch das Kastensystem. auferlegten Einschrän­kungen Anzeichen von Ungeduld erkennen.

Dennoch ist eine Reform der einzig gangbare Weg, nicht etwa eine Revolution. Was im Kastensystem nicht zeitgemäß ist, muß beseitigt werden, wenn nicht unver­züglich, so doch zumindest schrittweise. Träume von der Rückkehr eines Goldenen Zeitalters, in dem keine Kasten existierten, sind freilich sinnlos. Es ist weder möglich noch angezeigt, eine Praxis von vielen Jahrhunderten mit einem Schlag zu beenden und zu erklären, es gäbe in Indien nun keine Kasten mehr. Die das versucht haben, sind geschei­tert, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Das Sy­stem muss auf eine breitere Basis gestellt werden, aber die Hauptgrenzen müssen erhalten bleiben.“

Auch Gandhi war keineswegs ein entschiedener Gegner des Kastensystems, wie viele Ausländer fälschlicherweise annahmen, sonder verteidigte es offen.

„Das Kastensystem ist unzertrennlich mit der menschlichen Natur verbunden“, schrieb er, „und der Hinduismus hat daraus eine Wissenschaft gemacht ... Ich halte das System der vier Kasten für eine vernünftige Arbeitsteilung, der Geburt entsprechend ... Wollte man den Übergang in eine andere Kaste im Laufe einer Inkarnation zulassen, würde das unvermeidlich eine weitreichende Verfälschung zur Folge haben.“

Diese Erklärungen Gandhis standen in Artikeln, die von der Zeitung Young India veröffentlicht wurden. Als ich in einem Gespräch mit dem Mahatma zum Thema Kastensy­stem kam, erhielt ich ähnliche Antworten. Er bejahte das Prinzip - und bemühte sich zugleich intensiv, die soziale Lage der Parias zu verbessern.

KATHAKALI: Urform der Travestie

Kathakali ist das traditionelle Tanztheater, das es nur in Kerala gibt. Ausschließlich von Männern (auch die Frauenrollen) pantomimisch getanzt, stellen sie die alten Legenden der Ramayana dar. Untermalt vom Rhythmus der Trommeln und Schellen, trägt der Sänger im Hintergrund die Geschichte in leierndem, monotonem Singsang vor. Die Kathakali-Akteure in bunten Kostümen und hervorragend geschminkten Masken stellen dazu die Handlung, vornehmlich mit Gesten und Mimik.

Und die Ausdrucks- und Darstellungskraft guter Kathakali-Tänzer beeindruckt selbst uns Laien: Sie beherrschen ihre Gesichts- und Augenmuskulatur so gut, daß manche gar in der Lage sind, mit einer Gesichtshälfte echte Tränen zu weinen, während gleichzeitig die andere Hälfte lacht!

Die Vorbereitungen für eine Kathakali-Nacht (Die Dramen dauern tatsächlich oft die ganze Nacht!) sind langwierig. Bis die geschminkten Masken mit rituellen Erdfarben fertiggestellt sind, können manchmal 4-5 Stunden vergehen. In Kovalam gibt es Kurzdarbietungen von 1,5 bis 2 Stunden für ausländische Kulturinteressierte. Sie erfüllt nicht immer den höchsten Standard, hat aber dafür den Vorteil, daß man vorab einige Hinweise über die Hintergründe des Kathakali und auch Erklärungen wichtiger Gesten und Mimiken erhält.

Ein Darsteller zeigt z.B. vorab die neun verschiedenen Augenausdrücke und anschließend einige Emotionen und pantomimische Gesten: Spott, Arroganz, Macht, Flirt, Ekel, Trauer. Der Vorhang fällt dann und das eigentliche Stück beginnt.

Die über 25 kg schweren Kostüme bringen die Darsteller arg ins Schwitzen. Eine der beliebtesten Stories: Der gute Held Rama (grüne Gesichtsmaske) wird von einer bezaubernden Prinzessin betört. Zumindest versucht sie es, der Held bleibt jedoch zunächst freundlich, aber standhaft. In Wahrheit handelt es sich ja auch um einen garstigen weiblichen Dämon, der in Gestalt der zarten Schönheit die Seele des guten Rama in seine Gewalt zu bringen sucht. Als dies nicht gelingt, nimmt der Dämon seine ursprünglichen schreckliche Gestalt wieder an und es kommt zum Kampf. Natürlich siegt das Gute - der Held kann die Dämonin jedoch nur wirksam töten, indem er ihr die Brüste abschneidet.

Normalerweise wird bei dieser alten Legende der Dämon von zwei verschiedenen Darstellern gespielt; einer für die liebliche Schöne, der Zweite im schrecklichen Dämonenkostüm. Für die Touristen wurde ab und an ‘rationalisiert’ und die hübsche Prinzessin verwandelt sich lediglich mit ein paar schwarzen Farbstrichen im Gesicht in die hässliche böse Dämonin.

Empfehlenswert sind die mehrmals wöchentlich in Kochi oder Kovalam stattfindenden Kathakali-Darbietungen. Hier kannst Du auch bei der interessanten Schminkarbeit zusehen. Natürlich kostet alles ein paar Rupien: Eintritt etwa 2,50 DM, Videokameragebühr 7,50 DM extra.

Manche sagen, das sei kein authentisches Kathakali, sondern für Touristen homogenisierte Show. Mag sein. Wenn Du vor der Reise den Kathakali mit all seinen Mudras und Mimiken intensiv studiert und so das Gefühl hast, dass Du weißt, was da auf der Bühne vor sich geht - dann besuche die echte Kathakali-Vorführung.

Für alle anderen ist der Touristen-Schnupperkurs das beste:

Es sind echte, studierte Tänzer, die Schminkkunst ist zum größten Teil authentisch und vor allem bekommt man vor Beginn des Dramas die Bedeutung der Mimik und Handbewegung in Englisch erläutert.

Kerala - Indiens Musterländle

Kerala ist der knapp sechshundert Kilometer lange Küstenstreifen am Arabischen Meer im äußersten Südwesten des indischen Subkontinents. An seiner breitesten Stelle kaum hundert Kilometer breit, wird Kerala von der Gebirgskette der West-Ghats zu seinen Nachbarstaaten Tamil-Nadu und Karnataka natürlich begrenzt.

Zeittafel

Kerala's History

4000 v. Chr.

Jäger & Sammler; die Kedars, Uralis, Pannian und Malapandarams sind noch heute in Kerala lebende Stämme von Sammlern.

300 v. Chr.

Megalith-Kulturen; Dolmen in den Kardamombergen

ca. 65 n.Chr.

Der Apostel Thomas („der Ungläubige“) erreicht Kerala; erste christliche Siedlungen

100 n. Chr.

Mehrere Häfen an der Malabarküste, von Schiffen arabischer, chinesischer, persischer, phönizischer, römischer und griechischer Kaufleute angelaufen. Der bedeutendste Hafen ist in Europa als „Muziris“ bekannt (Cranganore).

130 - 230

Erste Chera-Dynastie, gegründet von König Udiyanjeral. Die Lage der Chera-Hauptstadt Karur ist bis heute unbekannt geblieben. Im Norden des Cherareiches herrschen die Nannanas, im Süden die Ays. Mit dem Untergang der alten Reiche am Mittelmeer kommt der Indienhandel zum Erliegen.

ab 3. Jahrh.

Erste jüdische Siedlungen an der Malabarküste; Verbreitung des Christentums erst ab 500 n.Chr. belegt

7. Jahrh.

Mit der Entstehung und Ausbreitung des Islams erneutes Aufleben des Handels mit Häfen in Malabar.

8. Jahrh.

Im Süden Keralas regieren die Pandyas, die das Kunstschaffen des Landes beeinflussen.

9. Jahrh.

Der Vishnu-Heilige Kulasekhera Alvar begründet die 2. Chera-Dynastie. Mit der Gründung der Stadt Quilon wird der Beginn der Malayalam-Ära verbunden. Ein Bündnis mit den mächtigen Cholas sichert den Cheras den Frieden und ein Aufblühen des reiches. Verstärkter Handel mit den Arabern, die die Verbreitung des Islams in Indien anstreben.

11. Jahrh.

Christliche und jüdische Kaufleute sorgen für einen ungewöhnlichen Anstieg der Handelsbilanz. Die Cholas mögen eine solch starke Handelsmacht an ihrer Seite nicht dulden und beginnen mit militärischen Operationen gegen die Cheras.

um 1100

Nach annähernd 100-jährigem Kampf gegen die Cholas ziehen sich die Cheras in ein kleines Gebiet um Kollam (Quilon) zurück. Nun gewinnen die anderen Kräfte in Kerala an Bedeutung:

Der Venadu-Herrscher im Süden, der Zamorin in Kozhikode (Calicut) und der Kolatiri Raja im Norden. Dem Zamorin, dem mächtigsten unter ihnen, gelingt ein geeintes Kerala jedoch nicht.

