© 1986-2009 Bernd Symons - zuletzt bearbeitet 12. Oktober 2010

Teil 2    -    Teil 3


Gadhaba Adivasi: Marktausflug mit Geflügel (Foto Harald aus Leipzig)

Inhalt Teil 1 - A bis E:

VORWORT

Kerala von A bis Z - ein Buch wächst heran

„Tolerant“ kommt von „Tellerrand“...

Adivasi: Berührung mit Unberührbaren

Adivasi

Die Klassifikation der Stammesbevölkerung

"Stamm" und "tribale Bevölkerung" als umstrittene Begriffe

"Adivasi" - "Stamm" - "Tribe". Die schwierige Benennung

"Ureinwohner" oder "rückständige Hindus"?

Ideen und Werte der Stammesgesellschaft in Indien

Gott im Stein

Legenden und religiöse Traditionen mittelindischer Stämme

Bei den Kutia Kondh

Air-Condition - heißer Kopf von kalter Luft

Akklimatisieren: Vom Regen in die Tropen

Ansichtskarten: Ansichtssache

Ayurveda: Uralte Philosophie der Harmonie

Ayurveda kulinarisch - würzige Balance

Backwaters: Die schönste (Wasser-) Landschaft Indiens

Wie alles begann

Bakshish & Commission:

Begegnungen der warmen Art

BELUR: Hohe Kunst aus Speckstein

Bettler: Wo sonst leben Millionen von Almosen?

Wem soll man geben?

Ein Flirt?

Unvergeßliche Tina Turner

Ein Cookiefan

BEYPORE: „Dhau-send“ Adler über den Kuttern

CALICUT heißt eigentlich Kozhikode

Coir: Kokos, total bekloppt

Devisen: Tips für Deine Reisekasse

Drogen: Vorsicht bei „Seelenerfrischungen“

Dschungelflüsse: Relaxen im Busch

NELLIPOYIL

VATTASHIRA

TIPS zum Baden im Busch

 

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VORWORT

„Namasthe - Welcome to India !“ oder wie es im Süden Indiens heißt: Namashkaram - Keralamthinne swagetam (Malayalam: Willkommen in Kerala)

 

INDIEN             nur ein Drittel der Fläche der Vereinigten Staaten, aber mehr als dreimal so viele Einwohner.

INDIEN             feuchte, heiße Dschungel voller geheimnisvollem Leben.

INDIEN             kalte, unfruchtbare und unbewohnte Gebirge im Himalaja mit Temperaturen unter dem Nullpunkt.

INDIEN             supermoderne Städte, Wolkenkratzer, Klimaanlagen, Promenaden und extravagante Mode.

INDIEN             Elend, Schmutz, Krankheiten, Bettler, Hunger und noch einmal Hunger.

INDIEN             unvorstellbarer Reichtum und unerträgliche Armut.

INDIEN             Du fährst meilenweit durch die schönsten Tropenlandschaften, nur wenige Menschen auf weiten Strecken winken Dir fröhlich zu - und das dort in Kerala, wo die höchste Bevölkerungsdichte Indiens - ja, der ganzen Welt sein soll?

                        Paradox? Ja, Indien ist heute noch ebenso paradox wie vor fünftausend Jahren, als im Industal bereits eine blühende Kultur bestand, während die Menschen in Europa noch in Höhlen lebten

INDIEN             wo die Leute den Schirm aufspannen, wenn die Sonne scheint, und sich die Schuhe über die Schultern hängen, sobald es regnet.

INDIEN             wo das Leben einer Ameise von größter Wichtigkeit, das menschliche Leben jedoch nebensächlich ist.

INDIEN             wo das Fasten als Demonstration der Gewaltlosigkeit gilt, wo aber gerade durch das Fasten Gewalt entsteht.

INDIEN             dessen Philosophie eine Philosophie des Friedens ist, dessen religiöse Literatur (Ramayana) jedoch mit Gewalttätigkeit durchsetzt ist.

INDIEN             ein Land, das für den Frieden eintritt und ihn selbst nur selten kennengelernt hat.

INDIEN             wo nach dem großen kosmischen Plan alle Menschen gleich sind, wo aber in Wirklichkeit wie überall auf der Welt einige gleicher sind als andere.

INDIEN             umgeben vom Arabischen Meer, vom Bengalischen Golf und vom Indischen Ozean; ein V-förmiges Land, an zwei Seiten fast ohne Nachbarn.

INDIEN             dessen Entstehung in einer fernen, unbekannten Vergangenheit liegt.

                        Der Sage nach lag der Garten Eden im indischen Kaschmirtal. Schon vor 500.000 Jahren soll es in Indien Menschen gegeben haben. Die indische Vergangenheit vor der Einwanderung der Indogermanen zwischen 2400 und 1500 v. Chr. ist so mit Mythen verwoben in den Büchern BHAGAVADGITA, MAHABHARATA und RAMAYANA dargestellt, daß man nicht mehr entscheiden kann, wo die Wirklichkeit endet und die Phantasie beginnt. Der Durchschnittsinder glaubt inbrünstig und ohne zu fragen an diese Schriften.

INDIEN             weist eine Fläche von etwa 3,3 Millionen Quadratkilometern auf. Die Bevölkerungszahl hat die Milliardengrenze überschritten - oder anders ausgedrückt: Etwa jeder sechste Mensch auf der Welt ist ein Inder.

INDIEN             leitet seinen Namen von dem Fluß Indus ab. Indiens Kultur ist eine der ältesten der Welt. Als die Indogermanen um 1500 v. Chr. nach Indien kamen, fanden sie bereits eine hochentwickelte Kultur vor.

INDIEN             ist die einzige Demokratie der Welt, in der die Frauen nicht um ihr Stimmrecht kämpfen mußten. Indien steht in der Reihe der Filmproduzenten mit mehr als 800 Filmen pro Jahr an erster Stelle. Als Massenmedien sind insbesondere die ca. 2500 vielsprachigen Tageszeitungen hervorzuheben.

INDIEN             hat 15 Hauptsprachen und 844 Dialekte. Die offizielle Landessprache ist Hindi, welches von 45% der Bevölkerung verstanden wird, Englisch besteht weiterhin als allgemeine Geschäftssprache. Diese ist auch insofern von Bedeutung, als Indien sich zu einer aufstrebenden lndustriemacht entwickelt hat. Seine Hauptexportartikel sind Textilien, Perlen, Edelsteine, Schmuck, Lederprodukte und Tee. Importiert werden Erdöl, Chemikalien, Eisen und Stahl sowie Düngemittel.

Kerala von A bis Z - ein Buch wächst heran

In den schönsten Wochen des Jahres endlich einmal das Paradies auf Erden finden. Reisen an Orte, an denen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint - geht das überhaupt noch? Ich sage uneingeschränkt ja - vorausgesetzt, wir bereisen dieses sanfte Land Kerala auch wirklich auf die „Sanfte Tour“. Dies zu optimieren, ist ein Motiv für dieses kleine Reise-ABC.

Ein weiteres Motiv ist die Erkenntnis, daß ich persönlich vor Ort weit weniger das Bedürfnis habe, über all diese Dinge zu referieren. Ich bin weder Guru, noch Animateur - und die Angewohnheit, über Südindien stundenlang ‘ohne Punkt und Komma’ zu reden, läßt in Kerala rapide nach. Es gibt oft hier in (c)old Germany für mich nichts Schöneres, als über mein Hobby zu reden - um in Gedanken dort zu sein. In Indien selbst bin ich dann ja da - und die Lust auf Vorträge schwindet.

Neben nüchternen Fakten, Tips und historischen Daten habe ich mich bemüht, auch Ortsbeschreibungen, amüsante Details und kleine Glossen aus den Reisen zu integrieren. Dazu kommen Wertungen und Meinungen, die Dich vielleicht zum Widerspruch reizen - manches wird Dir sogar unglaubwürdig erscheinen. Besonders denjenigen, die Asienerfahrung oder sogar Indienerfahrung mit einbringen

(An diese noch meine Bitte um Verständnis: Ich lege Wert darauf, ausführlich und detailgetreu besonders für die zu schreiben, die absolute Indien-Novizen sind. Denke daran, wenn Du Fakten findest, die für Dich selbstverständlich und daher wenig berichtenswert erscheinen!). Dafür sind zum Ausgleich bestimmt jede Menge Themen dabei, die gerade den erfahrenen Indientraveller zum Diskutieren reizen.

Natürlich bleibt meine Betrachtungsweise subjektiv - bei aller Bemühung um Objektivität. Bedenke auch, daß die Beurteilung meiner Beobachtungen in Jahren gewachsen ist und sich ständig verändert. Schon lange habe ich die Skrupel abgelegt, mir selbst von Jahr zu Jahr zu widersprechen. Anders kann sich der analytisch geprägte Europäer dem fremden Denkmodell Indien nicht nähern (Solltest Du im Besitz einer älteren Ausgabe dieses ABC’s sein, fällt das sicher auf).

„Tolerant“ kommt von „Tellerrand“...

...denn da muß man ‘mal drübergeschaut haben. Die Andersartigkeit des exotischen Landes zählt mit zu den Hauptmotiven Deiner Indienreise. Denke daran und bleibe tolerant! Besonders leicht wirst Du immer wieder Dein europäisches Denkmuster, Deine Wert- und Normvorstellungen übertragen und Dich leicht über diese „Zustände“, die Regeln und Reaktionen der Inder ärgern. Mit unnötigem Ärger aber vergällst Du Dir die Erlebnisqualität der Reise. Diese Sammlung von Tips soll dazu beitragen, Dich mental ein wenig vorzubereiten und gibt gleichzeitig Hintergrundinfo über die wichtigsten Ziele. Ich hoffe somit darauf, daß Du das ABC nicht nur für die Reisevorbereitungen studierst, sondern es auch zum Reisebegleiter machst.

Bei der Zusammenstellung und der laufenden Ergänzung des Reise-ABC’s habe ich auf Fragen aus den Reihen interessierter Indienfreunde stets reagiert. Ich würde mich freuen, meine Eindrücke mit den Euren diskutieren zu dürfen.

Auch werden die „Alten Hasen“ unter den Globetrottern so manches gleichlautend aus anderen Ländern zu berichten wissen. Zu Gunsten derer, die sich erstmals für eine Reise nach Asien interessieren, will ich auf diese Passagen jedoch nicht verzichten.

Schon bei der Erweiterung 1991 sind einige der wichtigsten Ortsnamen ins ABC aufgenommen worden. Alle sind jedoch noch nicht integriert. Ich habe hier Wert darauf gelegt, Stimmungsbilder mit reinen „Technischen Daten“ (Entfernungen, km-Angaben) zu mischen. Ortsbeschreibungen haben in meinem ABC keine Priorität. Jeder von Euch wird sich ja auch einen guten Reiseführer über Indien leisten.

Weil es gegenüber der chronologischen Folge meines Reisebuches „SÜDINDIEN“ von 1987 beim alphabetischen Aufbau des Anhangs viel einfacher ist, regelmäßig zu aktualisieren und neue Reiseerlebnisse einzufügen, hat sich das ABC vom Anhang zum eigenständigen Werk gemausert. So hoffe ich, daß diese Zusammenstellung von Hinweisen ein wenig Hilfestellung gibt für die, die sich nicht ganz unvorbereitet in ein exotisches Paradies wie KERALA aufmachen wollen. Bitte stellt mir die unbeantwortet gebliebenen Fragen bald - soweit ich sie klären kann, sollen sie gern in die nächste Aktualisierung übernommen werden.

Krefeld, am 22. September 2005                        Euer

 

 


In Nellipoyil am Fluß sehen wir die Pannian oft. Hier versucht Charlotte aus Lübeck eine vorsichtige Kontaktaufnahme.

 

Adivasi: Berührung mit Unberührbaren

(Bernds Kerala(ver)Führer) Adivasi nennt man die kastenlosen (Untouchables) indischen Ureinwohner, von denen noch heute einige Stämme zurückgezogen in den Nilgiribergen Keralas leben.

Hier handelt es sich um Angehörige des ‘Pannian’-Stammes, deren australoid-negroide Rassenmerkmale (Haarkrause, negroide Gesichtszüge, dunkle Hautfarbe) deutlich erkennbar sind. Die Pannian-Adivasi leben zum großen Teil vegetarisch, sammeln Wurzeln und pflegen noch animistische Religionsriten mit hinduistischem Einfluß. Sie kommen gelegentlich in die Dörfer herunter, um dort die Abfälle nach Verwertbarem (Recyclingfähiger Plastikmüll, Flaschen, Kronenkorken u.ä.) zu durchwühlen oder zum Betteln. Weil die Inder sie immer noch schlecht behandeln, sind die Adivasi oft auch uns Weißen gegenüber sehr scheu - was sie mir persönlich nur noch interessanter macht. Immer wieder habe ich mit viel Geduld versucht, Ihr Vertrauen zu gewinnen und mich ihnen nähern zu dürfen.

Dies ist auch dann oft nicht leicht, wenn man seinen guten Willen mit kleinen Geschenken unterstreicht (Tabakwaren für die Männer, Früchte für die Kinder).


Pannian: Sie kommen zum Fluß herunter, um ein paar der winzigen, bunten Tropenfische zu fangen
(Foto: Charlotte aus Lübeck)

Einmal kraxelte ich auf Videomotivjagd über die Felsen am Fluß, als ich plötzlich auf eine Adivasi-Familie traf. Die Männer benutzten angespitzte Gerten zum Fischfang, während Frauen und Kinder Reisig fürs Feuer zusammensuchten.

Sie erschraken keineswegs, als ich um die Felsnase bog und überrascht stehenblieb. Vermutlich hatten sie mein Kommen schon weit früher bemerkt und angenommen, ich würde sie meiden. So sind sie es von der übrigen Bevölkerung gewohnt.

Als ich jedoch auf einem etwa 10 Meter entfernten Felsbrocken Platz nahm und den Pannian zuschauen wollte, nahmen die Frauen und Mädchen die Kleinkinder auf und die ganze Sippe zog sich ohne Eile zwischen die Felsen zurück.

Von diesen Kindern hätte ich doch ganz gern ein Bild für meine Sammlung, überlegte ich. Vorsichtig erkletterte ich den Felsen, hinter dem die Familie verschwunden war. Überrascht stellte ich oben fest, wie weit sich die Adivasi inzwischen entfernt hatten.

Das war mir schon manches Mal passiert. Ich sehe sie irgendwo lagern, und wenn ich wenig später dort ankomme, sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Das reizt einen dann natürlich - ich jedenfalls suche die Begegnung immer wieder, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Die indischen Verwandten schütteln dann oft mit dem Kopf. Was interessiert den bloß so an diesem schmuddeligen Völkchen, mögen sie denken.

Diesmal aber hatten sich die Pannian nicht versteckt. Sie begnügten sich damit, die Fluchtdistanz etwas zu vergrößern und schauten nun abwartend zu mir herüber.

Ich änderte meine Taktik. Während ich mich langsam auf dem Felsen niedersetzte, zog ich ein Päckchen deutscher Zigaretten aus der Tasche und zündete mir eine an. Ich winkte freundlich lächelnd und hielt die Zigarettenpackung hoch.


Die Adivasi heben sich in Kerala nicht mehr so deutlich von den anderen Indern ab wie die Stämme des Nordens - man hat sich bereits vermischt, wie man unschwer an den Gesichtern erkennt. Und ihre Kinder gehen bereits in der zweiten Generation zur Schule.

"Veeano?", rief ich ("Wollt ihr?").

Einer der Jungs bekam eine Anweisung, löste sich aus der Gruppe und hüpfte flink über die Felsen herüber, nahm zwei Zigaretten und brachte sie den beiden erwachsenen Männern der Familie.