13. Jahrh.

Händler vom Hof des Kublai Khan in Kochi. Dort entstehen chinesische Fischersiedlungen.

1330

Mönch Jordanus erster röm.-kath. Bischof Indiens in Kollam.

1341

Flutkatastrophe zerstört den historischen Hafen von Cranganore und schafft einen neuen, natürlichen Hafen weiter südlich bei Kochi.

1488

Pedro de Covilhan mit arabischen Kaufleuten als erster Europäer im Reich des Zamorin von Kozhikode.

1494

Vertrag von Tordesillas: Spanien gesteht Portugal die östliche Hemisphäre als Handelsgebiet zu.

1498

Vasco da Gama entdeckt den Seeweg nach Indien, landet in Kappad (20 km nördl. von Kozhikode) am 21.Mai. Freundlicher Empfang beim Zamorin, der sich von den arabischen Händlern jedoch später gegen die Portugiesen umstimmen lässt.

1500

Portugiesen landen in Kochi und Kannur und werden von den dortigen Herrschern als Verbündete gegen den Zamorin willkommen geheißen. In beiden Städten gründet 2 Jahre später da Gama Handelsniederlassungen.

1513

Kozhikode muss sich den Portugiesen ergeben.

1524

Vasco da Gamas 3. Indienfahrt. Er soll der Schreckensherrschaft und Korruptionswirtschaft der Vizekönige ein Ende setzen. In der Nacht zum ersten Weihnachtstag stirbt er in Kochi.

1560

Inquisition in Goa, Spaltung der Kirche Indiens.

1595

Holland beherrscht den Gewürzhandel in Nordeuropa. Als sie den Pfefferpreis erhöhen, mischt England sich ins Indiengeschäft ein.

1604

Bündnis der Holländer mit dem Zamorin gegen die Portugiesen.

1615

Die Briten erhalten vom Zamorin die Handelsrechte an der Pfefferküste Malabar.

1663

Holländer nehmen sämtliche port. Festungen an der Küste ein und treffen ein Handelsabkommen mit dem Raja von Kochi.

1741

Raja Marthandavarman von Travancore schlägt die ohnehin durch die Briten stark geschwächten Holländer. Aufstieg des Travancore-Staates - der Zamorin zieht sich in den Norden zurück.

1750

Hauptstadt von Travancore von Padmanabhapuram nach Thiruvananthapuram verlegt.

1766

Sultan Hyder Ali von Mysore überrennt die Malabarküste.

1789

Hyder Alis Sohn Tippu Sultan erringt, nachdem die Malabarfürsten sich mit den Briten verbündeten und ihr Reich zurückerobern konnten, erneut Siege an der Südwestküste.

Der Angriff auf Travancore wird nur dadurch abgewendet, daß Lord Cornwallis vor den Toren von Tippu Sultans Hauptstadt Srirangapatna steht.

1799

Tippu muss sämtliche Gebiete der Malabarküste an die Briten abtreten. Kochi und Travancore werden britische Protektorate.

um 1940

Aus der Gegend um Changanacherry macht sich ein Mann mit seinem Ochsenkarren auf den beschwerlichen Weg in den Norden des heutigen Keralas. Im Dschungel des Hinterlandes um Kozhikode kauft er vom Zamorin 7 Hügel für 75 Anna, baute sein erstes Haus auf einem Baum zum Schutz gegen wilde Tiere, um sich mit seiner Familie dort niederzulassen. Der „Grundstein“ für ein kleines Dorf im Busch war gelegt.

Der Name des Dorfes wurde Kodancherry.

Der Name des Malayalee-Bauern Chakko Vettikavumgal, der Großvater unserer heutigen Gastgeberfamilie Vettikavumgal.

1.11.1956

Die Fürstentümer Malabar, Kochi und Travancore werden zu dem Bundesstaat Kerala zusammengefasst.

Die Berge fangen regelmäßig einen großen Teil der Südwestmonsune ab, so daß dieses Land auch in der Trockenperiode (Winter) stets saftiggrün ist.

An der Küste wechseln schroffe Felsenbuchten mit kilometerlangen Sandstränden. Badetourismus gibt es jedoch fast ausschließlich im erwähnten Kovalam nahe der Hauptstadt Thiruvananthapuram (früher Trivandrum).

Im Hinterland der Küste ist Kerala von unzähligen Flüssen und Kanälen, Lagunen und Seen durchzogen, den traumhaften Backwaters.

Wer mit uns seine Streifzüge durch Kerala macht, wird kaum glauben, daß er durch das dichtestbesiedelte Land der Erde wandert. Von den fast 1000 Einwohnern je Quadratkilometer sieht man in dieser üppigsten Natur der Welt wenig. Anders an der Küste, wo eine Stadt an die andere grenzt.

Logisch, daß Kerala stark landwirtschaftlich geprägt ist: Kokos und Reis in den Küstenregionen, Cashew, Pfeffer, Kardamom und andere Gewürze, Kaffee und Tee im Hügelland, Edelhölzer wie Mahagoni und Teak werden in den Bergregionen kultiviert.

KLEIDUNG: Luftig, locker
aber nicht zu lässig

Kleidung sollte weit, luftdurchlässig und aus reiner Baumwolle sein. Das ist der beste Schutz gegen die Hitze. Packt nicht allzuviel Oberbekleidung ein. Die Möglichkeit, sich schon kurz nach der Einreise mit preiswerten T-Shirts, Jeans, folkloristischen Kleidungsstücken einzudecken, sollte man nutzen. (aus Bernd's Kerala-(Ver)-Führer)

Auch kann man sich überall innerhalb weniger Tage etwas Passendes maßschneidern lassen. Laß Dir den Weg zum Dorfschneider zeigen! Als Grundausstattung packen wir daher nur ein: Bequeme Schlappen für den häuslichen Bereich, trittfestes Schuhwerk (s.u.), Unterwäsche und Socken, Badehose (nicht allzu knapp) und einteiliger Badedress

Was ziehe ich bloß an?

Enge Jeans sind viel schneller schweiß-verklebt und wirken auch schneller schmutzig, als andere Hosen. Frauen sollten auf knappe Shorts & Bermudas verzichten und berücksichtigen, daß die Inderin ihre Beine auch nicht in der Öffentlichkeit zeigt. Auch hier sind lange, nicht zu enge Hosen oder weite Cotton-Röcke midi/maxi empfohlen.

Festes Schuhwerk, das auch im unwegsamen Gelände nicht auseinanderfällt (z.B. gute Joggingschuhe). Klettverschluß an den Sportschuhen ist praktisch, da beim Betreten von Hindu-Häusern und Tempelbereichen oft die Schuhe an- und ausgezogen werden müssen. Männer wie Frauen sollten einige Paar feste Baumwollsocken einpacken: Mit Socken darf man die geweihten Stätten betreten und bekommt weder kalte Füße im Innenbereich, noch Brandblasen auf heißen Flächen im Außenbereich von Tempeln und Palästen.

Birkenstock-Schuhwerk hat sich im übrigen auch gut bewährt. Bei Männern gelten Shorts und Turnhose vielerorts als unschicklich (sie werden Unterhosen gleichgestellt, da sie unter dem Lunghi getragen werden), Bermudashorts sind gewagt, aber noch akzeptabel.

Mädelverpackung

Auf dem Weg zwischen zwei Fettnäpfchen sei den Mädels noch gesagt, daß die ‘strategisch bedeutenden’ Partien des weiblichen Oberkörpers einer anderen Schamhaftigkeit unterliegen: Während sich in Indien niemand wundert, wenn unter dem superkurz gehaltenen Sari-Blüschen der gesamte Bauch vom Ansatz der Brust (die teils sogar herausquellen kann) bis weit unter den Nabel sichtbar ist, sind andererseits kurze Ärmelchen absolute Vorschrift auf dem Lande: Der Blick auf die nackte Schulter oder gar unter die Achsel, ob behaart oder rasiert, ist tabu. Diese Region scheint teilweise den gleichen moralischen Stellenwert zu haben wie die Schambehaarung selbst!

Also: Abseits von Kovalam-Beach sollte das ärmellose T-Shirt im Rucksack bleiben. Dafür plädiere ich nach wie vor - gegen meine eigenen natürlichen Interessen. Trotz des sog. ‘Zoo-Bonus’ (-> Moral). Männer (auch Frauen) schlingen sich abends, wenn man die warmen Beinkleider loswerden möchte, den traditionellen Mund (Hindi: Lunghi) um die Hüften.