Die Glimmstengel wurden ausgiebig geprüft und beschnuppert und verschwanden dann im Kraushaar hinter den Ohren des einen Mannes. Der andere ging leer aus.

In der Folge investierte ich mehr als eine halbe Stunde Geduld, 4 weitere Zigaretten, 1 Kugelschreiber - und kam schließlich bis auf 5 Meter an die Familie heran. Erst als ich mich nach einem ungeschickten Schritt unsanft auf den Hosenboden setzte, war der Bann endgültig gebrochen: Die ganze Sippe lachte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten nicht einmal die Kinder mein Lächeln erwidert.

Die Scheu dieser ethnischen Randgruppen ist das Ergebnis jahrhundertelanger Verdrängungspolitik der Inder. Durch die Einrichtung der großen Naturschutzgebiete in den West-Ghats verschlechterte sich die Situation dieser sog. Hill-Tribals sogar noch: Das Jagen war nun plötzlich unter Strafe gestellt und die Naturschutzgesetze raubten den Adivasi-Stämmen die Existenzgrundlage. Es wird auch in Kerala noch lange dauern, bis die Integrationsbemühungen der Regierung meßbare Erfolge zeigen.

Inder fühlen sich immer noch beschmutzt, wenn sie sich auf einen Stuhl setzen sollen, den ein Adivasi benutzt hat. So sitzen infolge des Integrationsprogramms nun nach vorgegebenen Quoten Adivasi-Frauen und -Männer in Behörden und Poststellen, können kaum Lesen und Schreiben und versuchen mit wenig Antrieb, kleinere Aufgaben zu bewältigen - niemand hilft Ihnen dabei und alle halten sorgsam Distanz.


Kein leichtes Leben, daß seine Spuren in dieses Gesicht geschrieben hat. Bis zur Integration der Stämme wird noch viel Zeit vergehen, fürchte ich.

Schwer tun sich auch die Bemühungen der UNESCO, die Eingeborenen in die Naturschutzprojekte Indiens mit einzubeziehen. Das seit Mitte der Achtziger Jahre laufende Programm „Man & Biosphere" soll die Eingeborenenkinder einem regelmäßigen Schulbesuch zuführen und den älteren Adivasi die Grundlagen der Plantagenwirtschaft näherbringen. Die Aufseher solcher Initiativen sprach ich in den Wäldern von Wyanad.

„Sie sind faul. Sie wollen nicht arbeiten und machen immer nur Kinder!", war die Meinung der Ausbilder in einer Kaffeeplantage für Adivasi.

Ich verstehe das. Die Adivasi lebten hier noch vor einem Jahr als Jäger und Sammler. Wenn sie Hunger hatten, gingen sie in den Busch und versorgten sich aus dem reichhaltigen Angebot der Natur. Wie sollen sie verstehen, daß sie jetzt Pflanzen kultivieren und pflegen sollen, später die Früchte ernten und trocknen, diese dann verkaufen und vom Erlös Nahrung kaufen - wo doch viel bessere Nahrung um ihre Hütten herum lebt und wächst. Und die kann man ohne solch komplizierte Mechanismen sofort bekommen.

 

 

 

 


Delhi: Die Dalits, wie die kastenlosen Stammesgruppen auch genannt werden, ziehen regelmäßig in die Hauptstadt, um für ihre gesetzlich verankerten Rechte zu demonstrieren. Gesetze sind die eine seite - die Realität sieht anders aus.

 

Adivasi

Zur Stammesbevölkerung bzw. zu ethnischen oder tribalen Gruppen Indiens - von U. Shoda

Aufgrund der häufigen direkten Assoziationen Indien und Kasten rückt gelegentlich aus dem Blick, daß schätzungsweise 100 Millionen Inder als Adivasi bzw. "Ureinwohner" oder Stammesbevölkerung gelten und damit nicht zur Kastengesellschaft zu rechnen sind. Von der geographischen Verteilung abgesehen ist auch die Größe der einzelnen Stammesgruppen höchst unterschiedlich. Während kleinere Gruppen wenige tausend Mitglieder zählen, umfassen die größten unter ihnen wie etwa die Gond oder Kondh mehrere Millionen Menschen.

Diese Bevölkerungsgruppe Indiens soll im folgenden kurz charakterisiert werden, wobei sich einige Beispiele aufgrund der eigenen Forschungen des Autors verstärkt auf die mittelindische Stammesgesellschaft beziehen.

Die Klassifikation der Stammesbevölkerung

Folgt man den administrativen Kategorien der indischen Regierung, so werden nach der Volkszählung von 1991 ca. 8% der Bevölkerung zu den sogenannten "Scheduled Tribes" gezählt. Gemeint sind derzeit 622 Gruppen, die in einem Anhang bzw. "Schedule" der Verfassung aufgelistet sind (siehe die > alphabetische Liste des Ministry of Tribal Affairs). Sie werden auch als Adivasi oder "Ureinwohner" bezeichnet. In absoluten Zahlen entsprach dies 1991 knapp 68 Millionen Menschen, die in diese Kategorie fallen. Heute dürften es etwa 82 Millionen Menschen sein. Zahlen aus der neuen Volkszählung von 2001 liegen aber noch nicht vor.


Bequemlichkeit wird von den Gadhaba-Frauen in Orissa vermutlich völlig anders definiert. Wenn wir diesen Schmuck an Hals, Ohr und Fuß sehen, fragen wir uns doch sogleich, wie man mit diesen hinderlichen Reifen der schweren Arbeit nachgehen kann.
 

Die regionale Verteilung der tribalen Bevölkerung ist dabei höchst unterschiedlich. Während im Unionstaat Mizoram gut 94% zur Stammesbevölkerung gezählt werden, sind es nach dem Zensus in Uttar Pradesh nur 0,2 % (siehe Karte). Auch innerhalb der Unionsstaaten kann dabei die Verteilung durchaus heterogen sein. Liegt beispielsweise in Orissa der durchschnittliche Anteil der Scheduled Tribes bei gut 22%, so beträgt er, im Gegensatz zu Küstenorissa, in Gebieten im Nordwesten Orissas teils 60% und liegt damit signifikant höher.

Anteil der Stammesbevölkerung in den indischen Unionsstaaten entsprechend des Zensus von 1991 (Quelle: Ministry of Tribal Affairs). Unberücksichtigt bleibt auf der Karte die Teilung der Unionsstaaten Uttar Pradesh, Bihar und Madhya Pradesh.

Im Zensus bleibt allerdings unberücksichtigt, inwiefern auch Gruppen, die von der Regierung nicht als Scheduled Tribe klassifiziert werden, dennoch Werte und Ideen benachbarter Stammesgruppen teilen. Diesem Umstand tragen Ethnologen wie Sinha (1957: 107) oder Pfeffer (1997: 11, 2000: 342ff, 2002: 212ff) Rechnung, die es bevorzugen von einer symbiotischen "Stammesgesellschaft" zu sprechen. Eine solche kann auch Scheduled Castes (sogenannte "Unberührbare") oder Other Backward Classes ("rückständige" Unterkasten) einschließen, sofern sie in mehrheitlich von Stammesbevölkerung dominierten Gebieten leben, die dieselben kulturellen Idiome verwenden und über bestimmte gemeinsame Wertvorstellungen verfügen. Insofern handelt es sich bei den Scheduled Tribes des Zensus um eine künstlich separierte Kategorie. Lokale oder regionale Kategorien wie etwa die Desia – wörtlich: "die Einwohner des Landes" - im Süden des Unionstaates Orissa subsumieren und transzendieren dabei administrative Kategorien wie Scheduled Tribes. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass es sich bei vielen Stammesgruppen in Indien nicht um völlig autonome und unabhängige Einheiten handelt.

"Stamm" und "tribale Bevölkerung" als umstrittene Begriffe

Die Konzepte "Stämme" oder "tribale Bevölkerung" sind vielfach kritisiert worden, sind wie "Kaste" sehr emotional besetzt und "moved scholars to ‘unscholarly anger’" wie der Ethnologe F.G. Bailey (1960: 263) einst bemerkte. Vor allem im afrikanischen Kontext hat man den Begriff "Stamm" fast vollständig zugunsten der Termini "ethnische Gruppen" oder "akephale Gesellschaften" aufgegeben, welche ihrerseits aber nicht unproblematisch sind. In Indien besteht zudem eine grundsätzliche Schwierigkeit im Gebrauch des Begriffs "Stamm" oder "tribe" durch eine doppelte Verwendung: einerseits als administrative Kategorie, d.h. als "Scheduled Tribe" innerhalb einer Auflistung der Regierung und andererseits als analytische, wissenschaftliche Kategorie. Erstere wird dabei nicht selten politisch motiviert als Etikett verliehen, ohne zwangsläufig lokalen oder regionalen Gegebenheit zu entsprechen.


Der Randgruppenstatus der Stämme verlangt nach behutsamer Annäherung. Eine geschlossene Gruppe Touristen, die in ein Stammesdorf einfällt, würde oft keine Menschenseele vorfinden - die fremdenscheuen Adivasi verstecken sich. Also zerstreuen wir uns am Dorfrand und warten. Zuerst kommen die Kinder, und wenn ich die für mich interessieren kann, dann kommen auch die Erwachsenen. Mein Trick ist die kleine Digital-Videokamera. Ich kann den kleinen Bildschirm nach vorn drehen und die Kinder sehen sich selbst - das gibt regelmäßig ein Riesengeschrei, das auch die ängstlichsten Stammesmitglieder aus den Hütten lockt. (Fotografiert hat mich Harald aus Leipzig)

Häufig werden diese Begriffe aufgrund ihrer abwertenden Konnotationen, vor allem im urbanen Indien, zurückgewiesen, da hier die Termini zum einen mit Rückständigkeit, Unterentwicklung, Promiskuität oder Alkoholkonsum assoziiert werden. Zum anderen herrschen paternalistische Ideen vor, d.h. die Stämme werden als unschuldige, naive oder näher an der Natur orientiertere Bevölkerung charakterisiert. Ein gutes Beispiel für eine solche Darstellung findet sich beispielsweise auf der Homepage der Regierung Orissas, wo zu lesen ist:

"Most tribal people ate [sic] basically working people, working to gather food and fuel or engaged in agriculture, which is often at a primitive level or maybe in some primitive craft: Their work is usually of subsistence type. The Adivasis may not be the so-called gentlemen, for they have to dig and delve, slash and sow or, pin and weave, but their uncomplicated Adamic approach to life and the basic human virtues, which constitute the hallmark of their integrated culture is fit for emulation, if feasible, by our acquisitive society."

In anderen Fällen – und gelegentlich in Kombination mit diesen Stereotypen - führt man eine Unterscheidung der Stämme auf einen anderen "rassischen" Ursprung zurück, sieht die Differenz vorwiegend linguistisch definiert bzw. durch die geographische Distanz zur "Zivilisation" oder durch einen vermeintlich egalitäreren Charakter der Stämme. Alle diese Ansätze sind zu recht kritisiert worden und sollen hier nicht weiter verfolgt werden.

"Adivasi" - "Stamm" - "Tribe". Die schwierige Benennung

Der gegenwärtig in Indien weit verbreiteten Begriffe tribe (Stamm) oder tribal (Stammesangehöriger) leiten sich vom lateinischen Wort tribus ab, das eine politisch-territoriale Einheit im alten Rom bezeichnete.


… und mit dem oben beschriebenen DigiCam-Trick die lebendigsten Fotos erbeuten. Hier mit den prächtig geschmückten Bajanja in Zainabad

Ähnlich wie im Fall von Kaste entspricht dieser Begriff keiner indigenen bzw. einheimischen, indischen Kategorie. Doch wie wird "tribe" dann in Indien ausgedrückt? Wie Roy bereits 1925 für Stämme in Orissa notierte – und wie es weltweit von Stämmen bekannt ist – bedeutet der Eigenname eines Stammes zumeist einfach "Mensch". Dies gilt beispielsweise für die Remo in Orissa, die in Indien auch als Bondo bekannt sind. Der Name Birhor, eines weiteren Stammes in Orissa, bedeutet übersetzt soviel wie "Mensches des Waldes", während die Bhuyan sich als "Erdleute" sehen. Es ist zudem nicht ungewöhnlich, dass verschiedene Bezeichnungen, abhängig vom Kontext, für dieselbe Gruppe kursieren. So fand beispielsweise Gell (1992: 2), dass eine Gruppe in Bastar im Unionsstaat Chhattisgarh zwar von der Regierung als Gond und von Nicht-Mitgliedern häufig als "Muria" (Wurzel) bezeichnet wird, während sie selbst untereinander den Begriff "Koitor" (Mensch) verwenden. Später in Stammesgebiete immigrierte Kasten werden jedoch in Mittelindien zumeist deutlich unterschieden und häufig als "Diku" oder Eindringlinge bezeichnet.

Der zweite und häufig als politisch korrekter angesehene Begriff ist Adivasi, der soviel bedeutet wie "Ureinwohner" ("aborigines" / "original inhabitants"). Er wird von der indischen Regierung gelegentlich in Opposition zu Ana–Adivasi (Nicht–Adivasi) verwandt. Nicht selten kann man Dorfbewohner in Stammesgebieten treffen, die stolz verkünden Adivasi zu sein, wobei aber nicht alle ansässigen Stammesgruppen auch notwendigerweise "Ureinwohner" sein müssen, da es eine nicht zu vernachlässigende Migration von Stämmen in Indien gab und gibt. Davon abgesehen handelt es sich beim Term Adivasi um einen aus dem Sanskrit stammenden Begriff und somit um eine Fremdbeschreibung der Stämme.


Der "Tribal Belt" mit den ursprünglichsten Stämmen zieht sich vom Arabischen Meer im Westen Gujarats über Madhya Pradesh bis nach Orissa am Bengalischen Golf (s. Karte links). Diese Garassia trafen wir im Norden Gujarats, wo sie sich durch sammeln und Verkauf von Feuerholz Geld verdienen

In der gegenwärtigen indischen Praxis ist es zudem nicht ungewöhnlich, wenn sich Stammesgruppen wie etwa die Gond auch als "jati" verstehen und somit einen vieldeutigen Begriff verwenden, der zumeist mit Kaste übersetzt wird. Außerdem beanspruchen in manchen Fällen auch Stammesgruppen Kshatriya zu sein. Solche Statusansprüche scheinen dabei Prozesse der Assimilation in die Kastenhierarchie zu verdeutlichen und stehen für die betreffenden Gruppen keineswegs im Widerspruch mit einer Klassifikation durch die Regierung als Scheduled Tribe.

"Ureinwohner" oder "rückständige Hindus"?

Die Elwin-Ghury-Debatte & der hindu-nationalistische Diskurs

Der Umstand, dass externe Begriffe wie "Stamm" nicht einfach auf den indischen Kontext übertragbar sind und sich zudem eine Vielzahl einheimischer Begriffe finden lässt, mag zu der Debatte beigetragen haben, ob und inwiefern man überhaupt von Stämmen als separaten ethnischen Entitäten in Indien sprechen kann. Diese Debatte reicht bereits zurück in die 1930er Jahre. Einer der Hauptprotagonisten war dabei Verrier Elwin – ein vom Missionar zum Ethnographen und vom Briten zum Inder gewandelter "Philanthropologe", wie er sich selber gern sah. In seiner Monographie zur Stammesgruppe der Baiga beschäftigte sich Elwin 1939 im letzten Kapitel auch mit der Zukunft der Baiga. Unter dem Eindruck von "psychical apathy and physical decline" der Nachbarn der Baiga setzte sich Elwin für Maßnahmen zum Schutz der Baiga ein, die in der Forderung nach einem "National Park" gipfelten.