Am besten in Indien kaufen

Den geeigneten leichten Baumwollstoff (Meterware) gleich in nach der Einreise kaufen: ein oder zwei Bahnen folkloristisch bedruckt, von 1 m Breite und ca. 1,5 m Länge kosten je um die 4,- Euro. Der Stoff leistet auch als improvisiertes Laken für unterwegs gute Dienste. (Inder führen auf Reisen ihre eigene Bettwäsche mit. Daher gibt es in seltenen Fällen in manchen Hotels keine Laken). Auch sind die kunstvollen Batikstoffe Indiens ein beliebtes Souvenir, zumal man oft die knotenlose Wickeltechnik lange geübt hatte, bis der Mund nicht mehr nach 3 Schritten von den Hüften rutschte.

In Mysore fanden wir übrigens in einigen Shops sogar Rejects aus der indischen Textilproduktion für Europa, stellenweise sogar mit deutschsprachigen Etiketten. Diese Hemden, T-Shirts und Jeans sind modisch und qualitativ wesentlich besser, als die normalen ‘Readymade-Klamotten’ auf dem indischen Markt. Da es nicht nur Überproduktionen, sondern auch Rejects (die die Qualitätskontrolle nicht geschafft hatten) sind, muß auf kleine Fehler geachtet werden - letztlich bekamen wir aber Hemden für 3-4 Euro, welche bei uns üblicherweise mehr als das 10-fache kosten. Sogar in unserem Dörfchen Kodancherry wurde ich fündig: Beim Dorfschneider Jaison ergatterte ich echte „Marc-O-Polo“- und „Camel“-Hemden für 120,- Rs pro Stück (damals ca. 6,- DM). Aber das ist lang her.

Krankenversicherung etc.

Eine Reisekrankenversicherung sollte für die Indienreise in jedem Fall abgeschlossen werden. Wer in der gesetzlichen Kasse (AOK, BEK usw.) krankenversichert ist, kann nach einer Indienreise keinerlei Erstattung von Krankheitskosten mehr erwarten.

Seit dem 1.1.89 wird bei AOK und Ersatzkassen nur noch der internationale Krankenschein anerkannt - und den gibt es nur für Länder, mit denen die BRD ein Sozialabkommen hat. Indien gehört nicht dazu. Aber auch für Länder, in denen der internationale Krankenschein gültig ist lohnt sich eine Auslandskrankenversicherung. Man muss damit rechen, dass Ärzte und Krankenhäuser auch in diesen Ländern den internationalen Krankenschein nicht akzeptieren oder eine Selbstbeteiligung fordern. Diese Kosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen nur bis zur Höhe der normalen Kassenleistungen erstattet. Auch die Kosten für einen Kranken-Rücktransport übernimmt die gesetzliche Krankenkasse nicht.

Privatversicherte sollten sich bei ihrer Kasse nach einer kurzfristigen Deckungserweiterung erkundigen, sofern ihr Versicherungsschutz nicht weltweit gilt.

REISEGEPÄCK-, REISEUNFALL- und REISERÜCKTRITTS-VERSICHERUNG werden als Versicherungspakete angeboten, die gar nicht so teuer sind. Am besten zusammen mit der dringend empfohlenen Rücktrittsversicherung hier bei der HANSE-MERKUR abschließen.

Für Medikamente und Arzt zahlt man in Indien sehr wenig, und die Versorgung ist gut. So dürfte die Auslandskrankenversicherung lediglich für besonders schwere Fälle in Anspruch genommen werden.

Nach Murphy's Gesetz "Pack's ein, und Du wirst es nicht brauchen" ist es auch beruhigend, das Buch " Wo es keinen Arzt gibt" - von David Werner zu besitzen.

 

LÄRM: Gruppendynamik durch Pupsen & Sägen?

Daß Karin und Reiner in ihrem Kerala-Reisebericht seinerzeit „glücklich waren, ein WC zu haben“, sollte nicht mißverstanden werden. Natürlich haben alle Doppelzimmer auf der Farm Dusche und Toilette. Mit „WC“ ist das gemeint, was die Inder „Western Style Toilet“ nennen: Die gewohnte Kloschüssel mit Wasserspülung. Nicht alle unsere Zimmer hatten das damals. Auf meine Anregung hat Raju seinerzeit die Hälfte der Zimmer mit der typischen „Indian Style Toilet“ ausgerüstet – die Stehtoilette für die, die im bakterienfreundlichen Tropenklima Hygiene vor Bequemlichkeit stellen.

"Unsere Gruppenzusammensetzung hätte nicht besser sein können. Jeder war tolerant und rücksichtsvoll, obwohl die Diskretion auf der Farm einem nicht leicht gemacht wurde bezüglich der Geräusche bis drei Zimmer weiter."

..schrieb Karin weiter. Ich nehme diese Schilderung als Gelegenheit, hier nochmals über die grundverschiedenen Wertvorstellungen zwischen den ländlichen Indern und uns zu referieren. Bitte, nehmt es nicht als Kritik an der Kritik auf, denn ich selbst habe immer noch meine Probleme damit.

Und wenn ich in Indien aufs Klo gehe, dann stelle ich den obligatorischen Toiletteneimer unter den Wasserhahn und lasse Wasser hineinpladdern. Ich denke dabei an meine Kindheit, als ich als kleiner Junge im adretten Sonntagsstaat und „Scheitel mit naß Wasser“ auf der Rheinpromenade spazierengeführt wurde. Da habe ich die schweren Eisenringe an den Anlegestellen der Ausflugsdampfer mit beiden Händen hochgewuchtet und fallen gelassen. Meine Mutter hat anschließend mein stolzes Lachen immer mit einem liebevollen „Whow, bist Du aber ein kräftiger Kerl!“ quittiert. Und nie gemerkt, daß ich lediglich stolz war, in der Tarnung des lauten, metallischen Klangs einen quälenden Pups losgeworden zu sein.

Alljährlich schreibe ich über die luftige Bauweise der indischen Häuser und die damit verbundene Geräuschentwicklung. Luftschlitze verhelfen den Deckenventilatoren zur besseren Luftzirkulation und machen das Wohnen sehr hellhörig. Trotzdem muß man es wohl selbst erlebt haben, denn nach mancher Reise sagen ein paar Gäste, daß sie damit nicht so gut klar gekommen sind. Auch auf Vettikavumgal ist es hellhörig.

Das Wort „Lärm“ scheint's nicht zu geben

Unabänderlichkeiten dieser Art sollten neue Gäste vor der Reise kennen. Weil Unbequemlichkeiten leichter ertragen werden, wenn man darauf vorbereitet ist. Indien ist eine Attacke auf sämtliche Sinne - 24 Stunden lang. Dazu gehören auch die Ohren.

Die Bewertung von Geräuschen ist in Indien eine völlig andere. Bei uns wird das Wort „Lärm“ inzwischen ausnahmslos als negativ - ja, sogar als Umweltproblem angesehen. In Indien wird sich selbst bei einem Lärmpegel niemand beschweren, der Europäer schon einen Hörsturz befürchten und Lärmschutzwände bauen läßt.

Ich habe in Hotels übernachtet, in denen nachts um Drei ganze indische Sippen einzogen, mit quiekenden Kindern und plärrenden Kofferradios - die einzigen, die sich bei so etwas beschweren, sind die Europäer.

Aber hier geht es doch weniger um gesundheitsschädliche Lärmbelastung, sagt Ihr? Hier geht es um den Schutz der Privatsphäre, in der Dinge unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu geschehen haben?

Ganz recht. Die Inder denken ebenso - auch wenn sie im Familienverbund weit weniger Freiraum haben als wir. Und genau das ist der Punkt.

Privatsphäre ist in unserer individualistisch gepolten Gesellschaft heilig. Jeder hat die Möglichkeit, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er sich „hemmungslos gehenlassen“ kann.

Es sind unvorstellbare Zwänge für viele von uns, wenn wir sehen, daß es in Indien Millionen Menschen gibt, die sich in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal so „gehenlassen“ können, wie wir es tagtäglich als selbstverständliches Grundrecht pflegen. Die Inder bewahren selbst in privatesten Situationen Haltung, sprich: Disziplin.

So habe ich auf all meinen Reisen stets dicht mit den indischen Familien zusammengelebt. Aber Geräusche der Dritten Art habe ich nie gehört. Dazu zähle ich nicht das Schnarchen, wohl aber den Sound von Verdauung oder gar Liebeslust. Aber wenn die Inder duschen und dabei ihre Atemwege reinigen, dann hörst Du Geräusche, die jeden Europäer zum Würgen bringen. Es gibt also auch Unterschiede in der Bewertung, was eklig ist und was nicht. Ich jedenfalls genieße lieber das Seufzen eines Liebespaars im Nachbarzimmer als das schleimlösende Röcheln eines Inders unter der Dusche.

Der hehre Anspruch, „Wertvorstellungen aus dann zu tolerieren, wenn sie sich von meinen grundlegend unterscheiden“ (s. „7-Punkte“, Mitreiseantrag) ist auch für mich manchmal im Detail tückisch - trotzdem bleibe ich Indienfan.

 

MORAL: Hier gibt’s noch so was

Moral ist ein Stichwort, über welches wir nächtelang diskutierten. Jeder hat seine ganz private Definition, mancher bewundert die indische Moral, andere verurteilen sie als wilhelminisch-viktorianische Prüderie. Ein gesondertes Buch könnte ich hierüber schreiben. Aber es gibt sicher schon eins. (aus Bernd's Kerala-(Ver)-Führer)

Da über die aus westlicher Sicht manchmal arg konservativen Moralvorstellungen im ursprünglichen Indien schon viel gesagt wurde, will ich mich hier auf Statements beschränken, die Dich sicherlich zum Widerspruch reizen können. Sicherlich finden wir einen der gravierenden Unterschiede in der Definition des Begriffs Moral selbst: Während der Europäer meist alles für moralisch vertretbar hält, was den Beteiligten gefällt und andere nicht verletzt, so ist der tief religiöse Inder auch sich selbst moralisch verpflichtet und verhält sich auch dann regelgerecht, wenn niemand zusieht.

Indische Freunde, die uns einen Gegenbesuch in Europa machen, stellen schnell fest, daß wir die sinkende Moral für ein funktionierendes Zusammenleben durch Verbotsschilder und Gesetzen auszugleichen suchen. "In Deutschland tut oder unterläßt man nur aus Angst vor Strafe.", sagte Amachi verwundert bei ihrem ersten Deutschlandbesuch (Amachi ist die Großmutter auf unserer Vettikavumgal-Farm).

Im Grunde hat ‘Moral’ etwas mit Sitten zu tun (lat. mores). So werde ich wohl kaum berufen sein, Euch ‘Mores zu lehren’, denn im Grunde meines Herzens halte ich mich selbst auch nach abendländischen Wertvorstellungen für zutiefst unmoralisch. Zum Thema ‘Sitten’ ist unter den Stichworten "Kleidung", "Sozialgefüge", "Heiratssitten" schon jede Menge diskussionswürdiges Gedankengut abgelegt.

Wie auch in unserer Heimat muß man zwischen Großstadt- und Landbevölkerung streng differenzieren. Auf dem Lande ist man in Ost und West den Traditionen und Moralvorstellungen der Vorfahren enger verhaftet als in der Stadt. Eine Bewertung großstädtischer Freizügigkeit steht mir nicht an: Was der eine dekadent findet, bezeichnet der andere als liberal und modern.

Den Großteil unseres Indienerlebnisses haben wir auf dem Lande, wo nach Gandhi „die Seele Indiens“ zu finden ist. Hier passiert es weit häufiger, daß wir unbewußt in moralische Fettnäpfchen stolpern. Auch dann, wenn wir uns nicht zuletzt durch das Studium dieser Broschüre bestmöglich vorzubereiten versuchen, um die Gefühle unserer Gastgeber möglichst wenig zu verletzen.

Narrenfreiheit?

Und dann stellen wir fest, daß die Einheimischen uns scheinbar alles verzeihen.

Liegt dies an einer mentalitätsbedingten Toleranz, die von keiner ‘Ausländerproblematik’ belastet ist? Sind es die Gesetze der Gastfreundschaft, die die Akzeptanz unserer Andersartigkeit subventionieren? Oder ist es der moralische Freiraum, der uns als Reliquie der Kolonialzeit immer noch als schwerreichen und daher mächtigen Sahibs zugestanden wird? Oder ist es nur das Gesetz der Höflichkeit, niemals erkennen zu lassen, daß man schlecht über jemanden denkt?

Meine Meinung hat sich dahingehend in den letzten Jahren ständig gewandelt. Heute bin ich der Ansicht, daß es wohl ein wenig von allem sein mag - im Grunde aber dieser ‘Fettnäpfchen-Bonus’ auf die besondere Art der (ländlichen) Inder zurückgeht, wie sie uns betrachten: Für die Malayalees sind wir in erster Linie Exoten und erst viel später Menschen zweierlei Geschlechts. Manchmal glaube ich, man betrachtet uns mit dem gleichen Interesse eines Zoobesuchers, der sich im Affenhaus auch nicht über die ‘unmoralische’ Kleiderordnung und Verhaltensweise der Paviane mokiert.

"Paviangirl Anja"

Wenn ich schon die Namen ändere, kann ich sie auch "Paviangirl" taufen. Sie hat nämlich am Strand von Kappad das Zoobesucher-Verhalten der indischen Fischer so deutlich gemacht, daß wir anschließend im Jeep noch lange diskutiert haben.

Wir waren nicht auf einen Badeausflug eingestellt, als wir auf unserem Ausflug am historischen Landeplatz von Vasco da Gama Halt machten. Das Unterhaltungsangebot war mager. Immerhin konnten wir uns bei einem Erfrischungsinder eine Limone in lauwarmes Sodawasser quetschen lassen. Wie man das nennt weiß ich nicht - gekühlt heißt es "Freshlime Soda".

Georg war der Erste, der die Hosen fallen ließ und in die seichte Dünung des Arabischen Meers hüpfte. Erschreckt von seiner schlabbrigen Unterhose suchten einige Reiher das Weite. Die indischen Fischer blieben. Wir waren sowieso schon durch bloßes Erscheinen eine willkommene Abwechslung. Das Netzeflicken konnte warten.

Etwa 20 braungebrannte Männer jeden Alters saßen in respektvollem Abstand von 5 Metern im Halbkreis und schauten uns zu. Wie wir aussehen, Zitronenbrühe schlürfen, mit Kameras hantierten - alles war hochinteressant und scheinbar sehr lustig. Sie lächelten zu allem, was wir taten. Frauen waren keine da - sie waren wohl wie üblich mit dem Fang ihrer Männer auf dem Fischmarkt.

Wie Georg hatten wir alle kein Badezeug dabei. Erika und Sabine refften die Röcke und wateten knietief ins Meer. Nur Anja zog plötzlich einen Badeanzug aus dem Rucksack. "Allzeit bereit!", sagte sie und schälte sich aus den Jeans. Nun muß ich anmerken, daß Anja ein sehr natürliches, FKK-geschultes Verhältnis zu ihrem Körper hat. Sie zog sich einfach aus und stieg in ihren Badeanzug.

Derweil versagte ich mir das Vergnügen, den etliche Sekunden lang hüllenlosen Body einer rüstigen Mittzwanzigerin zu genießen. Viel interessanter war für mich die Reaktion der indischen Fischer. Die zeigten nämlich nicht einmal ansatzweise so etwas wie Voyeurismus. Was Anja zeigte, war nicht interessanter für sie als das, was wir anderen taten. Nur Georg schaute einen Moment fassungslos. Zuerst auf Anja, dann auf die Fischer - aber eine Reaktion kam nicht.

Es war eben kein nacktes Mädel, sondern ein geschlechtsloses Alien.

Es war das einzige Mal in zweieinhalb Jahrzehnten, daß ich mit einem Reiseteam so etwas erlebt habe. Ich bin auch geneigt, ein solches Verhalten gegenüber Einheimischen künftig zu verhindern. Denn nicht alle indischen Männer reagieren so wie die einfachen Fischer. In den Städten haben sie nämlich oft durch schlechte amerikanische Spielfilme gewisse Vorurteile gegenüber weißen Frauen. Die sind durchweg unmoralisch für sie. Dort kann schon ein freundliches Lächeln in Tateinheit mit luftiger Kleidung zu unbequemen Mißverständnissen führen.

Natürlich hat der Begriff ‘Moral’ ein weit breiteres Spektrum: Nicht nur mit unseren Badesitten, unserer Mode und unserer „ganzjährigen Brunft“ entsprechen wir indischen Moralbegriffen nicht - auch beim Essen, im Hygieneverhalten, bei der Begegnung mit Unterprivilegierten und, und, und: Europäer können sich hierin nicht innerhalb weniger Tage umstellen. So auch Anja. Auf meine Bitte bei Abendessen, sich künftig weniger freizügig umzuziehen, reagierte sie überrascht: "Was war denn schon dabei?"

Kein Freibrief

Ich finde es trotzdem gut, sich ein wenig Mühe zu geben - letztlich aber doch zu wissen, daß wir als „geschlechtslose, ungläubige Monster“ aus fernen Welten eine gewisse Narrenfreiheit genießen. Besonders dann, wenn die Inder bemerken, daß wir uns respektvoll bemühen.