Nur dadurch könne ihr freier Zugang zu den Wäldern wiederhergestellt und gesichert werden – ein wichtiger Umstand für die Brandrodung praktizierenden Baiga. Ein solcher Park sollte frei von Missionaren und Bewegungen aller Art sein, die zwar formal auf ein "social uplift" der Baiga hinarbeiteten, dabei aber gleichzeitig Stammestraditionen verunglimpfen würden. Wie Elwin auch später betonte, ging es ihm nicht um eine Isolation der Stämme, sondern lediglich um einen "planned and controlled contact" (Elwin 1998 [1964]: 291) zwischen kulturell verschiedenen Gruppen.

Elwin’s Gegenspieler in der Debatte, der Ethnologe G. S. Ghurye, wies dessen Ideen in seinem Buch "The Aborigines: So–called and Their Future" 1943 strikt zurück. Ghurye, im Gegensatz zu Elwin ein Brahmane, Schriftgelehrter, "nationalist anthropologist" (Béteille 1991: 77) und "Lehnstuhl-Ethnologe" (Guha 2000: 157) ohne größere ethnographische Erfahrung, wies auf die Gemeinsamkeiten zwischen Hindus und Stämmen hin, auf bereits weitgehend "hinduisierte" Segmente von Stämmen und ihren aufgrund von Migrationsprozessen nur vermeintlich autochthonen Charakter. Er schrieb:

"Only very small sections, living in the recesses of hills and the depths of forests, have not been more than touched by Hinduism. Under the circumstances, the only proper description of these people is that they are the imperfectly integrated classes of Hindu society. Though for the sake of convenience they may be designated the tribal classes of Hindu society, suggesting thereby the social fact that they have retained much more of the tribal creeds and organization than many of the castes of Hindu society, yet they are in reality Backward Hindus." (Ghurye 1963: 19)


Ihre Kleidung besteht ausschließlich aus bunten Perlenketten und einem schmalen "Minirock" - nur gegen die Morgenkühle wird auf dem Weg zum Markt eine Decke umgehängt: Die Bonda aus Orissa

Selbst wenn man die Frage, ob und wieviel Schutz bestimmte Gruppen der indischen Gesellschaft benötigen, beiseite lässt, bleibt der entscheidende Konfliktpunkt in der Debatte – nämlich die Charakterisierung der "Scheduled Tribes" als "Ureinwohner", wie Elwin betont, oder als "rückständige Hindus" wie Ghurye argumentiert.

Diese Frage, ob "Stämme" in Indien als separate ethnische Entitäten anzusehen und damit von der Hindu- bzw. Kastengesellschaft zu unterscheiden sind, ist keineswegs irrelevant, sondern hochpolitisch im gegenwärtigen hindu-nationalistischen Diskurs. Ein Hauptziel des hindu-nationalistischen Projektes ist die Konstruktion einer Hindu-Mehrheit. Indien soll dementsprechend mit Hindu identifiziert werden. j. Dubashi, ein führender Ideologe der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP), äußerte sich in diesem Sinne: "The key to genuine development is self–assertion – as an Indian, and as a Hindu, for India is nothing if not Hindu." (Dubashi 1992: x)


Die Bonda sind geschickte Gemüsebauern und leben zurückgezogen in den Bergen. Ihre Dörfer sind nur durch beschwerliche Fußmärsche erreichbar. Deshalb besuchen wir auf der Kalinga Discovery die Wochenbasare in den Tälern. Dorthin kommen die Bonda hinunter, um ihre Ernte zu verkaufen.

In ähnlicher Weise soll V. Naidu, ehemaliger BJP–Präsident, auf einer Wahlkampfveranstaltung angemerkt haben: "Hindutva [Hindutum – US] is the lifeline of this country." (zit. in: The Hindu, 16.03.03, Online Edition)

Ein solcher Versuch Indien zu hinduisieren (Ludden 1996) würde, sofern erfolgreich, keinen Raum für abweichende Ideen und Werte von Stammesgruppen bieten, da aus hindu-nationalistischer Perspektive eine solche Diversität die angestrebte Einheit aller Hindus gefährden würde. In diesem Sinne werden Stammesgruppen im Jargon hindu-nationalistischer Gruppierungen bevorzugt als "Vanajati" (Kasten der Wälder) oder als "Vanvasi" (Waldbewohner) charakterisiert – Begriffe, die, im Gegensatz zu Adivasi, weniger die kulturelle Differenz betonen.

Ideen und Werte der Stammesgesellschaft in Indien

In der ethnologischen Forschung ist das Konzept des Stammes seit längerem umstritten. Es wurde als "Problem" (Helm 1968) oder als "Illusion" (Southall 1970) beschrieben. Ethnologen wie Southall haben vor allem im afrikanischen Kontext zu Recht auf die "Erfindung von Stämmen" beispielsweise im Sinne einer namentlichen Missrepräsentation der Stämme durch koloniale und post-koloniale Administrationen hingewiesen.


Diese fröhliche Kondh-Frau verkauft ihre Kurkuma-Ernte (Gelbwurz) auf dem Wochenmarkt (Foto: Christa aus Augsburg)

Trotz bestimmter Verzerrungen der Stammesstrukturen seit der Kolonialzeit lassen sich dennoch tribale Ideen und Werte erkennen, wofür das Werk des Ethnologen Marshall D. Sahlins (1968) hilfreich ist. Ausgehend von seinen Forschungen in Ozeanien charakterisierte er einen Stamm als: "socially articulated, a tribe is specifically unlike a modern nation in that its several communities are not united under a sovereign governing authority, nor are the boundaries of the whole thus clearly and politically determined. The tribe builds itself up from within, the smaller community segments joined in groups of higher order, yet just where it becomes greatest the structure becomes weakest: the tribe as such is the most tenuous of arrangements, without even a semblance of collective organization." (Sahlins 1968: vii–viii)


Orissa Tribals

Sahlins sieht somit das Fehlen einer zentralen Autorität und exekutiven Instanz als entscheidendes Kriterium eines Stammes, was aber keineswegs Phänomene des Übergangs vom Stamm zum Staat ausschließt, sondern lediglich als Prozess fortschreitender Intensivierung von Autorität gesehen wird. Zudem verbindet Sahlins mit dem Stamm eine generalisierte Struktur der Gesellschaft – es findet keine Unterscheidung zwischen politischer, ökonomischer, religiöser Sphäre etc. statt. Weiterhin ist im Begriff des Stammes ein latenter Kriegszustand im Sinne von Thomas Hobbes´"warre" impliziert, d.h. es fehlt ein institutionell garantierter Friede. Wie Sahlins (1968: 5) bemerkt, verfügen Stämme über keine "sovereign political and moral authority; the right to use force and do ‘battell’,..., is held by the people in severalty". Die Studie von Nayak (1989) zu Fehden von Verwandtschaftsgruppen unter den Dongria Kondh im Süden Orissas bestärkt diese Aussage. Allerdings betont Sahlins (1968: 8f) auch die Rolle des Tausches und der Verwandtschaft, die einen latenten Kriegszustand ausgleichen können und eine Art "Weisheit" der Stammesgesellschaft offenbaren. Tauschaktionen können dabei zu symbolischen Friedensverträgen werden.

Sahlins Argument, das Fehlen zentralisierter Institutionen des Staates in Stammesgesellschaften, ist von Southall (1970: 29) mit dem Hinweis zurückgewiesen worden, die gesamte Welt sei bereits in Staaten unterteilt, und es gebe folglich keine autonomen Territorien mehr. Dennoch musste auch Southall die Möglichkeit einräumen, dass der Einfluss des Staates in entlegenen Gebieten mitunter nicht nur ineffektiv, sondern zu vernachlässigen sei. In vielen "Stammesgebieten" Indiens etwa im Unionsstaat Orissa scheint dies zuzutreffen und die Wirkmächtigkeit des modernen, bürokratischen indischen Staates sehr begrenzt zu sein.


Das kann passieren: Bis auf ein paar alte Frauen und Kinder war das Gadhaba-Dorf leer, als wir es besuchen wollten. Alle anderen Einwohner waren bei der Feldarbeit. Trotzdem war gerade dieses Dorf eines der schönsten, das wir in Orissa sahen. (Foto: Christa aus Augsburg)

Die Frage der Werte und Ideen der Stammesgesellschaft ist für Indien und speziell Mittelindien in jüngerer Zeit von G. Pfeffer wieder aufgenommen worden, nachdem bereits in Debatten der 1950er und 1960er Jahre festgestellt worden war, dass bei Stammesgruppen wie den Saora etwa dem Wert der Reinheit nicht dieselbe Bedeutung zukommt wie in der Kastengesellschaft. So hielten die Ethnologen Dumont and Pocock fest, wenn "… a certain system of ideas and actions […] defined as Hindu opposition of pure and impure is fundamental to Hinduism, then the Saoras are not Hindus, for their ideas in the matter are very sketchy." And, though "… Saoras do not ignore the importance attached by Hindus to these things … [notion of ceremonial impurity – US] … They do not submit directly to the scheme of Hindu values." (Dumont / Pocock 1959: 60–1)

Unter mittelindischen Stämmen kommt nach Pfeffer dagegen dem Wert der Seniorität eine besondere Bedeutung zu. Verschiedene Stammesgruppen als auch Segmente einzelner Stämme etc. sind dabei in ein hierarchisches Gefüge integriert, in dem der jeweils älteren Kategorie ein höherer Status zugewiesen wird. Insofern werden nicht nur die Stammesgruppen der Gadaba und Bondo, sondern auch gleichzeitig Senior-Gadaba von statusniederen Junior-Gadaba oder ältere von jüngeren Brüdern etc. unterschieden. Solche hierarchischen Beziehungen widerlegen zudem einen den Stämmen vielfach zugewiesenen egalitären Ethos.


Die Frühjahrsmode diktierte scheinbar Indigo als Modefarbe bei den Kondh (Foto: Christa aus Augsburg)

In eine solche Hierarchie sind dabei nicht nur Stammesgruppen integriert, sondern auch Gruppen wie die Mali (Gärtner), Gauda (Viehhirten) oder Keunt (Fischer), die von der Regierung als "Other Backward Classes" (rückständige Unterkasten) klassifiziert werden oder Gruppen wie die Pano oder Dombo, die für die Administration als "Unberührbare" gelten. Da diese Gruppen insgesamt nicht nur den Wert der Seniorität, sondern auch Ideen bezüglich der Heirat, der Religion etc. mit den Stämmen teilen, kann man beispielsweise für Mittelindien von einer Stammesgesellschaft sprechen, die allerdings regional – abhängig von den jeweiligen Stammesgruppen, von äußeren Einflüssen etc. – unterschiedlich konfiguriert sein kann.

Vergleicht man die mittelindische Stammesgesellschaft mit der Kastenordnung, fallen weitere Unterschiede wie vor allem das signifikante Fehlen eines Varna-Modells, aber auch Gemeinsamkeiten auf. In beiden Gesellschaften wird eine Unterscheidung zwischen Status und Macht getroffen, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Während in der Stammesgesellschaft lokale Verwandtschaftslinien mit sakralen Funktionen von solchen mit weltlichen, säkularen Funktionen unterschieden werden, wobei erstere als ältere einen höheren Status inne haben, findet sich in der Kastengesellschaft eine Dichotomie zwischen dem statushöheren Brahmanen als professionellem Priester und dem über weltlich-politische Macht verfügenden König bzw. den Kshatriya. Auch komplexe Regeln der Kommensalität, d.h. das gemeinsame Essen betreffend, und der Heirat sind nicht nur auf die Ordnung der Hindus begrenzt, sondern existieren auch in der Stammesgesellschaft, und es ist ebenso möglich, dass die Stämme die benachbarten Hindus in diesem Sinne beeinflusst haben und nicht umgekehrt. Die Idee der Wiedergeburt und Reinkarnation findet sich ebenfalls unter den Stämmen, ist dabei aber nicht an die Idee von Karma gebunden.

Letztlich verwischen in der indischen Praxis und im politischen Prozess zunehmend die Grenzen zwischen Kasten und Stämmen durch permanente Prozesse der Oszillation zwischen diesen Kategorien. Verschiedene Gruppen können dabei, wie Parkin (2000) gezeigt hat, durchaus unterschiedliche Strategien verfolgen. Um einen höheren Status zu erlangen, versuchen einige Stammesgruppen wie etwa die Bhuyan sich in die Kastenordnung zu integrieren oder umgekehrt gerade ihre tribale Identität außerhalb dieser Ordnung zu bestärken wie das Beispiel der Santal zeigt. Gleichzeitig können aber auch Kasten wie die Kurmi danach streben, als Stämme anerkannt zu werden, um von materiellen Privilegien der Regierung zu profitieren. Prozesse der Politisierung einzelner Gruppen, wie bereits für die Kasten beschrieben, sind in ähnlicher Form auch unter Stammesgruppen zu beobachten.


Foto: Cornelia Mallebrein

Somit sind Fragen der Ethnizität entscheidende Faktoren im politischen Diskurs – in jüngerer Zeit etwa in Bezug auf die Bildung neuer Unionsstaaten - , ein Diskurs, der konstruiert, aber auch manipuliert werden kann.

Gott im Stein

Nur wer die Traditionen der Stammesgruppen kennt, kann Indien verstehen. "Viele heute landesweit verehrte Hindugottheiten gehen auf einen lokalen Gott zurück", sagt Cornelia Mallebrein. Von von Marcus Anhäuser


Foto: Cornelia Mallebrein

Im Laufe der Jahrhunderte wurden - und werden - diese in das hinduistische Pantheon integriert. Diesen Vorgang untersucht die Tübinger Indologin, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Weltbild der Stämme ist die ganze Natur von göttlicher Energie belebt. Irgendwann offenbart sich ein Gott den Menschen als Stein oder Stock, der dann angebetet wird wie auch diese bemalte Baumwurzel.

"Es werden 'Wunder' mit diesem Gott in Verbindung gebracht, ein Schrein wird errichtet, ein Dorfpriester ehrt die Gottheit", erklärt Mallebrein. Zu bestimmten Zeiten nimmt die Gottheit auch Besitz vom Körper des Priesters (auf dem Foto oben mit Kopftuch). Der leiht ihr seine Stimme. "Irgendwann", sagt Mallebrein, "übernimmt dann ein Hindupriester den Kult und erklärt, dass die ursprüngliche Stammesgottheit in Wirklichkeit die Manifestation einer Hindugottheit ist." Der Schrein wird prächtiger geschmückt, die Rituale ändern sich, der alte Priester wird abgesetzt. Doch für die Stammesmitglieder hat die alte Gottheit nichts an Kraft verloren. Im Gegenteil: Jetzt, wo ihr wahrer Ursprung erkannt ist, hat sie an Stärke und Macht gewonnen.

Mit freundlicher Genehmigung von Marcus Anhäuser,  Wissenschaftsjournalist.(www.redaktion-wissen.de)

Legenden und religiöse Traditionen mittelindischer Stämme

In Indien gibt es zahlreiche Stammesgruppen, die ihre eigenen Gottheiten verehren. Viele davon sind im Laufe von Jahrhunderten mit Gottheiten des hinduistischen Pantheons verschmolzen. Die Indologin Dr. Cornelia Mallebrein reiste in entlegene Regionen, um alte Legenden, Kulte und Rituale der hinduisierten Stammesgottheiten zu dokumentieren. Viele Gottheiten sind noch heute eng mit den einstigen Herrschern Indiens, den Rajas, verbunden.