Wenn in Kovalam ein weißes Oben-ohne-Girl neben einer vollbekleideten Inderin aus dem Wasser kam (heute ist topless verboten), so war dies für mich eine Kollision zweier Kulturen und deplaziert. Nur, daß das Schamgefühl der Inderin sicherlich nicht im gleichen Maße verletzt wird, wie es beispielsweise seinerzeit bei den orthodoxen Griechen der Fall war.

Genausowenig ist es richtig, was in einem Reiseführer über die indischen ‘Glotztouristen’ an Kovalam’s Stränden zu lesen ist: „Indische Jünglinge starren die Nackedeis an und fummeln dabei unmißverständlich in den Hosentaschen...!“. Diese Behauptung ist schlichtweg unverschämt. Bevor ein indischer Mann eine weiße Frau als potentiellen Geschlechtspartner ansehen und demzufolge auch eine erotische Stimulans erfahren kann, muß er einen langwierigen Annäherungsprozeß im ständigen persönlichen Kontakt mit Weißen durchlaufen.

Umgekehrt gilt gleiches verstärkt auch für indische Frauen. Wenn die Malayalee-Mädels wüßten, wie ihre zugegebenermaßen feurig wirkenden Blicke manchmal von Europäern interpretiert werden - es würde ihnen übel werden. Doch vergessen wir nicht, daß wir besonders in Indien keinerlei Regeln aufstellen können, die nicht gleich bei nächster Gelegenheit durch ihre Ausnahmen relativiert werden: Ich will dieses Plädoyer nicht als Freibrief für Nacktbaden in Nellipoyil oder den Tempelbesuch in Shorts verstanden wissen.

Religionen - auf vielfältigen Wegen zum gleichen Ziel

Indien hat ein komplexes Rassenmosaik, da seine Bevölkerung polygenetisch ist. Es ist der Geburtsort des Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus und besteht aus einer guten Mischung aller Religionen. Hindus bilden die größte Gruppe mit 672,5 Millionen (82%), gefolgt von Moslems mit 95,22 Millionen (12%), Christen mit 18,8 Millionen (2,4%), Sikhs mit 16,2 Millionen, Buddhisten mit 6,3 Millionen und Jainis mit 3,3 Millionen. Im Norden leben einige Parsis, aber ihr Bevölkerungsanteil ist sehr gering.

Hinduismus


Farbenpracht im Sariland Indien - Rot ist schließlich nicht gleich Rot

Grundlegend für alle Formen ist der Glaube an das Karma, die Wiedergeburt und die Berufung auf die heiligen Schriften der Veden und der ihr nachfolgenden, äußerst umfangreichen religiösen Literatur sowie das Kastenwesen.

Der Vishnuismus ist die Lehre der Sekten, die den Gott Vishnu verehren. Er wird auf dem Adler Garuda reitend dargestellt, seinem Nabel entsprießt eine Lotosblume mit dem auf ihr sitzenden Weltschöpfer Brahma.

Der Shivaismus verehrt den Gott Shiva und dessen Gattin Parvathi; er kennt vor allem den Aspekt des Schöpferischen wie auch des Zerstörerischen.

Der Shaktismus ist die auf alte Volkskulte zurückgehende Verehrung des weiblichen Prinzips; die Anhänger sehen in Durga die Mutter und Herrin der Welt.

Buddhismus

Der Buddhismus ist die im 6. Jh. von Buddha in Nordindien gegründete Religion. Sein Ausgangspunkt ist der Grundsatz vom Leiden und dessen Überwindung. Er entwickelte sich anfänglich in Indien zur Staatsreligion, erfuhr aber später die Aufspaltung in Sekten und den allmählichen Zerfall.

Islam

Er ist die von Mohammed selbst gewählte Bezeichnung für die von ihm verkündete Religion; ihre Bekenner heißen Muslime. Diese brachten erstmals die Überzeugung nach Indien, es gebe nur den „einen“ Gott für die ganze Menschheit, und seine Offenbarung müsse den „Unwissenden“ weltweit durch Mission näher gebracht werden. „Vielgötterei“ betrachteten sie als einen derart schweren Makel, dass es geradezu „heilige Pflicht“ sei, die „Ungläubigen“ notfalls mit Gewalt zu bekehren.

Sikhimus

So heißt der Name einer religiösen Reformbewegung, die in Amritsar (Punjab) ihr Hauptheiligtum hat. Der Gründer Guru Nanak wollte Hindus und Mohammedaner auf der Grundlage eines bilderfreien Monotheismus einigen. Im Laufe der Zeit hat sich eine militärisch-theokratische Glaubensgemeinschaft mit autonomistischen Bestrebungen entwickelt, die zu tiefen Erschütterungen der indischen Politik führten.

Jainismus


Der Elefant im Gemüseladen? Eiserne Selbstdisziplin ist vom Tempelelefanten gefordert, die Leckerbissen auf dem Gemüsemarkt von Udaipur nicht sogleich zu vernaschen.

Die Jainis sind an das Gebot der absoluten Gewaltlosigkeit gebunden, die selbst die ungewollte Schädigung eines Lebewesens verurteilt, und deshalb Vegetarier sind. Sittliches Handeln, Askese und Meditation führen zur Läuterung in unzähligen Wiedergeburten und schließlich zur Erlösung.

Parsismus

Hier handelt es sich um die Anhänger des altiranischen Propheten Zarathustra im Raum von Bombay. Es sind nur wenige, die diesem Ritus folgen - dennoch sind sie weltbekannt wegen ihrer "Türme des Schweigens". Dort werden ihre Toten in luftiger Höhe aufgebahrt, um von den Geiern gefressen zu werden. Leider hat das Geiersterben in Indien in den letzten Jahren dieses Ritual oft gefährdet. Es gibt nicht mehr  genug Aasvögel, und die Leichen liegen wochenlang. Nun beschweren sich die Menschen, die in der Nähe der Türme des Schweigens wohnen, über den Verwesungsgeruch.

Christentum

Bereits im 1. Jh. kam der christliche Glaube nach Südindien (Kerala), wo sich bis heute die Thomas-Christen auf ihre Bekehrung durch den Apostel Thomas berufen. Anknüpfungspunkt dieser Mission waren wahrscheinlich die schon bestehenden jüdischen Gemeinden in Südindien. Sie erhielten im Mittelalter ihre Bischöfe von der ostsyrischen Kirche Persiens, zu deren Ritusfamilie sie auch gehören. Mit der Landung der Portugiesen und der damit einsetzenden Mission entstanden neue christliche Gemeinden des lateinischen Ritus. Später kamen auch protestantische und anglikanische Missionare nach Indien.

SCHWIMMEN: Was finden die Weißen bloß an der Planscherei?

Schwimmen ist an der Malabarküste nur bedingt möglich. Das Meerwasser ist durch die vielen Flußmündungen schwebstoffbehaftet braun und fühlt sich seifig an. Strände mit klarem Wasser in "Kitschpostkartentürkis" findet man selten (Kovalam, Varkala). Deshalb suchen wir unseren Badespaß in den quirligen, kristallklaren Bergflüssen. (aus Bernd's Kerala-(Ver)-Führer)

Für den Inder hat das fröhliche Strandtreiben der Weißen etwas Exotisches. Es weckt teils Neugier und sorgt für ausreichend viele Gaffer, doch kaum kommt es zu Aggressionen wegen unserer in indischen Augen schon pornographisch erscheinenden Strand- und Badekleidung.

Während das Bad zum religiösen Zeremoniell gehört und die Kinder in Bächen und Tümpeln überall herumplanschen, ist unsere Form des Schwimmens und Strandlebens kaum bekannt. Viele Inder können nicht einmal schwimmen.

Es darf daher nicht verwundern, wenn unsere Neigungen auf Verwunderung stoßen. Da werden unser Guide und der Fahrer der Gastgeberfamilie sogleich verhört und haben selbst Schwierigkeiten, ihren Landsleuten das zu erklären. "Die machen hier Urlaub." - "Urlaub? Was ist das?"

Im Abendkleid ins Schwimmbad?

Zwar zollt man unserer Andersartigkeit allerorts erstaunliche Toleranz; doch:

Auch wenn wir kaum bereit sein werden, die Kleiderordnung der Inder (Badelunghi um die Hüften) und Inderinnen (voll bekleidet) beim Baden einzuhalten - wir sollten das Schamgefühl unserer Gastgeber nicht übermäßig strapazieren. Daher muß ich bedauerlicherweise den Damen für unsere Ausflüge zu den Gebirgsflüssen VATTASHIRA und NELLIPOYIL unbedingt einen etwas konservativeren Einteiler empfehlen. (Nicht den mit dem Beinausschnitt bis zum Brustansatz!)