Orissa:  In diesem abgelegenen Dorf haben Gertrud und Christine T-Shirts und Regenschirme verschenkt … (Foto Stefan aus Kaiserslautern)


Orissa: Frauen, die nicht nur Zigarren rauchen, sondern die glimmenden Stumpen auch ins Kraushaar stecken, wenn beide Hände zum Gemüseverkauf gebraucht werden - das habe ich bisher nur auf den Basaren Orissas gesehen.
(Foto Stefan aus Kaiserslautern)

Die Legende berichtet, dass ein Bauer beim Pflügen plötzlich einen blutverschmierten Stein in der Erde sah. Blut steht für göttliche Energie, die Manifestation einer Gottheit. Diese wird zunächst als einfacher Stein verehrt. Dann geschehen Wunder, eine Frau, die bisher als unfruchtbar galt, bekommt ein Kind. Das spricht sich in der Region herum, Frauen kommen, um die Göttin um Hilfe zu bitten, und es kommt zu weiteren "Wundern". In der Folge erhält die Göttin einen festen Schrein mit einem Priester, der sie nun regelmäßig verehrt. Zu bestimmten Zeiten nimmt die Göttin Besitz von ihm, dann verleiht er ihr Stimme und Gesicht. Auf diese Weise haben sich zahlreiche Götter den Menschen zu erkennen gegeben. Die Mannigfaltigkeit der Gottheiten Indiens liegt in dem Glauben, dass die ganze Welt, Berge, Flüsse und Dörfer, von göttlicher Energie durchströmt ist. Dr. Cornelia Mallebrein vom Seminar für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft der Universität Tübingen dokumentiert bislang kaum bekannte religiöse Traditionen, vor allem im Bundesstaat Orissa.


Orissa:  T-Shirts und Regenschirme als Eisbrecher - nur für uns holte man die Trommeln aus dem Verschlag, zündete feuer an, um die Trommelfelle zu spannen - und dann tanzte das halbe Dorf. Nur für uns. (Foto Stefan aus Kaiserslautern)

Seit 1999 ist sie Mitarbeiterin im Orissa-Schwerpunktprogramm, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Leiter des Projekts der Tübinger Indologie ist Prof. Heinrich von Stietencron. Cornelia Mallebrein hat ihre Forschungen der Öffentlichkeit in mehreren Ausstellungen zugänglich gemacht, eine Fotoausstellung in New Delhi vom Frühjahr 2002 wird in den nächsten Monaten in ganz Indien gezeigt. Sie wurde in Indien mit großem Interesse verfolgt. Das zeigt auch die umfangreiche, positive Berichterstattung in den indischen Medien.

"Indien setzt sich aus sehr heterogenen Bevölkerungsgruppen mit jeweils eigener Sprache und Kultur zusammen. Zu diesen zählen die Urbewohner Indiens, die Adivasi, mit heute rund 80 Millionen Mitgliedern", so Mallebrein. Die Indologin untersucht, inwieweit die verschiedenen Stammesgruppen und ihre Gottheiten den Hinduismus geprägt haben und dokumentiert die Entwicklung der hinduisierten Stammesgottheiten bis in die Gegenwart. Vor allem im Laufe der letzten Jahrhunderte seien diese von Herrschern vereinnahmt worden, die in die Stammesgebiete eingedrungen waren. Dadurch dass sie die lokale Göttin zur Familien- und Schutzgöttin des neuen Herrschaftsgebiets erklärten, konnten sie sich die Loyalität der Stämme sichern. Sie errichteten Tempel für sie und veranstalteten Feste. Brahmanen-Priester, die im Kastensystem die höchste Stelle einnehmen, wurden in das Herrschaftsgebiet geholt. Ihre Aufgabe war es, die Verehrungsrituale (Puja) für die Göttin durchzuführen. "So gelang es den neuen Herrschern, die sich als Raja bezeichneten, sich in der Stammesregion zu etablieren", sagt Mallebrein. In Orissa gab es mehr als hundert solcher Regionalfürsten auf einem relativ kleinen Gebiet.

Die indischen Stammesgruppen lebten früher sehr isoliert in den Dschungelregionen, meist ging man zu Fuß, bestenfalls gab es den Ochsenwagen. Der intensive Straßenausbau erfolgte erst in der Zeit britischer Herrschaft. "Um 1803 haben die Engländer Orissa okkupiert. Sie übertrugen den lokalen Regenten Titel wie Raja beziehungsweise Maharaja, und sie erhielten festen Landbesitz. Im Gegenzug führten die Rajas Steuern an die Engländer ab, dafür erhielten sie militärischen Schutz. Doch es blieben so viele Steuern übrig, dass sie ihre fürstlichen Zentren mit prachtvollen Gebäuden, Palästen und Tempeln ausstatten konnten", erzählt die Indologin. Im 20. Jahrhundert besaßen viele Rajas einen gewaltigen Fuhrpark, darunter zahlreiche Rolls Royce, Hundertschaften von Bediensteten sorgten für ihr Wohl. "Nicht mehr als hundert Jahre dauerte der gewaltige Pomp, denn mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 verloren sie ihre Herrschaft und 1971 wurde alle Privilegien der Rajas auf Regierungsbeschluss abgeschafft", sagt Mallebrein. Die einstigen fürstlichen Zentren sind heute baulich in einem sehr schlechtem Zustand, zahlreiche Paläste sind eingestürzt oder existieren nicht mehr.


Die Bajanja sind zweifellos die farbenprächtigste Stammesgruppe im Westen Gujarats - aber dort gibt es noch eine Menge anderer spannender Begegnungen, die unser Gastgeber Nawabsada Dhanraj herbeiführt…

Was passiert mit einer Göttin bei ihrem Aufstieg von einer Steingottheit des Waldes bis zu ihrer Verehrung in einem prachtvollen Tempel?, fragte Mallebrein zu Beginn ihrer Forschungen. Diese Informationen finden sich nicht in Archiven. Daher machte sich die Indologin auf die Reise durch Orissa, wichtige Informanten sind die Rajas. "Die meisten von ihnen sind inzwischen verarmt und leben sehr bescheiden. Wenn man die dortigen Hierarchie- und Höflichkeitsregeln befolgt, sind sie gern bereit, die Geschichte ihrer Familiengottheiten zu erzählen", sagt sie. Im Laufe ihrer bisherigen Forschungen konnte sie mehr als 60 sakrale Zentren dokumentieren. Historisch von ganz besonderer Bedeutung sind die alten Fotos der Rajas aus besseren Zeiten, die nun, schlecht gelagert, im feuchten Klima zerfallen - die Forschungen Mallebreins sind auch ein Kampf gegen die Zeit. Von über 500 dieser wertvollen Fotodokumente hat sie bereits Reproduktionen angefertigt.

Im Weltbild der Stämme ist alles von göttlicher Energie belebt. Es gibt Gottheiten der Sonne, des Mondes, der Erde, des Dorfes und seiner Umgebung. Gottheiten beschützen das Haus, den Getreidespeicher, den Herd, ja sogar die Türschwelle. Den Legenden zufolge zeigen sich manche zunächst in nicht bildlicher Form als Stein oder Holzpfosten, andere machen während eines Traumes den Menschen deutlich, wo sie verehrt werden wollen. "Wichtig ist es, die göttlichen Zeichen zu erkennen", erklärt Mallebrein. Ein Hirte hatte eine Kuh, die keine Milch mehr gab. Er folgte ihr und sah, dass sie die Milch über einer bestimmten Stelle vergoss - einem göttlichen Ort. Solche Geschichten vom Ursprung der Gottheiten gehen mit der Zeit verloren, indem diese mit einer Hindugottheit verschmelzen, so Mallebrein. In Indien gebe es viele ganz unterschiedliche religiöse Traditionen und das mache das Land so faszinierend. "In Orissa lebt eine Stammesgruppe, die mittels Schamanen mit dem Jenseits kommunizieren kann. Die Schamanen leben in zwei Welten, sie sind nicht nur in der realen Welt, sondern auch im Jenseits mit spirituellen Partnern, den Ildas, verheiratet und haben dort sogar Kinder", erzählt Mallebrein. Die aufwendigen Wandbilder im Haus der Schamanen reflektieren die Ilda-Häuser im Jenseits. "Die Menschen leben sehr einfach und weit abgelegen, daher sind die Schamanen auch als Heiler bei Krankheiten von großer Bedeutung. Im Zustand der Trance können sie die krankheitsverursachenden Ahnen ausfindig machen und sie durch Opfergaben dazu zwingen, vom Kranken abzulassen", erklärt die Forscherin.


Zum Beispiel trafen wir diese Nomadenvölker im kleinen Rann of Kutchch nahe Zainabad. Trotz der Hitze in dicke schwarze Wollkleider gepackt, wandern sie von Afghanistan über Pakistan bis nach Indien und zurück - Landesgrenzen kümmern sie nicht. Sie sind gezwungen, immer wieder riesige Strecken mit ihren Kamelherden zurückzulegen, weil die niedergelassenen Farmer sie überall nur kurze Zeit dulden. Zu knapp ist Wasser und Futter in dieser Region.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt Mallebreins ist die Tradition der 'Gottheit im Menschen'. Gottheiten nehmen von ausgewählten Personen Besitz und können so mit den Gläubigen kommunizieren. Dem Medium kommt eine wichtige soziale Rolle zu, es ist Ratgeber, Heiler, aber auch Psychotherapeut. Ein weiteres in Indien bedeutendes Phänomen ist, dass Anhänger den 'Wind einer Gottheit' in sich spüren. Von göttlicher Energie erfüllt, führen sie sich auf wie Pferde oder Hunde. Vor allem in Mittelindien berühmt sind die Puruvanta, Anhänger des furchtlosen Gottes Virabhadra, einer Manifestation des Gottes Shiva. Sie stechen sich Metallspieße durch Wangen und Zunge, Beweis für die göttliche Präsenz in ihrem Körper. "Vor allem die Jugend lehnt derartige Rituale als rückständig ab, es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese nicht mehr vorhanden sind, sie sterben aus", sagt Mallebrein. Die vielen komplexen religiösen Vorstellungen über Götter, Geister und Ahnen spiegelten den Versuch der Menschen wider, sich mit den harten Lebensbedingungen und der oft großen Armut zu arrangieren. Denn heiße Sommer, endlose Regengüsse des Monsuns und kalte Winter, Hungersnöte und Krankheiten seien ihre ständigen Begleiter. Gefährdet sind die religiösen Traditionen der Stämme zudem durch die vielen hinduistischen wie auch christlichen Missionsversuche. Letztere seien oft recht erfolgreich, denn der christliche Gott verlange keine teuren Tieropfer und der Priester kommt umsonst ins Haus.

Pressemitteilung der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seminar für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft. Quelle: Informationsdienst Wissenschaft.

Bei den Kutia Kondh     

Die Kondh mit den tätowierten Gesichtern - Sie sind eines der letzten Geheimnisse Indiens: Verborgen im Hochland von Orissa leben die Kutia Kondh; ein uralter Volksstamm, deren schöne Frauen sich noch heute die Gesichter vollständig tätowieren lassen. Ein Tattoofreund mit dem Nick Travelingmic hat sie aufgestöbert und ihre Traditionen in einem Internetforum für Tätowierungen dokumentiert.


Wüsten-Tankstelle. Die Kamel-Nomaden servieren Tee und Wasser.

Feuchter Nebel erhebt sich, als wir um sechs Uhr morgens die umliegenden Dörfer ansteuern. Eine lange Reihe in bunte Tücher gehüllte Frauen mit schweren Lasten auf den Schultern erscheint schemenhaft im Morgendunst. Man sagt, der Stammesname »Kondh« stamme vom Sanskrit Wort für »Schulter«; den Ureinwohnern gegeben, wegen ihrer Fähigkeiten als Lastenträger.

Mein forschender Blick fällt in die halbvermummten Gesichter der Frauen und das Herz schlägt bis zum Hals: Jede einzelne von ihnen, egal ob Teenager oder Großmutter, trägt die »Gudna« im Gesicht! Dieses Hindi-Wort bedeutet in Indien »Tattoo«. Davon abgeleitet heißen diese Menschen hier vor mir »Kutia Kondh«, »die Kondh mit den tätowierten Gesichtern«. Diese ethnische Minderheit ist im Westen fast völlig unbekannt, noch nie wurde über sie in der Fachliteratur berichtet, noch nie gab es Fotos von ihnen in Tattoobüchern oder -zeitschriften zu sehen. Ich will den Wagen anhalten, die einmalige Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen, sie zu fotografieren! Der Guide lächelt nur müde und winkt ab: Dort wo wir hinführen, gäbe es noch genügend Gelegenheit dazu und überhaupt, was ist denn so aufregend an den Frauen mit den entstellten Gesichtern? Der modern erzogene urbane Inder kann mit den Adivasi und ihren Bräuchen nicht viel anfangen.

Neben der Gudna schmücken sich die Frauen mit Ohrringen aus Silber. Bis zu 30 Stück werden an jeder Ohrmuschel getragen, was zum abknicken derselben führt.

"Eigentlich müßte man das alles abschaffen und sie endlich ins 21. Jahrhundert voran bringen!" sagt der Guide. Das ist übrigens auch die vorherrschende Meinung in den Regierungszentren Indiens. Ganz im Sinne des kolonial-britischen Forschers Sir Wilfried Grigson, der sich 1938 über die Tattoos der Gond in Zentralindien äußerte: »Alle Schönheit, die diese Mädchen besitzen, zerstören sie durch übertriebenes Tätowieren des Gesichtes und der Stirne.«

Herzlich werden wir aufgenommen in den winzigen Dörfern der Kutia Kondh, man lebt friedlich miteinander. Kein Plastik weit und breit, Elektrizität ist unbekannt. Die Häuser sind aus Lehm, funktionell und peinlich sauber gehalten. Kein Vergleich mit dem Rest Indiens. Die Kutia Kondh hatten bisher nur minimalen Kontakt mit der Außenwelt, die eigentlich gutgemeinten zögerlichen »Zivilisierungs«versuche der indischen Regierung betrachten sie mit berechtigtem Mißtrauen und ignorieren sie tunlichst. Wer kann schon seine Kinder zur Schule schicken, wenn sie doch auf dem Feld gebraucht werden? Die Idylle täuscht über die harte Realität hinweg. Täglich müssen die Frauen 20-30 km zum Markt gehen, Wasser und Holz sind knapp, und wenn die Ernte ausfällt, verhungern hier die Menschen. Doch wenn sie etwas haben, dann teilen sie es auch, und das gerne.


Die Tätowiererin demonstriert den Tätowierprozeß: Ruß wird zermahlen und mit Wasser vermengt. Mit einem Stäbchen zeichnet sie das Design (hier das Motiv für die Stirn) auf den Arm unseres Führers. Mit Nadelbündel wird durch die aufgebrachte Farbe gestochen; später wird weiteres Pigment in die Wunde gerieben.


Neben der Gudna schmücken sich die Frauen mit Ohrringen aus Silber. Bis zu 30 Stück werden an jeder Ohrmuschel getragen, was zum abknicken derselben führt.