Ein T-Shirt darüber beeinträchtigt die Erfrischung auch nicht allzusehr. Das Sonnenbaden ist dort sowieso nicht so effektiv wie am Meer. Die unbekleideten Beine sind genug Streß für indische Augen.

Auch die Herren sollten auf den knappen Tanga-Badeslip verzichten. Wenn keine Bermuda-Badehosen verfügbar sind, sollte der Badedress wenigstens nicht allzu knapp sitzen.

Über das Binnenschwimmen

…liest man in Reisebüchern wenig. Neben dem Meer gelten als schwimmbare Binnengewässer anscheinend nur die Swimmingpools der besseren Hotels. Verständlich, denn in Flüssen und Seen lauern Gefahren auf Europäer, gegen die Inder von klein auf immun sind. Unsere Familieneskorte kann daher nicht immer zweifelsfrei sagen, wo der empfindliche Europäer bedenkenlos untertauchen kann. Aber ich kann es.

Natürlich wollen wir auf diese schönste Form der Erfrischung in tropischen Regionen nicht verzichten. Beachten wir aber dabei nicht nur die besondere Haltung der Einheimischen, sondern auch einige Spielregeln zum Schutz unserer eigenen Gesundheit.

Nachdem ich nach dem Schwimmen in einem trägen, trüben Fluß mit rätselhaften Schwellungen an Armen und Beinen heimkehrte, beschloß ich, fortan nur noch in glasklaren Bergflüssen mit stärkerer Strömung zu schwimmen. Zwar ist die Umwelt in Kerala noch unverseucht und die Gewässer sauber - dennoch treibt sich in den seichten Seitenarmen und Buchten der Flüsse, in denen ja auch das Vieh und die Elefanten gebadet werden, eine Unmenge Geziefer herum. Wo Kühe gebadet werden, können Kolibakterien lauern.

Den Indern macht das nichts aus, und sie konnten über meine hühnereigroßen Beulen nur teilnahmsvoll staunen. Selbst hatten sie so etwas nie gesehen, geschweige denn gehabt. Seit ich jedoch stehende, trübe oder mäßig fließende Binnengewässer mied, blieb auch mein Badevergnügen ungetrübt und ohne Folgen.

Noch eines: Gastgeber Raju ist der Ansicht, daß Ihr auch auf dem "Kerala Discovery"-Hausboot ohne Risiko in die Quilandi-Lagune hüpfen könnt. Noch ist die Überlebensquote unserer Reisen 100%, und dabei soll es auch bleiben. Denkt daran, wenn mal das Deo versagt und die Grüne Lagune zum Baden lockt. Die zähle ich zu den träge fließenden Gewässern, und Erfahrungen weißer Touristen liegen von dort noch nicht in ausreichender Zahl vor. Wir sind dort so ziemlich die einzigen Weißen, und andere Hausboote gibt es nicht.

Denkt also immer daran: Das Wasser, das der Inder ohne Gesundheitsrisiko an seine Haut oder in seinen Magen läßt, kann für Europäer durchaus bedenklich sein.

VERKEHRSMITTEL

sind mehrfach beschrieben worden. Ich will dennoch das Wichtigste hier nochmals zusammenfassen:

BUSSE

     zählen zu den Hauptverkehrsmitteln des Südens. Da sind mitunter ziemlich klapprige Privatbusse im lokalen Bereich, die sehr langsam vorankommen, weil sie in die abgelegensten Gegenden fahren und für jeden anhalten, der am Straßenrand die Hand hebt. Sie sind deswegen bei den Einheimischen besonders beliebt und meistens überfüllt.

     Die staatlichen Busse der K.S.R.T.C. (Kerala State Road Transport Corp.) haben einen eigenen Busbahnhof (Bus Stand) und sind meist an der Farbe zu erkennen (rot/gelb oder grün/beige). Auch bei den Staatlichen gibt es den Local Bus, der oft große Umwege fährt. Der FP (Fast Passenger) hat nicht so viele Halts und noch weniger mit dem Zusatz „Limited Stop“, er erreicht daher eine wesentlich höhere Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Schnellbus „EXP“ ist der schnellste, bedingt jedoch längere Wartezeiten, da man frühzeitig vorausbuchen sollte, weil nur Sitzplätze vergeben werden. Die Preise sind in allen Bussen lächerlich niedrig.

     In jedem Fall haben wir uns bei der Wahl des richtigen Busses auf unsere einheimischen Führer verlassen, da man bei der Vielfalt des Angebotes trotz der vorstehenden Hinweise als Ausländer oft ratlos ist, zumal die Beschriftung der Busse meist in der Landesschrift erfolgt.

     Abschließend, sei nochmals vor den Sitzplätzen hinter der Hinterachse gewarnt, die auf kurzen Bodenwellen wegen des geringen Achsenabstandes leicht zum Schleudersitz werden. Andererseits lass Dich ebenfalls für die vorderen Sitzreihen sensibilisieren: Auch wenn es für uns oft unlesbar in Landesschrift gekennzeichnet ist: Die vorderen ca. 4 Sitzreihen sind meistens für ‘Ladies’ reserviert. Der aufmerksame Reisende merkt das aber schnell.

     Dies ist keine Maßnahme im Rahmen der Geburtenkontrolle und gilt daher auch für die weißen Sahibs! Außerdem sind die Abmessungen der Busse in Südindien auf die sehr kleinen Einheimischen abgestellt, hochgewachsene Europäer (über 1,75 m) haben Probleme mit der Stehhöhe (ca. 1,80 m) und beim Sitzen auch mit dem geringen Abstand zum Vordersitz.

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Autorikscha

     (auch „Three-Wheeler“ oder schlicht „Auto“): In der Stadt haben wir uns am günstigsten mit den Motor-Rikschas fortbewegt. Es sind die kleinen gelb-schwarzen, mit Ornamenten buntbemalten Dreiräder, die in verschiedenen Größen 2-3 Passagiere für etwa 20 ct/km billig und flink befördern.

     In Calicut’s Stadtbereich zahlten wir eine Pauschale von ca. 30 ct entfernungsunabhängig. Ob der Scooter mit Taxameter ausgerüstet ist oder nicht - bei größeren Strecken, sollte der Preis vor Fahrtantritt ausgehandelt werden. In den Städten Keralas und besonders in Calicut sind die Fahrer als sehr ehrlich bekannt. Sie ziehen auch den weißen Fremden nicht über den Tisch, wie man es aus dem Norden kennt.

     Bei Mietfahrzeugen (auch Jeeps, Taxis) sollte man wissen, daß bei Fahrten über Land immer ein Hin/Zurück-Preis auszuhandeln ist. Die Fahrer warten lieber stundenlang geduldig auf Dich, als Dir einen One-way-Preis anzubieten. Oftmals führt dann der Weg in das Gebiet einer anderen Gewerkschaftsgruppe, so daß die Fahrer unmöglich eine Rückfracht an den dortigen Scooter- oder Taxiständen bekommen können. Dann zahlst Du den Hin/Zurück-Preis auch, wenn Du die Rückfahrt nicht willst. Außerdem wichtig: Aus dem gleichen Grunde kann die Rückfahrt mit einem anderen Fahrzeug einen anderen Preis kosten (Andere Gewerkschaft, andere Tarife). Dies zu wissen, erspart Frust und Ärger bei Verhandlungen mit den Drivern. Apropos ‘Verhandlungen’: Eingedenk des im Vorwort Gesagten ist die Argumentation Deiner Verhandlungspartner nicht immer einzusehen

     So höre denn folgende Story: Da mietest Du Dir eine Motor-Riksha zu einem etwa 3 km weiten Weg in ein Dörfchen, weil da Elefanten bei der Arbeit zu beobachten sind. Die Fahrt gestaltet sich zum Abenteuer, denn schon nach wenigen 100 Metern verwandelt sich der Weg in ein ‘Bachbett’, welches sich vom Eindruck der letzten Monsun-Regenzeit bei weitem noch nicht erholt hat.

     Schlagloch an Schlagloch, freigespülte Felsbrocken sind im Schneckentempo und mit gequältem Getriebe zu überwinden. Schon hier ärgert sich der durchgebeutelte Europäer: „Das muss der doch gewusst haben, daß man hier nicht ‘mal mit dem Allrad problemlos durchkommt! Und dann der Scooter mit seinen kleinen Rollerrädern und seinem Tiefgang!“. Der indische Fahrer ist aber durchaus nicht der Meinung, daß diese Strecke unpassierbar ist - schließlich führt der ‘Weg’ ja immerhin kein Wasser mehr.

     Auch weiß er nicht, daß Du nicht weißt, was bei der Buchung dieser Fahrt auf Dich zukommt. Und nicht zuletzt kann er noch viel schlimmere Strecken meistern. Dass dies nur mit einem Schneckentempo möglich ist, daß man zu Fuß schneller wäre, spielt bei der Wertbemessung des Fahrpreises auch keine Rolle! Schon hier ist Dein Ärger zwar verständlich - hilft aber nichts.

     Was bist Du nun in dieser Lage, Fremdling? Optimist oder Pessimist? Da sich auf dieser Marterstrecke bereits zwei Plomben zu lockern beginnen, bist Du Pessimist und sagst zu Deinem Leidensgenossen Günter: „Schlimmer kann es nicht kommen!“ - Günter jedoch erweist sich als der Optimist im Team und sagt überzeugt: „Doch, es kann!“

     Recht hat er: Als Du die 3 längsten Kilometer Deiner Reise nach 40 Minuten endlich hinter Dir hast (Zitat Günter: „Wir haben das angefangen, jetzt ziehen wir’s auch durch!“), da hast Du mit vereinten Kräften inzwischen sogar noch zweimal das Gefährt mit Fahrer aus einem Loch herausgehievt und dreimal kräftig schieben dürfen. Und dann verlangt der Fahrer sogar noch den doppelten Kurs (trotz Vorvereinbarung) und begründet den ‘Zuschlag’ mit Erschwerniszulage für schlechte Wegstrecke.

     Das war dann aber auch für Günter zuviel. Da er nicht in der Lage war, dem Rikshafahrer klarzumachen, daß er nicht bereit sei, für den fragwürdigen Spaß, die Rikscha tragen zu dürfen, auch noch Vergnügungssteuer zu entrichten, schnaufte er nur und meinte zu mir, „Am besten zahlste gar nix!“

     Aber Du bist dankbar, Deine Frustrationstoleranzgrenze wieder einmal am andersartigen Denken gemessen zu haben, und Du einigst Dich in aller Ruhe und gibst dem Fahrer letztlich sogar 10 Rupien extra. Schließlich muss der arme Kerl alleine zurück, denn wir werden den landschaftlich reizvollen Weg nachher zu Fuß zurückgehen. Auch das ist Kerala...

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TAXI

     Die geräumigen schwarzen Taxis der Marke Ambassador fahren etwa doppelt so teuer wie die Scooter, können aber 5-6 Passagiere mitnehmen und haben darüber hinaus einen großen Kofferraum. Innen wird es ziemlich heiß; auch ist der Kofferraum manchmal mit Teer ausgepinselt, damit er sauber wirkt - die Koffer sind dann anschließend schwarz und klebrig. Prüfen! Auch hier ist vorherige Preisabsprache geraten.

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RIKSCHAS

     gibt es in einigen Großstädten noch. Teils von Läufern gezogen, teils als Fahrradrikscha. Ich habe im Süden jedoch nur noch selten welche gesehen. Die Fahrer verstehen kein Englisch und fahren sofort in eine beliebige Richtung los, wenn Ihr eingestiegen seid. Also aufpassen, denn während der Fahrt ist eine Verständigung über das Fahrtziel noch schwieriger. In Mysore gibt’s auch noch die trad. handbemalten Pferderikschas mit ganz kleinen zierlichen Pferdchen davor. Fahrtkosten normalerweise lächerlich gering. Der Pflegezustand der Tiere allerdings auch.

     Wir haben diese Fahrzeuge - Lokalkolorit hin oder her - bislang immer boykottiert, weil die halbverhungerten Pferdchen uns leid taten. Vielleicht ist das auch falsch - dann verdienen die Kutscher ja nichts und die Tiere bekommen noch weniger zu fressen. Aber zuzusehen, wie der Kutscher auf das arme Pony eindrischt, kaum daß jemand zustieg - da wollten wir dann doch nicht drinsitzen.

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JEEPS

     waren früher unser Hauptverkehrsmittel, wenn es über die Dörfer, durch den Busch oder ins Reservat ging. Heute hat Raju eigene Fahrzeuge, und wir müssen seltener eins mieten. Wir bestellten Jeep mit Fahrer für eine bestimmte Uhrzeit und zahlten für Wagen, Fahrer und Sprit eine Pauschale unabhängig von der Personenzahl. Anders verhält es sich, wenn man sich unterwegs von Jeeps von Dorf zu Dorf kutschieren lässt (siehe unter Trampen). Diese Jeeps verstehen sich als „komfortable“, schnellere Alternative zum Bus und verlangen oft pro Person ziemlich hohe Preise. Auch kann es unterwegs ziemlich eng werden, da zusätzliche Fahrgäste gern mitgenommen werden.

     Dies wissen und durch geschicktes Verhandeln preiswert und bequem mitgenommen zu werden, gelingt mit Hilfe einheimischer Führer auch. Wir lassen im Normalfall eine Tagespauschale aushandeln, die zur Zeit inklusive Fahrer DM 35,- ausmacht, zusätzlich zahlt man noch das Essen für Fahrer und Guide. Alles zusammen macht es dann pro Kopf etwa 5 EUR/Tag bei 6 Personen.

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EISENBAHN

     …fahren kann im größten Eisenbahnnetz Asiens leicht ein Abenteuer werden - wenn man die Spielregeln nicht kennt und nicht auf einheimische Helfer vertrauen kann.

     In der Hauptsache kennt die indische Eisenbahn 4 Klassen: Die 2. Klasse meiden wir, weil hoffnungslos überfüllt und schmutzig. Die ACC-Klasse gibt es nur auf einigen wichtigen Strecken. Die A/C-Class (Airconditioned Class) teils mit Kabinen, teils mit Vorhangsystem (A/C 2-tier Sleeper, wobei die Zahl die Anzahl der übereinander liegenden Betten angibt. Es gibt auch 3-tier mit 3 Betten übereinander). Die Klimaanlage ist oft zu kalt eingestellt und garantiert eine Erkältung (s. Air-Condition).

     Die 1st Class (l. Klasse) haben wir bisher bevorzugt, um den schlecht geregelten Klimaanlagen der A/C-Klassen auszuweichen. Sie ist zwar auch schmutzig - dem Reisenden, der je einmal in die 2. Klasse hineingerochen hat, wird sie jedoch sehr gepflegt erscheinen. Auch gibt es hier abschließbare Vierer-Abteile mit gepolsterten Sitzen in denen auch nur 4 Pers. zugelassen werden (Einige wenige Zweier-Abteile). Pro Person ein Deckenventilator. Zur Nacht werden gepolsterte Liegen heruntergeklappt, je 2 oben wie unten. Bettwäsche ist nicht immer vorhanden - wir nehmen unsere Baumwollschlafsäcke oder Lunghis (Mund). Mit heißen Getränken wird man teils im Zug versorgt, teils rennen an den Bahnhöfen Kaffeekulis an den vergitterten Zugfenstern vorbei. Ihr gebrülltes Stakkato „Kappikappikappikappikappi!“ ist weithin zu hören (kappi=Kaffee). Seit 1 Jahr hat der indische Plastik-Boom auch hier Einzug gehalten: Man bekommt hauchdünne Plastik-Wegwerfbecher mit der Bitte, sie nach Gebrauch zu zerstören, um Wiederverwendung vorzubeugen.

     Essen, kurz nach der Abfahrt bestellt, wird vorausbezahlt und (oft ziemlich spät) von einem anderen Bahnhof geliefert. Außer typischer Malayalee-Kost gab’s immer ‘mal Omelettes mit Chilli und Zwiebeln. Sahen zwar aus wie frisch benutzte Aufwischlappen - schmeckten aber hervorwiegend! Und auf die desinfizierende Kraft der Chilli-Schoten konnte ich mich bisher immer verlassen. Wer’s weniger scharf möchte: Die Order „Plain Omelette!“ wird meist besser verstanden als der klägliche Malayalam-Versuch „Omelette weeanam, kurrhemullhagge ulli weeanda!“

     Für Zugfahrten im Nachtzug sind einige Tage vor der Fahrt Platzreservierungen unbedingt erforderlich - freie unreservierte Plätze gibt’s so gut wie nie. Jeder Wagen hat 4 Toiletten, die sich in „Western Style“ (Klo mit Schmuddelbrille) und „Indian Style“ (Stehtoilette mit seitlichem Extrawasserhahn für die Intimwäsche) unterteilen. Beide haben meistens Duschen.

     Eines meiner letzten Abenteuer bewog mich, hier noch eine Warnung anzufügen: Manchmal wird die Wasserspülung (‘flush’) und die Dusche (‘shower’) durch Wasserhähne betätigt, die man (wie ich, frühmorgens im Halbschlaf) durchaus verwechseln kann. Anschließend war ich sehr wach (und sehr naß!). Wer bei der Benutzung der Indian Style Toilet nicht die Hosen ganz auszieht, möge auf seinen Tascheninhalt Acht geben: Jonathan hat erzählt, dass jemand beim Niederhocken hilflos seiner Geldbörse hinterher schaute, die sich durch das Loch auf den vorbeiflitzenden Schotter des Bahndamms verabschiedet hatte.