Wir treffen die Tätowiererin der Gegend. Seltsamerweise ist sie selbst nicht tätowiert – eine Ausnahme hier. Seit zwanzig Jahren übt sie diesen Beruf aus und klagt darüber, daß jedes Jahr weniger Mädchen den langen Fußweg zu ihr antreten, um sich in der kalten Jahreszeit die »Gudna« stechen zu lassen. Im Winter, so um den Februar oder März, wenn die Ernte eingebracht ist und die Wundheilung einfacher, kommen sie normalerweise zu ihr, die acht- bis zwölfjährigen Mädchen. Etwa zur gleichen Zeit, wenn sie sich die unzähligen silbernen Ohrringe stechen, die so schwer sind, daß die Ohrmuschel nach vorne abknickt! Vor der Hochzeit, die in dieser Gegend noch vor dem vierzehnten Lebensjahr stattfindet, lassen sie sich mit den Tätowierungen verschönern, auf daß der Brautpreis steige, welchen – ganz im Gegensatz zum restlichen Indien – die Eltern des Bräutigams bezahlen müssen. Daher ist die Freude groß bei den Kondh, wenn ein Mädchen geboren wird, und daher ist bei ihnen auch das Geschlechterverhältnis 1032:1000 zugunsten der Frauen, nicht wie im Rest des Landes 970:1000, wo ein Mädchen wegen der Aussteuer die Familie ruinieren könnte, und daher durchaus mal »den plötzlichen Kindstod stirbt« oder einen »Küchenunfall« erleidet. Bittere Realitäten in einem Land, das mit westlichen Maßstäben kaum zu erfassen ist. Hundert Rupien, ein Huhn und etwas Reis kostet die komplette Gesichtstätowierung bei ihr, früher waren es nur zehn Rupien gewesen, aber jetzt ist ja sowieso alles viel teurer.

Zur Demonstration vermengt sie etwas Ruß, der hier übrigens »Kajal« heißt, mit Wasser, und malt das Design mit Hilfe eines Stäbchens auf die Haut. Mit Bündeln aus Nähnadeln – manchmal zwei, drei, oder auch bis zu elf Nadeln – sticht sie die Muster in die Gesichtshaut. Zu guter Letzt erklärt sie noch, daß man nun die Wunde zweimal täglich mit heißem Wasser abwaschen und mit Pflanzenöl einreiben soll. Gar nicht so unmodern, diese Behandlung. Wer dann noch zwei Wochen lang keine sauren Früchte esse, laufe kaum Gefahr, eine Infektion davon zu tragen, erzählt sie. Die tief eingeschnittenen Gesichtstattoos der Frauen (fast sehen sie aus wie die gravierten Moko der Maori) sprechen eine andere Sprache. Aber wer wird ihr schon widersprechen wollen, der Tätowiererin der Kutia Kondh? Glücklich verlasse ich ihr Haus und wir machen uns weiter auf den Weg durch die Dörfer, immer begleitet von einem Lächeln aus schönen tätowierten Gesichtern.

Air-Condition - heißer Kopf von kalter Luft

Die A/C ist sicher der Hauptgrund, warum die Erkältung bei Europäern zur Tropenkrankheit Nr. 1 wurde. Da so etwas bei diesen Klimabedingungen nicht so leicht auszukurieren ist, sollte - nicht nur des Aufpreises wegen - auf „A/C“ verzichtet werden. Ein Deckenventilator erfrischt den frisch geduschten Reisenden ebenso und bedeutet nicht den ständigen gefährlichen Wechsel von Außen- und um ca. 10 Grad gesenkter Innentemperatur. Einziges Argument für die A/C: Moskitos mögen das gar nicht.

Akklimatisieren: Vom Regen in die Tropen

Akklimatisieren ist wichtig für alle, die vom ‘Regen in die Tropen’ kommen. In den ersten 2-3 Tagen alles etwas gemächlicher angehen und größere Anstrengungen vermeiden - das wissen wir alle schon. Aber nicht in Panik geraten, wenn Deine Körpertemperatur steigt - die Streßreaktion Deines Organismus auf die ungewohnte Wärme würde nur noch verstärkt. Ein wenig Temperatur ist ganz natürlich: die Gefäße weiten sich und die Wärmeabfuhr wird leichter.

In diesen ersten Tagen solltest Du auch auf das Biergelage zur Willkommensfeier verzichten. So manch einer ist gern sofort dabei, wenn es gilt „einen sicherzustellen“ - allerdings dauert die Akklimatisierungsphase um so länger, je mehr Alkohol dabei getrunken wird. Dazu schwitzt Du verstärkt, verlierst Flüssigkeit und Salze, mußt dann um so mehr trinken, dadurch verdünnt die Magensäure. Je schwächer der saure Magensaft, je niedriger Deine Abwehrkraft. Infektionen besonders im Magen-Darm-Trakt sind die Folge.

Ansichtskarten: Ansichtssache

Es gibt auch unter unseren Travellern jede Menge Leute, die mit diebischer Schadenfreude „Hier scheint die Sonne, es sind mindestens 30 Grad - wie ist das Wetter bei Euch?“ und ähnliche Statements auf die Rückseite bunter Fotos kritzeln. „Ich hab’s ihr versprochen!“, verteidigen sie sich verlegen, wenn jemand ihnen über die Schulter schaut. Jedoch erhält man hier Ansichtskarten nur in Orten mit touristischen Aktivitäten. Auf unseren Routen demnach nur in Kovalam oder Mysore. Dort werden sie Dir aber dann auch regelrecht aufgedrängt.

In Calicut bekommt man allerlei Grußkarten, Weihnachts- und Neujahrskarten (Auf denen man selbstverständlich auch seine ‘Ansichten’ über Indien mitteilen kann).

Ayurveda: Uralte Philosophie der Harmonie

Indien ist die Wiege der über 2000 Jahre alten Ayurveda-Medizin. Das Wort Ayurveda setzt sich aus den Sanskritwörtern Ayus = Leben und Veda = Wissen zusammen. Dieses älteste ganzheitliche Naturheilverfahren geht davon aus, daß Gesundheit der natürliche Zustand des Körpers ist. Der Begriff Gesundheit umfaßt die Harmonie von Geist, Seele, Körper und Umgebung.

Wenn der Mensch sich nicht in diesem Zustand der Gesundheit befindet. wenn die Harmonie. z. B. des Körpers, gestört ist, dann greift die Ayurveda-Medizin mit über 20 verschiedenen Heilmethoden ein. Diese sind unter anderem verschiedene Massage-Techniken, aber auch Behandlungen mit Gewürzmischungen, Tees und Aromatherapien.

Daß die Ayurveda als ganzheitliche Heilkunde mit Tausenden von Kräutern, Massagen und Diäten bereits seit einigen Jahren der alternative Geheimtip all derer ist, die bei den Therapien der Schulmediziner den Mut verloren haben - das hat sich hierzulande schon herumgesprochen. Eine der wenigen Ayurvedakliniken Deutschlands - eine Luxusklinik in Traben-Trarbach - verkaufte schon 1995 eine ayurvedische „Reise nach innen“ für 5 Tage und kassierte dafür stolze Zweieinhalbtausend Mark. Recht so - für uns Europäer ist eine solche Reise auch ein sehr langer Weg.

Geh in Dich! Die Devise ist richtig für alle, denen Seele & Körper aus der Balance gerieten. Nur - man sollte die Schreibweise „Geh indisch!“ wählen und das Ayurveda im Ursprungsland kennenlernen. Dort ist es billiger und effektiver.

Auf unserer Tropenfarm Vettikavumgal haben wir die Bandbreite der Ayurveda-Anwendungsmöglichkeiten ständig erweitert. Über die allgemeine Panchakarma als Rückkehr zur Mitte, für Verjüngung und Entschlackung sind heute viele Spezialbehandlungen nach Anweisung unseres fähigen Arztes möglich - durchgeführt vom erfahrenen Therapeuten Babu und seinem Team. Das neueste in unserem Ayurvedabereich ist ein trad. Pathi für ayurvedische Dampfbäder.

Wichtig ist nach wie vor, das man sich vor Kurbeginn akklimatisiert - und damit ist nicht nur das Klima gemeint. Für einen guten Kurerfolg muß man mit Körper, Geist und Seele auf den Kulturkreis eingestimmt sein, in dem die Ayurveda sich über Jahrtausende entwickelt hat.

Ayurveda kulinarisch - würzige Balance

Die Wertschätzung alles Eßbaren basiert nicht nur auf religiösen Vorstellungen, sondern kommt auch aus dem über 3000 Jahre alten Wissen um die heilkräftige Wirkungsweise von Nahrungsmitteln, Kräutern und Gewürzen. So wird in Indien nicht nur gegessen, um zu überleben, sondern auch, um den Menschen zu körperlicher und vor allem auch geistiger Ausgewogenheit zu verhelfen. Nun sind die Inder bemüht, es gar nicht zu einer Disharmonie kommen zu lassen, sondern schon beim Zubereiten der Speisen darauf zu achten, daß sie die Gesundheit fördern und wohlbekömmlich sind.

Diese Harmonie, die den Menschen zu einem ausgeglichenen und gesunden Wesen macht, wird durch eine sorgfältige Auswahl und Kombination der Zutaten beim täglichen Zubereiten der Mahlzeiten erreicht.

Schwer verdaulichen Speisen werden die entsprechenden Gewürze beigefügt, damit sie besser vom Körper verarbeitet werden können. Bekannt ist, daß Pfeffer als Bestandteil von Gewürzmischungen vorzüglich gegen Verdauungsstörungen hilft. Auch Fenchel fördert die Verdauung und gibt zudem, nach dem Essen gekaut, einen frischen Atem. Deshalb ist Fenchelsamen immer ein Bestandteil des Pan-Masala, einer Gewürzmischung mit Betel, die traditionellerweise nach dem Essen gereicht wird. Als Tee getrunken, beruhigt Fenchel die Nerven und hilft gegen Schlafstörungen.

Ingwer regt den Appetit an, Nelken stärken das Herz. Basilikum hat beruhigende Wirkung, Zimt hingegen ist als Gewürz anregend und belebend. In heiße Getränke gegeben, hilft er gegen Erkältungen. Kurkuma wird als Paste innerlich und äußerlich bei verschiedenen Hauterkrankungen angewendet.

Auch das Wissen um die kühlen und warmen Gewürze fließt in die Zubereitung der Speisen mit ein. Ingwerpulver, Lorbeerblätter, schwarzer Kardamom und Zimt sind warme Gewürze, d. h. sie erzeugen innere Hitze. So wird im kühlen Kaschmir besonders gerne Tee getrunken, der mit diesen Gewürzen aromatisiert ist. Viele Kräuter und Gewürze haben auch mehrere Eigenschaften und Aufgaben. So gibt z.B. Safran den Speisen ein besonderes Aroma, außerdem eine wunderschöne gelbe Farbe, die das Auge erfreut, und er wirkt appetitanregend und belebend.

Ayurveda... ist mehr als nur eine Heilslehre - sie ist eine uralte Philosophie der Harmonie. Sie beruht auf dem Verständnis, daß der Mensch - als Einheit von Körper, Seele und Geist - im Gleichgewicht mit seinem Inneren und mit seiner Umwelt leben muß, um seine Gesundheit zu erhalten. Mehr dazu auf der Ayurvedaseite.

Backwaters: Die schönste (Wasser-) Landschaft Indiens

Aus dem Reisebericht von Josch, der Kerala auf eigene Faust erkundet hat: "Direkt hinter der Küste Keralas befinden sich die Backwaters. Ein Netz von Süßwasserkanälen, Seen, Lagunen und Flüssen zieht sich durch das Land. Um die Backwaters zu erforschen, kann man sich ein Hausboot mieten und einige Tage dort rumschippern. Das ist inkl. Vollpension an Bord allerdings sehr teuer. Auf jeden Fall sollte man aber eine Tagestour machen, was sehr günstig z.B. von Kollam nach Alleppey (Alappuzha) möglich ist.

Dies habe ich nach meinem Aufenthalt in Varkala dann auch gemacht. Morgens bin ich mit dem Zug nach Kollam gefahren und habe mich von dort aus in einem Tagestrip durch die Backwaters nach Alleppey schippern lassen.

Eine wunderbare Landschaft und Kultur gibt es hier zu sehen. Während man auf der Fähre durch die Kanäle und Seen fährt, begegnet man Fischerbooten, Transportkanus, Wasservögeln. Auf den palmenübersäten Ufern winken fröhliche Menschen zu, und man kann deren Lebensweise in Ihren Häuschen und auf Ihren Booten bestaunen.

Zeitweise dachte ich die müssen sich ja fast wie im Zoo fühlen, denn täglich schippern hier fotografierende und glotzende Touristen vorbei.

Gegen Abend wird man mit traumhaften Sonnenuntergängen verwöhnt und nach einem weiteren kurzen Imbiß an Land haben wir dann Alleppey erreicht wo ich eine Nacht verbracht habe um dann morgens weiter nach Cochin zu fahren."

Inzwischen geht die Zahl der Hausboote im bekanntesten Bereich der Kerala-Backwaters auf mehrere Hundert. Die meisten sind groß und schwerfällig und auf breite Wasserstraßen angewiesen. Wenn wir in den letzten Jahren einige Male routenplanbedingt in den Backwaters um Allapuzha (Alleppey) ein Hausboot gechartert haben, versuchten wir immer, auf eine weniger befahrene Route auszuweichen - was selten funktioniert hat.

Ich bin nicht so überheblich, diese schöne Region für uns allein zu beanspruchen. Anderen Hausbooten mit Touristen zu begegnen, stört nicht so sehr. Uns jedenfalls nicht - die Anrainer der Kanäle aber schon. Josch hat völlig recht: Der Sättigungsgrad des Hausboottourismus ist zwischen Allapuzha und Kollam längst überschritten, und viele Einwohner der Backwaters fühlen sich anscheinend tatsächlich wie im Zoo.

Also haben wir uns aus der Region zurückgezogen und teilweise große Umwege in Kauf genommen, um z.B. im nördlichen Kannur durch immer noch ursprüngliche Wasserlandschaften zu gleiten.

Wie alles begann

 Thiruvallam, eine typische Backwater-Flußlandschaft auf halbem Wege zwischen Thiruvananthapuram (Trivandrum) und Kovalam. Am Flußufer steht unsere bestellte „Sandgondel“ bereit. Gestern noch Sandtransporter, heute leidlich gesäubert und mit Stühlen bestückt ein ideales Boot für Filmaufnahmen einer idyllischen Flußlandschaft. Die größeren Passagierkutter, die weiter nordwärts für den Personenverkehr durch das verzweigte Netz der berühmten Backwater-Kanäle zu Verfügung stehen, verderben mit lautem Dieselgetucker die romantische Stimmung (und den Ton einer jeden Videoaufnahme.) Die für jeden Reisenden obligatorische Tagesfahrt durch die Backwaters machen wir somit möglichst mit einem typischen „Kettuvallam“ (s. Reiseplan). Nicht zwischen Kollam (Quilon) und Allapuzha (Alleppey), wo alle hinfahren - wir kreuzen durch die Lagunenlandschaften von Quilandi - 250 km weiter nördlich. Denn Backwaters gibt es auf der ganzen Länge der Malabarküste.

 

Vergleichen kann man die beiden Backwater-Touren nicht - unsere „kleine“ Tour in der Sandgondel hat ebenfalls ihren besonderen Reiz: Schöner kann man eine solche Fahrt in die Vergangenheit (Die Kokosfarmer und Fischer leben hier zum großen Teil noch im vortechnologischen Zeitalter) und in die üppige Natur der Malabar-Flußlandschaften kaum erleben! Außerdem bin ich stolz, diese Flußfahrt sozusagen erfunden zu haben - heute wird sie bereits von den Wirten am Kovalam Beach den Touristen als die sog. „Eight-Tour“ angeboten - wir kamen immer mit 8 Pers. und meine bevorzugte Route durch die Flußlandschaft hat ebenfalls die Form einer „8“.

Blüten überall, vollbeladene Sandgondeln ragen kaum 2 cm über die Wasseroberfläche, und immer noch tauchen die Sandtaucher, füllen am Kanalgrund den Eimer der dann ins Boot gezogen wird: Sand für den Straßen- und Häuserbau. Viele Kilometer neuer Kanäle sind auf diese Weise in den letzten 2000 Jahren entstanden.

Reisvögel am Ufer; in vielen kleinen Badenischen des Flußufers wird gewaschen und gebadet - eine Szenerie, die sich hier seit 1000 Jahren nicht gewandelt hat (Wo sonst kann man den Leuten mit dem Boot quer durchs ‘Badezimmer’ fahren, und die lächeln auch noch freundlich?). Dann wieder Vögel, die wir selten so groß aufs Bild bekamen: Kormoran, Kingfisher , dann weiße Ibisse - und immer wieder gern aufs Bild: Die niedlichen Kleinen mit den großen Augen, die aus strohgedeckten Hütten ans Ufer gelaufen kommen und „Saipe, Saipe!“ rufen (Sahibs, Sahibs).

Ihre Väter sind für ein paar Rupien leicht „auf die Palme zu bringen“: Flink und behende klettern die Kokosbauern den Stamm auf und ab. Wir gehen für einen Kokosdrink an Land und sehen, wie die Nuß aus ihrer faserigen Schale gepellt und zum Trinken geöffnet wird. Daß das Fruchtfleisch der frischen Nuß so weich und lecker ist, hat mancher nicht erwartet - kennt man hier bei uns doch nur die „Holzstücke“ vom Rummelplatz. Gar nicht so leicht, an das Innere der Kokosnuß heranzukommen, wenn das richtige Werkzeug fehlt.

Nebenan sitzen die Frauen, die Coir klopfen, während andere daraus die traditionellen Seile spinnen: Schon im Altertum kauften Phönizier hier ihr Schiffstauwerk. Fischer holen ihre Flußnetze ein, Brahmini-Kites (Weißkopf-Seeadler) sind zu sehen - das Arabische Meer ist nah.

Das war der Anfang des Backwatertourismus, der in den folgenden 20 Jahren weltbekannt wurde. Damals, Mitte der 80er, gaben wir den Sandbauern einen Tageslohn, damit sie keinen Ausfall hatten - von ihrer schweren Arbeit aber ausruhen und uns durch die Kanäle staken konnten.

Im Sommer 2005 hatte Vettikavumgal dann in Quilandi zwei eigene Kettuvallams - die einzigen weit und breit, und für unsere Farmgäste stets reserviert. Nur wenn sie für die Kerala Discovery Gäste nicht benötigt werden, macht Raju mit dem großen Boot Tagesausflüge mit seinen Landsleuten (es faßt 40 Passagiere!), während das andere Kettuvallam mit seinen zwei komfortablen Doppelkabinen sehr gern von Hochzeitspaaren für romantische Honeymoon-Touren über mehrere Tage geschätzt wird.

Bakshish & Commission:

Eine Weichwährung als Schmiermittel - Trinkgelder haben ihre landestypischen ungeschriebenen Gesetze. Trinkgelder von 5-10% werden nur in Restaurants im nachhinein gegeben, indem man es auf dem Zahlteller liegen läßt. Ansonsten wird hier und da ein Bakschisch zur Erlangung einer Leistung vorab gegeben - in Indien ganz normal, wir nennen das Schmiergeld.. COMMISSION (Provision) erhält in Indien jeder, der einem Geschäftsmann zu einem Geschäft verhilft - ausgenommen die Weißen selbst. Das ist obligatorisch, obwohl Johnson Vettikavumgal mir oft erzählte, daß man sich mit fadenscheinigen Ausflüchten drumherum drücken wollte.

Selbst wenn ihr einen Händler „bis an die Schmerzgrenze“ heruntergehandelt habt - eine COMMISSION an den Guide muß er dennoch geben. Deshalb: Glaube nicht, daß jemand Dich nur zu einem bestimmten - vielleicht überteuerten - Laden führt, bloß weil er dort Provision bekommt. Die bekommt er letztlich überall. Die Jungs der Gastgeberfamilien sind in diesem Metier jedoch manchmal noch nicht so geübt und vertreten ihren Provisionsanspruch nicht. Trotzdem freut sich jeder über eine Taschengeldaufbesserung - nehmt also den Guide manchmal zum Shopping mit. Es wird dadurch nicht teuerer - im Gegenteil: Oftmals gibt es einen günstigeren Preis ohne viel Feilschen, wenn man im Hintergrund bleibt und die Preisverhandlungen durch unsere indischen Freunde führen läßt. Dies gilt insbesondere bei Verhandlungen für ein Mietfahrzeug.

Begegnungen der warmen Art

Überall auf der Welt, wo der reisende Europäer noch nicht in Scharen auftritt, wird ihm hohe Aufmerksamkeit zuteil. Erfahrene Traveller bestätigen mir, daß die Warmherzigkeit der Keraliten auf dem Lande hier wohl alle anderen Länder - auch das übrige Indien - in den Schatten stellt.

Sei also nicht allzu mißtrauisch, wenn Dich „Wildfremde“ spontan zu ihrem Freund erklären, Deine Adresse fordern und Dir einen ewig währenden Briefwechsel androhen. Allzu leicht unterstellt man diesen Menschen materielle Motive oder den Wunsch nach einer Einladung nach Deutschland. Das mag zwar vorkommen - ist aber durchaus nicht die Regel. Geh als einfach davon aus, daß es in vielen Fällen allein die Freude ist, einen Weißen treffen. Stolz nehmen sie Dich bei der Hand, zeigen Dir Haus und Hof und erzählen gleichzeitig jedem Landsmann ellenlange, farbenprächtige Geschichten über ihren „friende from Gerrrmanny“.

Meistens verunsichert es anfangs den Keralareisenden, wenn ein Malayalee so strahlend auf ihn zukommt. Er wird das Gefühl nicht los, diesen Menschen bereits kennen zu müssen - ihn aber im Moment nicht einordnen zu können. Schließlich sehen die ja anfangs alle gleich aus.

Und strapaziert es Deine Geduld, wenn täglich 100mal die gleichen Fragen an Dich gerichtet werden?

„Whaat iss yurr nehm?“ (What is your name?). Wohl immer wieder gestellt, weil die Inder davon ausgehen, daß der Name etwas über seinen Träger aussagt. Indische Namen geben Aufschluß über Herkunft, Religion - die unsrigen sagen ihnen gar nichts. Sie können sie oft nicht einmal nachsprechen. Trotzdem fragen sie uns unermüdlich immer wieder.

„What country?“ - „Where you from?“ oder „Whaat is yurr nehtiv plehß?“ (What is your native place?) hörst Du ebenso oft. Vielfach hat das „Woher“ und „Wohin“ in Kerala konventionellen Grußcharakter und entspricht einem höflichen „Hallo - woher des Wegs?“. Grundsätzlich gilt aber Neugier - schon gar nicht angesichts so seltener Exoten - keineswegs als unhöflich.


Specksteinkunst in Belur - vergleichbare Sakralkunst findet man nur noch in Halebid und Somnathpur. Mehr ist von über 600 Tempeln aus der Hoysalazeit nicht geblieben

 „Please, give one pen!“ oder einfach „School-pen?“: Ebensowenig ist es unhöflich, Dich um irgend etwas zu bitten. Und schon gar nicht ehrenrührig! Viele Reisende heben hier schulmeisterlich den Finger und bedeuten dem verständnislosen Inder, dies sei „Betteln“ und so etwas „tut man nicht“. Das versteht er nicht. In Indien hat das Geben und Nehmen jahrtausendalte Tradition. Es bringt Unglück, nicht zu geben, wenn man geben kann - die Inder wissen das, wir aber oft nicht.

Die Begegnung mit den Menschen, der Fremdartigkeit ihres Denkens und vor allem mit der schon sprichwörtlichen „Tropenwärme“ ihrer Herzen - diese Begegnung zählt zu den eindrucksvollsten auf einer solchen Reise. Sich hier beizeiten öffnen und die europäischen Wertvorstellungen relativieren zu können, eröffnet Dir Zugang zu vielen kleinen und großen Gefühlen, die unserer emotional verarmten Gesellschaft längst verloren gingen.

BELUR: Hohe Kunst aus Speckstein

Belur liegt nur ca. 15 km von Halebid entfernt. Beide Städte waren das damalige Zentrum des Hoysala-Reiches.

Der Channakeshava-Tempel in Belur stellt eine Mischform zwischen Dravida- und Hoysala-Baukunst dar. Der Außenbereich mit typisch drawidischem Gopuram, im Innenhof ein Hoysalatempel in der gleichen figürlich-ornamentalen Vielfalt wie auch in Halebid.

Die Anlage ist bis ins 17. Jahrh. immer wieder ausgebaut und verändert worden und daher wohl nicht ganz stilrein. Besonderheiten: Die Darstellung Sala’s im Kampf mit dem Tiger am Tempeleingang (siehe unter ‘Halebid’); die aus Granit gehauene Statue Garuda’s (Vermittler und Träger Vishnu’s) mitten auf dem Tempelhof ist von solcher Detailfeinheit, wie man es vom weichen Speckstein gewohnt ist - eine solche Arbeit aus hartem Granit sucht selbst bei den Hoysala-Kunstwerken ihresgleichen.

So auch die sog. „Gravity-Pillar“, eine hohe Säule auf dem Tempelhof, die nach der Schwerkraft ausbalanciert auf nur wenigen Berührungspunkten lose auf der Basis steht und seit 900 Jahren so unbefestigt steht. Der Belur-Channakeshava ist von allen erhaltenen Hoysalatempeln der einzige, der noch „arbeitet“. In den anderen Monumenten Halebid’s und Somnathpur’s werden keine Hindugottesdienste mehr abgehalten.


Vor dem drawidischen Gopuram ragt die mystische Schwerkraftsäule über 10 Meter hoch in den Himmel. Ich habe mich hingelegt und zwischen Sockelplatte und Säule gesehen, daß sie nur auf 3 Punkten aufliegt - ansonsten kannst Du durchgucken.

 


Einmal habe ich mir in Belur nur das Sockelfries des Tempels näher angesehen. Langsam bin ich um den Channakeshava Mandir herumgegangen, wollte die Elefanten zählen und sehen, ob sie tatsächlich alle verschieden sind. Das sind sie, nur beim Zählen bin ich wieder unterbrochen worden. Die Bücher schreiben zwischen 2000 und 3500 Stück seien es…

 

Bettler: Wo sonst leben Millionen von Almosen?

‘Unter Blinden sei der Einäugige König’, sagt man. Dieser alten Mann aber erhebt keinen Anspruch auf diesen Rang. Für ihn gilt es, das Greuel zu kultivieren - die Konkurrenz ist groß.


Der Übergang von den Belur-Elefanten zu den Bettlern ist motivtechnisch einfach: Fahren wir doch immer auf dem Rückweg von Mysore durch den Rajif Gandhi Nationalpark. Und wieder werden zum Betteln die Kinder vorgeschickt …

Auf dem Trittbrett unseres Vans steht er und klopft sanft mit seiner Gerte auf den Wagenboden. Gerade so laut, daß es Aufmerksamkeit erregt. Wie er da so ins Leere schaut, sehe ich den weißen Schleier über seinem linken Auge. Mit dem Anderen sieht er wohl noch recht gut - tut es aber nicht. Wie gesagt, er will nicht König sein. Er will blind sein. Und er ist es perfekt.

Meine Bewegung spürt er, der starre Blick geht weiter an mir vorbei.

„I am blind man, I’m blind. Please, Madame - I’m blind man. Please Rupee, Madame, I’m blind...“

Seine knochigen Finger recken sich mir entgegen, auf seiner Handfläche zwei Alu-Münzen - 5 und 10 Paisse - sozusagen als Muster. Ich bin sicher, wäre ich eine Frau, er hätte mich mit "Mister" angeredet.

„I am blind man, I’m blind. Please Rupee, Madame, I’m blind...“

Diese Stimme ist leise, etwas rauh und fistelnd, fast ein Gesang. Trotz der geringen Lautstärke trägt sie in den letzten Winkel.


Bettler ist, wenn auch kein ehrbarer, ein Beruf. Wohlorganisiert und politisch engagiert, wie man sieht. Dieser hier demonstriert für die BJP (Oder dagegen? Ich habe immer noch eine Schzreib-/Leseschwäche in Hindi)

Oh ja, dieser Bettler beherrscht seinen Beruf. wie bei so vielen habe ich bei ihm durchaus nicht das Gefühl,. daß er unzufrieden ist mit seinem Karma. OK, er sucht Mitleid, und er tut das routiniert - das ist sein Job. Und von mir bekam er den „Jackpot“.

Das ist ein 5-Rupienschein ganz gewiß für ihn, kann er ihn doch gegen 100e solcher Münzen eintauschen.

Wem soll man geben?

Ich weiß es nicht, ich handle nach Gefühl. Bei unserem Blinden war es die Stimme, die mir die Tasche öffnete - sie hat uns so beeindruckt, daß sie wir noch nach Tagen nachahmten. Sogar unsere indischen Freunde ließen sich davon anstecken: „I’m brown man, Madame - please Rupee!“, säuselte sogar Jaison immer wieder und hielt grinsend die Hand auf.

Der macht sich auch noch über diese armen Menschen und ihr Elend lustig, wirst Du denken. Dem ist nicht so. In diesem Land hat man eine andere Einstellung zum Betteltum. Auch wenn die Regierung es auszumerzen sucht - letztlich tut sie das hauptsächlich für ihr Image vor dem Ausland.

Manchmal sage ich meinen Gästen: Gebt am besten keinem was! Wenn ihr einem was gebt, habt ihr in Sekunden das gesamte Elend dieser Welt um euch versammelt.

Dann wieder zweifle ich. Beobachte die Bettler, und stelle plötzlich fest, daß es Menschen sind, die beileibe nicht hadern mit ihrem Schicksal. Daß ein tiefes Lächeln aus ihren Augen Deine Seele berührt. Ja, bei einer Gabe kleiner als 1 Cent scheint die Sonne aufzugehen in diesen alten, runzligen Gesichtern.

Und das ist doch ein wirklich preiswerter Kuß für Deine Seele. War es nicht eine Viertelrupie, die dieses Lächeln auslöste? Also ein halber Cent nur.

Auch die bettelnden Kinder sollten auf keinen Fall Deinen warnenden Zeigefinger sehen. Der da sagen will: Das tut man nicht, das ist ehrenrührig!

Das Kaleidoskop des Bettelns hat unzählige Facetten. Da sind Swamis und Sadhus, heilige Männer, die Dich nie bedrängen - man gibt ihnen von selbst. Da ist das Heer der Berufsbettler, die ihre Gebrechen vermarkten, musizieren, Affen und Schlangen für Dich tanzen lassen oder einfach stundenlang „babu-babu“ wimmernd hinter Dir herlaufen und immer wieder an Deiner Jacke zupfen. Gerade letztere sind von einer Hartnäckigkeit, die vielen Weißen früher oder später auf den Geist geht. Da sind aber auch die Touristen- oder Gelegenheitsbettler, die Dich einfach und oft unverschämt anmachen.

Das Geben und Nehmen ist Teil der Weltanschauung, verkürzt den unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten. So ist es für jeden Armen in Indien nicht im entferntesten unehrenhaft, sondern legitim, einen zweifellos Reichen um ein Almosen zu bitten. Da ist fast jeder der Meinung, ärmer zu sein als Du. Das muß also gar kein „richtiger Bettler“ sein, der da erkannt hat, daß diese(r) Weiße ihm durchaus etwas geben könnte. Da mußt Du schon die richtige Wahl selber treffen. Deshalb schreibe ich es auf diese Weise - nicht als Tip, sondern als „mentales Rüstzeug“.