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STRASSENVERKEHR - Toleranz oder Chaos ?

Schon die erste Autofahrt in Indien, die Taxifahrt vom Flughafen nach Kovalam, ist besonders für Asienneulinge eine reine Höllenfahrt. Obwohl: man hatte sich vorab informiert und weiß doch schon Bescheid: Indien hat Linksverkehr und Verkehrsampeln.

„Gut“, denkt der deutsche Reisende, „damit kann ich leben.“ Und dann glaubt er sich schon auf dem ersten Fahrkilometer dem Tode nahe. Da brettern einem Scooter, Busse, Fahrräder und Lorries (bunt bemalte LKW) rücksichtslos entgegen und in halsbrecherischer Bürgernähe millimeterbreit an Dir vorbei. Dann gar 3 Fahrzeuge, die nebeneinander auf Dich zukommen und Dein Fahrer entscheidet sich erst im allerletzten Moment, in welche der beiden Lücken er sich wild hupend hineinquetscht.

Der nackte Fuß scheint ihm derweil am frisch geteerten Boden unter dem Gaspedal festgeklebt zu sein. Der Zeiger des Tachometers pumpt müde zwischen Null und Fünf, trotzdem kannst Du Dich des Gefühls nicht erwehren, daß diese Anzeige täuscht und der Wagen sich in Wirklichkeit ‘geringfügig’ schneller bewegt, als es die Tachonadel behauptet. Und richtig: Der Tacho ist schon seit Jahren kaputt. Der Inder sieht in ihm sowieso keine Notwendigkeit.

Bei all dem wirkt der Fahrer völlig gelöst und fröhlich. Er quittiert die halsbrecherischen Manöver anderer Verkehrsteilnehmer mit unvorstellbarer Gelassenheit. Obwohl fast jedes dieser Manöver in Deutschland vor Gericht und zum Entzug der Fahrerlaubnis führen würde. Das sollte Dir schon zu Denken geben.

Unauffällig schaust Du dem Driver zwischen die Füße, um Dich zu vergewissern, ob diese Dir unbekannte Ambassador-Baureihe serienmäßig mit einem Bremspedal ausgestattet ist. Er darf keinesfalls Deine Panik bemerken, er würde sich in der Folge ständig in Sorge um Deinen Gesundheitszustand zu Dir umdrehen - ohne dabei vom Gas zu gehen.

Nach einem mörderischen Überholmanöver in einer völlig uneinsehbaren, langgezogenen Linkskurve hast Du dann endgültig die Augen geschlossen, um das Karma, das Unvermeidbare hinzunehmen. Du bereust, vor der Reise Deinen Letzten Willen nicht aktualisiert zu haben. Innerlich konvertierst Du zu einer beliebigen Religion - Hauptsache, sie lehrt die Wiedergeburt. Was sonst ist der Grund, dass Dein Driver so entspannt in den Tod fährt??

Lassen wir es bei der Beschreibung dieser normalen alltäglichen Verkehrssituation bewenden (obwohl durchaus auch kritische Momente auftreten können). Ein paar Worte zur Psychologie des autofahrenden Kollektivs genügen, um Dir zu zeigen:

Nur der unbewusste Vergleich mit Deinem deutschen Verkehrsverhalten lässt Dir diese Situationen um ein 10-faches lebensgefährlicher erscheinen, als sie es in Wirklichkeit ist. Indische Autofahrer fahren miteinander, wo die Deutschen gegeneinander fahren.

Anhand des Überholvorganges in unübersichtlichen Kurven kann ich Dir die Mentalitätsunterschiede ganz einfach gegenüberstellen:

 

Überholen in Deutschland:

Überholen in Indien:

Der zu überholende LKW-Fahrer straft Deine Selbstmordabsicht mit Fanfarenklang und Nebelhorn, setzt mitten im Überholvorgang den linken Blinker und schert ein wenig aus.

So zeigt er Dir hilfsbereit die Gefahren Deines Handelns auf, während der Entgegenkommende wild aufblendet und etwas mehr Gas gibt, damit es schön knapp wird.

Du sollst lernen, derlei künftig zu unterlassen.

Dir fährt ein gehöriger Schreck ins Glied und Du bleibst fürderhin brav in der Schlange. Und freust Dich bei nächster Gelegenheit, selber mal einen "Gegner" zu disziplinieren

Der LKW-Fahrer veranlasst Dich mit graziöser Handbewegung zum Überholen, auch bei Situationen mit Gegenverkehr.

Wenn notwendig, bringt er - ebenfalls mit Handzeichen - den entgegenkommenden Wagen zum Bremsen. Er verlangsamt auch, damit Du schneller vorbeikommst.

Es kommt sogar vor, daß der Gegenverkehr auf den unbefestigten Randstreifen der Asphaltpiste ausweicht oder gar anhält.

Und nach geglücktem Überholmanöver beginnt der andere seinerseits, Dich zu überholen und Du verhältst Dich wie eben er...

 

Die mutmaßliche Sinnlosigkeit von Geschwindigkeit und Überholen, die nichts mit Eile und Dringlichkeit zu tun zu haben scheinen, das scheinbare Fehlen jeglicher Regeln, das permanente Hupen und dieses heillose Verkehrsdurcheinander versetzen den deutschen Präzisionsautofahrer unmittelbar in Panik.

So bemerkt er die feinen Unterschiede im indischen Verkehrsverhalten nicht oder nur sehr spät. Dabei bedeutet das Hupen auch in Indien nur ein völlig aggressionsfreies ‘Hier bin ich, hier komme ich!’. Vorfahrt hat somit meistens der mit der lauteren Hupe.

Neben verschiedenen handgepinselten weisen Sprüchen (‘Safety first - speed next’ oder: ‘life is drama - man is actor’) liest man auf den buntgemalten vorausfahrenden Fahrzeugen stets die Bitte um Hupsignale: ‘Sound Horn!’.

Des weiteren bedeutet ‘Linksverkehr’ keinesfalls, daß man hier auf der linken Straßenseite fährt - es heißt lediglich, daß man an entgegenkommenden Fahrzeugen möglichst links vorbeifährt, oder aber rechts überholt. Dass dieses typisch indische System regelloser Regeln die mögliche Schnittgeschwindigkeit - besonders in den Städten - drastisch beschränkt, ist klar. Auf den Bussen liest man hinten „Speed limit in Calicut-City 35 km/h - don’t over take!“ Aber es funktioniert. Unfälle sieht man kaum - jedenfalls nicht, wenn man sie ins Verhältnis zur Menge der Verkehrsteilnehmer und gefahrenen Kilometer stellt.. Und was die eingangs erwähnten Verkehrsampeln betrifft: In Calicut hingen die meisten jahrelang schief an ihren Masten, funktionierten schon lange nicht mehr und rosteten vor sich hin.

Der Inder steht diesen modernen Lichtzeichen immer noch misstrauisch gegenüber und traut selbst seinen Blinkern nicht: Erst seit kurzem beginnt man, die Fahrzeuge mit Blinkern auszustatten und viele trauen dem Braten noch nicht so recht. Zusätzlich geben sie Handzeichen beim Abbiegen und - weil der Blinker oft vergessen wird - manchmal ragt rechts ein Arm heraus und es blinkt gleichzeitig links.

Ich weiß, daß diese Erläuterungen zur Verkehrspsychologie Keralas nicht verhindern werden, daß viele von Euch in den ersten Tagen dennoch in Panik geraten. Denn zwischen Lesen, Glauben und Erleben ist ein himmelweiter Unterschied. Aber Du hast es sicher bemerkt: Die Beschreibung des indischen Straßendschungels machte auch mir viel Spaß!

Und wisse: Von den vielen Tausend Kilometern, die ich seit den 80ern auf indischen Straßen überlebt habe, habe ich allerhöchstens 10 Kilometer selbst am Steuer gesessen. Meine Reisen sind daher so organisiert, dass wir neben dem Escort aus der Gastgeberfamilie stets auch einen erfahrenen Fahrer haben. Der hat die korrekte Mentalität, und ich habe Muße, die vorbei ziehende Landschaft zu genießen und Aufnahmen zu machen.

 Weitere Stichworte des Reise-ABCs werden in loser Folge überarbeitet, in den INN veröffentlicht und hier eingefügt. Das Update des "Kerala-(ver)-Führers" erfolgt nicht alphabetisch. Beim nächsten Mal werden aktualisierte Artikel hier jedoch alphabetisch nach ihrem Titel einsortiert.

 

 

 

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