Die Umstellung ist oft nicht leicht für unsere Gäste, die den sanften Einstieg nach Indien im bettlerfreien Kerala erlebt haben. In Mysore stecken sich Dir dann plötzlich 'zig Hände entgegen. Besonders an den Tempeln und Sehenswürdigkeiten sitzen sie in langen Reihen, jammern, wehklagen und klappern mit ihren Blechdosen.

Merke: Wenn hier die Medien versuchen, das traditionell tief verwurzelte Betteltum der Hindukultur pauschal als nationalen Mißstand anzuprangern - mit Berichten über versklavte Kinder, die in Schuldknechtschaft betteln, über Bettelbanden, die geraubten Kindern die Augen ausstechen, ihnen absichtlich die Knochen brechen - dann relativiere auch hier: Jede fremde Kultur hat ihre kulturspezifische Kriminalität. Wenn Dir hier die Gauner eine gefälschte Rolex andrehen, so ist ihnen dies nur möglich, weil unsere Kultur derlei Statussymbole schätzt. Der Firma Rolex selbst kann dies kaum zum Vorwurf gemacht werden. Vielleicht hinkt dieser Vergleich etwas - aber Du weißt, was ich meine.

Auch möchte ich darauf hinweisen, daß ich bei meinen Betrachtungen über das Betteln die Menschen ausklammere, die eine unvorstellbare Not zwingt, Müll zu essen und in menschenunwürdigen Verhältnissen zu vegetieren. Die Ärmsten der Armen in den Slums von Bombay und Kalkutta werden uns auf unseren Routen auch nicht begegnen. Hier könnte auch der Abgebrühteste kaum einen längeren Aufenthalt ertragen. Nein - ich erzähle vom alltäglichen, „normalen“ Betteltum, wie es Dir besonders auf unseren Expeditionen durch Rajasthan oder Karnataka begegnet. In Kerala gibt es kaum Bettler.

Ein Flirt?

Da waren wir beispielsweise auf Srirangapatna:

Schwer zu schätzen, wie alt dieses Mädel ist. Ich sehe nur, daß es dreckig ist, in fetzenden Lumpen und sehr mager. Jedenfalls liegt ihre Pubertät noch in dunklen Fernen. Trotzdem steht sie da in regelrecht koketter Haltung. Den Günter hat sie aufs Korn genommen. Ihre Augen sprühen ein seltsames, reifes Feuer. Ihr Blick wechselt zwischen Bewunderung, Hingabe und tiefer Sympathie. Oh ja, ich glaube, sie flirtet. Ihre Augen sind voller Versprechungen, ihre Haltung stolz - so, als wäre sie die Prinzessin des Sultans.


Wenn die heiligen Sadhus zu aufdringlich betteln, dann sind sie für mich nicht echt. Einer der mir aber freundlich seinen Segen gibt, bekommt auch meine Spende

Günter, der keinem Bettler etwas geben will, fühlt diesen Blick bis tief in sein Herz dringen. Allzu gern wüßte ich, was er nun denkt! So ein Lächeln kann doch nicht unerwidert bleiben. Und richtig: Günter ist völlig hingerissen, sein Lächeln ist nicht Gruß oder Antwort - es ist Adoption.

Er ist es, der sich nun dem Mädel nähert - sie macht keinerlei Anstalten, auf ihn zuzutreten. Auch fehlt jegliches Bettelattribut in ihrer Haltung. ja, sie wendet sich jetzt sogar ab und schaut dann über die Schulter dem nahenden Sahib entgegen. Den trifft erneut ein feuriger Blick - er ist völlig weg.

Übers Haar will er ihr streichen - schlangengleich windet sie sich und weicht der Berührung aus. Und dann steckt sie sich den Schein, den Günter ihr verlegen hinhält, in den Ausschnitt ihres Schmuddelkleidchens.

Nur schwer löst Günter sich aus ihrem Bann und kehrt langsam zu uns zurück. Wir gehen weiter.

Ein paarmal drehe ich mich noch zu diesem kleinen Mädel um. Sie hat sich nicht vom Fleck gerührt und winkt uns lächelnd, ja hoheitsvoll zu. Wir alle sind jetzt überzeugt: Sie hat uns sehr, sehr lieb ....

Unvergeßliche Tina Turner

Der Expressbus schafft den Weg aus den feuchten Niederungen Keralas ins Hochland nach Mysore in 5 Stunden. Wegen der schlechten Straßen gibt es nur Sitzplätze - wenn die alle besetzt sind, fährt der Bus sogar an den wenigen Haltestellen durch. Manchmal hält er aber unvorhergesehen für ein paar Minuten, weil der Fahrer pinkeln muß.

Einen solchen Stopp hat sie ausgenutzt und ist flink in den Bus geklettert. Hier kann ihr niemand entkommen, denn Aussteigen ist nicht. Sie ist mager, schmutzig und zerlumpt, wie sich das für eine Vertreterin ihres Standes gehört. Möglichst weit vom Ausstieg hockt sie sich in den Mittelgang und beginnt zu singen.

Diese Stimme! Sie wäre die Sensation eines jeden Soulkonzerts. Rauchig klingt sie durch die Sitzreihen, mit einer Energie, die man diesem zierlichen Körper nie zugetraut hätte. Das fällt in Indien besonders auf, wo die weibliche Singstimme stets glockenhell und rein zu sein hat.

Aber es ist nicht die Stimme allein. Zusätzlich schlägt das Mädel den Rhythmus - mit der Faust auf ihren Magen! Das klingt so hohl, daß jeder sofort bemerkt: Dieses Kind hat Hunger!

Ich beobachte die anderen Fahrgäste. Keiner würdigt das Mädel auch nur eines Blickes. Die Inder schauen aus dem Fenster, einige stellen sich schlafend. Das ändert sich erst, als Busfahrer und Schaffner wieder in den Bus klettern. Da geht alles ganz schnell. Ein paar Münzen fliegen in den Gang, das Mädel klaubt sie blitzschnell auf, ohne ihren tragischen Blues zu unterbrechen. Und dann ist da auch schon der Schaffner, der die kleine Bettlerin mit einer Gerte aus dem Bus scheucht. Der alte Diesel springt an, und der Express setzt sich wieder in Bewegung - ich hatte keine Chance, dem Mädchen ihre Gage zu geben.

Aber als sie da am Wegesrand steht und dem Bus nachschaut, lasse ich einen Schein aus dem Fenster fliegen - wieselflink hat sie ihn gefangen. Aber sie winkt nicht zurück.

Die ganze Show hat bestimmt nicht länger als anderthalb Minuten gedauert. Aber sie hat sich fest eingeprägt, und immer wenn die Sprache auf indische Bettler kommt, muß ich wieder an meine kleine Tina Turner denken.

Ein Cookiefan

Apropos Tina - da war doch Tina aus Schottland, die einige Male mit KD im Süden und Norden Indiens unterwegs war. Tina erzählt von dem kleinen, mageren Jungen, der sich devot nähert, als sie an einem Tealstall einen Chai schlürft. Die Gesten sind eindeutig und in der ganzen Welt gleich: Der Boy zeigt auf seinen Bauch und seinen Mund - Hunger. Tina hat nur einen Zwanzigrupienschein, und die unsicheren Augen des Jungen sagen ihr, daß das nicht zuviel ist. Aber der Junge weicht einen Schritt zurück und will den Schein gar nicht annehmen. Tina ist überrascht - die Gesten des Jungen waren doch eindeutig. Aber da zeigt der Junge auf eine Packung Kekse in der Auslage der Teeküche. Und Tina lächelt. Das ist besser, denkt sie. Das Geld könnte dem Kleinen eher weggenommen werden. Sie zieht das Kekspaket aus dem Stapel, und ein strahlender kleiner Junge schnappt danach und ist wieselflink Sekunden später in der Menge verschwunden. Der Chaiwallah kann kein Englisch - er zeigt Tina eine gleiche Kekspackung und weist auf den "MRP" - und der "Maximum Retail Price" lautet 120 Rupien... Aber Tina lächelt nur und zahlt.

Oh ja, da gibt es schon Profis! Und alle versuchen sie, ihren Stil frühzeitig zu perfektionieren. Damit sie bei aller Konkurrenz die Chance auf ein Stück des großen Kuchens nicht vertun. An anderer Stelle dieses ABC’s findest Du mehr zu diesem Thema - z.B. unter „Mysore“

Nach und nach aktualisiere ich mein kleines Reisebuch, das ich zwar für Kerala geschrieben habe - das aber durchaus wertvolle Tipps für unsere anderen Discoveries enthält.

Die aufbereiteten Artikel behalten ihre alphabetische Folge und kommen nach der Veröffentlichung in den INN kurze Zeit später auch in die neue Webausgabe. Inzwischen habe ich der Online-Ausgabe meines aktualisierten Reise-ABCs auch ein Update des Vorworts einverleibt. Hier geht es nun weiter mit den Artikeln:

BEYPORE: „Dhau-send“ Adler über den Kuttern

Das ist zum Beispiel ein Örtchen, das in den gängigen Reisebüchern kaum erwähnt wird. Es ist ja auch ein schmutziges Fischerdorf ohne Sehenswürdigkeiten - oder doch nicht? Wenn wir schon mal in Calicut sind, sollte ein Abstecher an die Beyporemündung kein Akt sein. Dann werden wir ja sehen.

An der Hafeneinfahrt in Beypore (25 km südlich von Calicut) hat man einen Wellenbrecher weit in die Arabische See hineingebaut. Auf seiner äußersten Spitze kann man mit etwas Glück die Delphine beim Spiel beobachten. Überall tauchen mal hier, mal da, ihre Rückenflossen aus dem Wasser - doch mit der Kamera sind sie schwer zu erwischen. Also beschäftigen wir uns mit den unzähligen Riesenkrabben, die über die glitschigen Felsbrocken klettern.

Als die ersten Fischkutter in die Hafeneinfahrt tuckern, entern wir den Jeep, denn wir wollen im Hafen beim Entladen des Fangs zusehen. Obgleich der Hafenmeister jedes Jahr eine andere Politik vertritt: Mal darf man nur mit Sondergenehmigung in den Hafenbereich, mal ist das Fotografieren verboten. Setzen wir auf Raju's Diplomatie!

Eine wahrlich „atemberaubende“ und farbenprächtige Szenerie, die kein Besucher der Malabarküste versäumen sollte. Über dem hektischen Treiben der Fischer kreisen Tausende von Greifvögeln. Weißkopfadler (Brahmini-Kites), rote und schwarze Milane stoßen hernieder und greifen sich ihren Anteil an den Köstlichkeiten des Arabischen Meeres. Das "atemberaubend" setze ich in Anführungszeichen, weil ein tropischer Fischhafen zwangsläufig eine Attacke auf empfindsame Nasen sein muß.

Ein kurzer Stop lohnt an den Dhau-Werften. Wegen eines jahrelangen Streiks haben wir in den vergangenen Jahren hier nur halbfertige, von Kokosmatten abgedeckte Schiffsrümpfe vergammeln sehen können. Nun wird wieder gearbeitet. Beypore ist berühmt für seine handgefertigten Teakholz-Dhaus, die hier hergestellt werden wie schon vor mehr als 2000 Jahren, als die arabischen Pfefferhändler mit solchen Kuttern zwischen Afrika und Indien pendelten.

Die Schiffsbaumeister von Beypore bauen ihre Dhaus heute noch ohne jegliche Baupläne und vornehmlich auf Bestellung der Emirate und Ölstaaten. Außen behielten die Schiffe bis heute ihre klassische Form - innen werden sie jedoch oft mit luxuriösem Schnitzwerk in Rosenholz und Teak und modernster nautischer Elektronik ausgestattet, sofern die Scheichs es so wollen. Während die anderen noch im imposanten Rumpf einer 40-Meter-Dhau herumklettern, lasse ich mir an einer der schmuddeligen Buden einen Tee brauen. Allein der Anblick der Zubereitung könnte für manch zart besaiteten Europäer schon ein massiver Angriff auf die Darmflora sein. Ich habe mich mit solchen echten „Malayalee-Tschaye“ stets erfolgreich „abgehärtet“ und auch keiner vom Team hat „Tute“ (mal.- Durchfall) davon bekommen. Den bekommt man scheint's eher, wenn man sich in Indien zu oft nicht traut.

Ebenfalls in Beypore soll sich eine Kunstweberei namens „Tasara“ (Weberschiffchen) befinden, die ihre Entstehung auf ein Entwicklungshilfeprojekt des Jürgen Pesch aus Baden-Württ. zurückführt. Marion hörte davon bei einem Vortrag des Herrn Pesch bei der Volkshochschule Weingarten. Bei dieser „Hilfe zur Selbsthilfe“ wurden brotlose Weber angeregt, erstaunlich kreative Gewebe zu schaffen, die in Deutschland gut verkauft werden. Ich habe dem noch nicht nachgehen können - vielleicht können wir beim nächsten Mal ja danach fragen.

 

CALICUT heißt eigentlich Kozhikode

Ankunft in der Distriktshauptstadt von Kozhikode. Je nach Reiseplan kommen wir von Thiruvananthapuram und haben eine Eisenbahnfahrt von ca. 460 km in etwa 11 Stunden hinter uns (Expreßzug!). Am Bahnhof werden wir von der Vettikavumgal-Familie mit dem Jeep erwartet.

In den Basargassen gute Einkaufsmöglichkeiten. Der Malayalam-Name ‘Kozhikode’ ist ein Zungenbrecher besonderer Art: Für viele Laute der Sprache gibt es im lat. Alphabet keine Chance. Zum Beispiel das ‘zh’ ist der mißglückte Umschreibungsversuch für einen Laut, der dem französischen ‘J’ in Jean ähnelt. Zusätzlich klappt aber der Malayalee dabei auch noch die Zunge nach hinten. Das Ergebnis ist ein Laut, den wir nur volltrunken lallend nachahmen können. So machten damals die Portugiesen aus ‘Kozhikode’ einfach ‘Calicut’. Der bei uns unter dem Namen ‘Kaliko’ bekannte Baumwolldruckstoff leitet sich vom Namen der Stadt ab.

Gut essen können wir im ALAKAPURI, welches wir oft auch als Treffpunkt wählen, weil jeder Rikshafahrer es kennt. Von hier sind es wenige Schritte zum quirlig-bunten Früchte- und Gemüsemarkt. Im Alakapuri-Building befindet sich auch eine KAIRALI-Filiale. Diese Regierungsinitiative gehört zu meinen Hauptlieferanten für südindische Kleinkunst. Was Du dort erwirbst, kann mit meiner Lieferung zusammen kostengünstig verschifft werden (siehe Souvenirs). Südlich am Meer liegt BEYPORE, strandaufwärts 20 km nördlich KAPPAD.

Die anderthalbstündige Fahrt mit dem Jeep nach KODANCHERRY zur FARM VETTIKAVUMGAL führt ca. 40 km ins hügelige Vorland der West-Ghats, die hier Nilgiri (sprich: „Nilligirri“, mal.: Blaue Berge) heißen.

Coir: Kokos, total bekloppt

Selbst indische Ethymologen sind sich nicht ganz sicher, ob der Name "Kerala" wirklich "Land der Kokosnuß" bedeutet. Eines ist aber unbestritten: Zu den wichtigsten Exportprodukten Keralas gehört die Kokosfaser ‘Coir’. Die faserige Schale der Kokosnuß wurde in den Backwaters 9-12 Monate eingeweicht, und hier sehen wir auch die meisten Coir-Klopferinnen bei der Arbeit. Mit Hartholzstäben werden die Fasern von unerwünschten Schalenresten befreit und türmen sich hinter den Frauen wie Wollberge zum Trocknen. Später werden sie zu Seilen gesponnen und bilden auch den Grundstoff für Matten und Teppiche. Übrigens stammte in den 1990er Jahren noch 90% der gesamtindischen Kokosproduktion aus Kerala. Dieses Land erlangte nicht zuletzt durch diesen wertvollen Baum zu seiner Sonderstellung: Kaum anderswo wurde ein reiner Agrarstaat so wohlhabend - normalerweise machen doch die Industriestaaten doch das große Geld. Der Anteil Keralas an der gesamtindischen Kokosproduktion ist in den letzten Jahrzehnten allerdings gesunken. Moderne Bewässerungssysteme haben im kargen Nachbarstaat Karnataka ebenfalls eine florierende Kokosproduktion wachsen lassen.

Devisen: Tips für Deine Reisekasse

Devisen können in unbeschränkter Höhe eingeführt werden. Beträge über 5.000 US$ sollen bei der Einreise deklariert werden. Diese umständliche Prozedur halten wir aber nur dann für erforderlich, wenn möglicherweise bei der späteren Ausreise Beträge zurückgetauscht werden müssen. Dann nämlich muß garantiert mit der entsprechenden Einfuhrbescheinigung die legale Herkunft der Rupien belegt werden. Ein Fall, der jedoch bei normalen Reisenden nicht vorkommen dürfte.

Zahlungsmittel: Noch 1991 haben wir deutsches Bargeld auf dem Schwarzmarkt profitabel und sicher gewechselt. Da die Situation seit Anfang 1992 jedoch durch Gesetzesänderungen schwankend ist, nahmen wir aus Sicherheitsgründen THOMAS-COOK-Reiseschecks. Bargeld wird allerdings inzwischen auch überall gewechselt. Der Reisescheck wird unmodern. Man braucht Bares auch für Auslagen an den Flughäfen: Ob Zwischenstop in Rom, Dubai, Abu Dhabi oder Colombo: überall kann mit Euro bezahlt werden. Da Euro und US-$ etwa gleich behandelt werden, wählten wir Euro-

Mit der ec-Karte kann an Geldautomaten (sog. ATM) in vielen Städten Bargeld abgehoben werden. Die in Deutschland belasteten Wechselkurse entsprechen etwa dem Tauschkurs vor Ort - bei kleineren Abhebungen fallen allerdings die Bankgebühren ins Gewicht (ca. 5,00 EUR). Siehe FAQ

Getauscht werden kann in allen größeren Städten bei Banken, Hotels und Flughäfen. Bei letzteren ist der Kurs vielleicht ein bißchen schlechter, bei Banken dauert es meist zu lang.

Für uns ist ein möglichst einmaliger Wechsel bei der Ankunft im Int. Airport angeraten: Es geht schnell, der Kurs ist in den Metropolen des Nordens besser als in Südindien. Schließlich brauchen wir auf unseren Expeditionen trotzdem keine größeren Barbeträge mitführen - wie auch beim Gepäck nehmen wir immer nur das Nötigste mit und lassen den Rest in der Obhut der Gastgeberfamilie.

Kreditkarten (Mastercard, Visa) können in besseren Geschäften zum Einkauf genutzt werden - Bargeldabhebungen auf Kreditkarte sind generell ungünstig.

Der Kurs der indischen Rupie ist in den letzten Jahren ständig gefallen: Er ging seit 1983=3,80 Rs, 1989=8,60 Rs, 1990=12,--, 1991=15,-- immer weiter abwärts und erst seit 1992 stabilisierte sich der Kurs um 20-22 Rs/DM. Seit Indien den US-$ als Leitwährung hat, ist die Kursentwicklung gegenüber den europ. Währungen an den Dollar gekoppelt. In den letzten Jahren liegt der Wechselkurs bei 50-58 Rupien je Euro, wobei Bargeld und Reiseschecks nun etwa gleich behandelt werden.

Kaufkraft: Hinsichtlich der Kaufkraft sind 100 EUR fast ein Reisetaschengeld von mindestens 1000 EUR! (siehe Währung).

Allerdings muß ich relativieren: Mit unserem Konsumverhalten pflegen wir bei allen Integrationsbemühungen doch immer wieder das Bild der Inder vom „Deutschen Krösus“. Wir leisten uns unterwegs deutlich mehr Luxus, ohne es zu merken: Einen Jeep für einen ganzen Tag mieten sich Inder für Hochzeiten oder ähnlich wichtige Anlässe - wir jedoch blättern des öfteren locker hin, um ‘mal eben zur Küste zu fahren oder ähnlich! In Mysore kostete ein Kleinbus für eine Tagesfahrt mit Fahrer sogar über 3.000 Rupien! Das Auto gehört in Indien zu den teuersten Luxusgütern. Und bei Luxusgütern stimmt der obige Kaufkraftvergleich 1:1 eben nicht. Wer auf meinem speziellen Reiseniveau zwischen Anspruchslosigkeit und Mobilität als Reisegeld demnach 170,- EUR/Woche kalkuliert, lebt auch im höheren Preisgefüge von Mysore oder Kovalam ganz gut und hat sicher auch für Souvenirs noch Reserven. Apropos Reserven: In Notfällen haben wir uns gegenseitig gegen z.B. Euroschecks mit Bargeld aushelfen können, welche wir später in Deutschland einlösten.

Drogen: Vorsicht bei „Seelenerfrischungen“


Wenn die Sadhus ihre Shilums stopfen und sich in Graswolken hüllen, schaut die Polizei weg

Wenn indische Sadhus öffentlich Haschisch oder Ganja rauchen, die Preise für Cannabis-Produkte lächerlich niedrig sind - laßt Euch nicht darüber hinwegtäuschen, daß derlei „Erfrischungen der Seele“ auch in Indien erfrischend illegal sind! Bis 1985 waren die Gesetze eher lasch - aber seit dem 14.11.85 ist ein neues verschärftes Betäubungsmittelgesetz in Kraft gesetzt.


Betel mit Areka, Kautabak, Muschelkalk und Gewürzen - eine Kaudroge, die fest in der indischen Kultur verwurzelt ist. So edel wie hier gezeigt, wird sie den Fürsten dargereicht.

Seither machen prämiengierige Polizisten Jagd und selbst bei Minimalvergehen sind bei Gericht erstmal 10 Jahre Verhandlungsbasis. Während man in Indien früher glaubte, Opium, Heroin (Smack) und Haschisch gefährde lediglich weiße Hippies, so stellte man vermehrt fest, daß auch Landsleute Gefallen an solchen Stoffen fanden. Im indischen Süden wird Cannabis hauptsächlich in Kerala gepflanzt und zu Haschisch, Ganja oder Bhang (wird gegessen, nicht geraucht) verarbeitet. Dementsprechend billig ist es hier - aber: wie gesagt - siehe oben! Laß Dich von den Kiffern also nicht becircen, die da sagen, daß das Kerala-Gras das beste ist!

Die Volksdroge der Inder ist jedoch weder Haschisch, Opium noch Alkohol, sondern das Betelblatt (Chavica betel, eine Schlingpflanze). Gekaut wird sie allerorts, gewürzt mit ein paar Splittern Arekanuß (Areka catechu, Palmenart), Muschelkalk, Kautabak und anderen Zutaten. Einzige Wirkung des für Europäer meist unappetitlichen Zeugs: Die Speichelproduktion wird ungemein angeregt und Du kannst im schönsten Rostrot in der Gegend rumspucken. Wenn Du in manchen Reisebüchern über die „Betelpalmen“, Betelnüsse etc. liest - das ist nur bedingt richtig. Es ist die Arekanuß (engl.: Arekanut, sprich „Ahrkenatt“).

Dschungelflüsse: Relaxen im Busch

NELLIPOYIL


Kristallklar sprudelnder Dschungeltraum - Nellipoyil Adiparam

ist ein Nachbardorf von Kodancherry und lockt zum Baden. Nicht ganz bis zum Fluß führt der Fahrweg - eine kleine Wanderung durch Kautschukhaine und eine Kletterpartie hinunter zum Adiparam. So nennen die Keraliten unsere beliebteste Badestelle. Kaum jemand kann sich die Wassermassen vorstellen, die in der Regenzeit hier von den Nilgiribergen stürzen. Im Sommer, wenn die Wasser der Monsune von den Nilgiris stürzen, ist das ganze Nellipoyil-Tal von tosenden Fluten erfüllt. Spuren davon sehen wir bis zu 3 Metern über unserem jetzigen Lager.


Nicht weit von Vattashira: Die Tusharagiri-Falls

Herrlich erfrischend, das Spiel im Wasserfall. Man findet sich wieder in den bizarren Formationen jahrmillionenlang rundgewaschener Felsen. Sie zeigen sich nur jetzt in der Trockenzeit von ihrer schönsten Seite. Manche von uns haben nach anstrengenden Schwimmübungen in der sprudelnden Strömung und halsbrecherischen Sprüngen von den kugeligen Felsen ein Plätzchen auf der Felsplatte für ein relaxendes Intensivsonnenbad ausgewählt. Für die schüchternen ind. Mädels und Frauen, die voll bekleidet baden, muß unsere westliche Badekluft atemberaubend sein. Für sie, die nahebei ihre Wäsche waschen, ist unser Badeverhalten völlig unverständlich - niemand hier käme zudem auf die Idee, sich absichtlich so der Sonne auszusetzen (will man hier doch möglichst hellhäutig bleiben!) und erst recht nicht in solch gewagter Kleidung!

Trotzdem sehen wir sehr selten den indischen Zeigefinger an der Nasenspitze - eine Geste, die soviel bedeutet wie "Schäm Dich". Unsere Andersartigkeit ist für die meisten Buschkeraliten so extrem exotisch, daß sie ihre eigenen Moralvorstellungen gar nicht erst auf uns übertragen.

VATTASHIRA

Mit dem Jeep in die Wildnis der Nilgiri-Vorberge. Ein beschwerlicher Weg, auf dem immer mal wieder Felsbrocken geräumt werden müssen, führt uns zum VATTASHIRA-River.


Wir wundern uns schon nicht mehr darüber, daß die Anrainer des Adiparam immer dann große Wäsche haben, wenn wir zum Baden dorthin kommen. Immerhin bringen unsere seltsamen Verhaltensweisen eine Menge Abwechslung in den Dschungelalltag.
(Foto: Charlotte aus Lübeck)

Nach kurzem Abstieg finden wir eine gute Stelle zum Baden. Monika war schneller im Wasser, als ihr lieb war: Sie badete „traditionell indisch“, nämlich mit voller Bekleidung! Sie war auf schlüpfrigen Felsen ausgerutscht und ins Wasser gefallen. Also Vorsicht!

TIPS zum Baden im Busch

Flitzig: Im Wasser findest Du jede Menge kleiner Fische, Frösche und Lurche - es sind weitaus mehr da als Du siehst. Erst wenn Du geduldig und ruhig beobachtest, kommen sie wieder aus ihren Schlupfwinkeln. Gleiches gilt für die Tierwelt am Ufer: Libellen, Schmetterlinge, Gottesanbeterinnen und auch bunte Spinnen, die Wert darauf legen, ihr Netz möglichst dicht über den sprudelnden Wassern zu bauen und deshalb die absonderlichsten Verspannungen entwerfen - Insekten hat es jede Menge. Agamen, scheue und flinke Echsen bis 30 cm Länge, nehmen die schwarzgraue Sprenkelung der Felsen an - meist sehe ich sie erst, wenn ich ihre Fluchtdistanz von 2-4 Metern unterschreite und die kleinen „Minidrachen“ blitzschnell in einer Spalte verschwinden. Dann ist’s zu spät für eine Aufnahme - so schnell kommen sie nicht wieder ‘raus.

Lecker: An den Flüssen ist es so schön, daß wir das Mittagessen gern ausfallen lassen. Muß aber nicht sein: Bittet Amachi und Jessy um Thermoskannen mit Tee, Früchte und sonstige Leckerli. Auch sind die Inder ja versiert in der Zubereitung von Mahlzeiten - fragt Euren Guide, ob er nicht Lust hat, etwas für uns zu brutzeln!


Für mich sind die Dschungelflüsse immer die "anstrengendste Erfrischung", die eine Kerala Discovery zu bieten hat. Wie hier mit Olaf aus Bonn hüpfe ich gern von Fels zu Fels und erforsche die Flora & Fauna am Creek.

Praktisch: Der Badetag wird auch zum Wäschewaschen genutzt. So mancher möchte lernen, wie die Inderinnen waschen. Schnell stellst Du fest, daß sie das Wäschestück nicht nur einfach auf die Steine schlagen - Dein Geräusch hört sich ganz anders an. Also schaust Du genauer hin, und bald hast Du den idealen „Schonwaschgang“ gelernt. Jetzt bist Du gerüstet, wenn daheim einmal die Waschmaschine streikt. Einen geeigneten Waschstein (ca. 60 kg) besorgst Du am günstigsten in Nellipoyil.

Widerlich? Hakenwürmer, Blutegel und andere Überraschungen haben uns in den Wintermonaten an diesen Flüssen nicht belästigt. Sie sind der Grund für die Warnungen in den Reisebüchern und Gesundheitsratgebern. In der Regenzeit gibt es derlei hier in Massen, höre ich. Also untersuchen wir jedesmal von neuem die seichteren Partien des kleinen Badesees: Drehe vorsichtig die Steine herum und sondiere die aktuelle Fauna.

Meine Erfahrung: Baden in den schnell fließenden, sprudelnden Oberläufen der Keralaflüsse ist ungefährlicher, als in den Küstenniederungen. Dort fließt das Wasser träge dahin und man kann Keime, Verunreinigungen und Schädlinge dort nicht ausschließen. Wenn auch die indischen Kinder dort überall planschen und schwimmen - sie haben wohl mehr Abwehrstoffe als wir.

Flutschig: Ein Tip noch: Wer soeben seine Schuhe auszog und den Indern folgt, die barfuß federleicht über die nassen Steine hüpften, der liegt gleich auf der Nase. Der eben noch beschuhte Fuß ist transpirationsbedingt zunächst glitschiger als die Steine!

Duftig: Es macht Laune, die Umwelt unseres Lagers zu erforschen. Zwischen den riesigen, rundgewaschenen Felsen kriechst Du aber unvermittelt in Verstecke der Dritten Art: Schimpf nicht, daß die Inder hier neben dem sprudelnden Wasser auf den Felsen ihr „großes Geschäft“ verrichten!

„Warum sch...... die nicht ins Wasser? Dann stinkt’s nicht und es ist sofort weg!“, fragte mich mal jemand. Nun, das mag dem Entsorgungsverhalten der Europäer anstehen: Nach mir (Und meinem Kot...) die Sintflut. Die Inder machen jedoch nicht in dieses Wasser. Sie trinken es, waschen sich und ihre Wäsche darin und halten es für diese Zwecke sauber. Und das Häuflein auf dem Felsen findet schnell Abnehmer: Nach 2-3 Tagen haben Insekten es sachkundig entsorgt.

Abenteuerlich: Seit einigen Jahren haben wir auf Vettikavumgal auch Zelte. Eine Nacht am Nellipoyil-River - das hatte sich so mancher schon erträumt. Für das leibliche Wohl sorgen die Mädels einer nahegelegenen Farm - sie freuen sich schon darauf, uns zu bewirten. Abends deutsch-indische Sangeslust am Lagerfeuer - morgens statt Dusche den Wasserfall hinunterrutschen. Kann man die üppige Tropennatur noch besser knutschen?

 

 

Fortsetzung in Teil 2

 

 

 

 

 

 

 

 

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